[Rezension] Juli Zeh: Über Menschen

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht. (Offizieller Klappentext)


Was ist denn da los? Ein Roman auf dem Krimisofa? Ja. Weil ich Lust auf Juli Zehs neues Buch hatte. Da mir 18 Euro für das eBook zu viel waren, habe ich bei Luchterhand ein Rezensionsexemlar angefordert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein erstes Buch von Juli Zeh war „Neujahr“, ein beklemmendes Buch, das Urängste in mir wachgerufen haben. Zwei Kinder, deren Eltern plötzlich weg sind und die auf sich selbst gestellt sind. Ein zeitloses Szenario – „Über Menschen“ ist komplett anders. Erschreckend aktuell. Irrsinnig politisch. Es menschelt in „Über Menschen“. Dora, die vor ihrem sich radikalisierenden Freund Robert flüchtet, weil sie seine Corona-Tiraden nicht mehr aushält. Plötzlich ist Corona überall, alles ist schlecht – so wie unser Leben 2020 eben war. Sie flüchtet davor, weil sie nichts mehr mit diesem Scheiß zu tun haben will. Das fühlt sich privilegiert an und ist es wahrscheinlich auch – denn wie viele von uns haben ein Haus am Land in der Hinterhand? Vermutlich die wenigsten.

Doch am Land hat sie eine ganz andere Herausforderung: Ihren Nazi-Nachbarn Gote, der Ausländer hasst und trotzdem ein Herz hat. Oder ihr anderer Nachbar Tom, der AfD wählt, weil er sich alleingelassen fühlt von den Politikern der anderen Parteien. Von der Bundesregierung und deren Politikern, die sich als Übermenschen gerieren und über Menschen regieren. Top-down-Politiker, die sich volksnah geben, aber realitätsfern agieren. Aber muss man deshalb eine menschenverachtende Partei wählen, deren Funktionäre nichts anderes im Sinn haben als ihren eigenen Vorteil? Für Deutschland ist Rechtspopulismus etwas Neues – in Österreich ist man da weiter. Die FPÖ – gewissermaßen das österreichische Pendant zur AfD – war zweimal in der Bundesregierung und ist genau so oft gescheitert. Das aktuelle Reizwort heißt Ibiza. Das Reizwort in „Über Menschen“ hingegen hat ebenfalls etwas Geografisches an sich – es lautet nämlich Raumforderung.

Wie geht man mit Menschen um, die so eine Partei – wenn auch „nur“ aus Protest – wählt? Diese Frage stellt das Buch. Wie geht man mit etwaigen Geschenken von solchen Menschen um? Nimmt man sie an? Bedankt man sich? Dora hadert sichtlich mit diesen Fragen, weil sie mit dieser Ideologie so gar nichts anfangen kann. Sie ist hierher geflüchtet, weg von einem – brutal, aber wahr – Gutmenschen, direkt in die Arme von Nazis zu Schlechtmenschen. Wie geht man damit um? Und dann kommt ein harter Cut, wo es um wesentlich wichtigere Dinge als Politik und Ideologie geht. Es geht um Menschlichkeit, in einer ergreifenden Tonart, die an einen Fredrik Backman erinnern lässt, wo Worte Gänsehaut erzeugen und Tränen fließen lassen. Weil manche Dinge eben wichtiger sind als eine beschissene Weltanschauung.

Gleichzeitig ist „Über Menschen“ herrlich entschleunigt. Zeh malt mit ihren Worten wunderbar-beruhigende Landschaften. Saftige Wiesen. Menschenleere Wege. Kaum Autos. Kaum Menschen. Am liebsten wäre ich ins Buch gestiegen und hätte mich in die Frühlingssonne gesetzt. Ich habe „Über Menschen“ gerne gelesen – dieses Jahr –, letztes Jahr hätte ich es wegen des Corona-Contents vermutlich nicht gelesen. Rückblickend ist dieses Buch 18 Euro wert. Wahrscheinlich sogar mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Juli Zeh
Titel: Über Menschen
Seiten: 416
Kapitel: 50
Erschienen am: 22. März 2021
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3630876672
Preis Print:21,59 Euro
Preis Digital: 17,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Sarah Nisi: Ich will dir nah sein

London, Fundbüro des öffentlichen Nahverkehrs. Lester Sharp kümmert sich um herrenlose Fundsachen: Handys, Schlüssel, Portemonnaies – besonders gern um Kleidungsstücke und medizinische Gerätschaften. Er ist auch privat ein Sammler und Sonderling, der sich schwertut mit Frauen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Als er der jungen Erin begegnet, weiß er zunächst nicht, wie er sich verhalten soll – findet aber schon bald eine Möglichkeit, ihr nah zu sein. Näher, als es ihr lieb sein kann… (Offizieller Klappentext)


In jedem von uns steckt ein Stalker oder eine Stalkerin. Jeder von uns hat mal einen Namen gegoogelt; entweder eines Akteurs oder einer Akteur:in einer drittklassigen Trash-TV-Sendung oder den eines ehemaligen Schulkollegen oder einer Kommilitonin. Ich habe mir das tatsächlich weitestgehend abgewöhnt, weil ich es nicht richtig finde, im Privatleben mir nicht (mehr) so nahen Menschen herumzustochern. Weil ich selber nicht wollen würde, dass das irgendwer mit meinem Namen macht. Das Internet bietet da einiges an Möglichkeiten. Das ist Chance und Gefahr gleichermaßen. Sarah Nisi zeigt uns in ihrem Debütroman „Ich will dir nah sein“, wie Stalker:innen ticken. Das ist faszinierend – und beängstigend.

Lester arbeitet in einem Fundbüro, er hat also tagtäglich mit privaten Gegenständen von ihm unbekannten Menschen zu tun. Alleine das würde für mich reichen, um ihm abzunehmen, dass er Stalker ist. Er kennt die Namen derjenigen, die die Dinge im Fundbüro abgeben – und er erfährt die Namen der Menschen, die die Dinge verloren haben. Da ist jeglicher Phantasie Tür und Tor geöffnet. Namen führen zu Google, und im Extremfall weiter. Der Extremfall heißt im Buch Erin und ist die neue Nachbarin von Lester; 28 Jahre alt und Balletttänzerin. Lester begehrt sie seit ihrem Einzug, belauscht sie durch die dünnen Wände seines Badezimmers, dessen Renovierung er seit Jahren aufschiebt. Er betritt ihre Wohnung, wenn sie nicht daheim ist, lässt persönliche Gegenstände mitgehen. Trophäen. Jeden Blick von ihr deutet er als Zuneigung, jedes Wort als potenzielle Liebesbekundung. Kranke Menschen haben kranke Gedanken, und das vorherrschende Gefühl, das ich bei seinen Kapitel hatte, war Fremdscham. Seine Kapitel sind so unangenehm, was vielleicht auch die Authentizität derer untermauert.

Doch die Geschichte beginnt 17 Jahre früher, als Lester Medical History (das wird im Buch nicht eingedeutscht) studiert und Shannon kennenlernt, die in einem Filmstudio arbeitet. Die gehörlose Shannon hat zwei Kinder, aber keinen Mann. Immer wieder treffen sich die zwei, kommunizieren mittels Block, Stift und Lippenlesen — bis er mehr von ihr will. Wir blicken im Buch öfter zurück, doch primär findet der Plot in der Jetzt-Zeit statt. Anfangs bin ich nicht leicht ins Buch hineingekommen; der Prolog ist so kryptisch wie Prologe eben manchmal sind, und die erste Hälfte von Kapitel eins zu technisch, weil sie die Arbeit von Lester im Fundbüro beschreibt. Erst bei Kapitel zwei konnte ich connecten, weil es darin um Alltägliches ging. Alltäglichkeiten sind door opener in einem Buch. Doch ab Kapitel zwei wollte ich das Buch nicht mehr weglegen. Der Plot ist so interessant und schnell geschrieben, dass ich am liebsten alles auf einmal lesen wollte. Man tänzelt geradezu wie ein:e Balletttänzer:in leichtfüßig durch die bedeutungsschwangere Handlung.

Neben der Kapitel um den Stalker Lester, bekommen auch Erin und Rhys ihre Kapitel. Rhys ist der Immobilienmakler, der Erin die Wohnung vermittelt hat. Er hat sein ganz eigenes Interesse an Erin, für das er auch gerne auf den Datenschutz pfeift. Doch die Kapitel von Lester sind am interessantesten, weil sie gut recherchiert wirken, weil sie zeigen, wie Stalker denken. Ich glaube, diese Thematik gibt es bei Krimis und Thriller nicht oft, aber Sarah Nisi hat es geschafft, mich mit ihrem Psychothriller in ihren Bann zu ziehen, auch wenn sie am Ende ein paar Fragen offenlässt.

Dass sie so nah an der Wahrheit ist, beweisen auch Erzählungen von Frauen, die auf Twitch streamen. Frauen, bei denen plötzlich Zuschauer vor ihren Wohnungen standen, Frauen, die wegen solcher Menschen mehrmals umziehen oder sogar auswandern mussten. Es ist bizarr und für mich nicht immer nachvollziehbar, wie Menschen ticken. Aber am Ende ist „Ich will dir nah sein“ zum Glück nur ein Buch, das einem verdammt gut die Zeit vertreibt, und ich freue mich jetzt schon auf Nisis nächstes Buch. Vielleicht schafft sie es wieder, ein Thema, das eher am Rande des Thrillermarktes liegt, in den Fokus zu rücken, um aufzuzeigen, dass es uns alle betreffen könnte. Oder uns den Spiegel vorzuhalten – denn wir alle sind potenzielle Stalker.

Daten zum Buch 

Autor: Sarah Nisi
Titel: Ich will dir nah sein
Seiten: 336
Kapitel: 38
Erschienen am: 10. Mai 2021
Verlag: btb
ISBN: 978-3442718917
Preis Print: 12,46 Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Mel Wallis de Vries: Himmel oder Hölle?

Danielle lernt im Skiurlaub mit ihren Freundinnen den gut aussehenden Dante kennen. Der Student spielt ihrer Meinung nach in einer ganz anderen Liga, und dennoch scheint er sich für sie zu interessieren.

Zurück in Amsterdam kann Danielle ihr Glück kaum fassen, als ihr Dante zufällig wieder über den Weg läuft. Doch gerade als die beiden sich näherkommen, entdeckt sie Dantes dunkles Geheimnis: Seine letzte Freundin Florence wurde ermordet, und ausgerechnet Dante war der Hauptverdächtige. Kann Danielle ihm wirklich vertrauen? (Offizieller Klappentext)


Mel Wallis de Vries. Ein Name wie ein Gedicht – würde ich sagen, wenn ich Ahnung von Gedichten hätte. So ist es einfach nur ein niederländischer Name. De Vries schreibt Thriller für Jugendliche und solche, die es geblieben sind. Ihre Bücher sind alle sehr kurz, keines hat 300 Seiten, und die Titel sind alle sehr verspielt und hören auf Namen wie „Schnick, schnack, tot“, „Mädchen versenken“ oder ihr Aktuelles: „Himmel oder Hölle?“. Die Bücher sind einzeln lesbar, auch wenn die Cover, die alle einen ähnlichen Stil haben, etwas anderes suggerieren“.

Danielle ist ein 17-jähriges Mädchen, das nicht so ganz mit ihrem Leben zufrieden ist. Ihre Eltern lassen sich gerade scheiden, ihre Beziehung mit Stan ging ebenfalls in die Brüche, und Selbstbewusstsein ist auch nicht gerade ihre Paradedisziplin. Zu Beginn des Buches befindet sie sich mit ihren Freundinnen Robin, Loulou und Madelief im österreichischen Kaff Gerlos zum Skifahren. Die ranzige Unterkunft, die Danielle gebucht hat, lässt ihre Freundinnen nicht gerade in Euphorie ausbrechen. Jeder nörgelt herum, nur Madelief dürfte schon etwas reifer sein und glänzt durch Rationalismus. Dann lernt Danielle Dante kennen – und lieben. Allein dafür hasst sie die ach so perfekte Loulou. Danielle versteht selbst nicht, was Dante an ihr findet, sie findet sich nicht besonders hübsch – und fett findet sie sich ebenfalls. Aber der 21-jährige verzaubert sie und zeitweise glaubt sie, dass er in sie hineinblicken kann, weil er genau das ausspricht, was sie denkt. Natürlich verbringt sie lieber Zeit mit ihm als mit ihren Freundinnen, die nur an ihr herumnörgeln.

Ich lese sehr selten Jugendbücher, obwohl ich das Genre eigentlich mag. Ich fühle mich jedes Mal in meine eigene Jugend zurückversetzt, weil ich die meisten Gedanken, die die Charaktere haben, kenne. Aber so unsicher wie Danielle, die keinen geraden Satz herausbekommt und durchgehend stammelt – das hat sie schon sehr unsympathisch gemacht. Aber Teenager sind manchmal eben unsicher, weil Hormone und blöde Eltern und Pickel und… ihr kennt es alle. Und genau das ist der Punkt: Ich glaube, jeder von uns kann mit Danielle connecten, jeder kennt ihre Probleme oder versteht sie zumindest. Und dazu ist der Plot wahnsinnig gut zu lesen, weil er sehr lebendig gestaltet ist, mit vielen Dialogen und kurzweiligen Szenen. Die Kapitel in Gerlos sind dabei nur der aufbauende Teil der Geschichte – danach geht es nach Amsterdam, wo die Geschichte erst so richtig losgeht.

Das Buch beginnt mit dem Tag 0, im Kapitel danach befinden wir uns bei Tag 17 und arbeiten uns sukzessive zu diesem Tag 0 vor, wo ein Mädchen gefesselt auf einem Bett liegt. Wir müssen uns, bedingt dadurch, dass die Handlung aus der Sicht von Danielle – also aus der Ich-Perspektive – erzählt wird, nicht ausmalen, wer dieses Mädchen ist. Es geht eher darum, wie es dazu gekommen ist und wer Danielle ans Bett gefesselt hat. Zwischendurch kehren wir immer wieder in kurzen Kapitel zum Tag 0 und bekommen etwas von dem oder der TäterIn erzählt. Immer wieder spricht er oder sie von einem Schatten, der ihn oder sie immer wieder heimsucht. Das Buch ist insgesamt sehr atmosphärisch und auch als Erwachsener gut lesbar. Warum man die Triggerwarnung allerdings erst am Ende geliefert bekommt, habe ich nicht ganz verstanden. Selbst wenn es Spoilergefahr beherbergt, will ich so etwas als potenziell labiler Jugendlicher nicht erst am Ende lesen, sondern bevor ich beginne, das Buch zu lesen.

Zum Schluss will ich noch kurz auf das Cover eingehen, was eigentlich das Beste am Buch ist, denn ich liebe diese Schlichtheit. Und auch hier komme ich zu dem Punkt, dass sich jeder von uns mit dem Stil – einer schlichten Kreidezeichnung – identifizieren kann, weil wir – oder zumindest ich – automatisch an Schultafeln denken müssen. Großartig.

Daten zum Buch 

Autor: Mel Wallis de Vries
Titel: Himmel oder Hölle?
Originaltitel: Wreed
Übersetzung: Verena Kiefer
Seiten: 256
Kapitel: 46
Erschienen am: 28. Mai 2021
Verlag: ONE
ISBN: 978-3846601235
Preis Print: 11,77 Euro
Preis Digital:8,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Claire Douglas: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du

Als Kinder waren Jess und Heather die allerbesten Freundinnen. Sie teilten alles miteinander. Bis ein einziger Tag ihre Freundschaft unwiderruflich zerstörte. Jahre später kehrt Jess in ihre idyllische Heimatstadt an der Küste Englands zurück. Dort soll sie die Berichterstattung zu einem brutalen Doppelmord übernehmen. Doch als Jess erfährt, dass Heather die Hauptverdächtige ist, ist sie fassungslos. Kann ihre beste Freundin von damals eine eiskalte Mörderin sein? Jess beginnt zu recherchieren und stellt mit Grauen fest, dass alle Hinweise zu dem Tag führen, den sie für immer aus ihrem Leben streichen wollte. Der Tag, an dem Heathers Schwester spurlos verschwand und sie alle ins Unglück stürzte …(Offizieller Klappentext)


Claire Douglas hat seit ihrem ersten Buch „Missing“ einen Stammplatz auf meiner Leseliste – ihre Bücher sind spannend, gut durchdacht und nie langweilig. Sie erscheinen jährlich, somit hab ich einmal im Jahr einen Jour fixe mit ihr. So auch jetzt wieder – und selten habe ich dieses Meeting mit ihr weniger bereut als dieses Jahr.

Jess ist erst kürzlich mit ihrem Freund Rory von London nach Bristol gezogen. In London hat sie bei einer großen Tageszeitung als Journalistin gearbeitet, bis sie dort gefeuert wurde, weil sie unredliche Dinge getan hat. Jetzt arbeitet sie bei einer Zeitung, die nur zweimal die Woche erscheint. Bristol ist ihr allerdings nicht unbekannt, sie hat ihre Kindheit und Jugend dort verbracht und war zwei Jahre mit der sich nun im Koma befindlichen und mutmaßlichen Doppelmörderin Heather befreundet. Sie war lebhaft und hat die introvertierte Heather damals mitgerissen. Dass sie zwei Menschen ermordet und sich dann selber richten wollte, kann sich Jess nicht vorstellen – andererseits kann in 18 Jahren, in denen sich die zwei nicht gesehen haben, vieles passieren. Und so recherchiert Jess, bis sie irgendwann abwägen muss, ob sie nicht zu befangen ist. Sie muss sich zwischen ehemals bester Freundin und Job entscheiden.

Tatsächlich könnte man „Beste Freundin“ fast als Autobiographie bezeichnen. Claire Douglas war früher selber Journalistin und hat in Bristol gelebt. Ihr neuester Psychothriller kann also sowohl mit Know How als auch Ortskenntnissen aufwarten. Nur Tilby, das Örtchen, in dem Heather gemeinsam mit ihrer Mutter Margot – die selber ihre Kapitel bekommt, dazu später mehr – auf einem Campingplatz lebt, den ihre Mutter betreibt, gibt es in der Realität nicht. Zwischen der Kapitel von Jess und Margot gibt es auch immer wieder Rückblicke ins Jahr 1994, als Flora – Heathers um zwei Jahre ältere Schwester – unsterblich in den damals 19-jährigen Schausteller Dylan verliebt war. Heather war damals die überbehütende jüngere Schwester von Flora, die immer auf ihre Schwester acht gegeben hat – bis diese just in dem Sommer 1994 spurlos verschwand. Bis heute ist unklar, wo sie ist, oder ob sie noch lebt.

Das Bemerkenswerte an „Beste Freundin“ ist, dass es nicht in der Jetztzeit spielt, sondern 2012. Unklar ist, warum Claire Douglas gerade dieses Jahr gewählt hat, allerdings ist es auch völlig irrelevant für die Handlung, die durchgehend spannend ist und dessen flotter Schreibstil zum Weiterlesen animiert. Das Buch lädt auch zum miträtseln an, denn es ist keineswegs klar, dass Heather diesen Doppelmord begangen hat. Dazu kommt, dass sich Jess ständig verfolgt fühltund zirka ab der Hälfte auch noch elementaren Zoff mit ihrem Freund Rory hat.

Der Zoff wäre allerdings nicht wirklich notwendig gewesen, vor allem weil er sich wie ein Schatten über den ohnehin düsteren Plot legt. Genau so wenig hätte es meiner Meinung nach den Erzählstrang von Margot gebraucht, der sich mit dem von Jess abwechselt und meiner Meinung nach keinen wirklichen Mehrwert bietet – allerdings schadet er der Handlung auch nicht. Wesentlich interessanter fand ich die kursiven und sehr kurzen Kapitel der komatösen Heather, an der gewissermaßen das Leben vorbeizieht. Claire Douglas bietet mit „Beste Freundin“ gewohnt hohes Niveau, und ich freue mich jetzt schon auf den Jour fixe im nächsten Jahr.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: Beste Freundin – Niemand lügt so gut wie du
Originaltitel: Then She Vanishes
Übersetzung: kA
Seiten: 496
Kapitel: 53
Erschienen am: 13. April 2021
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3328105473
Preis Print: 12,76 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Beate Maxian: Die Tote im Kaffeehaus (Sarah Pauli – Band #11)

Wien, wenige Tage vor dem berühmten Kaffeesiederball in der Hofburg: Für ihre erste große Ausgabe als neue Chefredakteurin des Wiener Boten trifft Sarah Pauli Marianne Böhm, Grande Dame der Kaffeehausdynastie Böhm, zu einem exklusiven Interview. Dann der Schock: Mitten im Gespräch sackt die alte Dame leblos in sich zusammen. Ist die Frau bloß an Altersschwäche gestorben? Sarah ist argwöhnisch, denn kurz vor ihrem Tod vertraute Böhm ihr eine rätselhafte Botschaft an. Die Journalistin beginnt zu recherchieren und stößt in der feinen Wiener Kaffeehausgesellschaft schon bald auf Geheimnisse, für die jemand über Leichen geht … (Offizieller Klappentext)


Es ist bereits der elfte Teil der Sarah-Pauli-Reihe, in den Teilen davor durften bereits etliche Wiener Sehenswürdigkeiten als Tatort herhalten – jetzt also ein Kaffeehaus. Ich muss sagen, ich persönlich war in meinem Leben so oft in einem Kaffeehaus, dass ich es wohl an einer Hand abzählen könnte. Dabei ist die Vorstellung, regelmäßig im Kaffeehaus zu sitzen, eine sehr positive, beruhigende, und vor allem eine leckere – wenn nicht gerade ein Mensch am Nebentisch stirbt wie in Beate Maxians neuestem Buch.

Sarah Pauli müsste mittlerweile auf die 40 zugehen, sie hat sich bei der fiktiven Tageszeitung „Wiener Bote“ von der Praktikantin zur Chefredakteurin hochgearbeitet und hat mit Mythen und Bräuchen ihr Leibthema gefunden – doch dann und wann mutiert sie zur Ermittlerin, und auch Chefinspektor Stein, der regelmäßig am Rande in der Reihe auftaucht, sagt ihr öfter, dass sie eine gute Polizistin abgegeben würde. Doch sie ist Journalistin mit Leib und Seele, was man ihr auch als Lesender anmerkt.

Die Sarah-Pauli-Reihe ist definitiv eine meiner Lieblingsreihen – weil ich darin einiges über Wien erfahre, und weil mich das Thema Journalismus interessiert. Und auch das Thema Mythen und Bräuche ist ein interessantes, auch wenn ich selbst kein besonders abergläubiger Mensch bin – aber irgendwelche Ticks haben wir ja alle. „Die Tote im Kaffeehaus“ verrät uns einiges über die Wiener Kaffeehauskultur, die durch die Türkenbelagerung Einzug gehalten hat, als ein Sack mit Kaffeebohnen – die zunächst fälschlicherweise für Kamelfutter gehalten wurde – gefunden wurde. Allein für dieses Wissen danke ich dem Buch, denn ich weiß schon jetzt, dass ich das nie wieder vergessen werde – unnützes Wissen ist mein Spezialgebiet.

Das Buch spielt kurz vor Corona, als der Sturm Sabine durch Europa fegte. Den habe ich tatsächlich komplett verdrängt, weil danach mit Covid19 eine noch viel größere Katastrophe durch die Welt bretterte und immer noch brettert. Sabine war quasi der Sturm vor dem Orkan. Man erfährt wie gesagt vieles über die Wiener Kaffeehauskultur, aber auch generell viel über Kaffeeanbau, und Maxian setzt sich sehr – so habe ich es zumindest aufgefasst – für Biokaffee ein. Und irgendwie habe ich seitdem Lust auf Biokaffee – keine Ahnung warum. Ich bin nicht einmal ein großartiger Kaffeetrinker, aber Beate Maxian schafft es gut, dieses Thema dezent in die Handlung einzubauen. Gegen Ende gehen wir gewissermaßen back to the roots, denn in den ersten Teilen der Reihe begab sich Sarah Pauli immer wieder in Lebensgefahr, bis es ihr ihr jüngerer Bruder Chris ausgetrieben hat. Gefällt mir sehr gut, dass Maxian ihre Leserschaft wieder ein bisschen zittern lässt.

Der Plot ist – wie gewohnt bei der Sarah-Pauli-Reihe – sehr flott – manchmal etwas zu flott, denn das Zeitgefühl ist an manchen Stellen nicht wirklich authentisch. Da ist die Rede von „ich bin in 20 Minuten da“ und fünf Zeilen später und ohne Absatz klingelt es an der Tür. Das ist mir davor nie aufgefallen und es ist auch nichts Großartiges – ich habe beim Lesen aber schon etwas gestutzt. Generell habe ich seit dem Lesen Lust, mich vielleicht ab und zu in ein traditionelles Kaffeehaus zu setzen – nach Corona.

Daten zum Buch 

Autor: Beate Maxian
Titel: Die Tote im Kaffeehaus
Seiten: 416
Kapitel: 34
Erschienen am: 19. April 2021
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442490165
Preis Print: 10,79 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Theresa Prammer: Lockvogel

Toni hat praktisch keinen Euro mehr in der Tasche. Nicht, weil die Schauspielschülerin ihren Allerwertesten nicht hochbekommt, sondern weil sich ihr Freund Felix mit ihren Ersparnissen auf und davon gemacht hat. Geld weg, Freund weg (Oder Ex-Freund? Betrüger? Was zur Hölle ist er denn nun?), dafür werden die unbezahlten Rechnungen immer mehr. – Toni hat einen riesigen Berg besonders saurer Zitronen vorgesetzt bekommen. Nur: Was macht sie daraus? Zuerst einmal: Durchatmen, Limonade machen auf später verschieben und schleunigst Felix zur Rede stellen. Dafür wendet sie sich an Privatdetektiv Edgar Behm. Der könnte Felix aufspüren. Doch wie soll sie ihn bezahlen?

Auch Sybille Steiner findet den Weg in Behms Detektei: Die Ehefrau eines Starregisseurs hat beunruhigende Post erhalten. Einem anonymen Tagebuch zufolge soll ihr Ehemann vor Jahren gegenüber einer jungen Schauspielerin seine Machtposition ausgenutzt haben. Sind die Anschuldigungen wahr? Wer ist die Verfasserin? Hat damit gar der Tod eines Mannes auf einer von Steiners High-Society-Partys etwas zu tun? Möglichst schnell, bevor die Presse Wind davon bekommt, muss Behm genau das herausfinden. Wie praktisch, dass gerade eine Schauspielschülerin bei Behm aufgetaucht ist, die ihn nicht bezahlen kann: Toni wird als Lockvogel engagiert. Welche Gefahren warten auf sie in der Filmbranche, die für Machtgefälle und Intrigen berüchtigt ist? (Offizieller Klappentext)


Theresa Prammer ist vielseitig begabt, egal ob Theater, Film oder Buch – sie kennt sich überall aus. Ich kannte sie weder von dort, noch von da; erst eine Insta-Story von Marc Elsberg machte mich auf sie und ihr neues Buch „Lockvogel“ aufmerksam. Nachdem ich erfahren habe, dass das Buch in Wien spielt, musste ich nicht lange überlegen.

Antonia Lorenz wird von allen eigentlich nur Toni genannt. Sie ist Schauspielstudentin am Wiener Konservatorium. Eigentlich hat sie bedingt durch ihre Großmutter, die sie mangels Eltern großgezogen hat, gar nicht so wenig Geld — Ihr Tresor ist voll damit —, und teurer Schmuck ist auch noch darin. Aber nun ist alles weg. Gestohlen von ihrem Freund Felix, der ebenfalls weg ist. Deshalb steht sie bei Edgar Brehm, seines Zeichens Privatdetektiv, auf der Matte. Der ist gerade knapp bei Kasse und hat obendrein auch noch gröbere gesundheitliche Probleme. Er könnte also einen Auftrag gebrauchen – doch Toni kann nicht zahlen. Da haben wir den Salat. Gut, dass noch eine zahlungskräftige Klientin daherkommt, die ihren Mann des Ehebruchs bezichtigt. Die drückt Brehm ein Kuvert mit etlichen pinken Scheinen (das sind die 500er, ich kenne die auch nur aus Erzählungen) in die Hand und gibt ihm drei Tage, um ihren Mann zu überführen. Als die Ermittlungsarbeit beginnt, in die er Toni einbaut, weil die ja ohnehin nicht zahlen kann, stößt er in ein Wespennest, denn der Fall ist wesentlich größer.

Das ist ganz grob die Handlung. Was mir sofort aufgefallen ist: Toni war mir auf Anhieb sympathisch. Mit wie viel Engagement und Verve sie sich in die Aufgaben stürzt, die ihr Brehm aufträgt bzw. wie viel Eigeninitiative sie auch einbringt, denn sie bietet ihm ihre Dienste ja erst an. Da kann sich der ein oder andere – ja sogar ich – eine Scheibe abschneiden. Brehm hingegen ist der knurrige Detektiv, wie er im Buche steht – ja okay, er ist schwul. Dass man sowas im 21. Jahrhundert noch herausstreichen muss, spricht nicht gerade für unsere Gesellschaft. Das hat Claire Douglas in ihrem Buch „Beste Freundin“ (Rezension folgt) wesentlich besser gelöst; wo zum Arbeitskollegen der Protagonistin lediglich angemerkt wurde,, dass er einen Freund hat ― und damit war alles gesagt. Da muss man kein Fass aufmachen, als wäre ein schwuler Mensch die Sensation des Jahrhunderts, schließlich würde sich vermutlich kein heterosexueller Mensch zu seiner sexuellen Neigung bekennen – eben weil es komplett egal ist, solange es im gesetzlichen Rahmen ist.

#MeToo spielt ebenfalls eine gewisse Rolle, drängt sich aber nicht auf, auch wenn sich ein Großteil der Handlung um die Schauspielerei dreht und ein Regisseur – eben jener vermeintliche Ehebrecher – im Mittelpunkt steht. Das Buch-Cover wirkt zwar unaufgeregt ― der Inhalt ist es aber mitnichten.

„Lockvogel“ ist sehr dialoglastig, was ich sehr gerne mag. Sonst würde ich es als klassischen Whodunit-Krimi kategorisieren. Der Standort Wien spielt dabei aber eine untergeordnete Rolle, vielmehr steht die Interaktion zwischen den Charakteren – allen voran zwischen den Hauptakteuren Toni und Brehm – im Vordergrund. Ob „Lockvogel“ der Auftakt zu einer Reihe ist, ist für mich am Ende nicht ganz klar geworden. Ich würde es mir allerdings wünschen, weil das Duo Toni Lorenz – Brehm außerordentlich sympathisch ist und Toni sichtlich Spaß am Detektieren hat.

Daten zum Buch 

Autor: Theresa Prammer
Titel: Lockvogel
Seiten: 376
Kapitel: 36
Erschienen am: 16. März 2021
Verlag: Haymon Verlag
ISBN: 978-3709981030
Preis Print: 24,43 Euro
Preis Digital: 18,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Bernhard Aichner: Dunkelkammer (David Bronski – Band #1)

Es ist Winter in Innsbruck. Ein Obdachloser rettet sich in eine seit langem leerstehende Wohnung am Waldrand. Im Schlafzimmer findet er eine Leiche, die dort seit zwanzig Jahren unentdeckt geblieben war. Ein gefundenes Fressen für Pressefotograf David Bronski. Gemeinsam mit seiner Journalistenkollegin Svenja Spielmann soll er vom Tatort berichten und die Geschichte der Toten recherchieren. Dass dieser Fall jenseits des Spektakulären aber auch etwas mit ihm zu tun hat, verschweigt er.  Seit er denken kann, fotografiert Bronski das Unglück. Richtet seinen Blick auf das Dunkle in der Welt. Dort wo Menschen sterben, taucht er auf. Er hält das Unheil fest, ist fasziniert von der Stille des Todes. Es ist wie eine Sucht. Bronski ist dem Tod näher als allem anderen, er lebt nur noch für seine Arbeit und seine geheime Leidenschaft. Das Fotografieren, analog. Dafür zieht er sich zurück in seine Dunkelkammer. Es sind Kunstwerke, die er hier schafft. Porträts von toten Menschen. Es ist sein Versuch, wieder Sinn zu finden nach einem schweren Schicksalsschlag.(Offizieller Klappentext)


Bernhard Aichner ist ein Autor, der ständig in meiner Peripherie ist, von dem ich aber noch nie ein Buch gelesen habe. Lange habe ich mit der Totenfrau-Trilogie geliebäugelt, gelesen habe ich sie aber nie. Bei Aichners neuen Reihe habe ich mir schließlich gedacht „Jetzt aber!“ und habe mir den ersten Teil geschnappt – ich habe es nicht bereut.

David Bronski ist Pressefotograf. Einer jener, die vorm Polizeifunk sitzen und innerhalb kürzester Zeit bei Unfall- oder Tatorten sind, um Fotos für die Zeitungen zu machen. Er arbeitet bei einer der größten Zeitungen Deutschlands, doch jetzt verstößt es ihn zurück in seine alte Heimat Innsbruck. Für die Karriere hat er sein Kunststudium in Wien abgebrochen – vielleicht aber auch für die Liebe. Lange war er mit Mona zusammen. Sie sind gemeinsam nach Deutschland gegangen – nach Berlin, um genau zu sein. Mit ihr hat er ein Kind bekommen. Judith. Das Glück schien perfekt – bis Judith verschwand. Kurze Zeit später hat sich Mona das Leben genommen. Bronski hat alles erreicht – und alles verloren. Jetzt hat er nur noch seine Karriere. Und die führt ihn zurück nach Innsbruck. Sein ehemaliger Freund und Kollege Kurt Langer, mittlerweile arbeits- und obdachlos, meldet sich. Er ist da auf etwas gestoßen, was brisant sein könnte. Und das wird es.

David Bronski wird von allen eigentlich nur Bronski genannt – sogar von seiner Schwester Anna. Wird geschrieben. Wenige Seiten später wird Anna Lügen gestraft, als sie ihn beim Vornamen nennt. Anna ist Privatermittlerin und arbeitet auch am Fall mit, der recht schnell persönlich wird, denn am Tatort findet Bronski ein Foto der vor 20 Jahren verschwundenen Judith. Seiner Tochter.

Das Buch ist flott geschrieben. Sehr flott. Normalerweise brauche ich für 50 Seiten etwa 90 Minuten – hier waren es 60. Der Umstand ist dem Stil geschuldet, der sehr speziell ist, als dass das Buch einerseits normale Kapitel hat, andererseits reine Protokollkapitel. Die Protokollkapitel bestehen immer aus Dialogen zwischen zwei Charakteren. Zu Beginn der Kapitel liest man die Namen der zwei Charaktere, danach nur das Gesprochene. Ohne Beschreibungen. Ohne Emotionen. Im ganzen Buch gibt es keine Anführungszeichen, denn falls in den normalen Kapitel gesprochen wird – was selten passiert –, ist die Passage in kursiv gehalten. Die Protokollkapitel verlaufen alternierend zu den normalen Kapitel. Ein Schreibstil, den ich so noch nie gesehen habe, aber definitiv einer der interessantesten.

Es wird auch jedem Charakter Platz gelassen, seine Sicht der Dinge zu präsentieren. Sprich, nahezu jeder Charakter bekommt seine Kapitel. Im Vordergrund steht allerdings Bronski, und ich bin jetzt schon gespannt, worum es im nächsten Teil, der bereits im Juli diesen Jahres erscheint, geht, denn so persönlich wie in „Dunkelkammer“ kann es nicht immer werden, das wäre meiner Meinung nach realitätsfern. Niemand erlebt so viel krasses Zeug.

Überhaupt – und das ist mein größter Kritikpunkt – wirkt die Geschichte sehr konstruiert und selten wirklich organisch. Zum Beispiel gibt es einen Dialog zwischen Charakter X und Charakter Y. Aus dem Nichts sagt Charakter X sinngemäß „Ja dann lass ficken“ – aus dem NICHTS und völlig unromantisch, nur aus dem Grund, weil es immer auch eine Liebeskomponente in einem Kriminalroman geben muss. Das steht so im Handbuch. Dieser Aspekt muss besser werden.

Daten zum Buch 

Autor: Bernhard Aichner
Titel: Dunkelkammer
Seiten: 352
Kapitel: 50
Erschienen am: 22. März 2021
Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3442757848
Preis Print: 16,68 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension: Stephen King: Später

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ein normaler neunjähriger Junge. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, aber er steht seiner Mutter Tia, einer Literaturagentin, sehr nahe. Die beiden haben ein Geheimnis: Jamie kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und sogar mit ihnen reden. Und sie müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga bleibt leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe … Die beiden treten eine Reihe von unabsehbaren Ereignissen los, und schließlich geht es um, nun ja, Leben und Tod. (Offizieller Klappentext)


Stellt euch vor, ihr könntet mit toten Menschen reden, ihr könntet sie posthum alles fragen und sie müssten immer die Wahrheit sagen – eine gruselige Vorstellung. Aber eine nette Idee, in die wir uns alle hineinversetzen können. Aber da „nett“ bekanntlich der kleine Bruder von „scheiße“ ist, könnt ihr euch ausmalen, wie ich den aktuellen Stephen King fand.

Das Buch beginnt in der Jetzt-Zeit mit einer Rechtfertigung vom Gegenwarts-Jamie. Er rechtfertigt sich gleich mal für den häufigen Gebrauch des Wortes „später“. Der Prolog endet damit, dass er einräumt, dass dies wohl eine Horrorstory sei – um es kurz zu machen: Es ist vielleicht etwas gruselig, aber „Später“ entspricht nicht meiner Vorstellung von Horror. Damit, dass dies eine Story sei, hat er aber recht – dazu aber – ähm – später (hihi).

Nach dem Prolog reisen wir in die Vergangenheit zum sechsjährigen Jamie Conklin, der seine Fähigkeit, mit Toten zu reden, entdeckt, als seine Nachbarin stirbt. Das erzählt er – wie es Kinder in diesem Alter naturgemäß tun – seiner Mutter, welche recht bald erkennt, dass ihr Sohn sich das nicht ausgedacht hat. Als dann einer der größten Autoren, die sie als Literaturagentin betreut, stirbt, nutzt Jamies übersinnliche Fähigkeit aus, denn mittlerweile haben die Conklins einiges an Geld verloren, weil sie durch einen dubiosen Fonds übers Ohr gehaut wurden und von der New Yorker Park Avenue in eine billigere Wohnung ziehen mussten.

Danach geht das Buch aber erst richtig los, allerdings fehlt mir dann doch irgendwie ein roter Faden. Ein Anker. Ein Ziel. Stattdessen schlendern wir durch die Handlung und reden mit einem Toten nach dem Anderen: Das Buch ist zweifelsohne gut geschrieben, aber es ist eben nicht mehr als eine Story mit einer netten Idee – für ein vollwertiges Buch, für das man 20 Euro aufwärts zahlt, reicht es, meiner Meinung nach, nicht.

Auch das Ende ist vorhersehbar und völlig uninspiriert – und der Showdown hat die Bezeichnung Showdown eigentlich gar nicht verdient, denn mittendrin sagen sich Pro- und Antagonist „Nö, keinen Bock, lassen wir es bleiben“ – im übertragenem Sinne. Nachdem mich „Mind Control“ schon massiv enttäuscht hat, wurde ich mit „Später“ in meiner Meinung bestätigt: Stephen King wird absolut überbewertet.

Daten zum Buch 

Autor: Stephen King
Titel: Später
Originaltitel: Later
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Seiten: 306
Kapitel: 69
Erschienen am: 15. März 2021
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453273351
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 17,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Peter James: Du stirbst für mich (Roy Grace – Band #13)

Lorna Belling hat genug. Genug von ihrer höllischen Ehe und ihrem brutalen Ehemann Corin. Und jetzt auch von ihrem Liebhaber Greg, der sie seit zwei Jahren über seine wahren Absichten belügt. Doch als sie ihm droht, rastet Greg aus.
Als die Leiche einer toten Frau in Brighton gefunden wird, sieht für Detective Superintendent Roy Grace zunächst alles nach einem einfach zu lösenden Fall aus. Zumal ein brutaler Ehemann ein perfekter Hauptverdächtiger ist. Doch diese Ermittlung hat es in sich: Der Fall geht in eine völlig andere Richtung als gedacht, und Roy Grace steckt mitten in einer der schwierigsten Ermittlungen seines Lebens. (Offizieller Klappentext)


Letztens habe ich mich wieder mal an die Roy-Grace-Reihe von Peter James erinnert, von denen ich irgendwann im Jahre Schnee ein paar Teile gelesen habe. Mittlerweile gibt es 13 davon. 13 Teile über diverse Mörder, die das südenglische Brighton unsicher machen – das hat irgendwie etwas von „Der Bulle von Tölz“, denn die Vorstellung, dass eine mittelgroße Kleinstadt regelmäßig von (Serien)Mördern unsicher gemacht wird, ist fern jeglicher Realität. Aber vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept der Reihe.

Lorna ist Friseuse, bei der es nicht gerade rundläuft, denn sie wird tagein, tagaus von ihrem Mann Corin geschlagen und misshandelt – erst letztens hat er versucht, ihr Hundekot in den Mund zu stopfen. Neben dem Stylen hat sie nämlich auch begonnen, Hunde zu züchten. Um sich von den Gräueltaten ihres Mannes abzulenken, hat sie eine Affäre in einer Wohnung, die sie extra dafür gemietet hat. Ein Liebesnest. Eine Bumsbude. Jetzt hat sie herausgefunden, dass sie ihr Liebhaber nach Strich und Faden belogen hat. Läuft bei ihr.

Roy Grace ist plötzlich Vater geworden. Nachdem seine Ex-Frau Sandy zehn Jahre wie vom Erdboden verschluckt war, ist sie nach einem Unfall – sie wurde von einem Auto angefahren – wie aus dem Nichts aufgetaucht. Da sie den Unfall nicht gut verwunden hat, hat sie sich kurzerhand das Leben genommen. In ihrem Testament eröffnet sie Roy Grace, dass ihr zehnjähriger Sohn Bruno von ihm sei. Um die Formalitäten zu klären, reist Grace nach München, wo Sandy die letzten Jahre gelebt hat, und holt Bruno – der zum Glück tadellos Englisch spricht – zu sich nach Brighton. Für mich eine Horror-Vorstellung, wenn mir plötzlich ein fremder Mensch vorgesetzt wird, der mich in ein mir fremdes Land bringt. Aber Bruno verdaut es ganz gut, auch wenn er gewisse Probleme haben dürfte, wie Sandy im Testament schreibt.

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch rezensieren soll, da die Handlung zwischendrin nur schwer nachvollziehbar war, es oft Rückgriffe in vergangene Teile gab, die ich nicht verstanden habe, weil ich sie nicht gelesen habe. Graces Geschichte mit Sandy zum Beispiel – oder die mit seiner neuen Frau Cleo. Davon ausgehend würde ich nicht empfehlen, mit diesem Teil in die Reihe einzusteigen.

Der Kriminalfall – die Binnenhandlung sozusagen – ist aber durchaus okay – allerdings nichts, was outstanding ist. Man kann als Leser miträtseln, wer der Täter ist (was man spätestens im letzten Drittel des Buches heraus hat) und man bekommt immer wieder kurze Kapitel serviert, die die Sicht des Täters zeigen. Beziehungsweise ist lange gar nicht klar, ob es überhaupt Mord war – und das wirft eine interessante Frage auf: Wie viele Morde werden eigentlich als solche entdeckt? Oftmals – vor allem bei älteren Personen – geht man meistens von einem natürlichen Tod aus, wenn es nicht gerade offensichtlich ist – sprich: wenn das Opfer nicht gerade ein Loch im Kopf hat. Ich habe dann mal gegoogelt, wie viele Morde unentdeckt bleiben, und die Antwort ist schockierend, denn es sind 50 Prozent.

Na ja, zurück zum Buch: Kann man lesen, und es wird auch nie langweilig – aber man verpasst auch nichts, wenn man „Du stirbst für mich“ nicht liest. Ein zeitloser Thriller, der auch in fünf Jahren noch seine Aktualität hat.

Daten zum Buch 

Autor: Peter James
Titel: Du stirbst für mich
Originaltitel: Need you dead
Übersetzung: Irmengard Gabler
Seiten: 464
Kapitel: 115
Erschienen am: 24. Februar 2021 (als TB)
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN: 978-3596701537
Preis Print: 10,79 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der amtierende US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern … (Offizieller Klappentext)


Wenn man AutorInnen fragt, woher sie ihre Inspiration nehmen, kommt meistens „Inspiration gibt es überall“ als Antwort. Beim neuen Buch von Marc Elsberg kam eine sehr konkrete Antwort auf Instagram – denn einiges an Inspiration für seinen neuen Bestseller kam aus einer Graphic Novel. Elsberg hielt in einer Insta-Story ein Plädoyer für die bebilderten Bücher. Und mit „Plädoyer“ sind wir auch schon beim Thema: „Der Fall des Präsidenten“ ist nämlich ein Justizthriller, und damit etwas ganz Neues bei Elsberg.

Dana Marin arbeitet für den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag und lässt den ehemaligen Präsidenten der USA, Douglas Turner, in Athen verhaften. Ihm werden Kriegsverbrechen in Afghanistan vorgeworfen. Douglas Turner trägt dieselben Initialen wie Donald Trump, und er wird vom amtierenden Präsident Arthur Jones als »grenzdebiler, narzisstischer Mistkerl!« – ähnliche Verbalinjurien hat man auch Trump zugefügt. Zufall? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Für Arthur Jones ist die Verhaftung freilich eine Katastrophe, denn er steht mitten im Wahlkampf, da braucht er es wie ein Krebsgeschwür, dass sein Parteifreund mit schlechten Schlagzeilen im Rampenlicht steht. Dana Marin ist die Protagonistin. Ein Flüchtlingskind, das gemeinsam mit ihrer Mutter aus Sarajevo geflohen ist; ihren Vater musste sie damals zurücklassen, erst später kam er nach. Dana hat sich immer schon für Gerechtigkeit eingesetzt – und diese versucht sie auch jetzt zu erreichen. In Athen ist sie auf sich allein gestellt, ihre Kollegin und Chefanklägerin vom ICC, Maria Cruz, sitzt in Den Haag fest. Keine Fluglinie will sie aus Angst vor Sanktionen seitens der USA fliegen. Dabei geht es keineswegs darum, Turner in Athen zu verurteilen, es ist lediglich eine Vorverhandlung, ob der ICC überhaupt einen Prozess in Den Haag starten darf. Vorgeplänkel also. Allerdings ein wichtiges.

„Der Fall des Präsidenten“ hat so einige Besonderheiten. Nicht nur, dass es Elsbergs erster Justizthriller ist, war es auch mein erstes Buch, in dem Corona erwähnt wurde. Es spielt allerdings nur am Rande eine Rolle, von diversen Maßnahmen – Maske tragen, Abstand halten, Lockdown, etc. – ist keine Rede. Vielleicht gab es diese Maßnahmen zum Zeitpunkt, zu dem Elsberg die jeweiligen Seiten/Kapitel geschrieben hat, noch nicht. Oder Elsberg wollte der Pandemie nicht so viel Platz einräumen, weil wir ohnehin täglich damit konfrontiert werden. Noch etwas ist besonders an dem Buch: Der Titel. Elsbergs frühere Bücher hatten immer ein prägendes Wort – Blackout, Zero, Helix, Gier – und einen Untertitel. „Der Fall des Präsidenten“ hat weder das eine noch das andere. Abgesehen davon wird im Buch gegendert, allerdings nicht konsequent. Einmal heißt es „Demonstranten“, dann liest man wieder die geschlechtsneutrale Version „Demonstrierende“

Warum jetzt plötzlich ein Justizthriller, nachdem Elsbergs Bücher bisher immer in der Technik und Wissenschaft daheim waren? Schon bei „Gier“ behandelte er mit der Wirtschafts- und Finanzkrise ein Thema, das der Politik nahe war – mit „Der Fall des Präsidenten“ rückt er der Politik noch näher; genau genommen ist das Buch ein halber Polit-Thriller. Der Schritt zur internationalen Rechtsprechung ist da nur ein Katzensprung. Auch wenn die Thematik teilweise wie eine Uni-Vorlesung wirkt, weil es zeitweise um den American Service-Members’ Protection Act und den Rom-Statut und was weiß ich für Statuten geht, ist die Atmosphäre eine interessante. Und sie wirkt horizonterweiternd – aber das tun eigentlich alle Texte von Elsberg – auch wenn es nur ein Post auf Instagram ist.

Die Erzählweise finde ich manchmal etwas hektisch. Ohnehin sind die Kapitel nicht sehr lang, trotzdem wechseln die Szenen ständig. Fünf Zeilen Text zu einer Szene – Schnitt zur nächsten Szene – wieder fünf Zeilen – Schnitt – und zur nächsten Szene. Zumindest gefühlt. Das war mir manchmal etwas zu hektisch. Fast cineastisch. Etwas mehr Unaufgeregtheit hätte dem Buch gutgetan.

Daten zum Buch 

Autor: Marc Elsberg
Titel: Der Fall des Präsidenten
Seiten: 608
Kapitel: 98
Erschienen am: 1. März 2021
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3764510473
Preis Print: 23,55 Euro
Preis Digital:19,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar