[REZENSION] B.C. Schiller – Rattenkinder

3404172647.01._SX142_SY224_SCLZZZZZZZ_Als Tony Braun in die Linzer Psychiatrie gerufen wird, bekommt er vom Insassen Viktor Maly einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem sich Koordinaten und eine aufgemalte Parkbank befinden. Die Koordinaten führen zu einer Parkbank, auf der eine Frau sitzt – tot, erdrosselt mit einer Garotte. Neben ihr liegt ein skelettierter Rattenkopf.
Was hatte das alles zu bedeuten? Was soll der Rattenkopf – und woher wusste Viktor Maly, der seit einem Jahr nicht gesprochen hat, davon …?  

Gleich zu beginn des Romans passieren einige Dinge. Da ist einerseits Jan Maly, der nach einem Jahr in der Psychiatrie wieder spricht und Braun einen Zettel überreicht, auf dem sich Koordinaten und ein Blutstropfen nebst einer aufgemalten Parkbank befinden. Da ist ein Mord und da ist ein fast verunglücktes Baby. Und das sind nur die ersten 50 Seiten – aber in dieser Rasanz geht es weiter, und das ist das tolle an dem Buch, das ein Thriller sein will, aber weit mehr als das ist. Es geht auch um Politik, aber vor allem um von der Politik geduldeten, wenn nicht sogar tolerierten Menschenhandel. Die Kapitel sind mit zwei bis sieben Seiten kurz und knackig gehalten – wenn es spannender wird, wird es seitenmäßig meistens enger, was allerdings gar nicht nötig wäre.

Es ist mein erster B.C Schiller und mir war auch nicht bewusst, dass es sich hier um ein österreichisches Schreiberduo handelt, denn am Schreibstil erkennt man es nicht – wohl aber an der Verortung der Handlung, die im oberösterreichischen Linz spielt. Die Ausdrucksweise in den Dialogen ist allerdings eher an ein deutsches Publikum gerichtet, denn oberösterreichischer bzw. österreichischer Dialekt findet im Buch keinen Eingang. Auch bei den Namen der Charaktere, die Jan, Karen, Urs oder Franka heißen, sind eher nicht österreichisch. Nur der eingecoolte Tony, der eigentlich Anton heißt, aber doch von allen nur beim Nachnamen Braun genannt wird, lässt erahnen, dass wir uns nicht in einer deutschen Großstadt befinden.

Oberinspektor und Chefermittler Braun tritt als typischer Österreicher auf, ist tendenziell grumpy unterwegs, mit einem leichten Hang zum Alkoholismus. Abgesehen davon hat er ein Aggressionsproblem, das in manchen Situationen auch zu Eskalationen führen kann. Er trägt gerne Springerstiefel, die allerdings kein politisches Statement sind – generell ist Braun wohl die unpolitischste Figur im ganzen Buch
Seine Kollegin ist Franka Morgen. Die 24-jährige und Jahrgangsbeste auf der Polizeiakademie ist durch und durch sympathisch, wenn zunächst auch etwas geheimnisvoll, was sie aber sehr interessant macht. Sie hilft mehrmals die Woche in einer Obdachlosenunterkunft aus und träumt von der Moto Guzzi, die schon seit Ewigkeiten beim nahegelegenen Gebrauchtwagenhändler steht.

Was mir beim Charakter Jan, der oben bereits namentlich erwähnt wurde und der Braun immer wieder bei Recherchen hilft, aufgefallen ist: Er sitzt im Rollstuhl und wohnt in einem Kellerloft, welches nur über Stufen erreichbar ist (logisch, weil Keller) – nur: wie kommt er da hinein oder hinaus? Offensichtlich lebt er alleine, hat keine Heimhilfe oder etwas ähnliches. Also wie macht er seine Einkäufe, Amtswege, was weiß ich? Diese Erklärung fehlt mir, auch wenn Jan nicht der wichtigste Charakter in der Geschichte ist – der unwichtigste allerdings auch nicht.

Etwas seltsam mutet eine Szene an, in der eine Vernehmung auf dem Dach der „Schwarzen Halle“ – wie das Kommissariat durchgängig genannt wird – stattfindet. Das erinnert eher an Szenen aus einem schlechten Krimi. Der Showdown am Ende war mir persönlich etwas zu theatralisch und wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Mehr dazu im SPOILER-Beitrag.

„Rattenkinder“ hat mich dennoch von Beginn an positiv überrascht; es ist eine durchwegs lebhafte und spannende Geschichte, die nicht zu aufgesetzt wirkt, aber leider ein paar Authentizitätsprobleme birgt. Ich denke, eine Prise Dialekt würde der Geschichte nicht schaden, und vermutlich hätte auch das deutsche Publikum kein Problem damit.

Autoren: B.C. Schiller
Titel: Rattenkinder
Seiten: 448
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3404172641

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