[Rezension] Anna George: Was ich getan habe

David Forrester ist erfolgreicher Anwalt. Aber nicht makellos, denn er hat getötet; jetzt will er sich stellen und nimmt sein Geständnis auf einem Diktiergerät auf. Es war seine große Liebe, die er getötet hat, er hatte Pläne mit ihr, sie waren das perfekte Gespann, hatten identische Interessen, übten sogar eine Zeit lang den selben Beruf aus – aber bereut David den Mord? Keineswegs …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 3/5
Showdown: 3/5

Für „blind vor Liebe“ gibt es einen Fachbegriff, der sich Limerenz nennt. Wenn man von einer Person so besessen ist, dass man alles Negative – Zurückweisung, Schläge, innerpartnerschaftliche Vergewaltigung – ausblendet. Wikipedia übersetzt Limerenz mit Verliebtheit, was aber auf den ersten Blick viel zu kurz greift. Anna George hat der Limerenz ein ganzes Buch gewidmet, das zeigt, welche Ausmaße diese nehmen kann.

David Forrester ist erfolgreicher Anwalt. Er vertritt vor Gericht Banker und hat damit selber einiges an Reibach gemacht. So viel, dass er sich ein stattliches, wenn auch gerade in der Renovierung befindliches, Haus in einen der reicheren Vierteln Melbournes leisten kann. Zu Beginn des Buches fährt er gerade durch die Stadt und nimmt sein Geständnis auf ein Diktafon auf. Bei einer Raststätte kotzt er, man nimmt an, dass es davon kommt, was er gerade getan hat – er hat nämlich eben erst Elle umgebracht. Mit Elle hat er einst in der selben Anwaltskanzlei gearbeitet, bis diese den Job satt hatte, in dem sie so gut war. Heute ist – oder war – sie Filmemacherin, die sich auf romantische Komödien spezialisiert hat. Sie vergleicht sich selbst mit Katharine Hepburn, und David mit Spencer Tray. Elle ist Idealistin und kann Davids Luxus so gar nichts abgewinnen. David sollte ursprünglich eigentlich nur ein One-Night-Stand sein, aber es sollte mehr werden – wesentlich mehr.

Eines der ersten Themen in „Was ich getan habe“ ist wohl eines der größten Tabuthemen der Menschheit, ein Thema, das viele abstoßend finden, viele erregend finden, einige aber vermutlich gar nicht kennen. Die Rede ist von weiblicher Ejakulation, welche Elle regelmäßig und insbesondere beim ersten Sex mit David hat. Es war für mich ein Zeichen, dass sie sich mit David wohlfühlt und bei ihm so richtig entspannen kann. Für mich sagt Anna George damit, dass weibliche Ejakulation nichts abstoßendes sein muss, schon gar nicht so, dass man sich dafür schämen muss. Ich fand den Einstieg mit diesem Thema nicht nur interessant, sondern auch mutig.

In der Geschichte wechselt sich alle paar Seiten die Perspektive. Von der Gegenwart in die Vergangenheit, von David zu Elle. Am interessantesten ist definitiv die Sicht von Elle in der Gegenwart. Denn während sie Tod ist, schaut sie von oben auf ihren leblosen Körper herab und blickt gleichzeitig, wie David auch, in die Vergangenheit zurück. Die Vergangenheit besteht in erster Linie aus der Beziehung zwischen den Zweien und im Prinzip ist „Was ich getan habe“ ein Liebesroman, bei dem der Thriller-Aspekt nur Mittel zum Zweck ist – zumindest wenn man es verkürzt betrachtet. Ich habe in der Tat eine Zeit gebraucht, um in die Geschichte hineinzukommen, denn die Spannung ist sehr subtil, und entwickelt sich, etwa wie bei Charlotte Link, eher gemächlich. Als ich mal eine ruhige Minute hatte, habe ich mich auf die Geschichte eingelassen – und fand sie richtig, richtig gut. Für ein Debüt ist es ein verdammt starker Roman, dem die Autorin mit der außergewöhnlichen Themenwahl ihren ganz eigenen Stempel aufdrückt, so dass das Buch definitiv aus der Reihe tanzt. Wobei man betonen muss, dass das Buch klar an Frauen gerichtet ist, an solche, die in Beziehungen die selben Tendenzen wie Elle haben. Denen zeigt George, welche Auswirkungen ein blindes Festhalten an einem Mann, der einen nicht allzu gut behandelt, haben kann. Wobei David nicht nur schlecht ist; er teilt die Filmleidenschaft mit Elle und unterstützt sie bei ihrer Tätigkeit als Filmschaffende; dazu ist er leidenschaftlich und ist vermutlich der erste, der Verständnis für ihre Ejakulation hat.

Mein einziger Kritikpunkt geht an den deutschen Verlag btb, der im Buchtitel suggeriert, dass die Geschichte in der ersten Person erzählt wird. Das ist aber mitnichten so, zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte wird diese in der ersten, sondern stets und ausschließlich in der dritten Person erzählt. Im ersten Moment, als ich den Titel las, dachte ich, die Geschichte sei eine Art Protokoll, die die Geschichte des Täters aus erster Hand erzählt. In gewisser Weise ist es auch ein Protokoll, aber eben nicht aus erster Hand.

Tl,dr: „Was ich getan habe“ ist ein Thriller, der aus der Reihe tanzt und auf den man sich einlassen muss, um ihn gut zu finden. Ein Thriller, der ein irrsinnig brisantes Thema behandelt, aber auch tabuisierte Themen aufs Tapet bringt und der klar an Frauen gerichtet ist. Die Spannung ist sehr subtil, aber wenn man sich auf die Geschichte einlässt, ist sie außerordentlich packend.

Danke an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar.


Daten zum Buch

Autor: Anna George
Titel: Was ich getan habe
Originaltitel: What Came Before
Seiten: 320
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: btb
ISBN: 3442715121

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