Linus Geschke – Die Lichtung

lichtungJan Römer ist Redakteur beim „Reporter“; eigentlich ist er für Reisen und Sport zuständig, aber weil der Kollege vom Zeitgeschichte-Ressort einen Autounfall hatte und nicht arbeiten kann, wird die Arbeit auf die gesamte Redaktion aufgeteilt und Jan bekommt einen Geschichte zugeschanzt, bei der er selbst mitgewirkt hat: 1986 wurden zwei Teenager, die mit einer Gruppe aus zehn ein Wochenende in einem Landhaus verbringen, ermordet. Er selbst war damals dabei und weiß mehr, als er zunächst zugeben will … 

Linus Geschke ist, wie sein Alter Ego Jan Römer, Journalist. Jan Römer agiert hingegen wie sein österreichisches Pendant Sarah Pauli. Beide Buchfiguren sind bei ihren Jobs wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, beide recherchieren zu Mordfällen, beide leben in einer europäischen Großstadt, beide haben keine Eltern mehr. Doch trotz all der Parallelen gibt es auch Unterschiede: Jan Römer ist Anfang 40, glücklich verheiratet und hat einen Sohn. Sarah Pauli Mitte 20, anfangs noch Single und hat einen Bruder (Römer hat keine Geschwister). Der größte Unterschied ist der, dass Pauli aktuelle Fälle bearbeitet und Römer vergangene aufarbeitet, was wiederum an Jussi Adler-Olsens Sondereinheit Q rund um Carl Mørck erinnert. Das sind alles Parallelen, (oder nicht-Parallelen), die mir im Laufe des Lesens aufgefallen sind, also keineswegs von Beginn an offensichtlich waren. Ich kann nicht beurteilen, ob Geschke eine Beate Maxian kennt, von Jussi Adler-Olsen hat er aber sicher schon gehört und sich vielleicht sogar von ihm zu seiner Römer-Reihe inspirieren lassen.

Das war es dann aber in großen Teilen auch schon wieder mit den Komplimenten, denn journalistische Distanz scheint für Geschke ein Fremdwort zu sein, ja nicht mal Jan Römer weiß, wieso er den Fall, bei dem er unmittelbar beteiligt war, selber aufarbeitet. Möglicherweise, weil er mit seinem Chef nicht so wirklich klar kommt, vielleicht, weil er nicht sehen will, wie andere Leute „seinen“ Fall bearbeiten, oder weil er seine Vergangenheit bewältigen muss – für Letzteres soll es gute Psychologen geben, die er sich mit seinem „überdurchschnittlichen“ (Zitat aus dem Buch) Gehalt sicher leisten kann. Mit diesem könnte er auch gleich über seine Frau sprechen, mit der er eine – so wird sie dem Leser nähergebracht – äußerst komplizierte Ehe zu führen scheint. In einem Moment sinniert Römer darüber, wie sehr er sich von seiner Frau Sarah entfremdet hat, nur um das Paar beim nächsten Telefonat (man erlebt die zwei im Buch stets telefonierend) dabei zu ertappen, wie es herumblödel wie zwei Teenager. Ob Römer nun am Ende doch noch zu seiner Familie nach St. Peter Ording in den Urlaub fährt oder sich mit Stefanie „Mütze“ Schneider vergnügt, erfährt man hingegen nicht.

Die Rückblenden in den Unglückssommer 1986 sind tatsächlich noch das beste an und in dem Buch. Sie sind lebhaft und man fühlt sich in die eigene Jugend zurückversetzt Bei diesen Kapiteln dürfte sich auch Geschke am wohlsten gefühlt haben. Hier gibt es keine Längen, die es in Römers Gegenwart immer wieder gibt, dafür aber aufgewärmte Sprüche, die man irgendwo schon mal gehört hat. Und prickelnde Erotik, die teilweise ziemlich detailliert beschrieben wird (was nichts schlechtes ist). Jan Römers Clique ist hingegen so gewöhnlich wie jede andere, was auch seine Berechtigung hat. Da gibt es den dicken, den Außenseiter, den Schnösel – nur die Mädels in der Clique, die sind offenbar alle hübsch (und blond), und wenn sie es nicht sind, werden sie nicht näher beschrieben.

Auch Justizkritik gibt es, die schrammt allerdings ganz knapp an Stammtischparolen vorbei – das hätte man anders formulieren können und müssen. Ich habe nur mehr auf die Forderung gewartet, Kinderschänder am Gemächt aufzuhängen – vielleicht kam die aber auch vor, könnte bei all der Stammtischrhetorik aber auch untergegangen sein. Ach ja, Hausfrauenpsychologie findet in „Die Lichtung“ auch einen Platz – wäre ja zu schön gewesen. Und natürlich kritisiert Geschke die öffentliche Wahrnehmung von Journalisten. Aber das muss er ja als Journalist von Spiegel online und FASZ fast.

Am Ende bleibt ein Buch, das das Rad nicht neu erfindet, zu viele Schwächen und zeitweilig Stellen, wo einfach nichts passiert, hat – ja selbst der Showdown, der 20 Seiten vor dem Ende beginnt, hat Längen. Klar könnte man das alles damit begründen, dass es ja Geschkes Romandebüt ist – tu ich aber nicht. Der Mann ist Journalist, weiß also mit Wörtern umzugehen.

Daten zum Buch

Autor: Linus Geschke
Titel: Die Lichtung
Seiten: 384
Erscheinungsjahr: 2014
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3548286365

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