[Rezension] Susanne Kliem: Das Scherbenhaus

Carla hat Angst, denn seit Monaten wird sie von einem Stalker tyrannisiert. Dass Carla am Land in einem alten Haus wohnt, macht die Situation dabei nur schlimmer. Plötzlich meldet sich ihre Halbschwester Ellen und berichtet ihr von einem ominösen Geheimnis, das sie über jemanden herausgefunden haben will – wer dieser Jemand ist, verrät sie nicht, aber Carla soll besser heute als morgen zu ihr nach Berlin kommen, denn Ellen sieht sich in Gefahr. Gesagt, getan, die Gelegenheit ist nicht die schlechteste, auch wenn sich ihr Stalker mittlerweile seit Wochen nicht mehr gerührt hat; in Berlin kann sie in der Masse und der Anonymität untertauchen. Kurz bevor Ellen sich Carla in einem Restaurant offenbaren will, wird sie von einem Anruf unterbrochen, für den sie kurz nach draußen geht  und nie wieder zurückkehrt – denn sie wird am Tag darauf tot aufgefunden … 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 5/5
Spannung: 2/5
Showdown: 4/5

Mir war Susanne Kliem bis vor wenige Monate kein Begriff, und selbst der Verlag, in dem ihr aktuelles Werk erschien, ist vermutlich nicht gerade ein Triple-A-Verlag. Auf „Das Scherbenhaus“ bin ich durch eine Rezension auf einem Blog gestoßen, den ich sehr gerne lese. Etwa ab der Hälfte der Rezension habe ich aufgehört, weiterzulesen, weil ich gemerkt habe, dass das ein Buch sein könnte, das mir gefallen könnte – und weil ich meine Meinung über „Das Scherbenhaus“ nicht allzu sehr von der Rezension beeinflussen lassen wollte, hörte ich auf, die Rezension weiterzulesen (das handhabe ich grundsätzlich so bei Büchern, die ich selber lesen und rezensieren will). Nun habe ich das Buch gelesen und WOW, wie beeindruckend – wäre da nicht ein nicht zu unterschätzender Wermutstropfen.

Carla hat eigentlich ein beschauliches Leben in Stade im Norden Deutschlands. Sie hat eine Arbeit, die sie erfüllt und ein Reethaus, in dem sie gerne lebt. Und auch wenn er sich schon wochenlang nicht bei ihr gemeldet hat, hat sie immer noch Angst vor ihrem Stalker, den sie bei Facebook kennengelernt und dem sie leichtfertig ihre Adresse gegeben hat. Carla merkt man ihre Angst als Leser an, sie agiert zurückhaltend und eher zögernd. Sie verlässt nicht gerne ihre Komfortzone und bleibt lieber dort wo sie meint sicher zu sein, selbst wenn sie Angst hat – das klingt irrational und ist es vermutlich auch. Aber zu einem gewissen Grad kann man ihr Handeln auch nachvollziehen, denn immerhin hat sie in ihrem Umfeld einen sicheren Job und ihre Freunde. Das alles gibt ihr Halt und sie fühlt sich beschützt. Selbst als sie ihre Halbschwester Ellen verängstigt anruft, zögert sie, zu ihr zu fahren, sieht dann aber – zum Glück, will man fast sagen – die Kehrseite der Medaille; denn Berlin ist natürlich um einiges anonymer als Stade, wo jeder jeden kennt. Obendrein darf sie in Berlin im Safe Haven wohnen, einem Glashaus, das Ellen, die Architektin ist, erschaffen hat. Das Safe Haven ist komplett computergesteuert, Schlüssel gibt es genau so wenig wie einen Heizungsregelungsknopf; alles wird übers Smartphone gesteuert. Ist dessen Akku mal leer, hat man Pech gehabt; aber sowas passiert in der Geschichte natürlich nicht.

Insgesamt strahlt dieses computergesteuerte Haus samt seinen Einwohnern aber etwas ziemlich gruseliges aus – und genau das macht die Geschichte so besonders. Anfangs passiert ziemlich viel, was die Geschichte spannend macht, danach ist die Atmosphäre so dicht, dass sie den Leser durch die Handlung trägt. Das was Emma Garnier mit dem „Grandhotel Angst“ bei mir nicht geschafft hat, gelingt Susanne Kliem mit einer vermeintlichen Leichtigkeit und irgendwann habe ich mich gefragt, warum Kliem bis jetzt unter meinem Radar geblieben ist, denn ihr Schreibstil spricht mich zu hundert Prozent an, weshalb ich sie definitiv weiterverfolgen werde. Auch ihre Charakterzeichnungen sind phänomenal und sie verleiht jedem Charakter sein eigenes Profil.

Die größte Schwäche ist allerdings, dass „Das Scherbenhaus“ sehr vorhersehbar ist, was auch der Größe des Ensembles geschuldet ist, denn in der Geschichte haben vielleicht vier bis sechs Charaktere Relevanz. Da muss man kein Sherlock Holmes sein, um die Geschichte zu durchschauen – und ich bin einer, der in den seltensten Fällen das Ende errät. Hier gelang es mir – zumindest in groben Zügen – innerhalb des ersten Drittels. Weil es in der Einzelbewertung keine Vorhersehbarkeit-Kategorie gibt, habe ich bei der Kategorie „Spannung“ insgesamt drei Punkte abgezogen. Ich mache das ungern, weil mich der Plot zu hundert Prozent überzeugt hat, aber Vorhersehbarkeit, oder eben nicht-Vorhersehbarkeit ist in einem Thriller, der so packend wie dieser ist, eben die halbe Miete.

Tl;dr: „Das Scherbenhaus“ ist ein hervorragender Thriller mit einer irrsinnig packenden Geschichte und sehr gut herausgearbeiteten Charakteren. Die Atmosphäre ist so dicht, dass sie einem nach dem rasanten Beginn durch die Handlung trägt. Einziges Manko ist die Vorhersehbarkeit.

Danke an den carl’s books Verlag für das Rezensionsexemplar.


Daten zum Buch

Autor: Susanne Kliem
Titel: Das Scherbenhaus
Seiten: 336
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: carl’s books
ISBN: 3570585662

3 Gedanken zu “[Rezension] Susanne Kliem: Das Scherbenhaus

  1. Susanne Kliem schreibt:

    Danke für die tolle Rezension! Ich kann auch den Punkt mit der Vorhersehbarkeit gut nachvollziehen. Das ist bei mir oft eine Gefahr, weil die Täter/Täterinnen immer schon im Roman sehr viel Raum einnehmen …
    Ich übe übrigens gerade Facebook-Enthaltsamkeit, bzw. versuche es. 😉 Deshalb nicht böse sein, wenn ich es dort im Moment nicht teile! Wird aber nachgeholt! Herzlich, Susanne Kliem
    (P.S: carl’s books gehört zu C.Bertelsmann, ab 2019 erscheinen meine Romane dort., die Taschenbuchausgaben bei Penguin)

    Gefällt 1 Person

    • Krimisofa.com schreibt:

      Herzlichen Dank für das Feedback zu meinem Feedback 😉
      Das mit der Facebook-Enthaltsamkeit verstehe ich nur zu gut, ich wäre auch nicht böse, wenn Sie die Rezension nicht teilen würden, das war nicht meine primäre Intention 🙂
      Auf Ihre neuen (und alten) Bücher freue ich mich schon jetzt, Sie sind definitiv eine meiner größten Entdeckungen in diesem Jahr.

      Gefällt mir

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