[REZENSION] Martin Suter – Die dunkle Seite des Mondes

coverUrs Blank ist ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Immer freundlich, immer charmant. Als er eines mittwochs zu seinem Jour fix mit seinem alten Schulfreund und Psychologen Alfred Wenger geht, kommt er an einem Flohmarkt vorbei und lernt an einem esoterischen Stand Lucille kennen. Immer öfter bleibt er bei ihrem Stand stehen, bis er schließlich eine Affäre mit ihr anfängt und ab und zu einen Joint mit ihr raucht.

An einem Wochenende besuchen die zwei Bekannte von Lucille. Gemeinsam essen sie sonderbare Pilze, worauf hin sich Blanks Persönlichkeit radikal ändert. Aus dem charmanten Anwalt wird ein jähzorniger Mensch, der auch vor Mord nicht zurückschreckt…

 

Die dunkle Seite des Mondes ist ein außergewöhnlicher Krimi. Martin Suter selbst ist eigentlich kein Krimiautor, lediglich drei seiner zahlreichen Werke sind diesem Genre zuzuordnen, was das hier besprochene Buch auch so besonders macht. Die Atmosphäre ist ebenfalls eine besondere, man weiß als Leser nicht wirklich, wie und ob man Urs Blank einschätzen soll. Man lebt mit, oder lässt sich gewissermaßen mitziehen, aber man tut es dann doch irgendwie gerne – bis Dinge passieren, mit denen man nicht gerechnet hat. Aber dann geht man erst recht weiter, weil der Schock einen treibt. So ungefähr kann man die Gefühlslage während des Lesens beschreiben, denn Suter nimmt einen nicht nur auf einen Pilztrip mit, sondern bietet einem auch einen Trip der besonderen Art an.

Die ersten paar Kapitel des Buches sind relativ lang, für die ersten drei braucht man um die hundert Seiten. Erst dann werden sie kürzer. Das stört aber keineswegs, denn Suter baut ziemlich viele Absätze ein, die nicht nur der Szenen-, sondern auch oder viel mehr der Perspektivenwechsel dienen. Suter beschreibt die Sicht von so ziemlich jedem Charakter, was sehr interessant ist, weil man miterleben darf, was jede Figur bei einer Szene fühlt und denkt. Gerade beim ersten Trip-Wochenende ist das ein elementarer Teil der Erzählung. Auch danach gibt es solche Perspektivenwechsel, aber wesentlich reduzierter.

Was ebenfalls sehr auffällig ist, ist die Präsenz von Essen, das genau beschrieben wird. Generell scheint Suter Kulinarik sehr wichtig zu sein. Wenn zwei Menschen sich treffen, passiert das entweder in einem Restaurant oder der eine bekocht den anderen. Ich weiß nicht, welche und ob das irgendeine Bedeutung hat, aber auffällig ist es allemal.

Als Fazit bleibt zu sagen, dass das Kriminologische in diesem Buch keineswegs Dominant ist, am Anfang hat die Geschichte überhaupt nichts mit einem Krimi zu tun. Erst nach und nach erkennt man, was hier eigentlich passiert. Auch der Mix aus knallharten wirtschaftlichen Verhandlungen und Esoterik passt auf den ersten Blick gar nicht zusammen, doch Suter schafft diese Symbiose doch ziemlich gekonnt. Es ist und bleibt ein sonderbarer aber gekonnter Krimi.

Das aktuelle Cover soll übrigens primär den von Stephan Rick gemachten Film mit Moritz Bleibtreu bewerben. Wer keine Lust darauf hat, kann es einfach abnehmen, dann kommt das von oben zum Erscheinen.

Autor: Martin Suter
Titel: Die dunkle Seite des Mondes
Seiten: 320
Erscheinungsjahr: 2000
Sonstiges: —
ISBN: 978-3257233018
Verlag: Diogenes