[Rezension] Peter James: Der absolute Beweis

Die Stimme des Anrufers klang gehetzt, ganz offensichtlich hatte der Mann Todesangst. »Ich versichere Ihnen, ich bin nicht verrückt, Mr. Hunter. Mein Name ist Dr. Harry F. Cook. Ich weiß, dass sich das jetzt verwirrend anhören muss, aber ich habe den 100-prozentigen Beweis für die Existenz Gottes erhalten«.

Fast hätte Investigativ-Reporter Ross Hunter den Anruf nicht entgegen genommen, der so nachhaltig sein Leben verändern sollte. Doch die Stimme von Dr. Harry F. Cook war so eindringlich, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Der Wissenschaftler behauptete, er habe den eindeutigen Beweis für die Existenz Gottes gefunden. Und Ross Hunter sei ein seriöser Reporter, der seine Botschaft in die Welt tragen sollte.
Doch wie würden die Konsequenzen aussehen? Was würde der Vatikan dazu sagen? Die Moslems? Die Hindus? Aber auch für die Atheisten hätte das enorme Konsequenzen, ganz zu schweigen von den Evangelikalen, den Predigern, deren Heilsversprechen ihnen großen Reichtum bescherten. Als Ross Hunter weiter recherchiert, wird ihm schnell klar, dass es einige Menschen gibt, die die Existenz Gottes nicht bewiesen haben möchten und deshalb auch vor Mord nicht zurückschrecken, Harry F. Cook war nur der Erste… (Offizieller Klappentext)


„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Gretchenfrage aus Goethes „Faust“ beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten – was mich betrifft: Ich glaube nicht an Gott und bin vor elf Jahren aus der Kirche ausgetreten. Dennoch finde ich Religion faszinierend. Ich wurde durch Dan Browns „Sakrileg“ gewissermaßen „thrillerfiziert“, seitdem hat der Vatikan mit seinem Zensuswahlrecht, bei dem unter seinesgleichen ausgemacht wird, wer der neue Papst wird und den die Glaubensgemeinschaft gefälligst zu akzeptieren hat, obwohl sie weiß Gott (!) wie viele Millionen in die katholische Kirche buttert, etwas Faszinierendes für mich. Deshalb habe ich zum neuesten Buch von Peter James gegriffen und wurde nicht enttäuscht – aber auch nicht ganz zufrieden gestellt.

Ross Hunter ist Investigativjournalist, der zu Beginn des Buches nichts ahnend ins Fitnesscenter geht und kurz darauf zusammenbricht, ohne zu wissen, warum – gut, möglicherweise liegt es daran, dass er sich am Abend zuvor wie jede Woche mit seinen Kollegen nach der Arbeit bei der Zeitung „Argus“ das Hirn hinausgesoffen hat. Aber er glaubt etwas anderes, denn kurz darauf erfährt er, dass sein Zwillingsbruder – den er nie leiden konnte – bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Das ist der Aufhänger des Buches, denn kurz darauf ruft Dr. Harry F. Cook bei Ross an und teilt ihm mit, dass er den namensgebenden absoluten Beweis für die Existenz Gottes habe – ein fundamentalistischer Spinner, der in seiner Pension zu viel Zeit hat? Vielleicht. Ross trifft ihn trotzdem und spürt der Sache nach, auch wenn ihm seine Frau Imogen, die ihn während seines Aufenthalts in Afghanistan betrogen hat und jetzt von weiß wem schwanger ist, von diesem Auftrag abrät. Wobei ich mich sowieso von Anfang an gefragt habe, warum er nicht schon längst die Scheidung eingereicht hat, denn so wirklich vertrauen will er ihr ohnehin nicht mehr, seit er sie in flagranti erwischt hat.

Peter James erhielt 1989 tatsächlich einen Anruf von jemanden, der meinte, er hätte den absoluten Beweis für die Existenz Gottes, weshalb er begann, an einem Buch darüber zu arbeiten. Als er bei Dan Browns Megabestseller „Sakrileg“ merkte, dass flotte Thriller über Religionsthemen ein Publikum finden, hat er sich gedacht, dass er ernsthaft weiter daran arbeiten sollte. Das tat er mit Unterstützung seiner Frau. Und herausgekommen ist ein Pageturner, der Spaß macht, wenn man sich einigermaßen für Religion erwärmen kann.

Die Kapitel werden von Datumsangaben eingeleitet, was ich zugegebenermaßen für genau so sinnlos erachte wie Kapiteltitel – ich lese sie zwar, vergesse es aber sofort wieder, weil mir die Handlung wesentlich wichtiger ist. Ross selbst ist weder sympathisch noch unsympathisch – er untersucht das Thema einerseits aus journalistischem Interesse, andererseits aber – und das macht ihn mir dann doch etwas unsympathisch – nur deshalb, weil Cook ihm erzählt hat, dass er ein Medium angerufen hätte. Dieses Medium habe dann plötzlich eine Nachricht von Ross’ verstorbenem Bruder erhalten. Ross agiert also eigentlich aus rein persönlichem Motiv. Und irgendwie kann ich Imogens Vorwurf an Ross, dass er egoistisch sei, nachvollziehen – auch wenn sie mir sonst ziemlich unsympathisch ist. Gegen Ende rutscht die Handlung ins Paranormale ab und hat mich dann etwas an Stephen King erinnert. Gleichzeitig findet der Autor bei der Auflösung einen guten Kompromiss, um keine Menschengruppe zu verärgern (um es mal so vage wie möglich auszudrücken).

An manchen Stellen war mir das Buch etwas zu technisch, und ich fand es auch etwas theatralisch, dass immer gesagt wird, dass Ross die Welt retten will – ich glaube eher, dass das Gegenteil der Fall wäre, wenn die Existenz Gottes bewiesen würde.

Daten zum Buch 

Autor: Peter James
Titel: Der absolute Beweis
Originaltitel: Absolute Proof
Übersetzung: Irmengard Gabler
Seiten: 592
Kapitel: 146 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. Februar 2021
Verlag: FISCHER Scherz
ISBN: 978-3651025776
Preis Print: 16,67  Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Kendra Elliot: Die verschollene Schwester (Columbia River – Band #1)

Vor zwanzig Jahren wurde Emily Mills’ Vater brutal ermordet. Dass der Mörder gefasst wurde, ist kaum ein Trost, denn die Tragödie trieb Emilys Mutter in den Selbstmord und ihre ältere Schwester Tara verschwand über Nacht aus der Stadt.
Als ein Mord mit ganz ähnlicher Handschrift geschieht, ist Emily wieder die Erste am Tatort. Zufall? Agent Zander Wells vom FBI ermittelt. Fasziniert von der zerbrechlichen Emily, taucht er tief in die Geschichte ihrer Familie und die dunklen Geheimnisse der kleinen Stadt ein. Mit lebensgefährlichen Folgen … (Offizieller Klappentext)


Zander Wells ist FBI-Agent in Portland, USA. Gemeinsam mit seiner Kollegin, von der er einmal etwas wollte, die aber demnächst jemand anderen heiraten wird, wird er in ein kleines Kaff gerufen, in dem schon vor 20 Jahren jemand aufgehängt wurde. Jepp, aufgehängt, das klingt nach grauer Vorzeit, in denen Menschen öffentlichkeitswirksam am Galgen ihren Tod fanden. Vor 20 Jahren fand Emilys Vater so seinen Tod, kurz später suizidierte sich auch noch ihre Mutter – und um die Tragödie perfekt zu machen, verschwand ihre ältere Schwester Tara auch noch spurlos. Seitdem wohnt Emily mit ihrer Schwester Madison bei ihren drei Großtanten, die so chaotisch wie Tick, Trick und Track sind – aber ebenso liebenswert. Emily fand das nun getötete Ehepaar Sean und Lindsay. Sean war schwarz und hat ein bekanntes Zeichen des Ku-Klux-Klan in die Stirn geritzt. Ein Mord mit rassistischem Hintergrund oder lediglich ein Ablenkungsmanöver? Zander Wells und seine Kollegin Ava McLane stehen vor einer kniffligen Aufgabe.

Diese – zumindest im deutschsprachigen Raum – neue Reihe von Kendra Elliot ist ein Spin-off der sehr erfolgreichen und mir trotzdem unbekannten Callahan-&-McLane-Reihe, in der Zander Wells offenbar ein paar Auftritte hat. Und ich habe mich während des Lesens gefragt, warum man fast nichts über Ava erfährt – dafür muss man wohl die oben genannte Reihe lesen. Das ist clever gedacht von Elliot und ihre Stammleser werden dem bestimmt nachkommen – ich allerdings mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Das Buch fängt zwar flott und spannend an, und die Familiengeschichte von Emily, Madison und deren Großtanten ist auch interessant – aber die Geschichte wird irgendwann träge und beliebig. Austauschbar. Man kann das Buch schon lesen und es wird durch eine ausgeklügelte Denkweise seitens Kendra Elliot, die auch Psychothriller-Elemente einbaut, nahezu unmöglich, diesen Fall als Leser zu lösen. Das ist schon stark gemacht von der Autorin, aber die Geschichte an sich bietet durch die Charaktere und die Machart abseits von der Auflösung nicht viel Neues.

Was mir ebenfalls etwas sauer aufgestoßen ist, ist, dass die ganzen jüngeren Frauen im Buch alle durchgängig attraktiv und hübsch sind – über die Männer und deren Optik äußert sich Elliot gar nicht. Geschlechtergerechtigkeit perdu, und das im 21. Jahrhundert. Das erinnert schwer an Honeymoon von Harlan Coben, nur dass dessen Buch aus den 1980ern stammt. Das hätte man durchaus moderner gestalten können.

Die Dorfidylle hat allerdings etwas für sich, Gerüchte über einen rassistisch motivierten Mord passen perfekt in solch ein Setting. Auch das Diner, das Emily mit ihrer Schwester betreibt, ist durchaus stimmig und die Familiengeschichte mit der riesigen Villa, in der die drei Großtanten mit ihren Großnichten wohnen und um die sich einige Mythen ranken, verströmt etwas Gruseliges. Das passt alles ganz gut, und trotzdem will nie wirklich eine richtige Atmosphäre aufkommen. Vielleicht kommt die in den nächsten Teilen – es gibt bereits vier, allerdings wurde bis jetzt nur der erste ins Deutsche übersetzt –, hier will es nicht wirklich gelingen.

Daten zum Buch 

Autor: Kendra Elliot
Titel: Die verschollene Schwester
Originaltitel: The Last Sister
Übersetzung: Astrid Becker
Seiten: 373
Kapitel: 39
Erschienen am: 9. Februar 2021
Verlag: Edition M
ISBN: 978-2496705041
Preis Print: 7,99 Euro
Preis Digital: 2,49 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Lars Kepler: Der Spiegelmann (Joona Linna — Band #8)

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen hängt an einem Klettergerüst. Wer tut so etwas? Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert. Ein ungewöhnlicher Mord, eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration.
 Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe … (Offizieller Klappentext)


Ein schwedischer Thriller wieder mal – back to the roots für mich. Einer der ersten Thriller-Reihen, die ich gelesen habe, spielte in Schweden und hörte auf den Namen Wallander. Die Skandinavier mit ihren haarsträubenden und blutigen Morden – das ist ein Markenzeichen. Lars Kepler bietet aber nicht nur das, sondern macht ein mash up aus Wodunut- und Psychothriller – und das hat mich sofort gehookt. „Der Spiegelmann“ ist der achte Teil der Joona-Linna-Reihe und war der Erste für mich, weshalb ich nicht sagen kann, ob das generell der Kniff der Reihe ist.

Die Geschichte beginnt fünf Jahre vor der eigentlichen Handlung. Eleonora muss zusehen, wie ihre Freundin und offensichtlich ihr love interest in einen Lkw gezogen und entführt wird. Danach erleben wir Martin und seine Tochter* Alice, die angeln gehen. Martin kommt danach mit einem psychischen Schaden ins Krankenhaus – Alice ist wie vom Erdboden verschluckt. Insgesamt spielen sechs von insgesamt 98 Kapitel in der Vergangenheit. Danach dauert es eine Weile, bis Joona Linna – bei dem ich davor dachte, er sei eine Frau, weil Frauennamen in den westlichen Ländern oft mit A enden – endlich auf die Bühne tritt, und noch länger, bis er den Fall übernimmt. Mich würde die Geschichte des gebürtigen Finnen interessieren, aber ehrlich gesagt bezweifle ich, dass ich die anderen sieben Teile nachhole.

Danach rushen wir durchs Buch, als gäbe es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, erleben Martin, wie er mehrmals hypnotisiert wird und mit seinen Wahnvorstellungen zurechtkommt. Wir erleben, wie sich Pamela – Martins Frau – selbst diszipliniert und aufhört, Alkohol zu trinken, weil sie Mia adoptieren will. Bis die schließlich auch entführt wird. Und wir erleben die Entführer, die einsam im Nirgendwo leben und sich einen Hort von jungen Frauen hält, weil Cäsar, wie der Täter heißt, zwölf Jünger haben will. Und wir erleben Cäsars Mutter, die christliche Fundamentalistin, die gerne mal gegen die zehn Gebote verstößt und ein Mädchen tötet oder ihr zumindest die Füße absägt, wenn es versucht, zu fliehen.

„Der Spiegelmann“ ist zweifelsohne blutrünstig — oder eben typisch schwedisch. Ich muss das mittlerweile nicht mehr haben, weil es mir allein beim Gedanken daran, dass jemanden die Füße abgesägt werden, alles zusammenzieht, aber der ganze Rest – die Spannung, das Tempo und diese Kurzweiligkeit –, findet man in dieser geballten Form sehr selten.

Iich bin mir nicht sicher, ob es seine leibliche Tochter ist.

Daten zum Buch 

Autor: Lars Kepler
Titel: Der Spiegelmann
Originaltitel: Joona Linna 8
Übersetzung: Susanne Dahmann
Seiten: 624
Kapitel: 98 (+ Epilog)
Erschienen am: 27. November 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785727041
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Ruth Ware: Hinter diesen Türen

Es schien der ideale Job zu sein: Rowan Caine ist überglücklich, als sie die Stelle als Kindermädchen in einem einsam gelegenen Haus in Schottland bekommt – bei einer perfekten Familie mit vier Töchtern. Doch in kürzester Zeit wird der vermeintliche Traumjob zum absoluten Albtraum. In dem Haus, das eine denkmalgeschützte Fassade hat und – im krassen Gegensatz dazu – innen mit einer High-Tech-Ausstattung aufwartet, geschehen beängstigende, unerklärliche Dinge. Rowan fühlt sich ständig beobachtet, nicht nur von den Überwachungskameras, die in jedem Zimmer hängen. Auch das Verhalten der Kinder wird immer seltsamer. Bis es einen schrecklichen Todesfall gibt – und Rowan unter Mordverdacht gerät. (Offizieller Klappentext)


Ruth Ware wollte schon immer eines ihrer Bücher in den schottischen Highlands spielen lassen, doch da sich die Bestseller-Autorin mit schottischen Wurzeln beim Polizeisystem Schottlands nicht auskennt, hat sie sich bis jetzt nicht daran getraut. „Hinter diesen Türen“ spielt nun in den Highlands – die Polizei findet dabei nur am Rande statt, denn das Buch folgt den Regeln der alten britischen Schauergeschichten. Doch das Buch lässt deutschsprachige Leser auch an Goethe denken.

Rowan Caine ist hellauf begeistert, als sie im Internet stöbert und die Anzeige sieht, die besagt, dass in den schottischen Highlands eine Nanny gesucht wird. Das Architekten-Ehepaar Sandra und Bill Elincourt haben vier Kinder und ist berufsbedingt oft auf Reisen, weshalb Rowan ihr Glück kaum fassen kann — obendrein ist das Gehalt astronomisch. Von London in die Highlands zu ziehen gleicht zwar einem Kulturschock, aber sie will ja nicht ihr Leben dort verbringen, also bewirbt sie sich. Zumal ihr die Kolleginnen in der Kita, in der sie momentan noch arbeitet, ständig auf den Zeiger gehen. Rowan hat gute Referenzen, von denen auch die Elincourts begeistert sind, weshalb sie sie zu sich aufnehmen. Womit Rowan nicht gerechnet hat, ist die Technik im Haus. Überall hängen Kameras, die Rollos gehen nur über ein Touchpanel auf und zu und selbst die Dusche ist gewöhnungsbedürftig. Dabei sieht das Haus von außen gar nicht so neu aus. Dass das Ehepaar nach nur einem Tag und nicht wie besprochen nach einer Woche zu einer Messe fährt, macht das Ganze nicht besser. Rowan ist völlig überfordert. Nicht nur mit der Technik, in die sie kaum eingewiesen wurde, sondern auch mit den Kindern, die Rowan alles andere als herzlich empfangen.

Zu Beginn des Buches erfahren wir, dass Rowan im Gefängnis sitzt. Sie schreibt einem gewissen Mr Wrexham, seines Zeichens Anwalt. Er soll ihr helfen, sie da rauszuholen, denn sie hat das Kind nicht getötet. Welches Kind? Das ist der Spannungsbogen von „Hinter diesen Türen“, der quasi mit dem ersten Satz gezogen wird. Doch Rowan schreibt Mr Wrexham nicht nur eine Seite, nicht zwei, sondern über 300. Das Buch ist ein einziger Brief, was mich sofort an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ denken ließ, nur dass das Genre ein ganz anderes ist. Im Englischen heißt das Buch „The Turn of the Key“, was eine Abwandlung von Henry James’ „The Turn of the Screw“ ist. „Hinter diesen Türen“ wirkt wie eine Neuinterpretation von James’ Geschichte – der Originaltitel ist deshalb gut gewählt. Ruth hat sich in ihrem Englisch-Studium allerdings auch auf alte und mittelalte englische Texte spezialisiert – es wäre also ein Wunder, wenn sie „The Turn of the Screw“ nicht kennen würde .

Allerdings ist ihre Interpretation gut umgesetzt, sie vermischt althergebrachtes mit neuem, genau so ist auch das Haus der Elincourts gebaut – ein Teil ist alt, der andere neu. Sie vermengt das alles und präsentiert uns ein Buch, das nicht nur page-turning-Qualitäten hat, sondern auch fabulös durchdacht ist, denn gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse und ich saß nicht nur einmal mit offenem Mund da, weil ich nie im Leben mit solchen Enthüllungen gerechnet hätte. Zwischendurch dachte ich schon „Eine Gruselgeschichte – na ja“. Ich war zugegeben etwas skeptisch, weil ich noch nie für Gruselgeschichten empfänglich war. Ich hatte eher damit gerechnet, dass es, wie „Die App“ von Arno Strobel, ein Smart-Home-Thriller ist – ist es teilweise auch, aber nicht nur. Ruth Ware hat „The Turn of the Screw“ gut ins 21. Jahrhundert gebracht – was mir allerdings nicht so gefällt, ist, dass sie die – zugegeben nicht allzu sympathische – Rowan in die Opferrolle drängt. Das ist mittlerweile etwas antiquiert, wenn sie immer wieder James, das „Mädchen für alles“ des Hauses, sucht und sich bei ihm ausheult. Man merkt natürlich ab Seite eins, dass die beiden irgendwann im Bett landen, so laut wie es zwischen ihnen knistert. Abgesehen davon ist „Hinter diesen Türen“ ein gutes Buch, bei dem man allerdings mit einem relativ offenen Ende rechnen muss.

Daten zum Buch 

Autor: Ruth Ware
Titel: Hinter diesen Türen
Originaltitel: The Turn of the Key
Übersetzung: Stefanie Ochel
Seiten: 468
Kapitel: 45
Erschienen am: 28. Dezember 2020
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423262712
Preis Print: 15,90 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

[Rezension] Alisson Dickson: Die gefährliche Mrs Miller

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …(Offizieller Klappentext)


Phoebe Miller ist das, was man einen klassischen Misanthropen nennt. Sie kann mit anderen Menschen nichts anfangen, ihren Mann Wyatt – seines Zeichens Psychotherapeut – kann sie sowieso nicht ausstehen und rausgehen tut die Tochter des berühmt-berüchtigten Daniel Noble höchst selten. Das alles kommt nicht von ungefähr, denn als Kind hatte sie vier verschiedene Mütter und ihr Vater hat sie vernachlässigt, wo es nur geht. Nur gut, dass er unlängst verstorben ist und ihr ein Millionenerbe hinterlassen hat. Die einzigen Sorgen, die sie hat, ist, dass Wyatt ihr einfach keine Ruhe lässt mit seinem Kinderwunsch – nachdem mehrere In-vitro-Befruchtungen nicht angeschlagen haben, kommt er jetzt mit der Idee, ein Kind zu adoptieren, na Dankeschön. Das ist ja noch besser, wenn jene Frau, die nach dem Frühstück bereits die erste Weinflasche köpft, auch noch ein Kind versorgen muss. Sorge Nummer zwei ist dieses verdammte Auto, das seit Wochen vor ihrem Haus steht. Einfach hingehen und fragen, was los ist? Nö, da müsste sie ja mit anderen Menschen interagieren. Und plötzlich findet sie dann doch gefallen an anderen Menschen, im speziellen an dem jüngst eingezogenen Nachbarsjungen, der bald nach Stanford geht – aber bis dahin ist er eine nette Ablenkung von diesem verdammten Auto.

Das ist bei Weitem nicht die ganze Handlung, denn nach rund 200 Seiten nimmt das Buch erst so richtig an Fahrt auf und die Frau, die im Auto vor dem Haus der Millers sitzt, übernimmt eine tragende Rolle – das muss sie, denn sie hat einen Mord begangen. Und um sich zu tarnen, veranstaltet sie eine Scharade sondergleichen. Denn Phoebe Miller ist am Ende des ersten von insgesamt zwei Teilen plötzlich tot, und Nadia, wie die Frau aus dem Auto heißt, will nicht nur den Täter finden – viel Auswahl bleibt bei insgesamt sechs Charakteren nicht –, sie nutzt die Chance kurzerhand dafür, sich eine neue Identität zuzulegen – nämlich die von Phoebe Miller.

„Die gefährliche Mrs Miller“ ist kein Buch, bei dem einem auf den ersten Seiten gleich eine Leiche entgegenfliegt, nein, es dauert eine Weile, bis hier letztlich ein Hybrid aus Psycho- und Whodunit-Thriller entsteht. Aber die ersten 200 Seiten, in denen wir eher einen Roman in Händen halten, sind eminent wichtig für den ganzen Rest. Wie (die echte) Phoebe sich mit der Mutter von Jake anfreundet, wie sie mit Jake eine Affäre beginnt, wie sie durch den Einzug der neuen Nachbarn endlich wieder zu leben beginnt. Und auch die Geschichte der Nachbarn ist wichtig. Die kriselnde Ehe, Geldprobleme – und den ganz eigenen Problemen von Jake sowieso. Das Buch zeigt auch auf, dass Reichtum nicht alles ist und dass reiche Menschen ganz irdische Probleme haben – nur dass das Bankkonto etwas praller gefüllt ist. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Intermezzo-Kapitel, im ersten Teil aus der Sicht von Nadia — im zweiten Teil aus Sicht des/der Mörder*in von Phoebe.

Als ich den Klappentext von „Die gefährliche Mrs Miller“ gelesen habe, war ich sofort hin und weg. Und als das Buch dann genau das hielt, was der Klappentext versprochen hat, war ich restlos begeistert. Es ist nicht nur interessant, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt auch irrsinnig spannend. Wenn ich nicht noch andere Interessen hätte, hätte ich vermutlich ganzen Tag gelesen. Und auch wenn das Ende nicht allzu befriedigend war, war „Die gefährliche Mrs Miller“ eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, von Alisson Dickson kommt bald mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Alisson Dickson
Titel: Die gefährliche Mrs Miller
Originaltitel: The Other Mrs Miller
Übersetzung: Ulrike Seeberger
Seiten: 384
Kapitel: 26 Kapitel exkl. Intermezzi + Epilog
Erschienen am: 8. Dezember 2020
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3616-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] James Patterson / Brendan DuBois: Die Frau des Präsidenten

Der US-Präsident hat eine Affäre. Als der Skandal mitten im Wahlkampf öffentlich wird, stehen Präsident Tucker und sein Regierungsstab im Kreuzfeuer. Um wiedergewählt zu werden, braucht der Staatschef die First Lady an seiner Seite. Grace Tucker aber hat nicht vor, weiter die Vorzeigegattin für ihren untreuen Ehemann zu spielen. Zutiefst verletzt verlässt sie Washington – und verschwindet spurlos. Secret-Service-Agentin Sally Grissom soll die First Lady aufspüren und zurückbringen. Doch ist diese freiwillig untergetaucht? Oder befindet sich die Frau des Präsidenten in viel größerer Gefahr als gedacht? (Offizieller Klappentext)


Mal ein Politthrilller – oder so ähnlich. James Patterson ist sowieso eine Bank, was das Schreiben betrifft. Und trotzdem habe ich eine Ewigkeit nichts mehr von ihm gelesen – da war es jetzt höchste Zeit, vor allem bei dem Titel, dem Cover (dazu später mehr), und dem Klappentext. Der Name Brendan DuBois sagte mir hingegen vorher nichts – er sollte mir in guter Erinnerung bleiben.

Die First Lady der USA ist also fort, weil der Präsident schon seit einiger Zeit  eine andere vögelt. Dass das just vier Wochen vor der Wahl rauskommt, ist natürlich suboptimal für seine Wiederwahl — und für seine Ehe sowieso. Jetzt beauftragen der Präsident und sein Stabschef Parker Hoyt die Secret-Service-Agentin Sally Grissen, die First Lady zu finden. Die weigert sich zunächst – erst nachdem Hoyt ihr persönliche Maßnahmen androht, macht sie sich mit ihrem Team auf die Suche. Unter größtmöglicher Geheimhaltung. Es ist also eher Zwangsarbeit, die sie verrichtet. Aber nicht nur das, Hoyt beauftragt auch noch eine Scharfschützin, die die First Lady töten soll – nur so ist die Wiederwahl von Harrison Tucker gesichert

Die US-Wahl ist ja durchaus ein aktuelles Thema, nur heißt es in „Die Frau des Präsidenten“ nicht STOP THE COUNT, sondern FIND MY WIFE, auch wenn Mr. President lieber mit der jüngeren Tammy Doyle im Bett liegt. Tucker selbst ist das genaue Gegenteil von Trump, er erinnert mich eher an Pete Buttigieg, der dieses Jahr bei den US-Vorwahlen für die Demokraten antrat. Aber ehrlich gesagt steht der Präsident im Buch nicht im Mittelpunkt des Geschehens.

Es gibt drei Handlungsstränge, die sich Sally Grissom, Parker Hoyt und die Scharfschützin Marsha Gray teilen. Die Handlung ist durch und durch spannend, wenn ich nicht gesundheitlich angeschlagen gewesen wäre, wäre ich auch eine Woche früher fertig gewesen – aber egal. Politik spielt in dem Buch eigentlich kaum eine Rolle, man erfährt aber einiges über die First Lady und wie sie sich für Kinder einsetzt. Das ist rührend und macht Grace Fuller Tucker, wie sie mit vollem Namen heißt, menschlich. Auch Sally Grissom und ihre Familiengeschichte weiß durchaus zu rühren. Und Parker Hoyt? Der ist Machiavellist durch und durch, der würde über Leichen gehen für den Erfolg seines direkten Vorgesetzten, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen Stabschef er ist. Damit bildet er einen starken Kontrast zu den zwei Frauen. Die Charaktere stehen somit klar im Vordergrund. Und es sind gut gezeichnete Charaktere, jeder Einzelne ist willensstark und durchsetzungsfähig.

Nur einen Charakter, der im Showdown auftaucht, habe ich nicht verstanden: Einen Hubschrauberpilot, der seinen Auftrag plötzlich abbricht. Den hätte man auch weglassen können, denn die Szene bringt dem Buch keinerlei Mehrwert. Was auch noch Erwähnung finden sollte, ist das Buchcover, das mir persönlich zu martialisch ist, und die Handlung keineswegs widerspiegelt. Auch hat das in Flammen stehende Gebäude darauf – der US-Kongress – nichts mit dem Inhalt zu tun. Der Kongress spielt mit keiner Silbe eine Rolle.

Daten zum Buch 

Autor: James Patterson & Brendan Dubois
Titel: Die Frau des Präsidenten
Originaltitel: The First Lady
Übersetzung: Peter Beyer
Seiten: 416
Kapitel: 90
Erschienen am: 16. November 2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442491124
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Andreas Gruber: Die Knochennadel (Peter Hogart – Band #3)

Eigentlich wollte der Wiener Privatdetektiv Peter Hogart nur einen Kurzurlaub in Paris verbringen. Doch dann verschwinden bei einer exklusiven Auktion in der Opéra Garnier plötzlich seine Freundin, die Kunsthistorikerin Elisabeth, sowie eine mittelalterliche Knochennadel – ein nahezu unbezahlbarer Kunstgegenstand. Wenig später werden zwei Antiquitätenhändler grausam ermordet, und für Hogart beginnt eine fieberhafte Jagd. Denn diese Morde sind nur der Anfang, und Hogart bleibt wenig Zeit, Elisabeths Leben zu retten und das Rätsel um die geheimnisvolle Knochennadel zu lösen … (offizieller Klappentext)


Peter Hogart ist wieder da! Nach zwölf Jahren erschien der dritte Teil der Peter-Hogart-Reihe, nachdem die Vorgänger „Die schwarze Dame“ und „Die Engelsmühle“ vom Goldmann Verlag neu aufgelegt wurden. Das Manuskript dafür lag schon eine Weile in Grubers Schublade, wie er mir vor zwei Jahren in einem Interview verraten hat – dass es solange bis zur Veröffentlichung dauerte, lag an vertraglichen Details.

„Die Knochennadel“ spielt 2 ½ Jahre nach der „Engelsmühle“ und eigentlich wollte Hogart mit seiner neuen Lebensgefährtin Elisabeth und seiner Nichte Tatjana einen gemütlichen Urlaub machen – Elisabeth sollte nur die Versteigerung einer antiken Knochennadel abwickeln und dann sollte es zum Sightseeing gehen – aber natürlich kommt alles anders, denn schließlich schreibt Gruber Spannungsromane und keine Tourismusführer. Elisabeth verschwindet, und irgendwann verschwindet auch noch Tatjana, die 19-jährige Polizeischülerin, die selber mal Detektivin werden will. Blöd gelaufen für den 45-jährigen Versicherungsdetektiven, statt Urlaub gibts einen Arsch voll Arbeit mit ungewissem Ausgang.

Andreas Gruber ist für seine Maarten S. Sneijder Reihe bekannt und ist damit berühmt und erfolgreich geworden. Die Hogart-Reihe ist meiner Meinung nach einer der schwächeren Reihen Grubers, ich kann aber auch verstehen, wenn Gruber mal was anderes als die Sneijder-Reihe schreiben will, denn da erwartet man eine gewisse Qualität, die Gruber natürlich auch liefern will – manchmal geht das aber nicht. Bedeutet aber nicht, dass „Die Knochennadel“ schlecht ist, aber sie ist definitiv anders, Peter Hogart ist nicht so markant, steht meiner Meinung nach nicht mal im Zentrum der Reihe. Es stehen eher die Städte im Mittelpunkt – Prag im ersten Teil, Wien im zweiten und jetzt Paris. Das sind Städte mit Kultur, Geschichte, und ich bin jetzt schon gespannt, wohin es den Versicherungsdetektiven im nächsten Teil verschlägt. Hauptdarsteller ist für mich auch nicht der relativ blasse Hogart, sondern die namensgebende Knochennadel. Die Hogart-Reihe hat durch die Städte und die Kultur auch irgendwie etwas von einem Dan Brown – statt Schweinsschnitzel jagt Hogart aber eher veganes Schnitzel, denn irgendwie fehlt mir etwas bei der Reihe, das ich nicht ganz fassen und benennen kann. Ich habe auch ewig an dem Buch gelesen – insgesamt fast zwei Wochen – und ich war auch froh, als ich endlich durch war. 600 Seiten waren definitiv zu viel, 200 Seiten vor Ende beginnt der Showdown und es zieht sich ab dann so dermaßen in die Länge. Und wenn man glaubt, dass es jetzt erledigt ist, folgt noch ein Showdown. Das ist einfach zu viel – Gruber hätte sich lieber ein paar Ideen für einen etwaigen nächsten Teil aufgehoben.

Was ich auch seltsam fand, war, dass Gruber als Füllelement öfter den Satz „Irgendwo bellt ein Hund“ benutzt hat. Es gibt in einer der großen Bücherforen einen Thread, in denen dokumentiert wird, in welchen Büchern dieser Satz fällt – er ist also fast ein Literatur-Meme — das entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Was mir auch sauer aufgestoßen ist, war die gerne benutzte Formulierung „Person xy ist an den Rollstuhl gefesselt“, die Gruber öfter verwendet. An alle Menschen da draußen, die das hier lesen: Schreibt das bitte nicht. Sagt es auch nicht. Streicht es aus eurem Wortschatz, so diese Formulierung sich darin befindet. Wenn man jemanden an einen Rollstuhl fesselt, ist es in erster Linie eine Straftat, falls man nicht gerade auf Bondage steht oder Entfesselungskünstler ist. Anderenfalls befreit den Menschen, falls ihr irgendwen seht, der mit einem Seil oder sonst etwas an einen (Roll)Stuhl gefesselt ist.

Und jetzt ernsthaft: Ein Rollstuhl ist ein Beinersatz, eine Erleichterung im Alltag, und in erster Linie etwas, wofür man dankbar sein sollte, weil man sich damit trotz einer temporären oder permanenten Behinderung bewegen kann. Wenn jemand mit Krücken geht, sagt auch niemand, dass er oder sie an Krücken gefesselt ist. Deshalb sollte man den Rollstuhl positiv konnotieren, denn „an den Rollstuhl gefesselt“ wirkt für mich stigmatisierend und diskriminierend. Es wirkt mitleidserregend, nach dem Motto „Der arme Mensch kann nicht gehen — oje oje“, und das verachte ich zutiefst, weil man nicht arm ist, wenn man im Rollstuhl sitzt. Die Gesellschaft sollte im 21. Jahrhundert  etwas weiter sein. Denkt etwas bunter und nicht so eindimensional.

Daten zum Buch 

Autor: Andreas Gruber
Titel: Die Knochennadel
Seiten: 608
Kapitel: 83 (+ Epilog)
Erschienen am: 14. September  2020
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442490714
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Jenny Blackhurst: Das Gift deiner Lügen

Im englischen Villenviertel Severn Oaks fühlen sich die Menschen sicher. Wäre da nicht der rätselhafte Tod von Erica Spencer, einer allseits geschätzten Nachbarin, die letzten Herbst bei einer Halloweenparty ums Leben kam. Ein Jahr später ist der Fall längst als tragischer Unfall zu den Akten gelegt, als ein rätselhafter Podcast die Runde macht: Der Mord an Erica Spencer. Wöchentlich postet ein anonymer Absender neue Folgen seiner makabren Sendung, in der er hinter die scheinbar makellosen Fassaden des Ortes blickt und so manches dunkle Geheimnis seiner Bewohner enthüllt. Seine Absicht: Er will den Mörder von Erica entlarven – und ruft ihn damit erneut auf den Plan …(Offizieller Klappentext)


Wir befinden uns also in der exklusiven Villensiedlung im fiktiven Severn Oaks, das sich in der nicht so fiktiven Grafschaft Cheshire in England befindet. Das hat ja schon etwas sehr Exponiertes. Zwölf Häuser befinden sich dort. Wie man da reinkommt? Weiß man nicht. Was es dort sonst noch gibt – Supermarkt, Wald, Kühe –, keine Angabe. Dennoch hat dieses Setting, das mich ein bisschen an „Desperate Housewives“ erinnert, etwas für sich.

Und auch die Idee von „Das Gift deiner Lügen“ ist durchaus okay. Podcasts sind auf der Höhe der Zeit, True-Crime-Podcasts sowieso, Social Media spielt eine Rolle, und reiche Menschen sind ohnehin zu jeder Zeit das personifizierte Böse; aber die Umsetzung – puh. Nicht nur, dass ich die eindimensionalen Charaktere so gut wie gar nicht auseinanderhalten konnte – bis auf Karla waren die für mich alle gleich –, es ist auch noch sterbenslangweilig. Gut, dass die Kapitel so kurz sind, das motiviert mich eher zum Weiterlesen, sonst hätte ich das Buch vermutlich abgebrochen. Man kann nicht mal sagen, wer die Hauptperson ist – klar, die tote Erica, und am Anfang dachte ich, dass sie vielleicht gar nicht tot ist, und am Ende war ich mir auch nicht sicher, aber es stellt sich dann doch recht bald heraus, dass sie vermutlich tot ist. Aber sonst ist der Hauptcharakter eher das Kollektiv der sechs vom Podcast verdächtigten Bewohner von Severn Oaks, von denen einer bei der Helloweenparty vor einem Jahr die lebenslustige und hiesige Heldin Erica aus einem Baumhaus aus fünf Metern Höhe gestoßen haben soll.

Karla konnte ich von den anderen fünf noch am ehesten unterscheiden, sie wird meiner Meinung nach am besten eingeführt, aber ich konnte zum Beispiel lange nicht Felicity von der – bis zum Ende für mich komplett farblosen – Miranda unterscheiden. Und mit den Männern fange ich erst gar nicht an. Es hätten auch 36 statt sechs Charaktere sein können – es wäre nicht viel unübersichtlicher gewesen.

Was ich gut gefunden hätte, wäre entweder die Sicht des Täters, oder – noch besser – die der abgängigen Mary-Beth. Oder generell nur eine Sicht, am besten in der ersten Person. Aber so kann das Buch leider nicht an „Mein Herz so schwarz“ anschließen, und kommt nicht mal an „Die stille Kammer“ ran.

Daten zum Buch 

Autor: Jenny Blackhurst
Titel: Das Gift deiner Lügen
Originaltitel: Someone Is Lying
Übersetzung: ?
Seiten: 368
Kapitel: 80 (+ Epilog)
Erschienen am: 30. September 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3-404-17995-4
Preis Print: 11 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

 

Rezensionsexemplar

[Rezension] Frank Kodiak: Amissa – Die Verlorenen (Jan und Rica Kantzius – Band #1)

In einer regnerischen Herbstnacht werden die Privatdetektive Rica und Jan Kantzius Zeugen eines grauenhaften Zwischenfalls an einer Autobahn-Raststätte: Ein panisches Mädchen rennt direkt auf die Fahrbahn und wird von einem Auto erfasst, jede Hilfe kommt zu spät. An der Raststätte findet sich die Leiche eines Mannes, der das Mädchen offenbar entführt und sich dann erschossen hat.
Die Privatdetektive stellen Nachforschungen an und finden heraus, dass es weitere Teenager gibt, die auf ähnliche Weise kurz nach einem Umzug verschwunden sind. Eine Spur führt zu „Amissa“, einer Hilfsorganisation, die weltweit nach vermissten Personen sucht und für die Rica arbeitet. Plötzlich ist nichts mehr wie es war, und Rica und Jan kommen Dingen auf die Spur, von denen sie lieber nie gewusst hätten. (Offizieller Klappentext)


Das Ehepaar Kantzius hat sich einer Aufgabe verschrieben: Vermisste Menschen finden und heimbringen. Rica arbeitet deshalb bei Amissa, eine Organisation, die von einem reichen Schweizer ins Leben gerufen wurde, dessen Kind selbst mal als vermisst galt. Rica kommt ursprünglich aus der Karibik und hat ihrerseits eine traumatisierende Vergangenheit, von der sie bis heute Albträume hat. Sie ist eine Frau, die mit dem Computer umgehen kann, ein Nerd ist und sich innerhalb kürzester Zeit in andere PCs hacken kann – dafür hat sie keine Ahnung von Popkultur.

Jan ist das Gegenteil von Rica. Der ehemalige Polizist ist – im Gegensatz zu Rica, die klein und schwarz ist – groß und weiß. Er ist fünfzehn Jahre älter als seine Frau und gilt als Ricas Retter. Seine Nemesis ist Arthur König, genannt King Arthur (sein ehemaliger Kollege bei der Polizei), und seine Frau sagt über ihn, dass er seinen Hund Ragna mehr liebt als sie. Das Paar ist wie Yin und Yang — sie ergänzen sich prima.

Zukünftig nehme ich mir vor, etwas mehr zu recherchieren, bevor ich mir ein Buch besorge, denn hätte ich gewusst, dass Frank Kodiak ein Pseudonym von Andreas Winkelmann ist, hätte ich das Buch nicht genommen, denn ich fand „Death Book“ schon fürchterlich – und das hier ist nicht viel besser.

Insgesamt besteht das Buch aus sieben Kapitel – wobei es eher sieben Teile sind, die dann in abgezählte, relativ kurze Zwischenkapitel unterteilt sind. Kurze Kapitel, das wirkt, als könne man das Buch schnell weglesen – nö, kann man nicht. Wenn man noch nie einen Thriller gelesen hat oder selten welche liest, kann man das vielleicht. Ich hingegen lese fast nichts anderes und deshalb fand ich den ersten Teil der Amissa-Reihe mühsam und langweilig. Warum?

Es ist Einheitsbrei, da ist null Innovation. Das ist dasselbe, was wir schon zum drölftausendsten Mal gelesen haben. Ein Buch nach Schema F. Ich habe schon öfter gehört, man könne nicht für den Markt schreiben – doch, kann man. Es gibt Autoren, die genau das tun, die ein Grundgerüst haben und immer nur Namen, Schauplatz und Thema austauschen. Ohne Herz. Ohne Seele. Ohne Leidenschaft. Ohne Verve. Und Winkelmann gehört dazu. Sorry to say, aber das kotzt mich mittlerweile dermaßen an. Ich respektiere jeden Menschen, der es schafft, ein 300-Seiten-Buch zu schreiben, das ist eine riesige Leistung. Sich hinzusetzen, zu tüfteln, zu recherchieren, zu konstruieren. Aber nicht, wenn man einfach nur das Grundgerüst her nimmt und Bausteine austauscht. Das ist für mich keine elf Euro wert, dieses Buch taugt maximal für den Grabbeltisch. Das ist auch eines Bestseller-Autors, der Winkelmann ist, nicht würdig.

Dazu kommt, dass die zwei Protagonisten — Jan und Rica — alles andere als sympathisch sind, was ihre Arbeitsweise betrifft – aber man muss ja edgy sein, sonst ist man nicht cool. Da wird sich in PCs gehackt bis es kein Morgen mehr gibt; da wird nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ gefoltert, um Informationen zu kommen. Und wenn ein Gegner nervt, wird er kurzerhand umgebracht – teilweise sind die zwei so skrupellos, dass man nicht mehr weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Sorry, das war gar nichts.

Daten zum Buch 

Autor: Frank Kodiak
Titel: Amiss – Die Verloren
Seiten: 400
Kapitel: 7 (Unterteilt in etlichen Unterkapiteln)
Erschienen am: 2. November 2020
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307632
Preis Print: 10,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplat

[Rezension] Arno Strobel: Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Hamburg-Winterhude, ein Haus mit Smart Home, alles ganz einfach per App steuerbar, jederzeit, von überall. Und dazu absolut sicher. Hendrik und Linda sind begeistert, als sie einziehen. So haben sie sich ihr gemeinsames Zuhause immer vorgestellt.

Aber dann verschwindet Linda eines Nachts. Es gibt keine Nachricht, keinen Hinweis, nicht die geringste Spur. Die Polizei ist ratlos, Hendrik kurz vor dem Durchdrehen. Konnte sich in jener Nacht jemand Zutritt zum Haus verschaffen? Und wenn ja, warum hat die App nicht sofort den Alarm ausgelöst? (Offizieller Klappentext)


Hendrik und Linda leben in einem top-modernen Haus. Man muss keine Türen aufsperren, keine Rollos herunterlassen, keinen Lichtschalter mehr betätigen – alles funktioniert über eine App. Neben dem häuslichen Glück wollen sie jetzt auch das persönliche Glück vervollkommnen, denn in einer Woche will der stellvertretende Chefarzt und Chirurg für Gelenksgedöns (ich hab es mir nicht gemerkt) seine Lebensgefährtin ehelichen. Schnitt: Linda ist irgendwann, als Hendrik zu einem Notfall ins Spital muss, wie vom Erdboden verschluckt. Bei der Polizei wird ihm kein Gehör geschenkt, sie ist der Meinung, dass sie wahrscheinlich einen anderen hat – klingt plausibel, eine Woche vor der Hochzeit. Nicht.

Dieses Buch zu rezensieren, ist nicht einfach – kurzzeitig dachte ich, es wäre einfach, aber hintenraus passieren in „Die App“ doch noch ein paar Dinge, die das Buch in ein freundlicheres Licht tauchen. Positiv hervorzuheben ist, dass Arno Strobel offenbar sein Thema gefunden hat, denn „Die App“ geht thematisch in eine ähnliche Richtung wie „Offline“ – auch die Buchcover sehen seit einem Jahr wesentlich attraktiver aus als die relativ aussagearmen davor. Das Thema Smart-Home ist mehr als interessant, und man kann daraus einiges machen, weil die Thematik an sich schon etwas Gruseliges hat – vor zwanzig Jahren taten wir es noch als Science-Fiction ab, wenn man davon sprach, wie praktisch es nicht wäre, wenn man in die Hände klatsche und das Licht ginge an. Heute sagt man „Alexa, mach das Licht an“ und es werde Licht – allerdings ist es alles andere als neu, aus dem Thema Smart-Home einen Thriller zu machen; Susanne Kliem hat mit „Das Scherbenhaus“ schon ein ähnliches Buch geschrieben. Damals wusste ich noch nicht mal, was Smart-Home überhaupt ist.

Auch das Ende bzw. die Intention von Strobel, das Buch zu schreiben, ist edel und lässt die Taten, die hier passieren, nicht mehr so schlimm erscheinen, weil der Autor ein klares Statement damit setzt. Und auch der Psychothrill ist immens, weil man als Leser irgendwann nicht mehr weiß, was und wem man glauben soll. Das alles ist gut und hat was für sich.

Aber: Es ist langweilig – nicht die Geschichte an sich, aber die Machart. Sie ist viel zu sehr nach Lehrbuch, da ist nichts Außergewöhnliches. Wir haben einen Spannungsbogen, Cliffhanger noch und nöcher, eine Dramaturgie, einen Sidekick und einen Plot-Twist, mit dem ohnehin jeder rechnet. Das war bei „Offline“ ähnlich – das Einzige, was mich überrascht hat, war, dass mich all das nicht überrascht hat. Es kommt zu keiner Zeit Atmosphäre auf, zu keiner Zeit hab ich mir gedacht: „Ich will noch nicht schlafen. Ich will weiterlesen!!“ – es ist leider mehr Reißbrett als Individualität. Auch fehlt mir bei manchen Themen das Hintergrundwissen – zum Beispiel wird öfter der Chaos Computer Club erwähnt, aber nie wird erklärt, was genau dieser tut, was das ist und was er will. Ich kannte den Club zwar vom Namen, das war es dann aber auch. Insgesamt ist „Die App“ ein Thriller mit mindestens einem Thema, aus dem man mehr hätte machen können.

Daten zum Buch 

Autor: Arno Strobel
Titel: Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst.
Seiten: 368
Kapitel: 50 (+ Epilog)
Erschienen am: 23. September 2020
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596703555
Preis Print: 15,99 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)