Linwood Barclay – Schweig für immer

sfiGrace ist eigentlich ein harmloses junges Mädchen. Gut in der Schule und gut behütet von ihrer Mutter Cynthia. Vielleicht etwas zu gut behütet, denn sie hält sie unter der sprichwörtlichen Käseglocke, kontrolliert sie, wo es nur geht. Bis die Sache eskaliert und Cynthia darauf hin von zu Hause auszieht. Just in dieser Zeit erkennt Grace ihre dunkle Seite und steigt mit ihrem Freund Stuart in ein Haus ein – doch dieses Haus haben nicht nur sie und Stuart im Visier und als die zwei Gruppen aufeinander treffen, fällt ein Schuss …

Linwood Barclay bedient sein eigenes Genre raffiniert. Zumindest kenne ich keinen anderen Autor, der das Feld der menschlichen Ängste so herausragend bespielt wie er. Aber man erkennt eine klare Entwicklung bei Barclay – hat er in seinen ersten Romanen die menschlichen Alltagsängste thematisiert, verbreiterte er in seinen letzten Büchern seine Palette um ein paar Nuancen, so wie bei „Schweig für immer“ und geht in die Richtung, in die man als Mensch eher selten denkt, weil man als Normalo eher selten in solche Situationen kommt, in der ein solches Unglück wie in dem vorliegenden Buch kommt.

Das aktuellste Buch von Barclay auf dem deutschen Markt ist eine Fortsetzung von seinem Debüt als Thrillerautor „Ohne ein Wort, in der die 14-jährige Cynthia von heute auf morgen ihre gesamte Familie verliert, weshalb sie ihre nun 14-jährige Tochter Grace vermutlich am liebsten mit einem GPS-Sender ausstatten würde, damit sie sie nicht verliert. Die Geschichte der verschwunden Familie wabert in „Schweig für immer“ quasi permanent unter der Oberfläche – doch der Plot entwickelt sich dann doch in eine Richtung, die man zunächst nicht erwartet und vielleicht nicht jeder gutheißen wird, der das Buch liest. Bereits „Weil ich euch liebte“ ging in diese Richtung, auch dort kehrte Barclay seinem Hauptthema – die der Alltagsängste – bereits den Rücken und führte uns in den Bereich des organisierten Verbrechens. Das setzt sich hier fort, auch wenn die Verbrechen etwas provinzieller sind.

Auch wenn man in die Rolle von Cynthias Mann Terry schlüpft, ist die eigentliche Hauptperson des Romans der Ganove Vince Fleming, der stadtbekannt ist, dem man allerdings nichts nachweisen kann und deshalb immer noch sein Unwesen in Milford spielt. Milford war zuvor in mehreren Barclays Schauplatz – und auch die Familien Archer mit ihrer Tochter Grace, sowie die Polizistin Rona Wedmore kennt man bereits aus Büchern, die dort spielen. Jedenfalls ist Fleming in diesem Roman Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, auch wenn er selbst erst später auftritt.

Auch wenn der Roman nie langweilig wird, gibt es bei „Schweig für immer“ fast zu viele Erzählstränge, was die Herumhopserei zwischen vier bis fünf Schauplätze für die Geschichte und den Aufbau zwar einerseits wichtig ist, andererseits kann es gerade in dieser Hinsicht doch auch langatmig und kompliziert für den Leser werden – tatsächlich aber nur in dieser Hinsicht, denn der Schreibstil ist, wie man es bei Barclay gewohnt ist, ziemlich rasant und kurzweilig.

„Schweig für immer“ ist ein typischer Barclay, der aber leider aufgrund der Erzählweise nicht heraussticht, aber dennoch durch die Tatsache, dass man in die Rolle des anfangs peripher agierenden Terry schlüpft, der nach und nach immer tiefer in die Geschichte hineingezogen wird, durchaus interessant ist. Man muss die anderen Bücher, die in Milford spielen , nicht unbedingt gelesen haben, allerdings wäre vor allem „Ohne ein Wort“ davor zu empfehlen.

Autor: Linwood Barclay
Titel: Schweig für immer
Originaltitel: No Safe House
Seiten: 512
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Knaur TB
ISBN: 978-3426517918

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