[REZENSION] Paul Cleave – Zerschnitten

zrschJerry war mal erfolgreicher Krimiautor – heute hat er Demenz und lebt ihm Pflegeheim. Immer wieder kommt es vor, dass er ausbüchst und in die Stadt spaziert. Danach werden tote Menschen gefunden, aber er kann sich an nichts erinnern. In seiner Vergangenheit, ziemlich genau ab der Diagnose seiner Demenz, hat er begonnen, Tagebuch zu führen. Ein Tagebuch, das er „Protokoll des Wahnsinns“ nennt und sich an den Zukünftigen Jerry richtet – er weiß nicht, wo es ist; aber er muss es finden, denn dort steht drin, ob er tatsächlich zum Mörder geworden ist… 

Einzelbewertung

Idee: 4/5
Umsetzung: 2/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 1/5
Showdown: 3/5

Gesamtbewertung


Kann man das Thema Demenz richtig breit in einem Kriminalroman bearbeiten? Wenn ja, wie geht man es an? Klar, Alzheimer kann jeden von uns treffen, aber muss es sein, dass man das Thema in einem Medium behandelt, das eigentlich unterhalten soll? Das spannend, vielleicht etwas blutrünstig und möglicherweise auch ein bisschen lustig sein soll? Diese Fragen sollen keinen bewertenden Charakter haben – ich stelle sie erstmal nur in den Raum. Paul Cleave hat es versucht, und die Idee an sich ist innovativ.

Und innovativ kann Cleave normalerweise auch, das sah man bereits an seinem Debüt, in dem er den Thriller aus der Sicht des Mörders schrieb und damit einen Welthit landete. In gewisser Weise kehrt er mit „Zerschnitten“ zurück zu den Wurzeln, aber irgendwie will das gute Stück nicht so recht zünden – zumindest in der ersten Hälfte nicht, durch die man sich regelrecht durchquälen muss, weil es zeitweise wirklich zäh ist. Insgesamt gibt es zwei Handlungsstränge, die sich beide um die Figur des Jerry Grey drehen. Einer davon – der lebhaftere – spielt in der Gegenwart, der andere in der Vergangenheit von Grey, in der er ein „Protokoll des Wahnsinns“, wie er es nennt, angefertigt hat. Und damit kommen wir zur ersten der oben angeführten Fragen, ob man das Thema Demenz in einem Kriminalroman breit bearbeiten kann: Ja, man kann – wenn man in Kauf nimmt, dass der ein oder andere das Buch gähnend ins Regal zurückstellt und sich darüber ärgert, Geld aus dem Fenster geworfen zu haben. Selbst bei mir gab es für einen Augenblick so einen Gedanken. Aber ich kenne Cleave schon lange und wusste, dass es so nicht weitergehen wird, so nicht weitergehen kann.

Und die zweite Hälfte entschädigt dann auch etwas – wie in einem Fußballspiel, in dem die Lieblingsmannschaft nach der ersten Hälfte 0:5 zurückliegt, weil sie nicht und nicht ins Spiel kam. Man weiß, dass sie verlieren wird, aber dann bitte mit Anstand. Und dann schießt sie in der zweiten Spielhälfte noch drei Tore und bekommt keines mehr. Da ist man am Ende nicht ganz so enttäuscht. Und etwas von dem gibt Cleave auch in seiner zweiten Hälfte des Buches zurück, zumindest was das Thema Spannung betrifft, denn davon ist in der ersten Hälfte gar nichts zu sehen. Auch der Showdown ist ziemlich okay, er hält zwar keine Überraschung bereit, aber immerhin doch noch einen kleinen Twist.

Im Abspann des Buches, also der Danksagung, erfährt man dann, wie persönlich dieser Roman für Cleave ist. Schon während des Lesens fragt man sich, wie viel Cleave in der Geschichte steckt – nun, einiges davon. Aber dennoch ist man dann irgendwie froh, dass es vorbei ist. Der Spagat zwischen ernstem Thema und Unterhaltungsliteratur ist etwas zu groß, so dass die Unterhaltung leider etwas auf der Strecke bleibt.

Fazit: Ich habe nicht alle Bücher von Paul Cleave gelesen, aber es gibt bessere, wie etwa „Der siebte Tod“ oder „Der 5-Minuten-Killer“. Dennoch ist es etwas Neues und die Idee an sich ist wirklich grandios, nur die Umsetzung hat ein paar Schönheitsfehler. Aber Cleave ist einer der wenigen Autoren, die immer wieder etwas wagen und sich nicht immer des öden Räuber-und-Gendarm-Spiels bedienen – allein dafür gebührt ihm Respekt; und den bekommt er von mir.

Daten zum Buch

Autor: Paul Cleave
Titel: Zerschnitten
Originaltitel: Trust no one
Seiten: 496
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453438552

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