[Rezension] Andreas Gruber: Todesreigen (Maarten Sneijder/Sabine Nemez – Trilogie II, Band I)

Auf der Autobahn begeht ein Geisterfahrer Selbstmord, später stellt sich eine Person mit dem Auto auf einen Bahnübergang, eine andere stürzt sich eine Brücke hinunter – doch warum? Das will Sabine Nemez herausfinden. Sie unterrichtet an der Polizeiakademie jenen Kurs, den sie selbst einst absolviert hat und den sie als eine der wenigen auch bestanden hat. Ihr Kursleiter war damals Maarten Sneijder, mit dem sie auch schon einige Fälle gelöst hat. Doch der kiffende Kotzbrocken ist momentan nicht zugegen, weil er nach seinem letzten Fall suspendiert wurde und nur knapp einer Gefängnisstrafe entging. Jetzt sitzt er entweder daheim bei seinem Hund Vincent oder unterrichtet an der Uni. Kurz bevor sich der Geisterfahrer ermordet hat, hat er eine SMS verschickt – der Empfänger: Maarten Sneijder … 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 5/5
Showdown: 5/5

Wenn Andreas Gruber nicht gerade Bücher schreibt, unterhält er seine Fans auf Facebook mit Erdnussaufstrich-Tests oder mit Fotos, auf denen er mit Beate Maxian auf einer Veranstaltung Lambada tanzt. Gruber ist vermutlich einer der greifbarsten Bestseller-Autoren, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Aber wenn er Bücher schreibt, dann sind sie gut, nein, ausgezeichnet. So wie sein aktueller Thriller „Todesreigen“, der viel zu lange darauf warten musste, von mir gelesen zu werden. Das ist offiziell der Auftakt zur zweiten Maarten-Sneijder-Trilogie, aber die Handlung schließt eigentlich nahtlos ans „Todesmärchen“ an. Es wäre empfehlenswert, die drei Vorgänger auch zu lesen – schon alleine, um die Figur Maarten S. Sneijder umfassend zu begreifen.

Maarten Sneijder ist vom BKA suspendiert worden und dank Sabine Nemez nur knapp einer Haftstrafe entgangen. Statt Verbrecher zu jagen, unterrichtet er jetzt an der Uni und verlangt dafür horrende Summen. Aber das kann er sich leisten, denn er ist ein Genie sondergleichen, das immer ein süßlicher Duft umgibt, von dem man nicht weiß, ob es Vanilletee oder Marihuana ist. In der Rezension zum „Todesmärchen“ schrieb ich, dass Sneijder fast schon altersmilde sei; das ist in „Todesreigen“ – zum Glück! – wieder anders. Er ist nicht nur wesentlich präsenter, sondern auch wieder genau so bissig wie in alten Zeiten.

Bei Sabine Nemez, die von Maarten Sneijder ausgebildet wurde, merkt man hingegen immer mehr, dass sie die ein oder andere Eigenschaft von Sneijder übernommen hat – nur ein misanthroper Kotzbrocken ist sie noch nicht. Das ist irrsinnig interessant, denn sie hat sich seit dem ersten Teil immens weiterentwickelt. Sie darf in diesem Teil Sneijders Unterricht an der BKA-Akademie übernehmen. Als sie vom Präsidenten des BKA zu einem Selbstmordfall beordert wird, merkt sie sofort, dass da wesentlich mehr dahintersteckt.

„Todesreigen“ besteht aus insgesamt sechs Teilen und mehreren Strängen. Einer dieser Stränge begleitet Hardy, der gerade nach 20 Jahren aus der Haft entlassen wurde. Sein Erzählstrang spielt wenige Tage vor der Hauptstory. Hardy ist um die 50 und hat eine gehörlose Bekannte, die er schon aus Kindestagen kennt und von der er weiß, dass sie ihn mindestens genau so lange liebt. Der Ex-Häftling ist belesen und macht einen alles andere als unsympathischen Eindruck – allerdings hat er eine Agenda, und die zieht eine blutige Spur nach sich. Jeder dieser Erzählstränge ist gleichermaßen spannend – anders als beim „Todesmärchen“, wo ich lieber mehr von Sneijder als von der Gefängnisinsel gelesen hätte.

Das Grundgerüst hat man bei „Todesreigen“ schnell durchschaut, denn man bekommt ziemlich viele Puzzleteile präsentiert – wie diese zu den Feinarbeiten passen, wie die kleinen Zahnräder ineinander greifen, ist dann aber weniger leicht herauszubekommen. Und so hab ich bei der Auflösung des riesigen Geflechts nicht nur ein WTF mit den Lippen geformt. Was sich Gruber hier ausgedacht, und es um sieben Ecken gesponnen hat ist schlichtweg genial. Solche Tüfteleien liebe ich und ich bewundere jeden, der den Aufwand auf sich nimmt, um so etwas zu konstruieren und zu Papier zu bringen.

Auch ist „Todesreigen“ zwischendurch immer wieder emotional, das fängt bei Sabine Nemez an, die sich Sorgen um den suspendierten Sneijder und andere Menschen macht – aber auch Sneijder selbst, der latente Emotionen zeigt, auch wenn sie sich nicht anmerken lässt. Möglicherweise ist es sogar Grubers emotionalstes Buch, was nicht nur daran liegt, dass Sabine wesentlich mehr durchmachen muss, als in jedem anderen Teil – was auch zu meinem einzigen Kritikpunkt führt: Dass Sabine tough ist, ist nichts neues, aber was sie in „Todesreigen“ durchmachen muss, ist unmenschlich und vielleicht etwas zu sehr an diverse Actionfilme orientiert. Auch wenn das Buch von vorne bis hinten packend ist und mehr als zu gefallen weiß.

Tl;dr: „Todesreigen“ von Andreas Gruber ist ein verdammt gut konstruierter Thriller, dessen Auflösung einen ziemlich erstaunt zurück lässt und in dem die Überfigur der Serie, Maarten S. Sneijder, wieder präsenter und bissiger als im „Todesmärchen“ ist. Weiters ist es vielleicht Grubers emotionalstes Werk und als Leser leidet man mit dem ein oder anderen Charakter ziemlich mit.


Daten zum Buch

Autor: Andreas Gruber
Titel: Todesreigen
Seiten: 576
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: Goldmann
ISBN: 3442483131

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