Sophie McKenzie – Weil du lügst

wdlAls Emily mit ihrem Verlobten Jed, seinen Kindern Dee Dee und Lish und ihren Geschwistern Martin und Rose Urlaub auf Korsika macht, ist alles perfekt – das Wetter ist toll, die Jacht von Cameron – Martins Freund – ist beeindruckend und alle haben gute Laune – nur Dee Dee nicht. Sie trägt ein Geheimnis mit sich und nimmt es mit ins Grab – denn als sie eines abends Kopfschmerzen hat, stirbt sie von der Medizin, die ihr Emily gibt. Ein Unfall?
Eines Tages taucht Dan, Emilys alte Liebe, mit seiner ganz eigenen Theorie zu dem Unglück auf und bringt Emilys Leben komplett durcheinander – ist das Ganze doch ein fehlgeschlagener Mordanschlag gegen sie gewesen…? 

Gleich der Einstieg in das Buch ist brisant, Rose, Emilys große Schwester und späterer Mutterersatz beobachtet ihren Vater dabei, wie er mit einer fremden Frau schläft – dieser Vorfall bildet Roses Charakter nachhaltig. Am Ende des ersten Kapitel sind die Eltern tot, was sich nicht nur darauf auswirkt, dass Rose die Erziehung übernimmt – auch Emilys Entwicklung wirkt sich stark auf das Aufwachsen ohne Eltern aus. Nur bei Martin, Roses und Emilys Bruder, merkt man keine wirklichen Auswirkungen durch den tragischen Verlust. Danach wechselt man in die eigentliche Geschichte und schlüpft in die Rolle Emilys. Dazwischen werden immer wieder Rückblicke eingestreut, die aus Roses und vor allem Dee Dees Sicht erzählt werden. Insgesamt hat das Buch fünf Teile, die allerdings nur teilweise als Zäsur zu sehen sind – gerade gegen Ende geht die Handlung zwischen den Teilen nahtlos weiter, nachdem man eine kurze Reise in die Jahre 1992 bis 2004 unternimmt und Rose bei der Erziehung ihrer Geschwister über die Schulter schaut. Der Rest spielt im Zeitraum zwischen Sommer 2014 bis Anfang 2015, die meiste Zeit davon im Dezember 2014.

Emily scheint eine recht hübsche 33-jährige Frau zu sein, wie sie genau aussieht, darf man sich selbst ausmalen, da überlässt uns McKenzie unserer Fantasie. Aber obwohl sie so hübsch ist, mutet es etwas seltsam an, dass sie bisher lediglich sechs Sexualpartner hatte – möglicherweise ist das Roses Erziehung geschuldet, die von Emily als prüde beschrieben wird. Dass das mit ihren oben beschriebenen Beobachtungen zu tun haben könnte, kann sie nicht wissen, weil sie davon nie erfahren hat. Ansonsten ist Emily eine sehr passive Person, die im wesentlichen von den Menschen in ihrem Umfeld geleitet wird und so gut wie nie selbst die Initiative ergreift – das ändert sich im Verlauf der Geschichte allerdings, was dann doch eine willkommene Abwechslung ist. Dennoch fragt man sich, wieso sie Jed, den Anwalt mit offenbar einigem auf der hohen Kante, heiraten möchte – auch wenn sie sagt, dass sie Jed liebt, erfährt man als Leser nie wirklich, wieso und könnte dadurch zum Schluss kommen, dass es primär wegen dem auf der hohen Kante ist – aber selbst das lässt sich nie zweifelsfrei verifizieren.

Irgendwann im Laufe der Geschichte betritt dann Dan, Emilys Ex die Bühne, und das tut dem Plot richtig gut. McKenzie baut ab dann nämlich zwei Fronten auf: jene, die für Dans Theorie, nach der Dee Dee umgebracht worden sein könnte und jene, die dagegen spricht – und da ist man auch als Leser gefordert, denn gerade als Außenstehender ist man hin- und hergerissen zwischen den zwei Fronten. Emily selbst ist in dieser Hinsicht so gut von McKenzie gezeichnet, dass sie jetzt nicht den aller sympathischsten Eindruck macht, weshalb man sich, obwohl man als Leser in die Rolle Emilys schlüpft, nicht automatisch auf ihre Seite schlägt. Allerdings weiß man bei ihr nie wirklich, ob sie so selbstlos ist, wie sie es sagt („Ich will Gerevhtigkeit für Dee Dee“) oder ob sie aus Selbstschutz den Fall aufklären will – immerhin geht sie davon aus, dass es ein fehlgeschlagener Mordanschlag ist, die Theorie trichtert ihr Dan immerhin glaubhaft ein.

Und dann ist da noch der Strang um Dee Dee, der aus einem Videotagebuch besteht, in dem sie primär über Alltagsprobleme eines Teenagers erzählt, die so gesehen nicht wirklich interessant anmuten – allerdings ist es so authentisch rübergebracht, dass man sich fast selbst in Teenagerzeiten zurückversetzt fühlt. Die Kapitel selbst werden in jeweils kleinen Häppchen mit zwei bis drei Seiten serviert. Der Übergang zwischen diesen und Emilys Kapitel ist allerdings nicht immer einfach, weil beide Stränge aus der Ego-Perspektive erzählt werden, weshalb man im Kopf etwas braucht, um nach Dee Dees Kapiteln wieder auf erwachsen umzuschalten.

„Weil du lügst“ ist ein gefühlsbetonter Roman, von einer Frau, über eine Frau, aber keineswegs ausschließlich für Frauen, sondern lässt sich auch als Mann sehr gut lesen. Zunächst eher gemächlich nimmt die Geschichte ab der Hälfte ziemlich an Tempo zu und lässt einem ab da nur mehr wenige Atempausen.

Autorin: Sophie McKenzie
Titel:Weil du lügst
Originaltitel: Here We Lie
Seiten: 464
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453419605

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