Patricia Weiss – Das Lager

lagerLaura Peters ist froh, endlich ihre eigene Detektei zu haben, die Annoncen sind geschaltet und prompt kommt am ersten Tag auch schon der erste Fall rein. Sie soll über den Ex-Mann ihrer Klientin herausfinden, wo er ist und was er eigentlich arbeitet. Marek, Lauras Kollege soll ihr dabei helfen, arbeitet aber gleichzeitig an mehreren Fällen – unter anderen an dem von Maria, die vermutlich Menschenhändlern zum Opfer gefallen ist. Doch ein Todesfall überschattet alles: Ein Mädchen wird tot in einem See aufgefunden: hängen diese Fälle möglicherweise alle zusammen und hat Laura gleich an ihrem ersten Tag als Detektivin einen riesigen Fall an Land gezogen …? 

Es ist nahezu unmöglich, das Buch, das eigentlich relativ dünn ist, in eine Kurzbeschreibung zu fassen, weil so unglaublich viel darin passiert. Ein Zwischenfall jagt den nächsten und zwischendrin finden immer wieder Rückblicke in die NS-Zeit statt. Ob und wie das ganze eigentlich zusammenhängt, erfährt man erst nach und nach. Auf jeden Fall ist „Das Lager“ ein sehr ereignisreicher Roman, den man kaum aus den Händen legen kann und für einen Debütroman irrsinnig beeindruckend. Patricia Weiss ist dabei nicht nur für den Inhalt verantwortlich, sie hat auch den Umschlag gestaltet und das Buch nicht über einen Verlag publiziert, sondern über die Internetplattform CreateSpace, auf der jeder seinen Roman veröffentlichen kann. Sie geht damit einen ähnlichen Weg wie Nele Neuhaus – und wo die heute ist, wissen wir alle.

Die Geschichte, die in mehreren Teilen, Kapitel und Zwischenkapitel unterteilt ist, beginnt mit einer Rückblende ins Deutschland im Jahr 1944, mitten im zweiten Weltkrieg also. Immer wieder kommen solche Rückblenden und man ahnt bereits zu Beginn, dass sie immer relevanter für den Plot werden. Dann lernt man Laura Peters kennen, die gerade ihre Detektei eröffnet hat und sehnsüchtig auf einen Fall und einen zweiten Detektiv wartet – beides, und auch noch eine weitere Mitarbeiterin, bekommt sie bald und fortan begleitet man abwechselnd Laura, Marek und Gilda beim Spurensuchen, die sie bis in dunkelste Kreise führt. Mittendrin stößt man immer wieder auf vermeintliche historische Fakten, bei denen ich mich gefragt habe, ob es hierzu am Ende irgendwelche Bemerkungen gibt: und es gibt sie, was ich sehr positiv finde. Auch, dass Weiss in einen völlig fiktiven Roman solche Fakten eingebaut hat, hat mir sehr gefallen. Natürlich könnte man denken „Ach, schon wieder eine Nazi-Geschichte – können die Deutschen eigentlich nichts anderes?“ – habe ich zu Beginn auch. Aber die Umsetzung ist dann doch besser als von manch anderen Autoren.

Aber wer ist diese Laura überhaupt? Woher kommt sie, wie alt ist sie, was isst sie gerne, wo wohnt sie, hat sie Geschwister, und was befähigt sie eigentlich dazu, eine Detektei zu eröffnen? Das selbe gilt zu Beginn auch für Marek, von dem man am Ende aber alles erfährt. Und Gilda ist ohnehin von Anfang an ein offenes Buch – aber Laura bleibt bis zum Schluss eines mit sieben Siegeln. Nur dass sie irgendeine offenbar ziemlich schreckliche Erfahrung mit einem Mann hatte – aber selbst darüber erfährt man nicht wirklich etwas. immerhin bleibt man dadurch weitestgehend von etwaigen Turteleien verschont.

Wirklich das Gefühl, dass Laura diese Detektei führt, bekommt man auch nicht – die wichtigsten Entscheidungen trifft im Laufe der Geschichte Marek, und Laura akzeptiert sie mehr oder weniger stillschweigend. Ich hoffe, dass es erstens weitere Teile rund um dieses Trio geben wird und zweitens, dass das Verschweigen von Lauras Background nur eine taktische Überlegung der Autorin ist und sie den Lesern in den hoffentlich kommenden Teilen etwas mehr über die Chefdetektivin erzählt. Was mir ebenfalls nicht gefallen hat, war der Umgang mit dem Prostitutionsthema, das mir viel zu einseitig behandelt wurde. Eventuell kommt dazu noch ein Spoiker-Beitrag auf dieser Seite darüber.

Was zwar nicht zwingend nur mit dem „Lager“ zu tun hat, aber auch darin relativ am Anfang vorkommt ist das offenbar unvermeidliche Sherlock-Holmes-Zitat aus einer „Studie in Scharlachrot“, wonach das Logischste unweigerlich die Wahrheit sein müsse, auch wenn es noch so unwahrscheinlich sein mag. Ich weiß nicht, ob es ein Fachbuch zur angewandten Kriminalliteratur gibt, aber dieses Zitat muss gleich im ersten Kapitel vorkommen, denn man findet es in gefühlt jedem dritten Krimi. Ich mag Sherlock Holmes, mein erster Krimi war ein Sammelband von Arthur Conan Doyle, aber man muss dieses Zitat, so passend es auch sein mag, nicht immer mit rein nehmen.

„Das Lager“ ist nichtsdestotrotz ein herausragender Krimi und ein grandioses Debüt von Patricia Weiss, das von vorne bis hinten Lesespaß bereitet und ein riesiges Potential für weitere Fälle für die Detektei Peters mit sich bringt..

Autorin: Patricia Weiss
Titel: Das Lager
Seiten: 336
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
ISBN: 978-1519653284

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