[Rezension] Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der amtierende US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern … (Offizieller Klappentext)


Wenn man AutorInnen fragt, woher sie ihre Inspiration nehmen, kommt meistens „Inspiration gibt es überall“ als Antwort. Beim neuen Buch von Marc Elsberg kam eine sehr konkrete Antwort auf Instagram – denn einiges an Inspiration für seinen neuen Bestseller kam aus einer Graphic Novel. Elsberg hielt in einer Insta-Story ein Plädoyer für die bebilderten Bücher. Und mit „Plädoyer“ sind wir auch schon beim Thema: „Der Fall des Präsidenten“ ist nämlich ein Justizthriller, und damit etwas ganz Neues bei Elsberg.

Dana Marin arbeitet für den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag und lässt den ehemaligen Präsidenten der USA, Douglas Turner, in Athen verhaften. Ihm werden Kriegsverbrechen in Afghanistan vorgeworfen. Douglas Turner trägt dieselben Initialen wie Donald Trump, und er wird vom amtierenden Präsident Arthur Jones als »grenzdebiler, narzisstischer Mistkerl!« – ähnliche Verbalinjurien hat man auch Trump zugefügt. Zufall? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Für Arthur Jones ist die Verhaftung freilich eine Katastrophe, denn er steht mitten im Wahlkampf, da braucht er es wie ein Krebsgeschwür, dass sein Parteifreund mit schlechten Schlagzeilen im Rampenlicht steht. Dana Marin ist die Protagonistin. Ein Flüchtlingskind, das gemeinsam mit ihrer Mutter aus Sarajevo geflohen ist; ihren Vater musste sie damals zurücklassen, erst später kam er nach. Dana hat sich immer schon für Gerechtigkeit eingesetzt – und diese versucht sie auch jetzt zu erreichen. In Athen ist sie auf sich allein gestellt, ihre Kollegin und Chefanklägerin vom ICC, Maria Cruz, sitzt in Den Haag fest. Keine Fluglinie will sie aus Angst vor Sanktionen seitens der USA fliegen. Dabei geht es keineswegs darum, Turner in Athen zu verurteilen, es ist lediglich eine Vorverhandlung, ob der ICC überhaupt einen Prozess in Den Haag starten darf. Vorgeplänkel also. Allerdings ein wichtiges.

„Der Fall des Präsidenten“ hat so einige Besonderheiten. Nicht nur, dass es Elsbergs erster Justizthriller ist, war es auch mein erstes Buch, in dem Corona erwähnt wurde. Es spielt allerdings nur am Rande eine Rolle, von diversen Maßnahmen – Maske tragen, Abstand halten, Lockdown, etc. – ist keine Rede. Vielleicht gab es diese Maßnahmen zum Zeitpunkt, zu dem Elsberg die jeweiligen Seiten/Kapitel geschrieben hat, noch nicht. Oder Elsberg wollte der Pandemie nicht so viel Platz einräumen, weil wir ohnehin täglich damit konfrontiert werden. Noch etwas ist besonders an dem Buch: Der Titel. Elsbergs frühere Bücher hatten immer ein prägendes Wort – Blackout, Zero, Helix, Gier – und einen Untertitel. „Der Fall des Präsidenten“ hat weder das eine noch das andere. Abgesehen davon wird im Buch gegendert, allerdings nicht konsequent. Einmal heißt es „Demonstranten“, dann liest man wieder die geschlechtsneutrale Version „Demonstrierende“

Warum jetzt plötzlich ein Justizthriller, nachdem Elsbergs Bücher bisher immer in der Technik und Wissenschaft daheim waren? Schon bei „Gier“ behandelte er mit der Wirtschafts- und Finanzkrise ein Thema, das der Politik nahe war – mit „Der Fall des Präsidenten“ rückt er der Politik noch näher; genau genommen ist das Buch ein halber Polit-Thriller. Der Schritt zur internationalen Rechtsprechung ist da nur ein Katzensprung. Auch wenn die Thematik teilweise wie eine Uni-Vorlesung wirkt, weil es zeitweise um den American Service-Members’ Protection Act und den Rom-Statut und was weiß ich für Statuten geht, ist die Atmosphäre eine interessante. Und sie wirkt horizonterweiternd – aber das tun eigentlich alle Texte von Elsberg – auch wenn es nur ein Post auf Instagram ist.

Die Erzählweise finde ich manchmal etwas hektisch. Ohnehin sind die Kapitel nicht sehr lang, trotzdem wechseln die Szenen ständig. Fünf Zeilen Text zu einer Szene – Schnitt zur nächsten Szene – wieder fünf Zeilen – Schnitt – und zur nächsten Szene. Zumindest gefühlt. Das war mir manchmal etwas zu hektisch. Fast cineastisch. Etwas mehr Unaufgeregtheit hätte dem Buch gutgetan.

Daten zum Buch 

Autor: Marc Elsberg
Titel: Der Fall des Präsidenten
Seiten: 608
Kapitel: 98
Erschienen am: 1. März 2021
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3764510473
Preis Print: 23,55 Euro
Preis Digital:19,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Ursula Poznanski: VANITAS – Rot wie Feuer (Vanitas-Trilogie – Band #3)

Ihre Verfolger haben sie in Wien aufgespürt. Die österreichische Polizei sucht sie in Zusammenhang mit einem Mordfall. Völlig auf sich allein gestellt tritt Blumenhändlerin Carolin die Flucht nach vorne an: Sie fährt nach Frankfurt, in die Hochburg ihrer Feinde, in die Höhle des Löwen. Für sie die gefährlichste Stadt der Welt, aber auch die, in der man sie zuletzt vermuten würde. Und gleichzeitig der einzige Ort, an dem sie die Chance sieht, ihrem Alptraum ein Ende zu setzen.
Ausgerüstet mit ihrem Wissen über den russischen Karpin-Clan, über Schwächen, Gewohnheiten und alte Feindschaften ihrer Gegner, beginnt Carolin, Fallen zu stellen und ein Netz aus Intrigen zu weben. Schon bald zieht sie eine blutige Spur durch Frankfurt – nur leider scheint es, als wäre ihre Rückkehr doch nicht unentdeckt geblieben … (Offizieller Klappentext)


Von München, nach Wien, nach Frankfurt – nun ist Carolin in der Hochburg der Karpins gelandet. Jenem Clan, vor dem sie seit Monaten flüchtet, wirft sie sich nun geradezu in die Arme. Doch um genau das zu verhindern, schmiedet sie einen perfiden Plan – die Karpins sind nämlich nicht der einzige Clan in der Stadt am Main. Und so hetzt sie den einen gegen den anderen auf, um sich geschickt unter der Fehde durch zu ducken. Aber so einfach, wie sie sich das vorstellt, wird es dann doch nicht. Und das ist gut – vor allem für die Leserschaft.

Der erste Teil der „Vanitas“-Reihe war eher so lala, als müsste sich Ursula Poznanski selbst erst ans Mafia-Setting gewöhnen. Der Zweite war wesentlich besser. Und der Dritte? Tja, der beginnt erst mal mit einem Knall, denn der erste Satz des Buches – „Ich war dabei, als wir den Polizisten zerstört haben“ – fungiert als Foreshadowing für das, was wir ein paar Seiten später erfahren.  Carolins Kontaktmann beim BKA, Robert, mit dem sie immer in der Sprache der Blumen kommuniziert hat, vegetiert in einem Pflegeheim nur mehr vor sich hin. Carolin ist also auf sich allein gestellt – ausgerechnet in Frankfurt. Sie muss sich also einen Plan nach dem anderen ausdenken, von denen nahezu jeder irgendwie durchkreuzt wird. Aber das macht das Buch aus, es gibt einen Plot-Twist nach dem anderen; das garantiert durchgehende Spannung – etwas, das ich im ersten Teil der Trilogie noch schmerzlich vermisst habe.

Den ersten Teil habe ich aber ohnehin fast ausschließlich gelesen, weil ich wissen wollte, wie Carolin überhaupt in die Mühlen der Karpins geraten ist. Eigentlich ist sie ja Grafikerin, als diese hat sie auch für die Karpins gearbeitet, hat Geburturkunden, Pässe, Dokumente gefälscht. Sie ist aber keine Russin, noch weniger eine Karpin. Es wird im finalen Teil der Trilogie zwar erwähnt, wie sie in den Mafia-Clan gekommen ist, aber ich hätte mir viel mehr Backstory von Carolin gewünscht, denn so richtig ist sie für mich über die drei Teile nicht greifbar geworden.

Allerdings findet eine Charakterentwicklung statt bei Carolin. Sie wirkt nicht nur entschlossener, sondern ist auch emotionaler, ist näher am Wasser gebaut als in den beiden anderen Teilen. Man merkt, diese ganze Sache macht etwas mit ihr, dazu steigt der Druck, weil sie in Frankfurt quasi Tür an Tür mit den Karpins lebt. Dazu kommt auch noch, dass sie als Verdächtige in einem Mordfall in Wien gilt, während sie in Frankfurt Schach gegen einen russischen Mafia-Clan spielt. Das hat mir imponiert, und ich hoffe, Ursula Poznanski veröffentlicht bald wieder ein vollwertiges Buch für die erwachsene Leserschaft – wobei man auch ihre Jugendbücher als Erwachsener lesen kann.

Daten zum Buch 

Autor: Ursula Poznanski
Titel: VANITAS – Rot wie Feuer
Seiten: 400
Kapitel: 29
Erschienen am: 1. April 2021 (eBook: 20.3.)
Verlag: Knaur HC;
ISBN: 978-3426226889
Preis Print: 16,67 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Julie Clark: Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg.

New York, Flughafen JFK: Claire soll nach Puerto Rico reisen, um ihren Mann, einen ehrgeizigen Politiker, beim Wahlkampf zu unterstützen. Doch in Wahrheit will sie nichts als fliehen – vor seinen gewalttätigen Übergriffen und der lückenlosen Kontrolle, die er über sie ausübt. Sie kommt mit Eva ins Gespräch, die bei ihrem schwerkranken Mann Sterbehilfe geleistet hat. Zu Hause in Kalifornien erwartet sie die Polizei. Innerhalb weniger Sekunden beschließen sie, die Bordkarten zu tauschen und sich gegenseitig ein neues Leben zu schenken.

Erleichtert landet Claire in Kalifornien. In Evas Haus gibt es allerdings keine Hinweise auf einen Ehemann. Dann erfährt sie, dass das Flugzeug nach Puerto Rico abgestürzt ist. Und kurz darauf entdeckt sie die vermeintlich abgestürzte Eva in einer Fernsehreportage über das Unglück. Lebendig. Hat sie die Flucht in das Leben einer Anderen am Ende doch nur in eine Falle gelockt? (Offizieller Klappentext)


Claire hat in die Cook-Familie eingeheiratet, eine Familie, die mit den JFKs vergleichbar ist. Sie hat einen Abschluss in Kunstgeschichte und hat bei traditionsreichen Auktionshaus Christie’s gearbeitet. Heute will sie nur noch weg, sie hält die Tyrannei ihres Mannes Rory, der die Tage seine Kandidatur für den Senat bekannt geben will, nicht mehr aus. Sie hat alles organisiert, um sich ein neues Leben aufzubauen – neuer Pass, neuer Führerschein, neue Sozialversicherungsnummer –, doch dann kommt alles anders und sie muss alle Pläne umschmeißen und neu disponieren, denn plötzlich heißt ihr Ziel nicht mehr Detroit, sondern Puerto Rico. Als sie am Flughafen von Eva angesprochen wird, die ihr von ihrem Mann, dem sie vom Leiden erlöst und Sterbehilfe geleistet hat, ändern sich die Pläne noch mal – sie tauschen kurzerhand die Flugtickets und Claire nimmt Evas Identität an. Nun lebt sie in Berkeley, Kalifornien. Doch Eva hat ihr eine falsche Geschichte erzählt, und möglicherweise ist Claire vom Regen in die Traufe gekommen.

Das Cover von „Der Tausch“ erinnert schwer an das von Karen Hamiltons „Perfect Girlfriend“ – der Inhalt wiederum hat mich an „Golden Cage“ von Camilla Läckberg erinnert. Ich will nicht sagen, dass „Der Tausch“ ein feministischer Thriller ist, aber Männer kommen darin nicht wirklich gut weg. Sie werden entweder als dominant, brutal oder einfach als vernachlässigend bzw. überflüssig dargestellt. Das könnte mich als Mann jetzt ärgern, ich könnte eine Hasstirade gegen die Autorin starten – das tue ich aber nicht, weil Clark das alles sehr gut und nachvollziehbar darstellt. Ich bin mir sicher, dass bei den oberen Zehntausend häusliche Gewalt oft vorherrscht. Genau wie bei den unteren Zehntausend und den mittleren Zehntausend und allen anderen Gesellschaftsschichten. Gerade momentan, seit Corona und den ganzen Lockdowns ist das ein Thema. Das Buch ist also dahingehend am Puls der Zeit.

Nicht so am Puls der Zeit ist die Lösung, die die Autorin anbietet, denn einfach abhauen und sich ein neues Leben aufbauen, ist momentan nur schwer drin. Und auch sonst wäre es schwer. Wer würde schon alle Zelte abreißen, seine Freunde, Familie zurücklassen und seinen Tod vortäuschen? Ich wüsste nicht mal, wie man sich einen neuen Pass organisiert. Aber die Thematik ist definitiv eine interessante.

Dazu kommt, dass Julie Clark die Geschichte gut konstruiert und nicht nur Claires Sicht zeigt – Sie gibt auch Eva genügend Raum und erzählt, warum sie eigentlich untertauchen will. Dafür reisen wir in ihren Kapitel in der Zeit ein paar Monate zurück und erfahren, dass sie Drogen hergestellt und verkauft hat. Während Claires Kapitel im Präsens spielen, spielen Evas im Präteritum. Und diese Kapitel, die immer im Wechsel zwischen Eva und Claire spielen, sind so rasant und interessant, dass man kaum aufhören kann zu lesen. Dieses Buch wird völlig zurecht gehyped.

Daten zum Buch 

Autor: Julie Clark
Titel: Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg
Originaltitel: The Flight
Übersetzung: Gabriele Burkhardt
Seiten: 400
Kapitel: 45
Erschienen am: 11. Januar 2021
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453424975
Preis Print: 12,75 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Mo Ruby: Abi 95

Auf dem Friedhof einer westerwälder Kleinstadt findet man bei Erdarbeiten die Leiche einer jungen Frau, die seit ihrem Abiball im Jahr 1995 vermisst wird. Clara Friedrichs, Anwältin und kleine Schwester der ehemals besten Freundin der Toten, reist zur Bestattung an den Ort ihrer Jugend, wo sie erstmals seit 25 Jahren wieder auf die ehemaligen Mitschüler trifft. Zusammen mit dem Journalisten Veit Windeck begibt sich Clara auf Spurensuche in der Vergangenheit und muss schnell erkennen, dass ihr eigenes Schicksal eng mit den damaligen Ereignissen verwoben ist.

Was geschah tatsächlich in der Nacht des Abi-Balls? Warum ist das Verhältnis zu ihrer Schwester seit diesem verhängnisvollen Abend so gestört? Und warum scheint keiner der damaligen Mitschüler ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung des rätselhaften Falles zu haben? (Offizieller Klappentext)


1995 war ich die meiste Zeit neun Jahre, also noch keine Rede von Abi. An konkrete Ereignisse aus dem Jahr kann ich mich nicht erinnern. Dennoch habe ich die 1990er in guter Erinnerung, was auch der Grund war, warum ich Mo Rubys Rezensionsanfrage innerhalb kurzer Zeit mit Ja beantwortet habe. Ich habe ein Buch erwartet, in dem man immer wieder ins Jahr 1995 zurückreist, und das passiert auch – zumindest im ersten von insgesamt vier Teilen.

Der Journalist Veit Windeck vom „Westerwälder Tagesboten“ bekommt von seinem Chef das Bild einer Leiche, die ein Friedhofswärter ausgebuddelt hat, als dieser ein Grab ausheben wollte, in die Hand gedrückt. Er soll herausfinden, was es damit auf sich hat, warum sie dort lag, und wer sie ist. Wer das rund 20-jährige Mädel ist, kommt schnell heraus, denn die Tote war stadtbekannt. Susanna war eine Schönheit und konnte jeden haben, und genau das nutzte sie auch aus.

Clara ist die zweite Protagonistin. Sie hat es geschafft. Top-Job, Top-Klamotten, Top-Leben – denkste. Tatsächlich hat sie ihren Job und ihren Mann gerade vor ein paar Tagen verloren. Um sich abzulenken, besucht sie ihre Schwester Frederike, mit der sie früher ziemlich dicke war – bis Frederike sie verraten hat, als sie von Daheim auszog. Seitdem besteht eine gewisse Distanz zwischen ihnen. Tatsächlich ist da noch wesentlich mehr zwischen ihnen.

Ich denke, jeder hatte dieses eine Mädel oder diesen einen Jungen in der Schule, die oder der einfach jeden haben konnte. Deshalb wird sich vermutlich jeder von uns mit dem Setting des Buches identifizieren können. Das allein, plus der Spannungsbogen, der direkt im kurzen Prolog gespannt wird, müsste reichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Abgesehen davon ist das Buch eine Zeitreise, denn dieses Buch atmet die 1990er – auch wenn der Haupt-Plot im coronafreien 2019 spielt. Ich hatte einen unglaublichen Spaß mit dem Buch, vor allem, weil man direkt im Prolog auch den passenden Soundtrack in die Hand gedrückt bekommt – R.E.M. Ich habe ab dann R.E.M rauf und runter gehört und es passt zu diesem Buch wie der viel zitierte Arsch auf den Eimer – zumindest bis zur Hälfte des Buches.

Während es im ersten Teil um das Wie und Warum geht, wird das Buch im zweiten Teil zum Whodunit-Thriller. Denn am Ende des ersten Teils gibt es einen neuen Mord und einen Suizid. Es gibt keine Rückblenden mehr und Clara arbeitet nun mit dem Journalisten Windeck daran, die ganzen Todesfälle aufzuklären  – nachdem sie gemeinsam in der Kiste waren. Der zweite Teil wirkt fast wie ein anderes Buch, die erste Leiche rückt in den Hintergrund. Klar gehört alles irgendwie zusammen und es passt auch irgendwie, aber irgendwie dann auch wieder nicht. Dann gibt es noch einen dritten Teil, den man eigentlich auch in den zweiten integrieren hätte können, und schließlich gibt es noch einen vierten Teil, der überhaupt nur aus einem Kapitel besteht – äh, okay?!

Ruby baut sich im ersten Teil eine wunderbare Handlung mit viel Atmosphäre auf, um es im zweiten, dritten und vierten Teil wieder ein bisschen zu zerstören. Das ist schade, denn der erste ist grandios, damit füttert man Leser für potentielle weitere Bücher an, weil vermutlich nicht nur bei mir eine Menge Erinnerungen aus der Vergangenheit hochkommen; und damit verbundene Emotionen. Und wenn eines ein Türöffner und Quotenbringer ist, dann Emotionen. Ich hatte dennoch Spaß mit dem Buch, weil der Schreibstil zum Weiterlesen animiert, aber die Aufbereitung finde ich etwas unglücklich.

Daten zum Buch 

Autor: Mo Ruby
Titel: Abi 95
Seiten: 377
Kapitel: 114
Erschienen am: 17. Januar 2021
Verlag: –;
ASIN :B08T9S4CJ5

Rezensionsexemplar

[Rezension] Peter James: Der absolute Beweis

Die Stimme des Anrufers klang gehetzt, ganz offensichtlich hatte der Mann Todesangst. »Ich versichere Ihnen, ich bin nicht verrückt, Mr. Hunter. Mein Name ist Dr. Harry F. Cook. Ich weiß, dass sich das jetzt verwirrend anhören muss, aber ich habe den 100-prozentigen Beweis für die Existenz Gottes erhalten«.

Fast hätte Investigativ-Reporter Ross Hunter den Anruf nicht entgegen genommen, der so nachhaltig sein Leben verändern sollte. Doch die Stimme von Dr. Harry F. Cook war so eindringlich, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Der Wissenschaftler behauptete, er habe den eindeutigen Beweis für die Existenz Gottes gefunden. Und Ross Hunter sei ein seriöser Reporter, der seine Botschaft in die Welt tragen sollte.
Doch wie würden die Konsequenzen aussehen? Was würde der Vatikan dazu sagen? Die Moslems? Die Hindus? Aber auch für die Atheisten hätte das enorme Konsequenzen, ganz zu schweigen von den Evangelikalen, den Predigern, deren Heilsversprechen ihnen großen Reichtum bescherten. Als Ross Hunter weiter recherchiert, wird ihm schnell klar, dass es einige Menschen gibt, die die Existenz Gottes nicht bewiesen haben möchten und deshalb auch vor Mord nicht zurückschrecken, Harry F. Cook war nur der Erste… (Offizieller Klappentext)


„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Gretchenfrage aus Goethes „Faust“ beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten – was mich betrifft: Ich glaube nicht an Gott und bin vor elf Jahren aus der Kirche ausgetreten. Dennoch finde ich Religion faszinierend. Ich wurde durch Dan Browns „Sakrileg“ gewissermaßen „thrillerfiziert“, seitdem hat der Vatikan mit seinem Zensuswahlrecht, bei dem unter seinesgleichen ausgemacht wird, wer der neue Papst wird und den die Glaubensgemeinschaft gefälligst zu akzeptieren hat, obwohl sie weiß Gott (!) wie viele Millionen in die katholische Kirche buttert, etwas Faszinierendes für mich. Deshalb habe ich zum neuesten Buch von Peter James gegriffen und wurde nicht enttäuscht – aber auch nicht ganz zufrieden gestellt.

Ross Hunter ist Investigativjournalist, der zu Beginn des Buches nichts ahnend ins Fitnesscenter geht und kurz darauf zusammenbricht, ohne zu wissen, warum – gut, möglicherweise liegt es daran, dass er sich am Abend zuvor wie jede Woche mit seinen Kollegen nach der Arbeit bei der Zeitung „Argus“ das Hirn hinausgesoffen hat. Aber er glaubt etwas anderes, denn kurz darauf erfährt er, dass sein Zwillingsbruder – den er nie leiden konnte – bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Das ist der Aufhänger des Buches, denn kurz darauf ruft Dr. Harry F. Cook bei Ross an und teilt ihm mit, dass er den namensgebenden absoluten Beweis für die Existenz Gottes habe – ein fundamentalistischer Spinner, der in seiner Pension zu viel Zeit hat? Vielleicht. Ross trifft ihn trotzdem und spürt der Sache nach, auch wenn ihm seine Frau Imogen, die ihn während seines Aufenthalts in Afghanistan betrogen hat und jetzt von weiß wem schwanger ist, von diesem Auftrag abrät. Wobei ich mich sowieso von Anfang an gefragt habe, warum er nicht schon längst die Scheidung eingereicht hat, denn so wirklich vertrauen will er ihr ohnehin nicht mehr, seit er sie in flagranti erwischt hat.

Peter James erhielt 1989 tatsächlich einen Anruf von jemanden, der meinte, er hätte den absoluten Beweis für die Existenz Gottes, weshalb er begann, an einem Buch darüber zu arbeiten. Als er bei Dan Browns Megabestseller „Sakrileg“ merkte, dass flotte Thriller über Religionsthemen ein Publikum finden, hat er sich gedacht, dass er ernsthaft weiter daran arbeiten sollte. Das tat er mit Unterstützung seiner Frau. Und herausgekommen ist ein Pageturner, der Spaß macht, wenn man sich einigermaßen für Religion erwärmen kann.

Die Kapitel werden von Datumsangaben eingeleitet, was ich zugegebenermaßen für genau so sinnlos erachte wie Kapiteltitel – ich lese sie zwar, vergesse es aber sofort wieder, weil mir die Handlung wesentlich wichtiger ist. Ross selbst ist weder sympathisch noch unsympathisch – er untersucht das Thema einerseits aus journalistischem Interesse, andererseits aber – und das macht ihn mir dann doch etwas unsympathisch – nur deshalb, weil Cook ihm erzählt hat, dass er ein Medium angerufen hätte. Dieses Medium habe dann plötzlich eine Nachricht von Ross’ verstorbenem Bruder erhalten. Ross agiert also eigentlich aus rein persönlichem Motiv. Und irgendwie kann ich Imogens Vorwurf an Ross, dass er egoistisch sei, nachvollziehen – auch wenn sie mir sonst ziemlich unsympathisch ist. Gegen Ende rutscht die Handlung ins Paranormale ab und hat mich dann etwas an Stephen King erinnert. Gleichzeitig findet der Autor bei der Auflösung einen guten Kompromiss, um keine Menschengruppe zu verärgern (um es mal so vage wie möglich auszudrücken).

An manchen Stellen war mir das Buch etwas zu technisch, und ich fand es auch etwas theatralisch, dass immer gesagt wird, dass Ross die Welt retten will – ich glaube eher, dass das Gegenteil der Fall wäre, wenn die Existenz Gottes bewiesen würde.

Daten zum Buch 

Autor: Peter James
Titel: Der absolute Beweis
Originaltitel: Absolute Proof
Übersetzung: Irmengard Gabler
Seiten: 592
Kapitel: 146 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. Februar 2021
Verlag: FISCHER Scherz
ISBN: 978-3651025776
Preis Print: 16,67  Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Kendra Elliot: Die verschollene Schwester (Columbia River – Band #1)

Vor zwanzig Jahren wurde Emily Mills’ Vater brutal ermordet. Dass der Mörder gefasst wurde, ist kaum ein Trost, denn die Tragödie trieb Emilys Mutter in den Selbstmord und ihre ältere Schwester Tara verschwand über Nacht aus der Stadt.
Als ein Mord mit ganz ähnlicher Handschrift geschieht, ist Emily wieder die Erste am Tatort. Zufall? Agent Zander Wells vom FBI ermittelt. Fasziniert von der zerbrechlichen Emily, taucht er tief in die Geschichte ihrer Familie und die dunklen Geheimnisse der kleinen Stadt ein. Mit lebensgefährlichen Folgen … (Offizieller Klappentext)


Zander Wells ist FBI-Agent in Portland, USA. Gemeinsam mit seiner Kollegin, von der er einmal etwas wollte, die aber demnächst jemand anderen heiraten wird, wird er in ein kleines Kaff gerufen, in dem schon vor 20 Jahren jemand aufgehängt wurde. Jepp, aufgehängt, das klingt nach grauer Vorzeit, in denen Menschen öffentlichkeitswirksam am Galgen ihren Tod fanden. Vor 20 Jahren fand Emilys Vater so seinen Tod, kurz später suizidierte sich auch noch ihre Mutter – und um die Tragödie perfekt zu machen, verschwand ihre ältere Schwester Tara auch noch spurlos. Seitdem wohnt Emily mit ihrer Schwester Madison bei ihren drei Großtanten, die so chaotisch wie Tick, Trick und Track sind – aber ebenso liebenswert. Emily fand das nun getötete Ehepaar Sean und Lindsay. Sean war schwarz und hat ein bekanntes Zeichen des Ku-Klux-Klan in die Stirn geritzt. Ein Mord mit rassistischem Hintergrund oder lediglich ein Ablenkungsmanöver? Zander Wells und seine Kollegin Ava McLane stehen vor einer kniffligen Aufgabe.

Diese – zumindest im deutschsprachigen Raum – neue Reihe von Kendra Elliot ist ein Spin-off der sehr erfolgreichen und mir trotzdem unbekannten Callahan-&-McLane-Reihe, in der Zander Wells offenbar ein paar Auftritte hat. Und ich habe mich während des Lesens gefragt, warum man fast nichts über Ava erfährt – dafür muss man wohl die oben genannte Reihe lesen. Das ist clever gedacht von Elliot und ihre Stammleser werden dem bestimmt nachkommen – ich allerdings mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Das Buch fängt zwar flott und spannend an, und die Familiengeschichte von Emily, Madison und deren Großtanten ist auch interessant – aber die Geschichte wird irgendwann träge und beliebig. Austauschbar. Man kann das Buch schon lesen und es wird durch eine ausgeklügelte Denkweise seitens Kendra Elliot, die auch Psychothriller-Elemente einbaut, nahezu unmöglich, diesen Fall als Leser zu lösen. Das ist schon stark gemacht von der Autorin, aber die Geschichte an sich bietet durch die Charaktere und die Machart abseits von der Auflösung nicht viel Neues.

Was mir ebenfalls etwas sauer aufgestoßen ist, ist, dass die ganzen jüngeren Frauen im Buch alle durchgängig attraktiv und hübsch sind – über die Männer und deren Optik äußert sich Elliot gar nicht. Geschlechtergerechtigkeit perdu, und das im 21. Jahrhundert. Das erinnert schwer an Honeymoon von Harlan Coben, nur dass dessen Buch aus den 1980ern stammt. Das hätte man durchaus moderner gestalten können.

Die Dorfidylle hat allerdings etwas für sich, Gerüchte über einen rassistisch motivierten Mord passen perfekt in solch ein Setting. Auch das Diner, das Emily mit ihrer Schwester betreibt, ist durchaus stimmig und die Familiengeschichte mit der riesigen Villa, in der die drei Großtanten mit ihren Großnichten wohnen und um die sich einige Mythen ranken, verströmt etwas Gruseliges. Das passt alles ganz gut, und trotzdem will nie wirklich eine richtige Atmosphäre aufkommen. Vielleicht kommt die in den nächsten Teilen – es gibt bereits vier, allerdings wurde bis jetzt nur der erste ins Deutsche übersetzt –, hier will es nicht wirklich gelingen.

Daten zum Buch 

Autor: Kendra Elliot
Titel: Die verschollene Schwester
Originaltitel: The Last Sister
Übersetzung: Astrid Becker
Seiten: 373
Kapitel: 39
Erschienen am: 9. Februar 2021
Verlag: Edition M
ISBN: 978-2496705041
Preis Print: 7,99 Euro
Preis Digital: 2,49 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Lars Kepler: Der Spiegelmann (Joona Linna — Band #8)

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen hängt an einem Klettergerüst. Wer tut so etwas? Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert. Ein ungewöhnlicher Mord, eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration.
 Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe … (Offizieller Klappentext)


Ein schwedischer Thriller wieder mal – back to the roots für mich. Einer der ersten Thriller-Reihen, die ich gelesen habe, spielte in Schweden und hörte auf den Namen Wallander. Die Skandinavier mit ihren haarsträubenden und blutigen Morden – das ist ein Markenzeichen. Lars Kepler bietet aber nicht nur das, sondern macht ein mash up aus Wodunut- und Psychothriller – und das hat mich sofort gehookt. „Der Spiegelmann“ ist der achte Teil der Joona-Linna-Reihe und war der Erste für mich, weshalb ich nicht sagen kann, ob das generell der Kniff der Reihe ist.

Die Geschichte beginnt fünf Jahre vor der eigentlichen Handlung. Eleonora muss zusehen, wie ihre Freundin und offensichtlich ihr love interest in einen Lkw gezogen und entführt wird. Danach erleben wir Martin und seine Tochter* Alice, die angeln gehen. Martin kommt danach mit einem psychischen Schaden ins Krankenhaus – Alice ist wie vom Erdboden verschluckt. Insgesamt spielen sechs von insgesamt 98 Kapitel in der Vergangenheit. Danach dauert es eine Weile, bis Joona Linna – bei dem ich davor dachte, er sei eine Frau, weil Frauennamen in den westlichen Ländern oft mit A enden – endlich auf die Bühne tritt, und noch länger, bis er den Fall übernimmt. Mich würde die Geschichte des gebürtigen Finnen interessieren, aber ehrlich gesagt bezweifle ich, dass ich die anderen sieben Teile nachhole.

Danach rushen wir durchs Buch, als gäbe es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, erleben Martin, wie er mehrmals hypnotisiert wird und mit seinen Wahnvorstellungen zurechtkommt. Wir erleben, wie sich Pamela – Martins Frau – selbst diszipliniert und aufhört, Alkohol zu trinken, weil sie Mia adoptieren will. Bis die schließlich auch entführt wird. Und wir erleben die Entführer, die einsam im Nirgendwo leben und sich einen Hort von jungen Frauen hält, weil Cäsar, wie der Täter heißt, zwölf Jünger haben will. Und wir erleben Cäsars Mutter, die christliche Fundamentalistin, die gerne mal gegen die zehn Gebote verstößt und ein Mädchen tötet oder ihr zumindest die Füße absägt, wenn es versucht, zu fliehen.

„Der Spiegelmann“ ist zweifelsohne blutrünstig — oder eben typisch schwedisch. Ich muss das mittlerweile nicht mehr haben, weil es mir allein beim Gedanken daran, dass jemanden die Füße abgesägt werden, alles zusammenzieht, aber der ganze Rest – die Spannung, das Tempo und diese Kurzweiligkeit –, findet man in dieser geballten Form sehr selten.

Iich bin mir nicht sicher, ob es seine leibliche Tochter ist.

Daten zum Buch 

Autor: Lars Kepler
Titel: Der Spiegelmann
Originaltitel: Joona Linna 8
Übersetzung: Susanne Dahmann
Seiten: 624
Kapitel: 98 (+ Epilog)
Erschienen am: 27. November 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785727041
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Ruth Ware: Hinter diesen Türen

Es schien der ideale Job zu sein: Rowan Caine ist überglücklich, als sie die Stelle als Kindermädchen in einem einsam gelegenen Haus in Schottland bekommt – bei einer perfekten Familie mit vier Töchtern. Doch in kürzester Zeit wird der vermeintliche Traumjob zum absoluten Albtraum. In dem Haus, das eine denkmalgeschützte Fassade hat und – im krassen Gegensatz dazu – innen mit einer High-Tech-Ausstattung aufwartet, geschehen beängstigende, unerklärliche Dinge. Rowan fühlt sich ständig beobachtet, nicht nur von den Überwachungskameras, die in jedem Zimmer hängen. Auch das Verhalten der Kinder wird immer seltsamer. Bis es einen schrecklichen Todesfall gibt – und Rowan unter Mordverdacht gerät. (Offizieller Klappentext)


Ruth Ware wollte schon immer eines ihrer Bücher in den schottischen Highlands spielen lassen, doch da sich die Bestseller-Autorin mit schottischen Wurzeln beim Polizeisystem Schottlands nicht auskennt, hat sie sich bis jetzt nicht daran getraut. „Hinter diesen Türen“ spielt nun in den Highlands – die Polizei findet dabei nur am Rande statt, denn das Buch folgt den Regeln der alten britischen Schauergeschichten. Doch das Buch lässt deutschsprachige Leser auch an Goethe denken.

Rowan Caine ist hellauf begeistert, als sie im Internet stöbert und die Anzeige sieht, die besagt, dass in den schottischen Highlands eine Nanny gesucht wird. Das Architekten-Ehepaar Sandra und Bill Elincourt haben vier Kinder und ist berufsbedingt oft auf Reisen, weshalb Rowan ihr Glück kaum fassen kann — obendrein ist das Gehalt astronomisch. Von London in die Highlands zu ziehen gleicht zwar einem Kulturschock, aber sie will ja nicht ihr Leben dort verbringen, also bewirbt sie sich. Zumal ihr die Kolleginnen in der Kita, in der sie momentan noch arbeitet, ständig auf den Zeiger gehen. Rowan hat gute Referenzen, von denen auch die Elincourts begeistert sind, weshalb sie sie zu sich aufnehmen. Womit Rowan nicht gerechnet hat, ist die Technik im Haus. Überall hängen Kameras, die Rollos gehen nur über ein Touchpanel auf und zu und selbst die Dusche ist gewöhnungsbedürftig. Dabei sieht das Haus von außen gar nicht so neu aus. Dass das Ehepaar nach nur einem Tag und nicht wie besprochen nach einer Woche zu einer Messe fährt, macht das Ganze nicht besser. Rowan ist völlig überfordert. Nicht nur mit der Technik, in die sie kaum eingewiesen wurde, sondern auch mit den Kindern, die Rowan alles andere als herzlich empfangen.

Zu Beginn des Buches erfahren wir, dass Rowan im Gefängnis sitzt. Sie schreibt einem gewissen Mr Wrexham, seines Zeichens Anwalt. Er soll ihr helfen, sie da rauszuholen, denn sie hat das Kind nicht getötet. Welches Kind? Das ist der Spannungsbogen von „Hinter diesen Türen“, der quasi mit dem ersten Satz gezogen wird. Doch Rowan schreibt Mr Wrexham nicht nur eine Seite, nicht zwei, sondern über 300. Das Buch ist ein einziger Brief, was mich sofort an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ denken ließ, nur dass das Genre ein ganz anderes ist. Im Englischen heißt das Buch „The Turn of the Key“, was eine Abwandlung von Henry James’ „The Turn of the Screw“ ist. „Hinter diesen Türen“ wirkt wie eine Neuinterpretation von James’ Geschichte – der Originaltitel ist deshalb gut gewählt. Ruth hat sich in ihrem Englisch-Studium allerdings auch auf alte und mittelalte englische Texte spezialisiert – es wäre also ein Wunder, wenn sie „The Turn of the Screw“ nicht kennen würde .

Allerdings ist ihre Interpretation gut umgesetzt, sie vermischt althergebrachtes mit neuem, genau so ist auch das Haus der Elincourts gebaut – ein Teil ist alt, der andere neu. Sie vermengt das alles und präsentiert uns ein Buch, das nicht nur page-turning-Qualitäten hat, sondern auch fabulös durchdacht ist, denn gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse und ich saß nicht nur einmal mit offenem Mund da, weil ich nie im Leben mit solchen Enthüllungen gerechnet hätte. Zwischendurch dachte ich schon „Eine Gruselgeschichte – na ja“. Ich war zugegeben etwas skeptisch, weil ich noch nie für Gruselgeschichten empfänglich war. Ich hatte eher damit gerechnet, dass es, wie „Die App“ von Arno Strobel, ein Smart-Home-Thriller ist – ist es teilweise auch, aber nicht nur. Ruth Ware hat „The Turn of the Screw“ gut ins 21. Jahrhundert gebracht – was mir allerdings nicht so gefällt, ist, dass sie die – zugegeben nicht allzu sympathische – Rowan in die Opferrolle drängt. Das ist mittlerweile etwas antiquiert, wenn sie immer wieder James, das „Mädchen für alles“ des Hauses, sucht und sich bei ihm ausheult. Man merkt natürlich ab Seite eins, dass die beiden irgendwann im Bett landen, so laut wie es zwischen ihnen knistert. Abgesehen davon ist „Hinter diesen Türen“ ein gutes Buch, bei dem man allerdings mit einem relativ offenen Ende rechnen muss.

Daten zum Buch 

Autor: Ruth Ware
Titel: Hinter diesen Türen
Originaltitel: The Turn of the Key
Übersetzung: Stefanie Ochel
Seiten: 468
Kapitel: 45
Erschienen am: 28. Dezember 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262712
Preis Print: 15,90 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Alisson Dickson: Die gefährliche Mrs Miller

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …(Offizieller Klappentext)


Phoebe Miller ist das, was man einen klassischen Misanthropen nennt. Sie kann mit anderen Menschen nichts anfangen, ihren Mann Wyatt – seines Zeichens Psychotherapeut – kann sie sowieso nicht ausstehen und rausgehen tut die Tochter des berühmt-berüchtigten Daniel Noble höchst selten. Das alles kommt nicht von ungefähr, denn als Kind hatte sie vier verschiedene Mütter und ihr Vater hat sie vernachlässigt, wo es nur geht. Nur gut, dass er unlängst verstorben ist und ihr ein Millionenerbe hinterlassen hat. Die einzigen Sorgen, die sie hat, ist, dass Wyatt ihr einfach keine Ruhe lässt mit seinem Kinderwunsch – nachdem mehrere In-vitro-Befruchtungen nicht angeschlagen haben, kommt er jetzt mit der Idee, ein Kind zu adoptieren, na Dankeschön. Das ist ja noch besser, wenn jene Frau, die nach dem Frühstück bereits die erste Weinflasche köpft, auch noch ein Kind versorgen muss. Sorge Nummer zwei ist dieses verdammte Auto, das seit Wochen vor ihrem Haus steht. Einfach hingehen und fragen, was los ist? Nö, da müsste sie ja mit anderen Menschen interagieren. Und plötzlich findet sie dann doch gefallen an anderen Menschen, im speziellen an dem jüngst eingezogenen Nachbarsjungen, der bald nach Stanford geht – aber bis dahin ist er eine nette Ablenkung von diesem verdammten Auto.

Das ist bei Weitem nicht die ganze Handlung, denn nach rund 200 Seiten nimmt das Buch erst so richtig an Fahrt auf und die Frau, die im Auto vor dem Haus der Millers sitzt, übernimmt eine tragende Rolle – das muss sie, denn sie hat einen Mord begangen. Und um sich zu tarnen, veranstaltet sie eine Scharade sondergleichen. Denn Phoebe Miller ist am Ende des ersten von insgesamt zwei Teilen plötzlich tot, und Nadia, wie die Frau aus dem Auto heißt, will nicht nur den Täter finden – viel Auswahl bleibt bei insgesamt sechs Charakteren nicht –, sie nutzt die Chance kurzerhand dafür, sich eine neue Identität zuzulegen – nämlich die von Phoebe Miller.

„Die gefährliche Mrs Miller“ ist kein Buch, bei dem einem auf den ersten Seiten gleich eine Leiche entgegenfliegt, nein, es dauert eine Weile, bis hier letztlich ein Hybrid aus Psycho- und Whodunit-Thriller entsteht. Aber die ersten 200 Seiten, in denen wir eher einen Roman in Händen halten, sind eminent wichtig für den ganzen Rest. Wie (die echte) Phoebe sich mit der Mutter von Jake anfreundet, wie sie mit Jake eine Affäre beginnt, wie sie durch den Einzug der neuen Nachbarn endlich wieder zu leben beginnt. Und auch die Geschichte der Nachbarn ist wichtig. Die kriselnde Ehe, Geldprobleme – und den ganz eigenen Problemen von Jake sowieso. Das Buch zeigt auch auf, dass Reichtum nicht alles ist und dass reiche Menschen ganz irdische Probleme haben – nur dass das Bankkonto etwas praller gefüllt ist. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Intermezzo-Kapitel, im ersten Teil aus der Sicht von Nadia — im zweiten Teil aus Sicht des/der Mörder*in von Phoebe.

Als ich den Klappentext von „Die gefährliche Mrs Miller“ gelesen habe, war ich sofort hin und weg. Und als das Buch dann genau das hielt, was der Klappentext versprochen hat, war ich restlos begeistert. Es ist nicht nur interessant, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt auch irrsinnig spannend. Wenn ich nicht noch andere Interessen hätte, hätte ich vermutlich ganzen Tag gelesen. Und auch wenn das Ende nicht allzu befriedigend war, war „Die gefährliche Mrs Miller“ eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, von Alisson Dickson kommt bald mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Alisson Dickson
Titel: Die gefährliche Mrs Miller
Originaltitel: The Other Mrs Miller
Übersetzung: Ulrike Seeberger
Seiten: 384
Kapitel: 26 Kapitel exkl. Intermezzi + Epilog
Erschienen am: 8. Dezember 2020
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3616-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] James Patterson / Brendan DuBois: Die Frau des Präsidenten

Der US-Präsident hat eine Affäre. Als der Skandal mitten im Wahlkampf öffentlich wird, stehen Präsident Tucker und sein Regierungsstab im Kreuzfeuer. Um wiedergewählt zu werden, braucht der Staatschef die First Lady an seiner Seite. Grace Tucker aber hat nicht vor, weiter die Vorzeigegattin für ihren untreuen Ehemann zu spielen. Zutiefst verletzt verlässt sie Washington – und verschwindet spurlos. Secret-Service-Agentin Sally Grissom soll die First Lady aufspüren und zurückbringen. Doch ist diese freiwillig untergetaucht? Oder befindet sich die Frau des Präsidenten in viel größerer Gefahr als gedacht? (Offizieller Klappentext)


Mal ein Politthrilller – oder so ähnlich. James Patterson ist sowieso eine Bank, was das Schreiben betrifft. Und trotzdem habe ich eine Ewigkeit nichts mehr von ihm gelesen – da war es jetzt höchste Zeit, vor allem bei dem Titel, dem Cover (dazu später mehr), und dem Klappentext. Der Name Brendan DuBois sagte mir hingegen vorher nichts – er sollte mir in guter Erinnerung bleiben.

Die First Lady der USA ist also fort, weil der Präsident schon seit einiger Zeit  eine andere vögelt. Dass das just vier Wochen vor der Wahl rauskommt, ist natürlich suboptimal für seine Wiederwahl — und für seine Ehe sowieso. Jetzt beauftragen der Präsident und sein Stabschef Parker Hoyt die Secret-Service-Agentin Sally Grissen, die First Lady zu finden. Die weigert sich zunächst – erst nachdem Hoyt ihr persönliche Maßnahmen androht, macht sie sich mit ihrem Team auf die Suche. Unter größtmöglicher Geheimhaltung. Es ist also eher Zwangsarbeit, die sie verrichtet. Aber nicht nur das, Hoyt beauftragt auch noch eine Scharfschützin, die die First Lady töten soll – nur so ist die Wiederwahl von Harrison Tucker gesichert

Die US-Wahl ist ja durchaus ein aktuelles Thema, nur heißt es in „Die Frau des Präsidenten“ nicht STOP THE COUNT, sondern FIND MY WIFE, auch wenn Mr. President lieber mit der jüngeren Tammy Doyle im Bett liegt. Tucker selbst ist das genaue Gegenteil von Trump, er erinnert mich eher an Pete Buttigieg, der dieses Jahr bei den US-Vorwahlen für die Demokraten antrat. Aber ehrlich gesagt steht der Präsident im Buch nicht im Mittelpunkt des Geschehens.

Es gibt drei Handlungsstränge, die sich Sally Grissom, Parker Hoyt und die Scharfschützin Marsha Gray teilen. Die Handlung ist durch und durch spannend, wenn ich nicht gesundheitlich angeschlagen gewesen wäre, wäre ich auch eine Woche früher fertig gewesen – aber egal. Politik spielt in dem Buch eigentlich kaum eine Rolle, man erfährt aber einiges über die First Lady und wie sie sich für Kinder einsetzt. Das ist rührend und macht Grace Fuller Tucker, wie sie mit vollem Namen heißt, menschlich. Auch Sally Grissom und ihre Familiengeschichte weiß durchaus zu rühren. Und Parker Hoyt? Der ist Machiavellist durch und durch, der würde über Leichen gehen für den Erfolg seines direkten Vorgesetzten, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen Stabschef er ist. Damit bildet er einen starken Kontrast zu den zwei Frauen. Die Charaktere stehen somit klar im Vordergrund. Und es sind gut gezeichnete Charaktere, jeder Einzelne ist willensstark und durchsetzungsfähig.

Nur einen Charakter, der im Showdown auftaucht, habe ich nicht verstanden: Einen Hubschrauberpilot, der seinen Auftrag plötzlich abbricht. Den hätte man auch weglassen können, denn die Szene bringt dem Buch keinerlei Mehrwert. Was auch noch Erwähnung finden sollte, ist das Buchcover, das mir persönlich zu martialisch ist, und die Handlung keineswegs widerspiegelt. Auch hat das in Flammen stehende Gebäude darauf – der US-Kongress – nichts mit dem Inhalt zu tun. Der Kongress spielt mit keiner Silbe eine Rolle.

Daten zum Buch 

Autor: James Patterson & Brendan Dubois
Titel: Die Frau des Präsidenten
Originaltitel: The First Lady
Übersetzung: Peter Beyer
Seiten: 416
Kapitel: 90
Erschienen am: 16. November 2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442491124
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)