[Rezension] Chevy Stevens: Ich beobachte dich

Lindsey hat Angst. Wie damals, als ihr Mann sie erdrückt, manipuliert und tyrannisiert hat. Dabei war sie anfangs glücklich, liebte ihren Mann – doch kaum war sie verheiratet, nahm ihr Leben eine Wendung, die nichts als Angst bereithielt. Dann baute Andrew einen Autounfall mit Todesfolge – er überlebte, die Insassin des anderen Autos nicht. Er wanderte dafür ins Gefängnis. Jetzt, zehn Jahre später, kommt er frei, und Lindsey hat wieder Angst, will aber – nicht zuletzt wegen ihrer Tochter Sophie, die im letzten Schuljahr ist – nicht von hier wegziehen. Trotz aller Angst ist Lindsey auch nicht gerade die Unschuld vom Lande – sie birgt ihr eigenes Geheimnis, das maßgeblich mit Andrew zu tun hat…

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 3/5
Atmosphäre: 2/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 2/5
Showdown: 4/5

In Chevy Stevens‘ Bücher stehen immer starke Frauen im Mittelpunkt. Frauen, die flüchten – vor Männern oder ihrer Vergangenheit. Manchmal beides. In ihren letzten zwei Büchern – „That Night“ und „Those Girls“ – hat sie ins Coming of Age Genre gewechselt. Es waren Geschichten, die mich zum Fan von ihr werden ließ, weil es Geschichten waren, die unter die Haut gingen, bei denen man als Leser mitgelitten hat und die anders waren, als andere Thriller. Deshalb habe ich ihr neues Buch, „Ich beobachte dich“ sehnlichst erwartet – um dann zu erleben, dass es doch nur more of the same ist.

 

So durchschaubar wie ein Glas Wasser

Lindsey ist Ende dreißig und lebt in der kanadischen Kleinstadt Dogwood Bay mit ihrer Tochter Sophie zusammen. Lindsey hat eine Geschichte, die man nicht unbedingt selbst erlebt haben will. Ein Leben wie in einem Gefängnis, mit einem manipulativen, alkoholsüchtigen Kontrollfreak als Gefängniswärter – nur dass dieser ihr Mann ist, den sie aus freien Stücken geheiratet hat. Heute sitzt ihr – mittlerweile Ex – Mann im Gefängnis, nachdem er eine Frau bei einem Autounfall getötet hat – oder besser gesagt bis heute. Denn er wurde nach zehn Jahre gerade freigelassen, und Lindsey hat Angst, dass es wieder genau so werden könnte wie damals.

Sophie spielt mindestens eine genau so große Rolle wie Lindsey. Sie kennt Andrew als ihren liebenswerten Vater und hat ihn nie böse erlebt. Also beschließt die heute siebzehnjährige im Zuge eines Schulprojektes, Kontakt zu ihm aufzunehmen und schickt ihm neben Briefen auch eine Zeichnung, denn Sophie ist künstlerisch veranlagt. Nebenbei lernt sie Jared kennen, dem in der Schule alle Mädchen hinterherrennen – bis auf sie, denn er rennt vielmehr ihr nach.

Es ist dann doch irgendwie Coming of Age, was Stevens hier geschrieben hat, denn die Kapitel um Sophie sind ähnlich wichtig wie die um Lindsey, die sich immer abwechseln und uns die Geschichte jeweils aus der ersten Person näherbringen. Es sind zumeist flotte und spannende Kapitel, manchmal lässt uns die Kanadierin aber auch mal durchschnaufen und das verarbeiten, was wir gerade gelesen haben. Das Buch besteht aus drei Teilen, die alle bis auf einen im Präsens gehalten sind. Vor allem im ersten gibt es häufige Zeitsprünge zwischen Lindseys Vergangenheit und Gegenwart; in der Vergangenheit wird uns das ganze Martyrium, das Lindsey durchstehen musste, nähergebracht – in der Gegenwart erleben wir eine Lindsey, die in ihrer Selbsthilfegruppe ist oder Selbstverteidigung trainiert. Sie hat zwar einen Freund – Greg –, aber der wirkt in der gesamten Geschichte wie ein Fremdkörper.

Wie geschrieben ist die Idee für das Buch alles andere als neu – wenngleich wichtig. Häusliche Gewalt haben wir zuletzt unter anderem bei „Was ich getan habe“ von Anna George erlebt, es wird nur um den stalking-Aspekt erweitert. Dazu kommt, dass die Geschichte so durchschaubar wie ein Glas Wasser ist und selbst die Hälfte aller Plot-Twists erwartbar sind. Ich hatte nach „That Night“ und „Those Girls“, die beide ihr eigenes Thema und ihren eigenen Stil hatten, sehr große Erwartungen an „Ich beobachte dich“ – aber die wurden nicht mal im Ansatz erfüllt. Leider kam dann doch ein völlig uninspiriertes Buch heraus. Am Ende lässt Stevens auch etliche Fragen offen, die den Eindruck vermitteln, als hätte sie sich in ihrer eigenen Idee verrannt. Schade. Da wurde einiges Potential verbrannt.

Tl;dr: „Ich beobachte dich“ von Chevy Stevens bringt ein wichtiges feministisches Thema mit einer starken Message aufs Tapet, das als Unterhaltungsmedium zwar ein Stück weit zu unterhalten weiß, aber letztendlich doch nur more of the same mitbringt. Dazu ist die Geschichte durchschaubar und die Plot-Twists erwartbar.


Daten zum Buch

Autor: Chevy Stevens
Titel: Ich beobachte dich
Originaltitel: Never let you go
Übersetzer:  Maria Poets 
Seiten: 480
Erscheinungsjahr: 2018
Verlag: FISCHER Scherz
ISBN-10: 3651025527
ISBN-13: 978-3651025523

2 Gedanken zu „[Rezension] Chevy Stevens: Ich beobachte dich

    • Krimisofa sagt:

      Naja, man kann es schon lesen, schreiben kann Stevens ja zweifellos. Man darf in diesem Fall halt keine Innovation erwarten.
      Ich würde allerdings andere Bücher von ihr eher empfehlen (zB die in der Rezension erwähnten)

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