Harlan Coben – Ich schweige für dich

isfdWas würden Sie machen, wenn ein wildfremder Sie anspricht und Ihnen erzählt, dass Ihre Frau, die vor zwei Jahren schwanger war und danach eine Fehlgeburt hatte, das alles nur vorgetäuscht hat? Wenn Ihre Kinder möglicherweise gar nicht von Ihnen sind? Nicht glauben, oder? Das tut Adam Price zunächst auch – doch dann liefert der Fremde Hinweise, die sich als wahr erweisen, und Adams Leben ändert sich schlagartig. Doch er bleibt nicht das einzige Opfer der Wahrheit …

Manchmal ist es besser, wenn man nicht alles von- und übereinander weiß. Möglicherweise ist es manchmal sogar besser, wenn man lügt, weil die Wahrheit ziemlich unangenehm sein kann – das kennen wir alle. Und wenn nicht, dann lernt man diese Gefühlswelt mit „Ich schweige für dich“ kennen. Ebenfalls hinterfragt Harlan Coben die Anonymität im Internet und ob unsere Daten tatsächlich vertraulich behandelt werden, wenn es uns auf einem bunten Bild vermeintlich garantiert wird. Die Rede ist von Big Data, von sozialen Netzwerken und wie mit Daten theoretisch umgegangen werden könnte. Das sind große und vor allem auch aktuelle Themen, derer sich Coben hier angenommen hat – und er hat sie in einen vortrefflichen Thriller gepackt.

Man begleitet Adam Price, der mit seiner Corinne zwei Söhne hat. Beide Söhne, Thomas und Ryan, spielen Lacrosse und Corinne ist selbst im Verein tätig. Sobald man die erste Seite aufschlägt, ist man – ohne Vorreden, ohne Prolog – in der Geschichte drin, man bekommt sofort das Gespräch zwischen Adam und dem Fremden serviert und auch danach lässt einen die Geschichte nicht mehr los, es ist spannend, obwohl eigentlich zunächst gar nichts allzu spannendes passiert, und dennoch schafft es Coben bei nahezu jedem Kapitelende, einen Cliffhanger einzubauen, der den Leser bei der Stange hält.

Und es wird später sogar noch besser, nämlich dann, wenn man den Fremden, der bis ein paar Kapitel vor dem Ende tatsächlich namenlos bleibt und nur „der Fremde“ genannt wird, dabei begleitet, wie er weitere Leute ins Verderben stürzt – aber nicht alle ergeben sich dem Schicksal der Wahrheit, und das ist sehr erfrischend. Manche bieten ihm auch Paroli. Diese Kapitel liest man noch lieber als die um die Familie Price – möglicherweise ist das ein innerer Sadismus und Voyeurismus, der da in uns geweckt und gestillt wird.

Die Passagen rund ums Internet, wo es um IPs, Tracking-Apps und Deep-Web geht, bringt Coben sehr plastisch rüber und kommt dabei ohne Fachchinesisch aus, obwohl es teilweise sehr spezifisch ist. Neben dem Internet ist auch Sport ein sehr präsentes Thema – Lacrosse ist  in der Geschichte ohnehin allgegenwärtig, aber auch Bodybuilding, Football und Leichtathletik bekommen ihren Platz – manche von ihnen aber nur andeutungsweise, was auch gut ist.

Negative Aspekte gibt es allerdings auch: Ein Erzählstrang ist meiner Meinung nach völlig irrelevant bzw. erschließt es sich mir nicht ganz, warum dieser unbedingt ins Buch musste – die dort agierende Figur hat nicht zwingend etwas mit der Geschichte zu tun. Und ein Charakter, den ich aus spoilertechnischen Gründen hier nicht beim Namen nennen werde, wird unzureichend vorgestellt. Irgendwann im späteren Verlauf bekommt diese eine etwas größere Rolle und man fragt sich nur „Wer ist das jetzt?“.

Am Ende bleibt dennoch ein grandioser Pageturner, der keine Minute langweilig wird und bei dem ich mich immer wieder gefragt habe: „Wieso habe ich noch nicht mehr Cobens gelesen?“ – ein unfassbares Lesevergnügen.

Autor: Harlan Coben
Titel: Ich schweige für dich
Originaltitel: The Stranger
Seiten: 416
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Goldmann
ISBN:978-3442205042

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