[Rezension] Wendy Walker: Kalte Seele, dunkles Herz

Cass kehrt nach drei Jahren zurück nach Hause. Vor drei Jahren war sie mit ihrer älteren Schwester von dort ausgerissen und jetzt erzählt sie, was sich in der Zwischenzeit zugetragen hat. Sie erzählt, warum sie fort mussten, wo sie waren und warum sie wieder da ist und ihre Schwester nicht. Sie erzählt von einer Insel, auf der sie festgehalten und von der Welt abgeschottet wurden; von Menschen, die anfangs nett zu ihnen waren und irgendwann nicht mehr.
Abigail Winter hat seit dem Verschwinden der beiden an dem Fall als Psychologin mitgearbeitet und von Anfang an ihre eigene Theorie gehabt, nämlich die, dass die Mutter maßgebliche Schuld am Verschwinden der beiden Schuld hat – doch diese redet jetzt nur davon, dass Cass Geschichte über die Insel nur wirres Zeug ist …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 5/5

Narzissmus ist eine schlimme Krankheit. Vielleicht nicht so sehr für den Betroffenen, aber umso mehr für die engsten Verwandten und Bekannten dieser. „Kalte Seele, dunkles Herz“ wird nicht nur durch einen Auszug rund um die Geschichte des Narziss aus der griechischen Mythologie, der von der Göttin der Rache, Nemesis, dazu verdammt wird, solange in das spiegelnde Wasser zu schauen, bis er stirbt, eingeleitet, sondern auch das glitzernde Cover des Buches, das wohl einen Spiegel symbolisiert, deutet darauf hin, worum es in der Geschichte geht – nämlich um eben jenen Narzissmus.

Wir begleiten Cass Tanner, die nach drei Jahren nach Hause zurückkehrt. Sie war fort, weil sie mit ihrer Schwester Emma ausgerissen ist und jetzt erzählt sie ihre Geschichte – eine Geschichte von einer Insel an der Küste des US-Bundesstaates Maine, auf der sie mit ihrer Schwester von einem Ehepaar festgehalten wurde. Diese Geschichte erzählt sie dem FBI rund um die dortige Psychologin Abigail Winter und dem Agenten Leo Strauß. Eine Andere erzählt sie dem Leser, nämlich ihre Familiengeschichte. Diese Geschichte reicht bis weit vor dem Ausriss der Schwestern zurück. Sie erzählt hier vor allem von ihrer Mutter Judy, der die zwei Töchter immer sagen mussten, wie klug und wie hübsch und was für eine gute Mutter sie sei – bis Judy Cass schließlich verstoßen hat. Nicht aus dem Haus, aber aus ihren Gedanken – so sehr, dass Cass sie ab dann nur mehr Mrs Martin nennen durfte.

In einem zweiten Erzählstrang erleben wir eben jene Abigail Winter. Eine blonde, Anfang 30-jährige, die Schlafstörungen hat und diese mit Scotch versucht zu lindern. Das klingt auf den ersten Blick nicht gerade sympathisch, beeinflusst die Geschichte aber eigentlich nur wenig. Abby ist sehr scharfsinnig und feinfühlig – vor allem Zweiteres hat mit ihrer eigenen Kindheitsgeschichte zu tun, denn sie wuchs bei einer narzisstische Mutter auf. Und genau diesen Narzissmus erkennt sie auch in Judy; in ihrer Dissertation hat sie ebenfalls das Thema Narzissmus erforscht und behandelt – das Thema verfolgt sie also schon ihr Leben lang.

Beide Stränge sind gleichermaßen interessant, vor allem zu Beginn ist aber Cass‘ wesentlich packender, weil sie hier ihre Version der Geschichte von der Insel erzählt. Später verkommt die Handlung dann ein bisschen zu einer Psychologie-Vorlesung an der Uni, nämlich dann, wenn Wendy Walker dem Leser erklärt, was es mit Narzissmus auf sich hat und wie er sich äußert. Das ist zwar interessant, weil das Thema einiges hergibt, aber hier dachte ich schon, dass die Geschichte ab da einschläft – ist sie aber nicht, denn der Exkurs geht nur über ein paar Seiten. Danach wird die Geschichte noch packender als davor, weil auch Abbys Strang, der im Gegensatz zu Cass‘, der in der ersten Person geschrieben ist, aus der dritten erzählt, Fahrt aufnimmt. Nach und nach entwickelt die Handlung dann eine Sogwirkung, sodass man das Buch nur mehr ungern weglegen will.

Die Geschichten, die Cass erzählt, sind allesamt interessant, vor allem die Geschichte des Ausreissens, die mich stark an „Those Girls“ von Chevy Stevens erinnert hat, aber auch die Geschichte über ihre Familie, wo ständig Konfliktpotential anwesend war. Hier greift Walker zu martialischer Sprache und Cass benutzt Kriegsanalogien mit entsprechendem Vokabular. Aber auch, wie Cass ihr Verhältnis zu Emma beschreibt, ist interessant – einerseits hasst sie sie, weil sie von ihrer Mutter als das gute Kind behandelt wird, andererseits kann sie nicht ohne sie leben. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und es kommt ein WTF- und Aha-Moment nach dem anderen. Und speziell das letzte Kapitel war das beste, was ich seit langem gelesen habe, hier packt Walker nochmal alle Gefühle rein, die es auf dem Erdball gibt. Kritik gibt es nur beim deutschen Titel, der mehr als holprig ist und den ich mir bis zuletzt nicht merken konnte.

Tl,dr: „Kalte Seele, dunkles Herz“ ist ein unfassbar packender Thriller, der nach und nach eine Sogwirkung entwickelt und den man irgendwann nicht mehr weglegen will. Gut durchdacht, brillant recherchiert und behandelt ein verdammt interessantes und oft unterschätztes Thema.

Danke an den FISCHER-Scherz-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Daten zum Buch

Autor: Wendy Walker
Titel: Kalte Seele, dunkles Herz
Originaltitel: Emma in the Night
Seiten: 384
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: Fischer Scherz
ISBN: 3651025578

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