[Rezension] Ingar Johnsrud: Der Bote (Fredrik Beier – Band II)

In einer Villa wird ein toter Mann gefunden, auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte er einen Unfall gehabt, seine Socke weist Kaffeeflecken auf. Kafa Iqbal ist ratlos, weiß nicht, was das zu bedeuten hat – ob es was zu bedeuten hat. Währenddessen findet Fredrik Beier und sein Kollege Andreas Figueras eine Leiche in einem Kanalschacht, die aussieht, als wäre sie gefoltert worden. Die zwei Toten führen Fredrik und Kafa nach eineinhalb Jahre wieder zusammen, es ist ihr erster Fall seit Solro – aber beide sind sich unsicher, ob sie zusammenarbeiten können, zusammenarbeiten wollen. Denn ohnehin ist Fredrik gerade nicht in der besten Verfassung, denn er kommt gerade aus dem Krankenhaus, nachdem er sein Leben beenden wollte…

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 5/5

Manche Bücher bleiben einem nachhaltig im Gedächtnis, manchmal sogar, wenn man sie gar nicht so gut fand. Und das ist ein besonderes Qualitätsmerkmal. Mir erging es so mit „Der Hirte“, dem ersten von drei Teilen der Fredrik-Beier-Reihe. Ich fand ihn nicht sonderlich gut und habe ihn dementsprechend bewertet. Aber doch blieb etwas Positives im Gedächtnis – die Charaktere, die Stimmung und dieser außergewöhnliche Schreibstil mit dem ich zeitweise ziemlich überfordert war. Das waren die Gründe, warum ich mir den zweiten Teil – „Der Bote“ – jetzt dann doch vornahm.

 

Vor allem das Ende ließ mich mit offenem Mund zurück

Fredrik Beier kommt gerade aus dem Krankenhaus. Er wollte sich umbringen, warum, weiß er nicht, er hat die Erinnerung daran verloren. Er nahm eine Überdosis Schmerzmittel und spülte sie mit Alkohol hinunter, danach legte er sich vors Haus seiner Ex-Frau Alice. Er hat überlebt – sein Privatleben nicht. So ziemlich alle sind sauer auf ihn, vor allem seine Lebensgefährtin Bettina, die überhaupt nicht verstehen kann, warum er das getan hat, aber noch weniger, warum er sich ausgerechnet vor das Haus seiner Ex gelegt hat. Sein Sohn Jacob verkriecht sich indes in seinem Zimmer und spielt Brahms auf seiner Bratsche. Aber Life goes on, die Kriminellen nehmen keine Rücksicht auf ihn und so verkriecht sich Beier in seinen Beruf als Mordermittler. Kafa Iqbal, seiner Kollegin, geht er seit der Explosion auf Solro allerdings aus dem Weg. Doch nun müssen sie wieder an einem Strang ziehen, denn die Leiche aus der Kanalisation, die er und sein Kollege Andreas Figueras gefunden haben, hängt unmittelbar mit jener Leiche, die Kafa gefunden hat, zusammen.

Ich habe mich tatsächlich auf „Der Bote“ gefreut, das hätte ich nach „Der Hirte“ nicht gedacht. Aber man ist direkt wieder drin, der Schreibstil ist – zumindest zunächst – flott und packend – es war für mich wie heimkommen. Alles ist am richtigen Platz, oder auf einem vier besseren, und diese angenehme Schwere fand ich auch wieder vor. Mit einem schwerst depressiven Fredrik Beier, bei dem man sich fragen kann, warum er in seinem Job überhaupt eine Waffe tragen darf. Und Kafa, die orientalische Schönheit, die mit ihrer toughen Art den ein oder anderen männlichen Kollegen alt aussehen lässt. Sowie Andreas, der diesmal als besonderer Kotzbrocken auftritt – aber diese Meinung teile ich mit einigen anderen.

„Der Bote“ spielt anderthalb Jahre nach „Der Hirte“ und ist wesentlich politischer als sein Vorgänger, vor allem militärpolitischer. Was den Aufbau betrifft sieht die Geschichte genau so aus wie der erste Teil der Trilogie. Wir haben kurze, knackige Kapitel und zwischendurch immer wieder Rückblenden – die Rückblenden führen uns diesmal aber nicht so weit in die Vergangenheit. Auch diesmal haben mich die Rückblenden eher überfordert, weil man anfangs so gar nicht einschätzen kann, wie diese zum Rest der Geschichte passen – aber natürlich wird am Ende alles immer klarer. Johnsrud macht auch diesmal wieder einige Fässer auf, behandelt einige Themen – Religion, Militär, Politik, Geschichte und etliche andere –, aber diesmal werden sie wesentlich stimmiger behandelt als im „Hirten“ – zumindest wirkt es so. Und die Atmosphäre gefällt mir noch besser als bei Teil eins, die hat mich sehr an die US-Serie „The Americans“ erinnert, die in der Zeit des Kalten Krieges spielt – und genau dieses Thema spielt in „Der Bote“ eine Hauptrolle. Sonst habe ich diesmal aber keinerlei Anleihen an diversen Serien entdeckt. Vor allem das Ende ließ mich mit offenem Mund zurück – das wird definitiv noch eine Rolle spielen und ist für mich ein Grund, den dritten Teil auch zu lesen. Ich freue mich.

Was mir dennoch abermals Kopfzerbrechen bereitet hat, war diese verworrene Konstruktion der Geschichte, die es mir nicht immer einfach gemacht hat, alles nachzuvollziehen. Aber das gehört offenbar zu Johnsruds Schreibstil und macht ihn vermutlich so erfolgreich – zumindest in seiner Heimat Norwegen. Bei den Figuren hätte er allerdings etwas präziser sein können was deren Profil betrifft – vor allem bei den Rückblenden habe ich ein paar Charaktere verwechselt bzw. bin ich erst gegen Ende  darauf gekommen, dass das zwei unterschiedliche sind.

Tl;dr: „Der Bote“ von Ingar Johnsrud ist ein facetten- und themenreicher Thriller, der diesmal für meine Begriffe wesentlich stimmiger ist als dessen Vorgänger. Die Charaktere entwickeln sich weiter und Johnsrud sorgt mit der schweren Stimmung und einer Kalter-Krieg-Atmospäre dafür, dass man sich in dem Buch wohlfühlt – wenn man es gerne so hat.


Daten zum Buch

Autor: Ingar Johnsrud
Titel: Der Bote
Originaltitel:  Kalypso
Übersetzer: Daniela Stilzebach
Seiten: 544
Erscheinungsjahr: 2018
Verlag: Blanvalet
ISBN-10: 3764505885
ISBN-13: 978-3764505882

2 Gedanken zu „[Rezension] Ingar Johnsrud: Der Bote (Fredrik Beier – Band II)

  1. Philipp Elph sagt:

    Für mich ein neuer Name in der Krimiwelt. Werde ich mir mal merken und möglicherweise lesen.

    • Krimisofa sagt:

      Ich hätte ihn vermutlich selber nie gelesen, wenn er mir nicht auf Twitter empfohlen wurde. Zahlt sich auf jeden Fall aus.

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