[Rezension] Guillaume Musso: Ein Wort, um dich zu retten

Nathan Fawles war einst ein gefeierter Schriftsteller, doch von heute auf morgen hat er sich aus dem Autorenleben zurückgezogen – und keiner weiß, wieso. Raphaël Bataille schreibt nun selbst ein Buch; er verehrt Fawles und heuert auf der Insel Beaumont an – dort, wo Fawles seit zwanzig Jahren sein Dasein fristet. Er arbeitet in einer Buchhandlung und hofft, sein Idol einmal zu treffen. Als er sich schließlich zu Fawles‘ Anwesen aufmacht, erntet er nichts als Schüsse aus seiner Schrotflinte. Plötzlich taucht eine Leiche auf. Sie ist an den ältesten Eukalyptusbaum der Insel gepfählt – nun braucht Fawles seinerseits Hilfe von Bataille …


Ein neuer Musso. Lange habe ich gezögert, ihn zu lesen. Weder Titel noch Cover haben mich besonders angelacht – dafür der Klappentext. Aber selbst nachdem ich es mir via Netgalery besorgt habe, lag es noch Wochen auf meiner Festplatte herum – der Anfang überzeugte mich nicht. Und dann hab ich es doch gelesen und wurde überrascht.

Wir switchen zwischen drei Charaktere hin und her: Einerseits ist da der Schriftsteller im Ruhestand, Nathan Fawles, andererseits haben wir den Möchtegern-Schriftsteller Raphaël Bataille, und dann ist da noch die Schweizer Journalistin Monney. Ersterer will einfach nur seine Ruhe haben, Bataille will, dass Fawles sein Manuskript liest, und die Journalistin hat eine ganz eigene Agenda, die ebenfalls mit Fawles zu tun hat – Fawles bekommt also alles andere als Ruhe.

Das Buch ist aufgebaut wie ein Ratgeber für angehende Autoren, jedes Kapitel wird mit einem Zitat eines namhaften Autors eingeleitet – darunter William Shakespeare oder Umberto Eco. Auch die Geschichte selbst beherbergt einige Schreibtipps, deshalb bin ich aus Guillaume Musso offen gestanden noch nicht ganz schlau geworden. Er scheint kein klassischer Thriller-Autor zu sein, es macht eher den Anschein, als ob er sich wie Andreas Eschbach in kein Genre pressen lassen zu wollen. Dennoch: Seine Bücher haben etwas, das mich reizt. Das war beim „Mädchen aus Brooklyn“ so, und das ist bei diesem ebenso. Auch das Cover sieht nicht wie ein klassisches Cover eines Thrillers aus (und man erkennt Thriller sofort am Bild der Frontseite eines Buches), und dennoch hat „Ein Wort, um dich zu retten“ einige Elemente, die ein Thriller hat (zum Beispiel eine Leiche).

Wir haben hier ein Buch im Buch, denn der Jungspund Raphaël Battaille schreibt gerade an einem Buch, das denselben Namen trägt wie der neueste Musso, wir wissen also eigentlich gar nicht, ob die Ereignisse, die im Buch passieren, real oder fiktiv sind. Musso lässt dem Leser irrsinnig viel Interpretationsspielraum – nicht nur hier, sondern auch am Ende. Offene Enden mag ich normalerweise gar nicht, aber hier ist es stimmig. Es passt zur Erzählung.

Und so flanieren wir flott und leichtfüßig durch den Plot, beseelt durch die Insellandschaft und dem interessanten Charakter Nathan Fawles, vorbei an einer groben Logiklücke und einem gröberen Ereignis, das nicht ganz in die Erzählung passt, aber sogar hier lässt uns Musso Raum für Interpretationen. Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch.

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Daten zum Buch 

Autor: Guillaume Musso
Titel: Ein Wort, um dich zu retten
Originaltitel: La vie secrète des écrivains
Übersetzung: Bettina Runge, Eliane Hagedorn
Seiten: 336
Kapitel: 18 (+ Pro- & Epilog)
Erschienen am: 2. Juni 2020
Verlag: Pendo
ISBN: 978-3866124837
Preis Print: 16,99 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Chris Carter: Bluthölle (Hunter & Garcia – Band #11)

Angela lebt seit fünf Jahren in Los Angeles. Sie war dorthin geflüchtet, nachdem sie ihren Bruder auf tragische Weise verloren hat – die Schuld dafür gibt sie sich selbst. Jetzt arbeitet sie als Taschendiebin. Sie behauptet von sich, die Beste zu sein – aber auch die Ehrenhafteste. Das will sie auch beweisen, als sie eines Tages in einem Café sitzt und einem Mann, der sich unfreundlich verhält, seine Tasche klaut – doch mit so einem Inhalt hat sie nicht gerechnet. In der Tasche befindet sich ein Tagebuch, in dem detailliert Morde beschrieben werden. Sie schickt das Buch ans LAPD, doch sie hat die Rechnung ohne den Mörder gemacht – denn der jagt sie jetzt …


Unmittelbar bevor ich begonnen habe, „Bluthölle“ zu lesen, habe ich den allerersten Teil der Hunter-Garcia-Reihe gelesen. „Der Kruzifix-Killer“. Ich wollte die Faszination dieser erfolgreichen Reihe verstehen – und bin gescheitert. Jetzt also der neueste Teil von Chris Carter; und was soll ich sagen – Euphorie hat „Bluthölle“ bei mir keine ausgelöst. Warum, erfährt ihr weiter unten.

Robert Hunter ist nach wie vor ein Ausnahmeagent beim LAPD, bla, geschenkt – sind es nicht immer Ausnahmeerscheinungen? Eben. Wesentlich faszinierender war für mich Angela, die blitzgescheite und sympathische Profi-Taschendiebin, die vor fünf Jahren nach Los Angeles kam. Damals hat sie ihren elfjährigen Bruder verloren – bis heute gibt sie sich die Schuld, dass er einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Nun also Taschendiebin, obwohl sie das Zeug für etwas wesentlich Legaleres hätte. Dass Carter eine junge Frau von der Täterin zum Opfer macht – und man muss wahrlich kein Hellseher sein, um das kommen zu sehen – kann man hinterfragen. Andererseits hätte man es ihm auch vorgeworfen, wenn er eine Würstchenparty – sprich: nur Männer an vorderster Protagonistenfront – veranstaltet hätte. Wie man‘s macht, macht man‘s falsch. Und Garcia, Hunters Partner? Der ist auch da, Hunter steht aber, wie schon in „Jagd auf die Bestie“, im Fokus.

Chris Carters anhaltender Erfolg als Autor ist für mich ebenso bemerkenswert wie überraschend. Denn weder der erste, noch der dritte Teil seiner Reihe, den ich 2012 angefangen, aber nie beendet habe, haben mir die Frage des Wieso beantworten können. Dann kam letztes Jahr „Jagd auf die Bestie“, welcher tatsächlich interessant und spannend war – fast hatte mich Carter am Haken –, aber „Bluthölle“ hat tatsächlich nichts, was mich reizt, weitere Teile der Reihe zu lesen. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass „Bluthölle“ einer der schlechtesten Serienmörder-Thriller war, den ich je gelesen habe. Gut zu lesen ist das Ding allemal, daran scheitert es nicht, aber den Mörder und sein Handeln zu durchschauen, ist dermaßen einfach, dass vermutlich jeder, der ein paar Thriller gelesen hat, beim LAPD anheuern könnte – dazu bräuchte es weder einen Hunter noch einen Garcia. Mit Spannung brilliert „Bluthölle“ definitiv nicht.

Was allerdings durchaus nett ist, ist die Schnitzeljagd, die uns Carter gegen Ende bietet – auch wenn sie irgendwann im Sand verläuft. Den Showdown zieht Carter für meinen Geschmack etwas in die Länge, auch wenn die Systemkritik, die dem vorausgeht, durchaus ihre Berechtigung hat.

Dass das Buch alles andere als gut ist, mag vielleicht auch daran liegen, dass der Schreibprozess von einem Verlust in Carters engerem Umfeld überschattet wurde. Mag sein. Aber bevor ich dann so ein Buch abliefere, lass ich es lieber bleiben und warte, bis bessere Gedanken kommen. Schade um das Geld der Carter-Fans.

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Daten zum Buch 

Autor: Chris Carter
Titel: Bluthölle
Originaltitel: Written in Blood
Übersetzung: Sybille Uplegger
Seiten: 416
Kapitel: 99
Erschienen am: 3. August 2020
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3548291925
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Podcast-Sofa #2] Die True-Crime-Podcast-Ecke – heute mit: Mordlust

Meine zweite große Leidenschaft neben Bücher sind Podcasts, und letztens ist mir aufgefallen, dass ich ziemlich viele True-Crime-Podcasts abonniert habe oder in der Vergangenheit abonniert hatte. Und da dachte ich mir, ich mache eine neue Kategorie auf und stelle Euch immer mal wieder einen Podcast vor – willkommen auf dem Podcast-Sofa. Heute auf dem Podcast-Sofa: Mordlust.


 

Mordlust“ ist ein Podcast von Funk. Funk ist das junge Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands. Präsentiert wird der Podcast von Laura Wohlers und Paulina Krasa, die in jeder Episode jeweils einen Kriminalfall vorstellen. Die Laufzeit der Folgen, die alle zwei Wochen immer mittwochs erscheinen, belaufen sich bei rund 1,5 Stunden. Eingeleitet wird der Podcast von einem nicht unumstrittenen Intro, bei dem eine Frau einfach nur „Mordlust“ ins Mikro haucht. Auch in der „hauseigenen“ Facebook-Gruppe wurde dies breit diskutiert.

Das Asset des Podcasts ist nicht nur, dass er – aufgrund des öffentlich-rechtlichen Status – werbefrei ist, sondern auch, dass es direkte Reaktionen der Moderatorinnen gibt, da beide den jeweils anderen Fall nicht kennen – da kann es schon passieren, dass plötzlich Tränen fließen oder ein fassungsloses „Ach Quatsch“ dazwischen gerufen wird.

Es kommt auch vor, dass zwischendurch gelacht wird, da beide Moderatorinnen laut eigenen Aussagen einen morbiden Humor haben. Das ist aber nie despektierlich gemeint, sondern eher ein „comic relief“, wie zu Beginn einer jeder Folge betont wird – dass man das Wortkonstrukt, das seinen Ursprung in der Filmbranche bzw. der Literatur hat, in einem öffentlich-rechtlichen Medium kurz erklärt, hält man nicht für nötig. Nach dem Motto „Google ist doch gleich ums Eck“.

Und dann findet der Bildungsauftrag doch noch seinen Platz – nämlich beim Aha! Das Aha! ist eine Kategorie, die gewisse Themen näher erläutert. Dazu ziehen die zwei auch gerne Experten zurate, die durch Audiomitschnitte in den Podcast eingepflegt werden.

„Mordlust“ war tatsächlich mein erster True-Crime-Podcast, vor allem, weil es damals außer „Zeit Verbrechen“ im deutschsprachigen Raum nichts gab. Mittlerweile höre ich diesen Podcast nicht mehr, weil es Tonnen besserer True-Crime-Podcast gibt. Unter anderem störe ich mich an dem Geltungsdrang der beiden, was beim Titelbild des Podcasts beginnt (siehe oben bzw. unten) – mir ist es nämlich völlig wurscht, wie die Menschen aussehen, die einen Podcast machen. Hauptsache, die Qualität stimmt. Aber auch, weil mir die Folgen zu lange sind. Eine Stunde ist für mich bei True-Crime-Podcast so ziemlich die Obergrenze.

Den Podcast kann man definitiv hören – und wer nichts gegen ein zweifelhaftes Demokratieverständnis hat (siehe Link oben), sollte sich auch an der Facebook-Gruppe beteiligen (großteils geht es dort gesittet zu).

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[Kurzrezension] Chris Carter: Der Kruzifix-Killer (Hunter-Garcia-Reihe – Band #1)

Los Angeles: Die Leiche einer wunderschönen Frau wird gefunden, zu Tode gequält und bestialisch verstümmelt. Keinerlei Spuren. Bis auf ein in den Nacken geritztes Kreuz, ein Teufelsmal: das Erkennungszeichen eines hingerichteten Serienmörders. Detective und Profiler Robert Hunter wird schnell klar, dass der Kruzifix-Killer lebt. Er mordet auf spektakuläre Weise weiter. Und er ist Hunter immer einen Schritt voraus – denn er kennt ihn gut. Zu gut. Lernen Sie auch das Hörbuch zu diesem Titel kennen! (offizieller Klappentext, © Ullstein)


Nachdem ich den zehnten Teil der Hunter-Garcia-Reihe letztes Jahr gelesen habe, konnte ich die Faszination der Leute verstehen – jetzt, nachdem ich den ersten Teil gelesen habe, kann ich das nicht so ganz.

Carter packt zweifelsohne jede Menge Kreativität in die Morde – und spannend ist das Ganze obendrein –, aber das tat ein Mankell bei seinem Wallander auch schon. Robert Hunter ist ein Verschnitt von Sherlock Holmes, mit einem Hang zum Reaktionären und Chauvinistischen, der Garcia paternalistisch behandelt („Grünschnabel“). Alles andere als sympathisch also. Hätte ich die Reihe mit diesem Teil begonnen, weiß ich nicht, ob ich einen Weiteren gelesen hätte. Aber bei „Jagd auf die Bestie“ hat sich Hunter zum Glück schon weiterentwickelt. Und auch wenn ich mir die Auflösung des Falles logisch nicht ganz erklären konnte, fand ich die psychologische Komponente durchaus interessant.

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Kurzrezensionen sind Rezension, die im Vorfeld eigentlich nicht geplant waren und für die keine Notizen angelegt wurden. Sie entstehen aus dem Stegreif, wenn mir etwas unter den Nägeln brennt.
Daten zum Buch 

Autor: Chris Carter
Titel: Der Kruzifix-Killer
Originaltitel: The Crucifix Killer
Übersetzung: Maja Rößner
Seiten: 480
Kapitel: 70
Erschienen am: 15. Juni 2009
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3548281094
Preis Print: 10,90 Euro
Preis Digital: 2,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Karsten Dusse: Das Kind in mir will achtsam morden (Achtsamkeitsreihe – Band #2)

Björn Diemel wurde von seiner Frau ein weiteres Mal zum Achtsamkeits-Coach geschickt, weil er seine Gefühle nicht im Griff hat und dies auch regelmäßig signalisiert. Der Coach legt bei den Sitzungen Björns inneres Kind frei, dessen er sich noch gar nicht bewusst war. Nun ist es halt da und muss gezähmt werden. Dass Björn seit einem halben Jahr Boris, den Chef eines Mafia-Clan in seinem Keller sitzen hat, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Dass dieser eines Tages plötzlich nicht mehr in seinem Verlies hockt, ebenfalls nicht. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges, denn Björn wird von einem Unbekannten erpresst – und dafür benötigt er Boris …


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Mit „Achtsam morden“ hat Karsten Dusse nicht nur ein innovatives Genre erschlossen, sondern auch einen Überraschungserfolg gefeiert. Nun kam „Das Kind in mir will achtsam morden“ heraus und setzt fort, wo der erste Teil geendet hat. Ich habe mich riesig auf den neuen Dusse gefreut – und wurde nicht enttäuscht.

Ja, der Blutfleck, der sich am Cover des ersten Teils der Achtsamkeitsreihe befindet, findet sich auch auf dem Kind, das die Reihe nun in die Welt gesetzt hat, wieder. Allerdings ergänzt durch ein paar weitere kindliche Farbkleckse. In „Achtsam morden“ hat uns Karsten Dusse das Achtsamkeitsthema im Allgemeinen näher gebracht, jetzt spezialisiert er sich auf das innere Kind. Und man merkt, dass Dusse selber achtsam lebt, denn dem neueste Spross merkt man die Hingabe seines Autors an, die er beim Schreiben an den Tag gelegt hat. So eine Leichtigkeit, Kreativität und vor allem diese Gewitztheit, in Kombination mit diesem schweren Thema, findet man nicht oft.

Gleich zu Beginn blicken wir zurück, denn so ganz hatte ich „Achtsam morden“ nicht mehr auf dem Schirm. Danach wird es hoch psychologisch, aber auch hoch interessant. Das Großartige ist, dass sich der Protagonist, der sich zu Beginn des Buches abermals bei seinem Achtsamkeits-Coach findet, nie direkt, sondern eher indirekt tötet – so auch in den Alpen, in denen er mit seiner Frau Katharina und seiner Tochter Emily war. Bis auf Dragan, den er im ersten Teil ziemlich direkt zerstückelt und in den Häcksler geworfen hat – aber da war er schon tot, von der Hitze im Kofferraum, in den Dragan aus freien Stücken gestiegen ist, würde der gelernte Strafverteidiger wohl argumentieren.

„Das Kind in mir will achtsam morden“ spielt ein halbes Jahr nach dem ersten Teil, ist noch besser als sein Vorgänger und dabei nicht nur interessant, sondern auch rasant. Es macht Spaß, Björn Diemel ein weiteres Mal zuzusehen, wie er die Achtsamkeit auf seine ganz eigene Weise interpretiert. Dabei kommuniziert er immer wieder mit seinem inneren Kind, welches wirkt wie irgendwas zwischen einem zusätzlichen Protagonisten und einer gespaltenen Persönlichkeit.

Was weniger Spaß macht, ist das Wort „Assis“, das Dusse regelmäßig benutzt. Ich weiß, dass diese Abkürzung von „Asoziale“ weit verbreitet ist – für mich ist „Assis“ die Abkürzung von „Assistenten“, welche ich als Student mit Behinderung zuhauf gehabt habe. Und die haben weder im Park randaliert, wie sie es in Dusses neuestem Buch tun, noch waren es Asoziale – ganz im Gegenteil. Auch die Interpunktion war für mich nicht zu hundert Prozent zufriedenstellend (siehe Grafik unten), aber weit weniger schwerwiegend als die „Assis“ (wo kommt eigentlich das doppel-S her?).

Daten zum Buch 

Autor: Karsten Dusse
Titel: Das Kind in mir will achtsam morden
Seiten: 480
Kapitel: 50
Erschienen am: 11. Mai 2020
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453424449
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Alex Beer: Das schwarze Band (August Emmerich – Band #4)

In Wien werden drei Frauen ermordet. Drei Prostituierte. August Emmerich wird gemeinsam mit seinem Kompagnon Ferdinand Winter auf diesen Fall angesetzt. Bevor sie den Mörder suchen, stehen sie aber vor einem anderen Rätsel: Es sollten eigentlich drei Leichen sein – doch in der Wohnung finden sich nur zwei. Wo ist die Dritte? Oder gibt es gar keine dritte, sondern hat das leichte Mädchen ihre zwei Freundinnen getötet? Die Hitze, die im Wien von 1921 herrscht, hilft beim Nachdenken auch nicht weiter, und die rasant steigende Inflation erschwert die Ermittlungen ebenfalls. Dazu ist Emmerich immer noch dabei, seine Mutter zu finden, die ihn nach seiner Geburt vor ein Waisenhaus gelegt hat – eine Informantin hat ihm gesteckt, dass sie sie kennt, doch bevor sie die Information rausrückt, will sie Geld. Geld, das Emmerich nicht hat. Doch den Fall darf er auch nicht ermitteln, denn nachdem er den österreichischen Bundeskanzler beleidigt hat, wird er zu einer Disziplinarschulung verdonnert. Jetzt ist der blaublütige Ferdinand Winter auf sich alleine gestellt, doch die zwei Leichen sind nur die Spitze des Eisberges – die Republik ist in Gefahr…


Endlich der neue Emmerich, eine Reihe, auf die ich vor mittlerweile drei Jahren gestoßen bin. Der Name Alex Beer sagte mir damals gar nichts, obwohl zu der Zeit, zu der ich mir das Buch besorgt habe – wenige Wochen vor Release des zweiten Teils – „Der zweite Reiter“ längst ein Bestseller war, Beer eine gefeierte Autorin. Aber ich bin auch alles andere als ein Literatur-Connaisseur. Vom Feuilleton fange ich erst gar nicht an. Die Reihe – das hier ist der vierte Teil – hatte seine Höhen und Tiefen, „Das schwarze Band“ zählt eher zu den Höhen. Vor allem weil sich Beer diesmal einen besonderen wie überraschenden Kniff einfallen hat lassen.

August Emmerich kennen wir als badass Ermittler, der sich nichts scheißt und für den Regeln da sind, um gebrochen zu werden. Nachdem im vorigen Teil – Achtung, Spoiler – seine Frau Luise getötet wurde, ist er jetzt alleinerziehender Vater von drei Kindern. Das geht sich schwer aus, wenn man ganzen Tag auf Verbrecherjagd ist – und finanziell außerdem. Gerade wurde der Preis der Pferdetaxis über Nacht versechzigfacht – stellt euch das mal vor. Da geh ich lieber zu Fuß. Und Frau Seidl, mit der Emmerich zusammenwohnt, weil er keine Wohnung findet, hat auch keine Lust mehr, auf die Blagen aufzupassen, schon gar nicht, wenn sie ihre Erbstücke zerdeppern. Jetzt muss sie aber, denn Emmerich wurde zu einer zehntägigen Disziplinarschulung verdonnert, weil er Bundeskanzler Schober bei seinem Abschied als Polizeipräsident in aller Öffentlichkeit desavouiert hat. Jetzt muss Ferdinand Winter den Fall alleine lösen – ob das gut geht?

Tatsächlich teilt Beer „Das schwarze Band“ in zwei Handlungsstränge auf, in die von Emmerich, der die Schulung absolviert und in den vom blaublütigen Ferdinand Winter. Als Kenner der Reihe war ich skeptisch, vor allem was Winters Strang betrifft, denn der ist im Gegensatz zum goscherten Emmerich noch grün hinter den Ohren – und prüde obendrein. Nicht gut, wenn die erste Anlaufstelle in der Ermittlung ein Freudenhaus ist. Aber Beer hat das gut gelöst und entwickelt den Charakter Winters um ein Hauseck weiter. Vielleicht sind er und Emmerich ja irgendwann auf Augenhöhe – ich persönlich hoffe das nicht, denn Winter finde ich mit seiner naiven Art liebenswert. Und mit Emmerich kann man sicher gut um die Häuser ziehen; der zeigt dir bestimmt Ecken in Wien, die ich nicht mal vom Hörensagen kenne (und ich wohne in Wien).

Auch wieder recht präsent ist der Wiener Dialekt, da liest man Wörter wie Kieberer (Polizisten) und Futen (das dürft ihr selbst googeln). Das rechne ich Beer hoch an, denn das war nicht immer so. Das verleiht dem Buch eine hohe Authentizität, die ein Buch, das den Geist des Wien von 1921 atmet, auch benötigt. Neben der Authentizität, bekommt man auch Wissen präsentiert, zum Beispiel jenes um Westungarn, worum sich ein Machtkampf zwischen dem ehemaligen Kaiserreich Österreich-Ungarn entbrennt. Richtig interessant.

Interessanter hätte ich es allerdings auch gefunden, wenn die Rätsel, die im Buch vorkommen, nicht im Nullkommanix gelöst werden. Ich erwarte zwar keine Dan Brown‘eske Schnitzeljagd durch ganz Wien, aber die Protagonisten dürften schon ein paar Seiten daran knabbern, und nicht das Lösen andere erledigen lassen.

Am Ende wartet ein Gänsehautmoment aller erster Güte. Hierzu empfehle ich aber, die ganze Reihe von Anfang an zu lesen, damit dieser zum Tragen kommt.

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Daten zum Buch 

Autor: Alex Beer
Titel: Das schwarze Band
Seiten: 352
Kapitel: 44
Erschienen am: 25. Mai 2020
Verlag: Limes
ISBN: 978-3809027201
Preis Print: 20,56 Euro
Preis Digital: 15,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Podcast-Sofa] Die True-Crime-Podcast-Ecke – heute mit: Dunkle Spuren

Meine zweite große Leidenschaft neben Bücher sind Podcasts, und letztens ist mir aufgefallen, dass ich ziemlich viele True-Crime-Podcasts abonniert habe. Und da dachte ich mir, ich mache eine neue Kategorie auf und stelle Euch immer mal wieder (grob einmal im Monat) einen Podcast vor – willkommen auf dem Podcast-Sofa. Heute auf dem Podcast-Sofa: Dunkle Spuren.


Dunkle Spuren“ zählt zu meinen Lieblings-True-Crime-Podcasts. Jeden Freitag erscheint eine neue Ausgabe. Das Besondere bei diesem Podcast ist, dass ungeklärte Fälle besprochen werden, genau genommen ist es also ein Cold-Case-Podcast. Die Fälle finden alle in Österreich statt, und moderiert wird der Podcast von Stephan Andrejs, dessen ruhige Stimme sehr angenehm zu hören ist. Andrejs ist Chef vom Dienst bei der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ und der Podcast ist ebenfalls ein Produkt des „Kurier“ (deshalb das K im Logo). Ihm zur Seite sitzt immer eine zweite Person, die einen Fall, den sie recherchiert hat, präsentiert. Dabei werden auch immer wieder Audiomitschnitte eingespielt – befragte Anwohner, Freunde der Opfer, Ermittler, etc. –, auf die Andrejs investigativ reagiert.

Der Podcast erscheint in Staffeln, es gibt also immer wieder wochenlange Pausen, die allerdings gerne mit Spezialfolgen gefüllt werden, in denen diverse Menschen aus dem kriminalistischen Umfeld interviewt werden – Tatortreiniger etwa. Die Folgen gehen zirka 30-45 Minuten lang und zwischendurch werden andere Podcasts aus dem „Kurier“-Kosmos beworben. Am Ende der Folgen wird immer zur Hilfe aufgerufen, damit die Fälle gelöst werden – da ich nicht jede Folge gehört hab – ich höre ihn seit Anfang 2020, deshalb fehlt mir etwa ein halbes Jahr – weiß ich nicht, ob durch den Podcast schon Fälle gelöst wurden. Jedenfalls ein hörenswerter Podcast.

Kennt ihr, oder habt ihr womöglich selber einen True-Crime-Podcast? Schreibt es in die Kommentare.

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[Rezension] Romy Hausmann: Marta schläft

Nadja wünscht sich so sehr mehr Aufmerksamkeit von Laura. Früher waren sie Freundinnen, dann hat sie Gero geheiratet. Gero van Hoven, ihren und Nadjas Chef. Staatsanwalt. Erfolgreich. Und was hat Nadja? Nur ihre Vergangenheit, die düsterer nicht sein könnte. So düster, dass sie ihre Auswirkungen noch heute spürt. Und dann kommt tatsächlich der Tag, an dem Laura Nadjas Hilfe braucht. Nadja springt sofort, will helfen – und dann steht sie vor einer Leiche und einer Menge Blut. Egal, sie nimmt die Zügel in die Hand, entwirft einen Plan. Ab mit der Leiche ins Auto und irgendwo hinbringen. Irgendwo, wo Gero bereits wartet – warum? Wie kann er Bescheid wissen? Er packt sie, sperrt sie in ein Zimmer und bereitet ein tödliches Tribunal vor  …


Bereits Romy Hausmanns erster Thriller hat mich angelacht. Nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern primär wegen des Covers. Diese Schlichtheit ist catchy, und findet sich auch bei ihrem neuesten Werk wieder. Obwohl sich die beiden Covers so ähneln, dass man meinen könnte, die beiden Bücher hingen zusammen, muss ich dementieren – beides sind eigenständige Bücher. Und das ist gut so. Oder auch nicht.

Nadja wacht in einer Tankstelle auf; mit einem Cut auf der Stirn. Sie dachte, sie wäre eine Klippe hinabgestürzt – aber so kompliziert ist es dann doch nicht. Aufstehen, alle Versuche, sie in ein Spital zu bringen, abwehren, und weiterfahren. Die Perücke nicht vergessen, die ihr vom Kopf gerutscht ist. Und weiter geht die Fahrt. Mit Leiche im Kofferraum. Laura wird auch bald beim angestrebten Ziel sein. Aber dort angekommen, wartet die gebürtige Polin vergebens auf sie.

In einem zweiten Erzählstrang lernen wir Nelly kennen. Und mit ihr beginnt auch das Verderben im doppelten Sinn, denn einerseits stirbt sie und zweitens ist sie für die Geschichte so irrelevant, dass ich sie fünfzig Seiten vorm Ende des Buches, als ich begonnen habe, diese Rezension zu schreiben, längst vergessen habe. In meinen Notizen steht noch, dass sie mit ihrem Großvater immer Schwarz-Weiß-Filme geschaut hat — geschenkt.

Insgesamt gibt es drei Erzählstränge, die irgendwann verschwimmen. Die Erzählweise ist komplizierter als nötig – mehr Feuilleton als Hollywood. Als einfacher Mensch ist mir Hollywood doch lieber, obwohl ich alles andere als Cineast bin. Hausmann hat zwar einen flotten Schreibstil, und ich war auch recht schnell durch, aber insgesamt war mir „Marta schläft“ zu verkopft. Auch habe ich nicht ganz verstanden, warum Hausmann irgendwann das Rotlichtmilieu in die Geschichte mit einbaut. Vielleicht um der Geschichte einen verruchten Touch zu verpassen. Na ja.

Ich habe mir das Buch übrigens wegen eines Podcast-Interviews mit Romy Hausmann geholt, in dem sie mir sehr sympathisch und vor allem authentisch vorkam. Sie hat dabei auch über den Schreibprozess ihres ersten Psychothrillers — „Liebes Kind“ — erzählt, wo sie sich tagelang nicht gewaschen hat, um den Schreibfluss nicht zu unterbrechen — diese Offenheit hat mir imponiert. Dennoch wird „Marta schläft“ vermutlich das einzige Buch gewesen sein, das ich von ihr gelesen habe.

Daten zum Buch 

Autor: Romy Hausmann
Titel: Marta schläft
Seiten: 400
Kapitel: 73 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. April 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262507
Preis Print: 16,90 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Claire Douglas: Vergessen – Nur du kennst das Geheimnis

Kirsty hat den Traum, ein Gästehaus zu führen, also kauft sie sich kurzerhand ein altes Haus in Wales. Doch dann kommt Selena, ihre Cousine, mit der sie sich früher gut verstanden hat. Sie waren fast wie Schwestern – bis ein Vorfall Misstrauen gesät hat. Kirsty ging weg und studierte, Selena hat sie nie wieder gesehen. Hat sie sich verändert oder lügt sie immer noch so schamlos wie damals? Sie ist eine liebende Mutter geworden, kümmert sich rührend um ihre behinderte Tochter. Sie ist von ihrem Mann Nigel geflüchtet, er sei ihr gegenüber gewalttätig, sie müsse weg. Behauptet sie. Als dann Dean auch noch kommt, mit dem Selena früher eine Beziehung hatte, kommt Spannung auf. Kirsty mag ihn nicht, traut ihm nicht mit seinem schelmischen Grinsen, das nie bis zu seinen Augen reicht. Dann beginnt es: welke Blumen liegen vor der Tür, ein Strick hängt eines Tages an der Decke, und dann liegt  plötzlich jemand tot am Fuß der Treppe. Ist dieses Haus verflucht …?


Das dritte Buch von Claire Douglas erschien im April, und ich hätte es fast übersehen. Erst im Mai hab ich mir ihren neuesten Psychothriller geholt, dann lag er noch ein paar Wochen herum, aber dann habe ich mich ins „Vergessen“ gestürzt – ein Titel, der auch als Demenz-Ratgeber funktionieren könnte. Mit Demenz hat dieses Werk aber nichts am Hut; genau genommen auch nichts mit dem Vergessen.

Kirsty hat sich gemeinsam mit ihrer Mutter Carol ein altes Pfarrhaus gekauft und will ihren Traum von einem Gästehaus, einer Pension, verwirklichen. Generell ist es ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang, denn ihr Mann Adrian hat vor einem Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein guter Anlass also für einen Tapetenwechsel. Nach seinem Zusammenbruch versucht sich der ehemalige Rechtsanwalt als Autor – ein Thriller soll es werden. Die Kinder – Evie und Amelia – müssen mit. Dass keine der beiden damit glücklich ist, ist wurscht – mitgehangen, mitgefangen. Und dann kommt auch noch Selena, Kirstys Cousine, mit ihrem Kind – aber dem nicht genug, denn Kirstys Halbbruder und der Ex von Selena checken ebenfalls ein. Das Geschäft brummt, aber mein erster Gedanke war: Solche Familientreffen gehen selten gut – tut es auch hier nicht.

Vor der Leiche kommt der Grusel, denn nicht nur liegt das Pfarrhaus – logischerweise – neben einem Friedhof, sondern es taucht auch eine sonderbare Puppe auf, in die sich Evie – die jüngere der beiden Töchter – sofort schockverliebt. Dass sich dann auch noch ein Gast als Esotante entpuppt, die etwas von schlechter Energie daherbrabbelt, macht die Gänsehaut-Atmosphäre perfekt. Wir finden also gleich mehrere Genres im 464 Seiten starken Buch – später kommt noch ein Whodunit-Aspekt dazu. Denn natürlich ist die Hauptfrage des Thrillers: Wer hat wen die Treppe hinuntergestoßen? Denn dass es ein Unfall war, wird schnell von der Polizei ausgeschlossen. Da ist auch die Leserschaft eingeladen, mitzuraten – als Preis winkt nichts Geringeres als … okay, es gibt nichts. Aber davon immerhin viel.

Das Buch wird in ein Davor und ein Danach geteilt – vor dem Tod und danach. Hier zählen wir jeweils die Tage. Der Prolog bietet dabei ein schönes Foreshadowing, in dem der vermeintliche Unfall schon mal grob skizziert wird. Später lesen wir dieselbe Szene noch mal, nur erfahren wir dann erst, wer das Opfer ist.

Auch wenn die Geschichte etwas braucht, um in die Gänge zu kommen, entwickelt sich das Buch irgendwann zu einem richtigen Pageturner. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Seiten in so wenig Zeit gelesen. Trotzdem bietet „Vergessen“ einen gewissen Tiefgang, Douglas behandelt nämlich ein paar sehr interessante Themen.

Die größte Schwäche sind allerdings die Charaktere, die leider kaum Tiefe bieten, teilweise konnte ich sie nicht mal auseinanderhalten, weil sie sich so ähnlich sind. Auch empfand ich Kirsty als irrsinnig schwachen Charakter und für den Beruf als Pensionsbesitzerin eigentlich ungeeignet. Sie schafft es nicht einmal, einer Gästin zu sagen, dass ihr Hund nicht hierbleiben darf. Abgesehen davon lässt sie ihren Asthmaspray immer irgendwo liegen (das hat zwar auch andere Gründe, aber zumindest gegen Ende fallen diese weg). Ich wurde auch auf dem Buchtitel nicht wirklich schlau, denn mit dem Inhalt hat er recht wenig zu tun.

Gruselfans schlagen zu, aber alles in allem fand ich, dass „Vergessen“ bis dato das schwächste Buch von Claire Douglas ist.

Daten zum Buch 

Autor: Claire Douglas
Titel: VERGESSEN – Nur du kennst das Geheimnis
Originaltitel: Do Not Disturb: Be Careful who You Let Inside
Übersetzung: Ivana Marinović
Seiten: 464
Kapitel: 40
Erschienen am: 27. April 2020
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10546-6
Preis Print: 13 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Lilja Sigurðardóttir: Das Netz (Island-Trilogie – Band #1)

Sonja reist durch halb Europa und hofft, dass sie ihren Sohn Tómas bald zu sich holen kann – oder dass sie ihn zumindest öfter als alle zwei Wochen für ein Wochenende bei sich hat. Aber dazu braucht sie Geld, das sie jetzt als Drogendealerin verdient. Und dann ist da auch noch Agla, mit der sie so etwas wie eine Beziehung hat. Das weiß auch ihr Ex-Mann Adam spätestens seit er die zwei in flagranti erwischt hat. Agla hingegen hat nicht nur das Problem, dass sie nicht zu ihrer lesbischen Seite steht, sondern, dass sie kurz vor einer Anklage wegen Marktmissbrauch steht – Agla ist Top-Managerin einer Bank und mitverantwortlich für den Bankencrash.
Bragi ist Zollbeamter am Flughafen in Reykjavík und ihm fällt Sonja schon länger etwas sonderbar auf. Sie ist etwas zu perfekt – da stimmt doch etwas nicht. Also recherchiert er und beschattet sie irgendwann sogar …


Könnt ihr euch noch an den Bankencrash 2008 erinnern? Lächerlich, angesichts der Corona-Krise. Aber ja, die gabs auch noch, und Lilja Sigurdardottier hat ihr ein Buch gewidmet. Also zumindest hat sie ihr ein paar Kapitel geschenkt, denn es gibt noch ein paar andere Themen in diesem Kleinod von Thriller. „Das Netz“ ist der Auftakt zur Island-Trilogie.

Sonja ist in eine Falle geraten. Eigentlich sollte sie nur einen Botengang nach Dänemark für ihren Scheidungsanwalt þorgeir machen, doch durch ein abgekartetes Spiel von þorgeir wurde sie zur Drogenlieferantin und versucht jetzt verzweifelt, sich aus dieser Falle zu befreien. Sie ist allerdings nicht die einzige Protagonistin, Agla und der Zollbeamte Bragi, der kurz vor seiner Pensionierung steht, bekommen ebenfalls ausreichend Platz in dem Noir-Thriller.

125 Kapitel auf 360 Seiten, das verspricht knackig-kurze Kapitel. Nicht unbedingt immer war es angebracht, ein neues Kapitel zu beginnen, manchmal hätte ein neuer Absatz genügt, denn manchmal schließt das nächste Kapitel nahtlos an das Vorherige an. Aber ich mag so eine enge Kapitelstruktur, denn das verspricht Kurzlebigkeit – und damit kann „Das Netz“ aufwarten, auch wenn die Tiefe zeitweise auf der Strecke bleibt.

Reichlich Platz eingeräumt wird der LGBTQ-Thematik. Während Sonja genau weiß, was sie will und klar zu ihrer neu entdeckten Homosexualität steht, ist Agla unschlüssig und prüde, Sex gibt mit Sonja es nur im Dunklen – und trotzdem fragt sie Sonja immer wieder, ob sie ihr ein Lesbengeheimnis verraten kann. Das ist mitunter einer der interessantesten Aspekte des Buches. Man muss sich dabei auch auf Explizitheit einstellen.

Insgesamt kommt man sehr flott durch „Das Netz“ und es gibt keinerlei Längen – allerdings finde ich das Ende etwas unglücklich, weil nur wenig darauf hindeutet, dass da noch zwei weitere Teile kommen. Weshalb sich meine Motivation auf Teil zwei in Grenzen hält, auch wenn ich das Buch eigentlich ziemlich gut fand. Wer den zweiten Teil dennoch lesen will, kann dies ab dem 13. Oktober 2020 tun. Der Titel lautet „Die Schlinge“.

Daten zum Buch 

Autor: Lilja Sigurðardóttir
Titel: Das Netz
Originaltitel: Gildran
Übersetzung: Anika Wolff
Seiten: 360
Kapitel: 125
Erschienen am: 16. Juni 2020
Verlag: DuMont Buchverlag
ISBN: 978-3832165192
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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