[Rezension] Karen Perry: Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?

Da steht sie in meinem Büro. Bis vor wenigen Tagen dachte ich, sie wäre nur eine Studentin von mir, doch jetzt ist sie wesentlich mehr – nämlich meine Tochter. Das behauptet sie zumindest. Völlig schüchtern und unsicher, so zerbrechlich war sie, als sie es mir in meinem Büro an der Uni eröffnete, die Bombe platzen ließ. Die Druckwelle war enorm, erschütterte alles rund um mich. Doch ich stellte mich der Herausforderung und akzeptierte sie als meine Tochter. Meine Frau nicht.
Ich kann sie nicht leiden, sie spielt ein falsches Spiel, das spüre ich – sie will einen Keil zwischen David und mich treiben. David gegenüber tritt sie immer so schüchtern auf, doch wenn ich mit ihr alleine bin, ist sie eiskalt. Sie muss weg, sonst geht diese Familie zugrunde…

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 5/5

Wer denkt, dass Karen Perry eine Autorin ist, der denkt wie ich – und liegt ebenfalls falsch. Es ist ein Autorenduo und besteht aus Karen Gillece und Paul Perry. „Girl Unknown“ ist ihr drittes gemeinsames Buch, auf das ich mich schon lange gefreut habe, weil ich in den letzten Monaten ein Faible für solche Settings entwickelt habe – weg von den hard boiled Krimis, hin zu den Thrillern, deren Spannung eher psychologischer Natur sind. Ich kannte Gillece und Perry davor nicht, aber mit „Girl Unknown“ haben sie mich überzeugt.

 

als Leser will man nur noch wissen wie es endet, also blättert man Seite um Seite weiter

David ist Dozent für Geschichte an der UCD, der University College Dublin, und spätestens jetzt wissen wir auch, wo die Geschichte spielt. David ist Mitte vierzig und mit Caroline verheiratet, mit der er zwei Kinder hat, Holly und Robbie, sie elf, er fünfzehn. David ist mit Leidenschaft Akademiker und hofft, dass er bald einen eigenen Lehrstuhl bekommt. Als er von seiner späten Vaterschaft erfährt, ist er kurz verwirrt, später aber glücklich. Die Mutter kannte er vor einem halben Leben von der Uni in Nordirland, wo er einige Zeit war. Er lässt zwar einen Vaterschaftstest machen, aber eigentlich ist ihm das Ergebnis egal – er hat Zoë sofort ins Herz geschlossen.

Caroline hat das mitnichten – nicht nur weil sie nicht ihre leibliche Mutter ist, sondern weil sie ihr nicht traut. Als sie Zoë auf der Uni konfrontiert, ist das junge Mädchen flapsig und keineswegs unsicher, noch weniger schüchtern. Aber sie kann David gegenüber nichts sagen, weil ihre Ehe nach einer Affäre, die sie vor einem Jahr hatte, noch immer auf tönernen Füßen steht.

Es beginnt mit dem Prolog, in dem man einer Möwe begegnet und der auf den ersten Blick unbedeutend ist. Später kann man ihm jedoch den „Foreshadowing“-Stempel aufdrücken. Dann kommt Kapitel eins und schon werden wir vom Flügel der Möwe in die Geschichte gestoßen – die Möwe fliegt weiter, weil das Fliegen ihre Natur ist. Und der Leser liest weiter, weil – ihr ahnt es – das Lesen eben seine Natur ist. Und so lesen wir und lesen und können nicht mehr aufhören, ergötzen uns an dieser feingliedrigen Konstruktion dieser grandiosen Geschichte. Immer wieder wechseln mit jedem Kapitel die zwei Ich-Erzähler David und Caroline und erzählen uns im Nachhinein, wie sie das Leben mit der plötzlich aufgetauchten Tochter Zoë erlebt haben. Alles dreht sich in der Geschichte um Zoë, diese optisch engelhafte Erscheinung mit ihren blonden Locken und der zarten Figur – eine Harfe in die Hand und sie kann zur Geburt Jesu erscheinen.

Aber sie ist alles andere als engelhaft, oh, ist sie gerissen wie sie alle gegeneinander aufhetzt, Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Und genau das ist das Salz in dieser Buchstabensuppe von der man noch und noch einen Nachschlag will. In Zoë steckt Schwarz und Weiß, Yin und Yang, Dr. Jekyll und Mrs. Hyde; und als Leser will man nur noch wissen, wie es endet, also blättert man Seite um Seite weiter, wühlt sich durch diese knisternde Spannung, versucht Zoës Intrigen zu durchschauen und scheitert doch daran.

Das klingt alles sehr einseitig, sehr undifferenziert, aber ich bin noch nicht fertig. Denn eines hat das Lesen anfangs doch etwas verlangsamt: nämlich die von Karen Gillece verfassten Kapitel über Caroline, in der sie uns von ihrem Familienleben und ihrer Affäre erzählt – so zäh diese anfangs im Gegensatz zu Davids Kapitel sind, so wichtig sind sie für den weiteren Verlauf der Geschichte. Und was mir auch gefehlt hat, war eine Erklärung zu Zoës Verhalten – man kann als Leser zwar mutmaßen, aber die Wenigsten von uns werden eine psychologische Ausbildung haben, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Was soll ich sagen? Das Buch ist einfach verdammt gut. Kudos an Gillece und Perry, die meine Erwartungen mehr als erfüllt haben.

Tl;dr: „Girl Unknown“ von Karen Perry ist ein irrsinnig packender Psychothriller, den man, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will. Mit einer irrsinnig gut konstruierten Geschichte und einem Mädchen, das es faustdick hinter den Ohren hat, die das Salz in der Suppe ist.


Daten zum Buch

Autor: Karen Perry
Titel: Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?
Originaltitel:  Girl Unknown
Übersetzer: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
Seiten: 400
Erscheinungsjahr: 2018
Verlag: FISCHER Scherz
ISBN-10: 3651025519
ISBN-13: 978-3651025516

3 Gedanken zu „[Rezension] Karen Perry: Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?

  1. Tintenhain sagt:

    Hui, das klingt gut. Ich mag ja auch lieber die psychologischen Thriller ohne Gemetzel. Gleich mal auf die Wunschliste setzen. Danke für den Tipp!

    LG,
    Mona

  2. Pink Anemone sagt:

    Ich wusste es, kaum schaue ich bei Dir vorbei, füllt sich schon meine WL. Du Böser Bube! *g*
    Dieses Buch muss ich haben!
    Vielen Dank für die tolle Rezi, die mich sabbern ließ.
    Liebe Grüße aus Wien, also quasi paar Ecken weiter
    Conny

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.