Minette Walters – Der Keller

kellerFamilie Songoli ist reich, sie hat ein Haus, die Söhne Abiola und Olubayo besuchen eine Privatschule und der Mann Ebuka kann sich regelmäßige Besuche bei Prostituierten leisten – und sie haltet sich eine Sklavin. Muna haust im Keller und muss die Wünsche der ganzen Familie erfüllen. Als Abiola eines Tages verschwindet, verbessert sich ihr Leben schlagartig – nun wittert sie die Chance, aus der Gefangenschaft zu fliehen …

Wer bei „Der Keller“ einen fulminanten Thriller erwartet, erwartet etwas falsches. Der Roman ist eher als Drama im Thrillermantel zu sehen, bei dem man lange nach Spannung suchen und sie doch nicht finden wird. Allzu schlecht ist das Buch trotzdem nicht, denn es ist interessant zu lesen, wie sich die vom Leben gebeutelte Muna, die einst von ihrer jetzigen „Prinzessin“ heimtückisch aus einem afrikanischen Waisenhaus entführt wurde, langsam emanzipiert und endlich leben darf. Und bei diesem Weg in die Freiheit begleitet man Muna, die so behandelt wird wie eine Natascha Kampusch dazumal, in einem dunklen Keller hausen muss und regelmäßig vom „Master“, wie der Hausherr Ebuka genannt wird, vergewaltigt wird. Nur dass die Geschichte von Muna mit der Zeit immer drastischer wird und in der nach und nach alle Familienmitglieder verschwinden.

Die Dialoge in der hauseigenen Sprache Haussa, die darauf zurückschließen lassen, dass die Songolis vermutlich aus Nigeria kommen, werden nicht als solche gekennzeichnet, was auch bedeuten könnte, dass die Gespräche entweder gar nicht stattfinden oder nur in Munas Gedanken. Ganz nachvollziehbar ist diese nicht-Kennzeichnung jedenfalls nicht. Auch ist nicht nachvollziehbar, wieso Muna offensichtlich perfekt englisch spricht, obwohl im Buch mehrmals die Rede davon ist, dass sie lediglich wichtige Phrasen, die ihr bei einer Befreiung helfen sollen, mühsam in ihrem Verlies geübt hat. Das hätte die Autorin glaubwürdiger vermitteln können.

Aber bei diesen Ungereimtheiten bleibt es ja leider nicht. Muna ist anscheinend ein sehr kluges Mädchen, okay, geschenkt, aber ein Smartphone perfekt bedienen zu können, nachdem man es nur einmal gesehen hat, sich eine 16-stellige Nummer zu merken, ohne Zahlen lesen zu können, sondern nur anhand der Bewegungen – das ist unmöglich und einfach nicht glaubwürdig. Dazu kommt, dass Muna mehrmals die Chance hat, ihre so lange im Keller geübten Hilferufe in die Tat umzusetzen, aber sie einfach nicht nutzt. Wieso nicht? Nur weil die Menschen nicht schwarz sind? Schwarze Menschen traktieren und vergewaltigen mich jahrelang und dann traue ich den Weißen nicht? Mir ist in der Situation doch scheißegal, ob die Leute Schwarz, Weiß, Violett der einarmig sind, ich will einfach nur weg von da! Dazu kommt, dass es quasi kein Ende gibt. Zwar liest man einen Brief der Nachbarin, die ab der Hälfte in die Geschichte einsteigt, aber was die Konsequenz daraus ist oder ob sie ihn überhaupt abschickt, bleibt offen.

Dennoch: Auch wenn es ziemlich viele Ungereimtheiten gibt, ist „Der Keller“, wenn nicht gerade ein Thriller, dann doch eine interessante Sozialstudie mit interessanten, aber nicht unvorhersehbaren Ereignissen. Kann man lesen, muss man aber nicht gelesen haben. Warum dann trotzdem drei Hände? Weil es nichtsdestotrotz gut zu lesen ist und der Charakter Muna ein sehr interessanter ist.

Autorin: Minette Walters
Titel: Der Keller
Originaltitel: The Cellar
Seiten: 224
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442484324

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