Jonas Winner – Die Zelle

dzWas macht man, wenn man im Keller seines Hauses ein gefangenes Mädchen findet? Wenn man weiß, dass der eigene Vater sie dort eingesperrt hat? Man ist vermutlich genau so ratlos wie der 11-jährige Sam, der mit seiner Familie gerade von London nach Berlin gezogen ist und eigentlich seine Sommerferien genießen will. Stattdessen versucht er, das Rätsel um das Mädchen im Keller zu lösen …

In unserer Gesellschaft ist es ja common sense: wenn man wohlhabend ist, hat man keine Probleme, wenn man wohlhabend ist, hat man ohnehin alles oder kann es sich zumindest kaufen. Aber was, wenn man ganz spezielle Bedürfnisse hat und man diese nicht einfach so beschaffen kann? Tja, dann hat man ein Problem – und damit einhergehend einen Teufelskreis, der sich nicht so einfach durchbrechen lässt. Dieses und eine Fülle an anderen Themen behandelt Jonas Winner in seinem Buch „Die Zelle“, das viel mehr ist als ein Thriller, viel mehr als ein Spiel um Räuber und Gendarm. Es geht um Abgründe, denen man begegnet, wenn man Probleme nicht adäquat lösen kann.

Manchmal sollte man ein Buch fertig lesen, und nicht schon 80 Seiten vor Ende einen Großteil der Rezension schreiben, denn manche Autoren lassen sich am Ende noch etwas ganz Besonderes einfallen, womit die Geschichte nochmal um mindestens 540 Grad gedreht wird. Und manchmal weiß man gar nicht, was man nun eigentlich glauben soll und darf – das alles trifft auf Jonas Winners aktuelles Buch zu, das mich am Ende einfach nur ratlos zurückgelassen hat. Eigentlich hatte ich einiges an dem Buch zu kritisieren, aber die allerletzten Seiten haben alles durcheinandergewirbelt, so dass es sich in meinem Kopf immer noch dreht – und das ist eigentlich das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann, nämlich dass einem seine Geschichte zu Kopf gestiegen ist.

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt und spielt ausschließlich im oder um das Haus der Familie des Protagonisten. Das Genre schwankt irgendwo zwischen Drama, Horror und Psychothriller – genau einordnen kann man es nicht, ein reiner Thriller ist es jedenfalls nicht. Die Hauptgeschichte spielt Mitte der 1990er, mit einer durchgehend düsteren Stimmung, ähnlich Minette Walters‘ „Der Keller“.

Wir schlüpfen in die Rolle des 11-jährigen Sam, der mit seinem Vater, der Filmmusiker ist, seiner Mutter, die an der Oper arbeitet, seinem Bruder Linus und dem Au-pair-Mädchen Hannah von London in eine Villa im Berliner Grunewald übersiedelt. Wir sind in eine zumindest wohlhabende Familie hineingeboren worden, sprechen offenbar perfekt deutsch und haben einen Bruder mit einem typisch deutschen Namen – wir dürften also nicht nur zweisprachig erzogen worden sein, sondern auch deutsche Wurzeln haben, das besagt auch der Nachname der Familie, der Grossman lautet.  Sam liebt und verehrt seinen Vater, der ein Hans Zimmer sein will, es aber doch nur zum Eddy the Eagle der Filmmusik bringt. Er schaut zu ihm auf, versteht die Arbeit die er macht zwar nicht ganz, aber trotzdem ist er voller Ehrfurcht davor. Doch plötzlich bröckelt die Fassade und das Kartenhaus beginnt zu schwanken. Die Mutter hingegen bleibt weitestgehend blass, man erfährt auch nie, was sie an der Oper genau macht – alle anderen Charaktere lernt man besser kennen.

Man könnte sicher Kritik anbringen, aber man muss dieses Buch gelesen haben, um zu verstehen, dass das vielleicht nicht ganz angebracht wäre. Mehr dazu im SPOILER-Beitrag zum Buch, damit die Zeilen, die ich gerade versuche, niederzuschreiben, etwas klarer werden. Was man aber auf jeden Fall beanstanden kann, ist, dass Winner nicht mehr auf die Grossmans ansich eingegangen ist. Welche Wurzeln haben sie tatsächlich, über wie viele Ecken gehen sie, warum ziehen sie ausgerechnet nach Berlin respektive Deutschland? Das bleibt uns Winner leider schuldig.

Fazit: „Die Zelle“ erzählt eine Geschichte, die tiefer geht als man zunächst glaubt, die Probleme wie mangelnde Elternliebe, Unsicherheit, Erfolglosigkeit bei der Arbeit, Akzeptanzdefizite, aber vor allem eines thematisiert: Verzweiflung. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

Daten zum Buch

Autor: Jonas Winner
Titel: Die Zelle
Seiten: 336
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Knaur TB
ISBN: 978-3426512760

Advertisements

Ein Gedanke zu “Jonas Winner – Die Zelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s