[REZENSION] Michael Tsokos – Zerschunden

zschIn Europa geht ein Nachläufer um und tötet alte Frauen. „Respectez Asia“ – mit diesen Worten signiert er seine Opfer und gibt dem Berliner Rechtsmediziner Fred Abel einige Rätsel auf. Die Mordserie beginnt in der deutschen Hauptstadt und findet einige Tage später in London seine Fortsetzung. In beiden Städten war ein guter Kumpel Abels genau zu den Tatzeiten vor Ort und aufgrund einer speziellen Methode identifiziert und in Untersuchungshaft genommen. Währenddessen kämpft seine Tochter gegen Leukämie, die Ärzte geben ihr nur mehr wenige Tage Zeit zu leben – ihr sehnlichster Wunsch ist es, ihren Vater nochmal zu sehen. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, also entschließt Abel kurzerhand, selbst zu ermitteln.

 

Wenn Fakten und Fiktion ein Kind zeugen, kommt ein Thriller von Michael Tsokos auf die Welt.. „Zerschunden“ ist der Auftakt zur Trilogie rund um den sehr sachlich agierenden Rechtsmediziner Fred Abel, dem scheinbar nichts in seinen Berliner Kellerräumlichkeiten hält und stattdessen quer durch Europa reist, um Verbrecher zu jagen. Während der ganzen Zeit, in der ich das Buch gelesen habe, wollte ich wissen, was Fakten und was Fiktion ist – erst in der Danksagung erfährt man dies und viel mehr über die Hintergründe zu der Geschichte. Was einen dann doch etwas beklommen zurücklässt, denn teilweise herrscht in „Zerschunden“ eine Brutalität vor, die ich nicht erwartet hätte und die für das ein oder andere zarte Gemüt zu viel sein könnte. Einige Szenen sind wirklich schauerlich geschildert.

Übrigens sollte man die Danksagung tatsächlich erst ganz am Ende lesen, wenn man sich nicht selber spoilern möchte. Auch Tsokos rät dazu.

Kommen wir zu den Personen: Fred Abel ist ein sehr nüchterner Charakter, der allerdings genau weiß was er will, auch wenn er nicht immer weiß, was er glauben soll. Ein häuslicher Typ, der allerdings nicht davor scheut, spontan irgendwo hinzureisen. Er lebt im hier und jetzt, denkt aber auch gerne in die Vergangenheit zurück, an schöne Momente, die er nicht vergessen kann. Mit seiner Schwester hat er ein gespaltenes Verhältnis, das vor allem mit ihrer kürzlich verstorbenen Mutter zusammenhängt. Seine Lebensgefährtin bleibt eher blass, sie tritt aber auch nur kurz in Erscheinung.

Besonders gefällt mir der Profiler Jankowski, den Abel immer wieder zu Rate zieht. Er erklärt mit seinen Analysen die Psyche von diversen Tätern ohne Fachbegriffe und ohne komplizierten Erklärweisen. Ein kompetenter Charakter, den es garantiert auch in Tsokos‘ Umfeld gibt.

Der Kriminalhauptkommissar Markwitz, der den Nachläufer-Fall eigentlich bearbeitet, tritt nur zu Beginn in Erscheinung und bleibt ebenfalls ziemlich blass in seiner Erscheinung, dafür bleibt sein Praktikant umso mehr im Gedächtnis. Ich hoffe, dass Abel ihn spätestens im letzten Teil wieder sehen wird.

Überhaupt ist der ganze Roman sehr authentisch und lebensnah erzählt, ohne allerdings Angst einjagen zu wollen. Er ist etwas mehr als ein gewöhnlicher Thriller, aber bei weitem kein Fachbuch – eine gute und sympathische Mischung mit viel Spannungspotential und einem guten Mix aus sympathischen und weniger sympathischen Charakteren, der jeder für sich gut dargestellt ist.

Wenn man etwas kritisieren kann, ist es die Anzahl der Kapitel, die sich auf fast einhundert belaufen, aber keineswegs den Lesefluss stören.

Im Nachwort kündigt Tsokos an, dass der zweite Teil der Trilogie ein paar Jahre vor dem ersten Teil spielen wird – er erscheint am 1. April.

 Autor: Michael Tsokos
Titel: Zerschunden
Seiten: 432
Erscheinungsjahr: 2015
Sonstiges: Umfassendes und aufschlussreiches Nachwort
ISBN: 978-3426517895
Verlag: Droemer Knaur