[Q&A] Interview mit der Übersetzerin Maria Poets

Wenn wir Thriller von Dan Brown, Chevy Stevens oder John Grisham lesen, denken wir nicht daran, dass dieses Buch eigentlich das deutsche Pendant des Originalwerks ist und dass irgendwer der Arbeit nachging, das Original zu übersetzen – aber wer sind die Leute, die dieser Arbeit nachgehen und wie genau machen sie das eigentlich? Maria Poets ist Übersetzerin und unter anderem die „deutsche Stimme“ von Chevy Stevens. Sie hat sich aufs Krimisofa gesetzt und über ihre Arbeit und vieles mehr gesprochen…  

Krimisofa: Hallo, Frau Poets! Zum Einstieg: Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Maria Poets: Hallo Herr Gutmann! Zuletzt habe ich von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“ gelesen, den zweiten Teil. Übrigens hervorragend übersetzt von Claudia Steinitz 🙂

Krimisofa: Und da Sie Übersetzerin sind: Welches Buch haben Sie zuletzt übersetzt?

Maria Poets: Von Wendy Walker: Kalte Seele, dunkles Herz. Ein Psychothriller, den ich nur empfehlen kann.

Krimisofa: Wie lautet die korrekte Berufsbezeichnung eines Übersetzers?

Maria Poets: Übersetzer 🙂 Wenn man es genauer haben möchte, kann man noch unterscheiden in Literaturübersetzer und technische Übersetzer (Das sind die mit den Gebrauchsanleitungen).

Krimisofa: Wie kamen Sie auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Maria Poets: Durch Zufall. Ein Freund von mir übersetzte eher hobbymäßig, und ich habe es einfach auch mal ausprobiert. Mir war dann relativ schnell klar, dass es der ideale Beruf für mich ist. Ich habe schon immer gerne geschrieben, aber noch nie etwas veröffentlicht. Durch das Übersetzen lernte ich jede Menge Handwerkszeug.

Krimisofa: Wie sieht die Arbeit eines Übersetzers aus?

Maria Poets: Ich sitze in meinem Arbeitszimmer am Computer und schreibe. Ab und zu recherchiere ich im Internet oder sehe in einem Wörterbuch nach. Alles in allem eher unspektakulär.

Krimisofa: Wie lange arbeiten Sie beim Übersetzen an einem Buch?

Maria Poets: Das kommt natürlich immer darauf an, wie anspruchsvoll der Text ist und wie viele Seiten es sind. Für einen normalen Unterhaltungsroman mit etwa 400 Seiten rechne ich mit 3 bis 4 Monaten.

Krimisofa: Wie oft lesen Sie ein Buch, das Sie übersetzen und welche Bedeutung hat jeder Lesedurchgang (Stichwort Vorbereitung, Korrekturen, etc.)?

Maria Poets: Ich lese die Bücher nie vorher. Beim ersten Lesen entsteht auch gleich die Rohfassung. Das hat mehrere Vorteile: Ich spare mir einen Arbeitsschritt, und wenn das Buch nicht so prickelnd ist, bietet sich so genügend Motivation, mich jeden Tag an den Computer zu setzen – ich will ja doch immer wissen, wie die Geschichte sich entwickelt. Und vor allem gehen mir so die ersten kreativen Ideen nicht verloren.

In der Regel mache ich vier Durchgänge.

Die Rohfassung tippe ich in der Regel in eine Stück runter, ich recherchiere zwar auch, aber nur, wenn es relativ schnell geht. Ich möchte im Schreibfluss bleiben und mich nicht allzu lange ablenken lassen.

Beim zweiten Durchgang am Computer habe ich eher den gesamten Text im Blick, ich vereinheitliche zum Beispiel Begriffe, die immer wieder auftauchen und die ich in der Rohfassung noch unterschiedlich übersetzt hatte. Hier findet auch ein Großteil der Recherche statt, ich beschäftige mich eher mit kniffeligen Wortspielen etc.

Beim dritten Durchgang drucke ich mir den Text aus, teilweise lese ich ihn auch laut. Hier findet der sprachliche Feinschliff statt. Zum Schluss lasse ich den Text noch durch ein gutes Rechtschreibprogramm laufen.

Krimisofa: Welche Mittel stehen Ihnen beim Übersetzung, zum Beispiel zur Recherche, zur Verfügung?

Maria Poets: Bücher, das Internet und reale Personen. Als ich mit dem Übersetzen angefangen habe, gab es das Internet bereits, und die meisten Antworten auf meine Fragen finde ich in der Tat dort. In Bücher (z.B. Speziallexika zu verschiedenen Themen) muss ich nur selten schauen, was allerdings auch an der Art der Texte liegt, die ich übersetze. Andere Kollegen, die anspruchsvolle Literatur ins Deutsche übertragen, verbringen da schon mal ganze Tage in der Uni-Bibliothek, um vielleicht eine spezielle Übersetzung eines Gedichts zu finden. Das Internet weiß eben doch nicht alles. Eine unschätzbare (gegenseitige) Hilfe sind Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gut vernetzt bin.

Und dann gibt es noch die „Expertenbefragung“, vor allem wenn es um Spezialgebiete geht und ich einen bestimmten Begriff suche. Dann suche ich mir eine Institution o.ä. heraus, wo jemand so etwas wissen könnte, und schreibe einen Mail oder rufe direkt an. Die meisten Menschen freuen sich, wenn sich jemand für ihr Spezialgebiet interessiert und sind dann sehr auskunftsfreudig.

Krimisofa: Der Name des Übersetzers steht zumeist auf Seite drei oder fünf eines Buches; eine Seite, der meistens wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird – wünschen Sie sich manchmal, dass Übersetzern mehr Aufmerksamkeit zukommt?

Maria Poets: Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Leserinnen bewusst sind, dass die deutsche Fassung eines Buches ein eigenständiges Werk ist. Wenn in einer Rezension zu einem übersetzten Buch steht „sehr flüssig zu lesen“, dann ist dies der Verdienst des Übersetzers, nicht des Autors. Es kommt auch vor, dass die Übersetzung sogar besser ist als das Original. Als Übersetzerin bin ich rechtlich dem Autor gleichgestellt. Ich bin die Urheberin des deutschen Textes – mit allen Rechten, die sich daraus ergeben. Wenn es zum Beispiel Unstimmigkeit mit dem Lektorat über bestimmte Formulierungen gibt, könnte ich – theoretisch zumindest – darauf beharren, dass meine Version genommen wird (was natürlich nicht besonders diplomatisch ist).

Mir persönlich ist es nicht so wichtig, dass mein Name mit auf dem Cover genannt wird. Ich habe nichts dagegen, hinter der Autorin im Hintergrund zu bleiben, aber als Zeichen der allgemeinen Wertschätzung wäre es schön, wenn sich das, was manche Verlage bereits praktizieren, als Standard durchsetzen würde.

Krimisofa: Welchen Autor würden Sie gerne mal übersetzen?

Maria Poets: Ruth Rendell. Meine Lieblings-Krimi-Autorin. Aber ich übersetze gerne auch unbekannte Autoren. Am besten ist es natürlich, wenn diese unbekannten Autoren dann irgendwann bekannter werden. Mir gefällt die Idee, die „deutsche Stimme‟ von Chevy Stevens zu sein.

Krimisofa: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie mittlerweile anders lesen, kaum noch in die Geschichte eintauchen, sondern mehr den Text analysieren – ist Lesen für Sie mehr Arbeit oder Vergnügen?

Maria Poets: Das kommt ganz auf den Text an. Gute Texte kann ich nach wie vor sehr genießen, aber ich kann schlechter über Fehler oder Unstimmigkeiten hinwegsehen. Ich denke mal, ich bin anspruchsvoller geworden und wähle genauer aus, was ich lese.

Krimisofa: Sie sind mittlerweile selber recht erfolgreiche Autorin – wie hilfreich war hierbei die Arbeit als Übersetzerin?

Maria Poets: Sehr hilfreich! Übersetzen und Schreiben sind die ideale Ergänzung. Beim Übersetzen genieße ich es, mich ganz auf die Sprache konzentrieren zu können – Plot, Figuren etc. hat ja schon jemand anders festgelegt. Ich denke beim Übersetzen zwar manchmal: „Das hätte ich jetzt aber anders gelöst“, aber ich kann mir das ja merken und in meinem nächsten Buch tatsächlich anders machen.

Das Übersetzen trainiert den genauen Umgang mit der Sprache.

Krimisofa: Wer hat Sie beim Schreiben Ihrer Bücher am meisten inspiriert?

Maria Poets: Eine gemeine Frage, weil die Antwort immer ein Stück weit bedeutet „Ich möchte gerne so schreiben wie …“, und dann wird es peinlich, weil ich nicht so schreiben kann wie T.C. Boyle oder Ian Ranking. Neben diesen Vorbildern gibt es natürlich auch gute Fachbücher über das Schreiben bzw. über das Erzählen von Geschichten. Da hat mir „Story‟ von Robert McKee sehr weitergeholfen. Es geht darin eigentlich um Drehbücher, aber auch für die Entwicklung eines Romans lässt sich da sehr viel herausziehen.

Krimisofa: Wollen Sie zum Schluss noch etwas loswerden?

Maria Poets: Vielen Dank für die Fragen!


Autoren, die Maria Poets u.a. übersetzt:

Chevy Stevens
Christine Seifert
Dorothy Hearst
Emily Barr
Jana Oliver
Robert Massello
Wendy Walker

2 Gedanken zu „[Q&A] Interview mit der Übersetzerin Maria Poets

  1. Mikka Liest sagt:

    Hallo,

    je mehr *schlechte* Übersetzungen ich lese, desto mehr weiß ich die Arbeit guter ÜbersetzerInnen zu schätzen! Ich bin immer besonders beeindruckt bei Büchern, die sauschwer zu übersetzen sind, weil der Original-Schreibstil eine sehr prägnante Umgangssprache aufweist.

    Die Arbeit von Maria Poets kenne ich durch „Still Missing“, „Those Girls“ und „Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden“, und hier liegen noch ein paar ungelesene, die sie übersetzt hat.

    Ich habe auch schon öfter überlegt, dass ich gerne als Übersetzerin arbeiten würde. Englisch schreibe und lese ich wie meine Muttersprache. (Meine Familie mütterlicherseits kommt zwar aus Norwegen, hat aber einige Jahre in den USA gelebt.)

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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