[Rezension] Alex Beer: Die rote Frau (August Emmerich – Band II)

August Emmerich und Ferdinand Winter sind mittlerweile im „Leib und Leben“-Ressort der Wiener Polizei gelandet, befinden sich dort aber am unteren Ende der Nahrungskette. Denn sie müssen den ganzen Tag Protokolle transkribieren und Kaffee kochen. Dabei wurde gerade der Wiener Stadtrat Fürst ermordet – doch die zwei müssen stattdessen den Fall der Schauspielerin Rita Haidrich untersuchen, die mit einem Fluch bedacht sein soll. Über diesen Fall stoßen sie dann doch auf den Fall Fürst und finden eine Spur in politisch hochrangigen Kreisen – doch bevor sie merken, wie gefährlich die Sache ist, begeben sie sich selbst in Gefahr …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 3/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 3/5
Showdown: 5/5

Alex Beer hat mit „Der zweite Reiter“ den Erfolg bekommen, den sie unter ihrem bürgerlichen Namen und einer zeitgenössischeren Serie vergeblich gesucht hat. Das Feuilleton hat das erste Buch um August Emmerich gefeiert, Beer hat einen der wichtigsten Literaturpreise Österreichs gewonnen und auch mich hat sie begeistert. Nicht nur, weil es in meiner Heimatstadt spielt, sondern auch zu einer absolut interessanten Zeit – einer völlig vernachlässigten Zeit, wie Beer dem Krimisofa in einem Interview verriet. Jetzt kam der Zweite Teil heraus, der mich allerdings nicht mehr so euphorisch zurückließ.

 

Am ende will man aufstehen und applaudieren

August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter haben es in die „Leib und Leben“-Abteilung geschafft – jene Abteilung, in die Emmerich schon vor seinem letzten Fall wollte. Winter ist noch von seinen schweren Verletzungen gezeichnet, die er im „zweiten Reiter“ erlitten hatte und kann nur einen Arm nutzen. Aber mehr als Protokolle abzutippen, haben die zwei, die vom Rest der Abteilung geschnitten und hinter ihren Rücken „Krüppelbrigade“ genannt werden, ohnehin nicht zu tun. Emmerich hingegen ist vom Heroin, das er im ersten Teil gegen seine Knieschmerzen genommen hat, losgekommen. Da er von seiner Luise ausziehen musste, weil ihr Mann es wider Erwarten aus der russischen Kriegsgefangenschaft heim geschafft hat, wohnt Emmerich jetzt in einem der neuen und von der Presse gefeierten Männerlogierhäusern. Anstatt einen Mordfall zu untersuchen, müssen die zwei sich den Fall der angeblich verfluchten Schauspielerin Rita Haidrich ansehen – eine weitere Schikane ihrer Vorgesetzten. Doch über diesen Fall stoßen die zwei auf den Fall des ermordeten Wiener Stadtrats Fürst, den die restliche Abteilung bearbeitet und die auch schnell einen Täter verhaftet. Aber Emmerich ist sicher, das es der falsche ist.

Manchmal frage ich mich, ob man ein Buch nicht so gut findet, weil man in der falschen Stimmung ist, einen harten Tag hatte und deshalb nicht richtig in die Geschichte reinkommt – genau so erging es mir bei „Die rote Frau“, das ich erst gegen Ende richtig gut fand. Auch fragte ich mich, was die Sache mit dem Fluch am Anfang sollte, die so gar nicht in die Geschichte passen will – am Ende war ich dann aber schlauer, denn beim hervorragenden und historisch interessanten Showdown löst sich alles auf. Die Charaktere von Emmerich und Winter haben sich weiterentwickelt und die zwei sind sich gegenseitig wesentlich loyaler als zu Beginn von „Der zweite Reiter“, obwohl „Die rote Frau“ nicht mal ein halbes Jahr danach spielt.

Obwohl es ein völlig anderes und wesentlich politischeres Buch ist als „Der zweite Reiter“, gibt es einige ähnliche Abläufe. Zum Beispiel hat Emmerich im ersten Teil der Serie sein lädiertes Knie verheimlicht – diesmal verheimlicht er, dass er in einem Männerlogierhaus in einer drei Quadratmeter Kabine haust. Oder dass die zwei Protagonisten über einen Fall zu einen Mordfall kommen – das gab es im ersten Teil schon. Dort war es der Schleichhändler, den sie dingfest machen solltest und über den sie dann zu einem Mordfall kamen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man eine Serie schreibt.

Teilweise macht Beer es sich beim Plot zu einfach: da findet Emmerich, der kein Latein kann, ein Heft, das in  reinstem Latein geschrieben ist – „Na kloa, do kenn i wen, der mir des übersetzt“ (überspitzt zitiert). Oder Emmerich wird schwer verletzt, kann sich aber keine ärztlich Behandlung leisten – Winter schickt ihn zum Hausarzt seiner Oma, der macht’s gratis. Und was mir leider sauer aufstößt, ist die Vermischung von Deutschem und Wiener Dialekt. Da findet ein regelrechtes Meet & Greet zwischen „die Faxen dicke“ und „Heast Oida“ statt und das geht leider auf Kosten der sonst so hohen und abermals herausragend recherchierten Authentizität. Denn ich glaube nicht, dass es in Wien 1920 gängig war, „die Faxen dicke“ oder „klauen“ zu sagen. Und falls doch – mea culpa.

Tl;dr: „Die rote Frau“ von Alex Beer kann nicht ganz mit dem Auftakt der Serie mithalten, besticht aber abermals mit historisch interessanten Fakten und einem trickreichen und loyalen August Emmerich. Vor allem der Showdown wird einige überraschen, sodass man am Ende aufstehen und applaudieren möchte.


Daten zum Buch

Autor: Alex Beer
Titel: Die rote Frau
Seiten: 416
Erscheinungsjahr: 2018
Verlag: Limes
ISBN-10: 380902676X
ISBN-13: 978-3809026761

2 Gedanken zu „[Rezension] Alex Beer: Die rote Frau (August Emmerich – Band II)

  1. hoerbuchthriller sagt:

    Danke für Deine Rezension. Ich habe die Rote Frau als Hörbuch gehört und es hat mir sehr gut gefallen. Du schreibst viel politischeres Buch, das empfinden hatte ich beim Hörbuch nicht. Mir hat die Beschreibung des Zeitgeistes dieser Epoche zwischen den Kriegen sehr gut fallen. Genial finde ich den Sprecher, Cornelius Obonya der zum Teil etwas wienerisch einfließen lässt.

    • Krimisofa sagt:

      Hi Hörbuchthriller,

      dein Kommentar ist komischerweise im Spam gelandet, warum auch immer – hab ihn mal von da rübergeschoben.
      Grundsätzlich ist es ja ohnehin immer Interpretationssache, wie man ein Buch findet. Im speziellen Fall fand ich „Die rote Frau“ aber doch wesentlich politischer als „Der zweite Reiter“; das fängt beim Mord des Politikers an und steigert sich später erheblich beim (Geheim?)Bund, der für eine scheinbar bessere Welt sorgen will. Das hatte für mich schon was sehr Faschistisches.

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