[Rezension] Claire Douglas: Missing – Niemand sagt die ganze Wahrheit

Frankie bekommt einen Anruf von Daniel. Daniel ist der Bruder von Sophie, und die wiederum war die beste Freundin von Frankie. Bis jetzt wurde Sophie seit achtzehn Jahren vermisst; keiner hat wirklich damit gerechnet, dass sie noch lebt, aber jetzt ist es traurige Gewissheit, dass sie tot ist. Frankie muss nun nach Oldcliffe, um sie gemeinsam mit Daniel zu identifizieren. Doch sie will auch in Erfahrung bringen, wer sie getötet hat, denn dass es Selbstmord war, glaubt sie nicht. Doch Frankie wird nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie hegt ihr ganz eigenes Geheimnis – ein Geheimnis, das sie mit Sophie geteilt hat, ein düsteres Geheimnis, von dem niemand außer sie und Sophie weiß. Eines Morgens findet sie einen braunen Umschlag vor der Tür ihrer Unterkunft, in dem ein Zettel steckt, auf dem steht: „ICH WEISS, WAS DU GETAN HAST“ …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 5/5

Die Buchblogger unter uns, die regelmäßig oder nur zeitweise Rezensionsexemplare anfordern, werden es kennen: Immer wieder landet irgendein Buch, das man nie angefordert hat, von irgendeinem Verlag im Briefkasten, oder eine Rundmail preist ein Buch an, das man schon vor dem Release als Rezensionsexemplar anfordern kann. Zu neunzig Prozent lassen mich solche Bücher oder Mails kalt. Mit „Missing“, von dem ich via Mail erfahren habe, war ein Gewinnspiel verbunden, bei dem man eine Penguin-Kaffeebechern gewinnen konnte, wenn man die Rezension am Releasetag (11. Mai 2018) auf möglichst vielen Seiten (Amazon, Lovelybooks, etc.) veröffentlichte. Auch das ließ mich kalt. Dennoch habe ich das Buch angefordert, die Rezension dazu aber weit nach dem Release veröffentlicht. Und das Buch ließ mich alles andere als kalt.

 

Mit einem Ende, bei dem man sich denkt: „Mind = blown“.

Frankie, die eigentlich Francesca heißt, ist eine von zwei Ich-Erzählerinnen. Sie kommt aus einem gut situierten Hause, denn ihre Familie besitzt mehrere Hotels und sie arbeitet selber als Hotelmanagerin in einem davon in London. Sie ist um die vierzig und mit Mike zusammen. Mike hat ihre Küche eingebaut und lebt ein völlig normales Leben. Frankie war mir von Anfang an unsympathisch – sie benutzt häufig Notlügen, hat ein veritables Alkoholproblem und weiß nicht, was sie will. Als sie in ihre alte Heimat Oldcliffe-on-sea zurückkehrt, nimmt sie eine Ration Wein mit und trinkt täglich eine Flasche davon – nach drei Tagen ist die Ration aufgebraucht. Sie mag Mike wegen seiner bodenständigen Art und dennoch trennt sie sich im Suff von ihm via SMS. Sie wünscht sich, dass er um sie kämpft und als er es tut, passt es ihr doch nicht – als Leser mag man mit ihr verzweifeln, das hat zeitweise schon borderlinesche Züge.

Und dann ist da noch Sophie, deren Erzählstrang achtzehn Jahre zuvor spielt. Sophie ist eigentlich grundsympathisch, sie kommt aus einfachen Verhältnissen und hat eine ziemlich heftige Vergangenheit. Frankie hat sie eher zufällig kennengelernt, als ihre Lehrerin sie einfach neben sie gesetzt hat. Frankie und Sophie kannten sich, seit sie sieben waren – und ihr zwei Jahre älterer Bruder Daniel steht mindestens seitdem auf Frankie. Aber Frankie wollte ihn einige Jahre später, als Jungs interessant wurden, nicht. Heute, einige Jahre später will sie ihn, oder auch nicht – wie gesagt, man mag mit ihr verzweifeln.

Erste Sätze sind bei einem Buch immens wichtig, sie sollen die Stimmung im Buch vermitteln. Manchen Autoren gelingt das gut, manchen weniger gut. Claire Douglas ist der erste Satz verdammt gut gelungen, ich war sofort in der Story drin. Ich gebe euch mal den ersten Satz: „An einem tristen Nachmittag, kurz nach dem Mittagessen, erfuhr ich endlich, dass du tot bist“ – und Stimmung. Das „du“ in dem Satz ist wichtig, denn damit ist nicht der Leser gemeint (Leser sind selten tot), sondern Sophie. Der Leser nimmt also quasi die Rolle von der Toten Sophie ein. Zumindest in Frankies Strang. Sophie erzählt in ihrem Strang über ihr Liebesleben, ihre Liebe zu Büchern und was sie sonst noch erlebt. Sophies Erzählstrang ist zunächst ziemlich unspektakulär, wird aber hintenraus immer spannender.

In der Geschichte geht es zunächst gar nicht um die Eruierung von Sophies Tod, vielmehr nimmt der geheimnisvolle Jason eine prominente Rolle ein, und der Leser weiß lange nicht, was es mit ihm auf sich hat – irgendwann erfährt man es, aber am Ende spielt das dann doch nur eine periphere Rolle. Am Ende spielt nämlich doch Sophies Tod die größte Rolle, und der weitgehend blasse Daniel – Sophies Bruder – nimmt eine immer größere Rolle ein und avanciert am Ende zum heimlichen Star der Geschichte.

Ich würde das Buch Genre-technisch nicht wie am Cover beschrieben als Thriller bezeichnen, eher als Liebesroman mit Thriller-Elementen, denn Liebe ist dann doch das vorherrschende Thema – allerdings ohne kitschig zu sein.

Etwas theatralisch fand ich das Apartment von Frankie, dessen Fenster ausgerechnet auf das Grand Pier, jenes Pier, an dem Sophie gestorben ist, gerichtet ist. Und auch die Spuk-Einlagen, wie Babygeschrei in der Nacht oder ein Gesicht am Fenster, das aussieht wie Sophies, fand ich etwas drüber, selbst wenn am Ende alles aufgeklärt wird. Alles in allem ist „Missing“ aber ein ziemlich gutes Buch mit einer guten Stimmung und mit einem Ende, bei dem man sich denkt: „Mind = blown“. Zwar kein Kaffeebecher für mich, dafür aber ein paar gute Stunden.

Tl;dr: „Missing“ von Claire Douglas ist ein irrsinnig interessantes und intensives Leseerlebnis, ein Buch, bei dem man mit dem ersten Satz in der Story ist und nicht mehr raus will, weil sie so packend ist. Eine Geschichte über zwei beste  Freundinnen, über Liebe, Verlust und Drohungen. Gespickt mit Grusel, der zunächst redundant wirkt, nach der Auflösung aber doch zur  Geschichte passt.


Daten zum Buch

Autor: Claire Douglas
Titel: Missing – Niemand sagt die ganze Wahrheit
Originaltitel: Local Girl Missing / The Pier
Übersetzer: Ivana Marinovic
Seiten: 448
Erscheinungsjahr: 2018
Verlag: Penguin
ISBN-10: 3328101691
ISBN-13: 978-3328101697

2 Gedanken zu „[Rezension] Claire Douglas: Missing – Niemand sagt die ganze Wahrheit

  1. Tintenhain sagt:

    Jetzt konnte ich endlich mal deine Rezi lesen, denn meine ist fertig. (Und ich bin offensichtlich nicht tot, sonst könnte ich nicht lesen. :-D)

    Ich fand das Buch richtig gut, vor allem das Ende. Da sitzt man und denkt „Stop, stop! Fehler! Das kann so nicht weitergehen!“ Oder doch. Ach, ich fand das klasse!
    Als Liebesroman hab ich das Buch nicht empfunden, obwohl ich gleich zu Anfang dachte „Jaja, und jetzt verlieben sie sich. Wollen wir wetten?!“ Aber der Fokus lag ja weitaus mehr auf der Aufklärung des Falls. Ich hätte eher noch gesagt, dass es ein Krimi sein könnte. Aber Thriller ist für mich okay, denn ich fand es sehr spannend, auch wenn es nicht ständig Plottwists gab, die einem den Mund offen stehen lassen. Nur das Ende war grandios, wenn ich das noch mal sagen darf.

    Schön auch, dass du den Alkoholkonsum ansprichst. (Hab ich bei Rezensieren nicht mehr dran gedacht.) Mich nervt das immer sehr. Für die Handlung war das in diesem Fall komplett überflüssig und ich habe oft den Eindruck, dass Alkoholmissbrauch in Romanen salonfähig gemacht wird. Immerhin beschränkte sich das bei Frankie auf die Abende mit dem Wein, ohne dass mir auch immer noch die Marken um die Ohren geflogen sind. Das klingt dann auch immer noch so stilvoll, dabei ist es am Ende doch nur Alkoholmissbrauch.
    Bleiben wir lieber beim Kaffee, auch wenn das mit dem Becher jetzt nicht geklappt hat.

    Liebe Grüße,
    Mona

    • Krimisofa sagt:

      Hi Mona,

      erstmal Danke für den ausführlichen Kommentar 🙂

      Ich bin bei dem Liebesthema vielleicht etwas übersensibilisiert, denn teilweise kommt es mir vor, als ob manche Autoren mit aller Gewalt eine Beziehungskiste einbauen wollen, und teilweise nervt mich das massiv. Klar, ich gehöre zur Minderheit der Krimileser (ich hab mal gelesen, dass 80% der Krimileser Frauen sind), aber das muss doch nicht sein. Im konkreten Fall fand ich das Thema aber schon sehr präsent – zuerst die Sache mit dem Typen, den sie im Suff in den Wind geschossen hat und dann nähert sie sich dem Bruder der Toten zu (sorry, ich hab die Namen gerade gar nicht mehr im Kopf und bin zu faul zum Nachlesen).

      Zum Thema Alkohol: ich hab danach noch länger darüber nachgedacht und glaube, den Gedankengang der Autorin zu verstehen, nur war die Rezension dann schon geschrieben und ich wollte nicht mehr herumpfuschen. Ich kann dir gern eine Mail dazu schreiben, denn wenn ich meine Gedanken hier ausbreite, spoilere ich den gesamten Plot. Grundsätzlich hast du aber recht, Alkohol ist in letzter Zeit wirklich sehr präsent – so, ich genehmige mir jetzt ein Gläschen Rotwein – Cheers 😀

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