[Rezension] Claus Probst: Die Jagd – Am falschen Ort

Jonas Keller ist ein Durchschnittsmensch. Anwalt für Erbrecht, Freundin, Zukunftspläne mit Kind und Haus. Der Anfang seines Lebens war zwar tragisch, denn er hat auf einen Schlag seine ganze Familie bei einem Autounfall verloren. Dass ihm bei dem Unfall nichts passiert ist, ist wohl dem Schicksal zuzuschreiben. An den Unfall kann er sich aber gar nicht erinnern, denn er war zu der Zeit nur wenige Monate alt. Danach wurde er von seiner Tante Ruth aufgezogen, studierte Jura und arbeitete in einer Anwaltskanzlei. Wie gesagt, ein völlig normales Leben. Bis er bei einer Radtour beobachtet, wie ein Mann zwei Menschen erschießt und später erfährt, dass die Tat der örtliche Mafiaboss begangen hat. Jonas kommt daraufhin ins Zeugenschutzprogramm und in eine neue Stadt. Doch irgendwann glaubt er, von den Mafiosis verfolgt zu werden und haut ab. Daraufhin beginnt ein Spießrutenlauf quer durch Europa, bei dem er nicht mehr weiß, wem er vertrauen kann …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 3/5
Atmosphäre: 3/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 4/5
Showdown: 1/5

Manchmal ist man zur falschen Zeit am falschen Ort. Meistens hat das keine großartigen Konsequenzen, oft ist es nur eine Peinlichkeit, die zurück bleibt. Ganz selten ändert es das Leben oder löscht es aus, wie etwa bei einem Terroranschlag – man kommt ohne eigenes Zutun zum Handkuss. In „Die Jagd“ von Claus Probst gibt es zwar keinen Terroranschlag, aber doch den ein oder anderen Mordversuch auf den Protagonisten – bis dieser zurück schlägt und man als Leser irgendwann nicht mehr weiß, ob er noch gut oder schon böse ist. Erst im Nachwort erfährt der Leser, dass das Buch nicht von Probst selbst sein soll, sondern er das Manuskript zugeschickt bekommen hätte und die Geschichte auf einer wahren Begebenheit gründet. Man kann dem Nachwort natürlich Glauben schenken – ich komme dem allerdings nicht zu hundert Prozent nach, weshalb ich das Buch als fiktiven Spannungsroman rezensieren werde.

„Die Jagd“ knüpft nicht an die bisherigen Probst-Thriller rund um Lena Böll an, wenngleich er im selben Kosmos spielen könnte, denn es gibt auch hier einen Hauptkommissar Klein, der allerdings nur eine kleine Rolle zu Beginn spielt. Dennoch ist es eine komplett andere Geschichte, denn hier steht das Opfer Jonas Keller im Mittelpunkt, von der Ermittlungsarbeit bekommt man gar nichts mit. Recht bald kommt Keller ins Zeugenschutzprogramm, dessen Umstände sehr gut erklärt werden und ebenso gut recherchiert wirken. Bereits „Die Entscheidung“ von Charlotte Link behandelt das Thema im Entferntesten, dort wirkt es im Gegensatz zu „Die Jagd“ aber eher als Mittel zum Zweck (was nicht herabwürdigend gemeint ist).

Der Titel des Buches „Die Jagd“ ist mehr auf den Leser gemünzt als auf die Handlung, denn Jonas Keller, dessen Namen man durch den Ich-Erzählstil erst relativ spät erfährt, ist auf der Flucht und jagt den Leser durch die Geschichte. In der Tat liest sich das Buch recht schnell, was aber nicht nur durch den Erzählstil bedingt ist, denn die meisten Kapitel haben nur drei bis fünf Seiten, das kürzeste ist gerade mal elf Zeilen lang, das längste nicht mehr als zehn Seiten. Aber, dadurch dass jedes Kapitel mit einer neuen Seite beginnt, und das Kapitel erst beim zweiten Viertel der Seite beginnt, gibt es relativ viele größere und kleinere unbeschriebene Stellen – was ich persönlich mit meinem langsamen Lesestil ja liebe, weil ich immer das Gefühl hatte, durchs Buch zu fliegen.

Der Charakter Jonas Keller ist anfangs eher dicklich und unscheinbar, ein Durchschnittsmensch eben. In der Geschichte wird er aber immer mehr zum Profikiller, sowohl physisch als auch psychisch, bei dem man als Leser nur selten weiß, ob er immer die richtigen Leute tötet. Irgendwann wurde es mir dann doch etwas zu sehr Hollywood, spätestens dann nämlich, als er mehrere Menschen nacheinander mit einfachsten Waffen tötete – da wurde die Geschichte für mich unglaubwürdig. Dabei handelt der Protagonist meistens nicht umsichtig, durchsucht seine Opfer so gut wie nie und sucht nicht nach Hinweisen, ob die von ihm Getöteten tatsächlich für die Mafia arbeiten, sondern tötet zu neunzig Prozent auf Verdacht – was beim vermeintlichen Showdown für ziemliche Ernüchterung sorgt. Auch erklärt Keller nicht, wie er zum Beispiel durchs Internet surft, ob er sicher surft, mit einem Identitätsschutz (VPN oder TOR etwa) oder etwas Ähnlichem. Die Mafia nutzt heute, wie der IS auch, Internet und wird auch dort nach ihm suchen. Generell lässt der Plot einige Fragen offen, was Probst auch im Nachwort einräumt. Auch das Ende ist leider mehr als offen, weshalb ich eher glaube, dass Probst hier einen talentierten Autor, der bis dato keinen Verlag gefunden hat, fördern will, als dass diese Geschichte tatsächlich so passiert ist.

Tl,dr: „Die Jagd“ lässt sich im Prinzip mit „Nur weil ich paranoid bin, heißt das nicht, dass ich nicht verfolgt werde“ zusammenfassen. Es ist zwar ein ziemlicher Pageturner, den man innerhalb von wenigen Stunden durch hat, der aber auch mit einigen Unstimmigkeiten behaftet ist und etliche Fragen offen lässt – zudem wird er mit der Zeit leider unglaubwürdig.

Danke an den Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.


Daten zum Buch

Autor: Claus Probst
Titel: Die Jagd – Zur falschen Zeit
Seiten: 352
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: Fischer
ISBN: 3596036720

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