[Rezension] Linwood Barclay: Lügenfalle (Promise Falls III)

In Promise Falls ist der Teufel los – im wahrstem Sinne des Wortes. In zwei Tagen ist Memorial Day und plötzlich kippen reihenwese die Menschen um, Promise Falls schlittert in die größte Katastrophe seit Bestehen der Kleinstadt und Barry Duckworth muss sie handlen. Doch dem nicht genug, denn der Serienmörder, der Wochen zuvor schon Rosemary Gaynor umgebracht hat, hat abermals zugeschlagen.
Währenddessen muss sich Cal Weaver mit der kleinen Crystal auseinandersetzen bis ihr Vater bei ihr ist, doch das kann noch etwas dauern, denn er ist nicht erreichbar; und selbst wenn, von San Francisco bis Promise Falls liegen geographisch Welten. Und dann ist noch David Harwood, der verzweifelt nach Sam Worthington sucht und glaubt, dass sie auch von der Katastrophe betroffen ist, denn sie ist wie vom Erdboden verschluckt …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 3/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5

Wenn es Linwood Barclay in den vorherigen Teilen der Promise-Falls-Trilogie nicht auf die Spitze getrieben hat, in „Lügenfalle“ macht er es, und zwar ohne Umschweife, ohne Vorgeplänkel, ohne langweiligem Prolog. Direkt im ersten Kapitel kippen reihenweise Leute um, und damit sind wir auch schon mitten in der Geschichte.

Linwood Barclay hat in den ersten zwei Teilen der Trilogie einige Baustellen offen gelassen, wie etwa der Mord an Rosemary Gaynor, die dreiundzwanzig toten Eichhörnchen oder die Schaufensterpuppen im Waggon des Riesenrads aus „Lügennest“ – oder den brennenden Bus, den Mord an George Lydecker oder die umgefallene Leinwand aus „Lügennacht“. Aber Barclay hat offenbar noch nicht genug, denn wie man oben lesen kann, eröffnet er in „Lügenfalle“ eine Reihe neuer Baustellen.

Nachdem „Lügennest“ aus der ersten Person von David Harwood erzählt wurde, „Lügennacht“ Cal Weaver die – mehr oder weniger – Hauptperson war, wird „Lügenfalle“ von einem Charakter aus der ersten Person erzählt, den ich schon in „Lügennest“ lieb gewonnen habe – nämlich den etwas übergewichtigen Detective Barry Duckworth, bei dem ich immer Chief Wiggum von den „Simpsons“ vor Augen hatte, der aber nicht mal ansatzweise so stupide wie sein Zeichentrick-Pendant agiert. Wir lernen ihn zwar wegen des Umstandes, dass wir seine Perspektive einnehmen, nicht unbedingt besser kennen, aber uns fällt doch sein Hang zur Selbstironie auf, der in den vorherigen zwei Teilen nicht manifest war. Zumindest nicht für mich.

Die Medaille „Lieblingscharakter“ hänge ich – und zwar mit Abstand – aber einer Figur um, die in „Lügennacht“ erstmals in Erscheinung trat (zumindest soweit ich mich erinnere), aber in „Lügenfalle“ wesentlich mehr Raum bekommt; eine Figur, die jemanden innerhalb von zwei Seiten herzhaft zum Lachen und (weniger herzhaft) zum Weinen bringen kann; eine Figur, die so gut gezeichnet ist und trotz ihrer Eigenheiten die vermutlich authentischste im Promise-Falls-Kosmos ist – nämlich Crystal. Ich habe selten, vielleicht sogar noch nie, einen so herzzerreißenden Charakter kennengelernt wie ihren. Doch dem nicht genug, denn die Beziehung zwischen ihr und Cal Weaver, die in „Lügennacht“ ihren Ursprung nahm, hievt Barclay in „Lügenfalle“ auf die nächste Stufe und es ist wunderschön, mitzuverfolgen, wie die zwei miteinander agieren.

Das, gepaart mit allem anderen, was in Promise Falls passierte und passiert, offenbart eine solche Tiefe und Vielschichtigkeit, die ich von Linwood Barclay noch nicht kannte. Er strickt ein so riesiges Netz mit so vielen Charakteren und Baustellen (siehe oben), dass man leicht den Überblick verlieren könnte. Aber selbst dafür hat Barclay vorgesorgt, denn er setzt den Leser stets ins Bild, wirft in Halbsätzen einen Rückblick auf die vorherigen Teile, so dass sich der Leser wieder auskennt, warum gerade was passiert. Allzu viel Zeit sollte man zwischen den drei Teilen dennoch nicht ins Land ziehen lassen.

Barclay lässt den Leser mitraten, welcher Charakter wofür verantwortlich ist und formuliert so, dass man nahezu jeden verdächtigt. Sobald einer der Täter dem Leser offiziell enthüllt wird, schlägt das Buch eine Richtung ein, die etwas Psychothrillerhaftes hat. Hier spielt Barclay mit typischen Thriller-Stereotypen, die so gar nicht Barclay-typisch, aber durchaus stimmig sind. Alle Fragen klärt Barclay am Ende allerdings nicht, weshalb ich vermute, dass diese in einem anderen Buch – wahrscheinlich außerhalb der Promise-Falls-Reihe – beantwortet oder weitergesponnen werden.

Fazit: Linwood Barclay holt in „Lügenfalle“ nochmal einen richtig großen Hammer heraus, packt ihn gekonnt in knapp fünfhundert Seiten ein und liefert uns einen spannungsgeladenen und facettenreichen Thriller mit massenhaft Emotionen.

Danke an Droemer Knaur für das Rezensionsexemplar.


Daten zum Buch:

Autor: Linwood Barclay
Titel: Lügenfalle
Originaltitel: The Twenty-Three
Seiten: 496
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: Knaur TB
ISBN: 3426518708

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