[Rezension] Riley Sager: Final Girls

Sie ist ein Final Girl, eine Überlebende. Sie hat das Massaker von Pine Cottage überlebt – als einzige. Heute bäckt sie, denn backen ist Therapie, das ist eine von vielen Regeln, die sie auf ihrem Blog stehen hat. Quincy heißt sie und sie blickt nicht zurück, sie hat das Trauma überwunden – bis Sam auftaucht. Samantha Boyd ist ebenfalls ein Final Girl und ist die letzten Jahre untergetaucht, ist umhergezogen, war da und dort, ohne festem Wohnsitz und ohne viel Geld – wenn überhaupt. Nicht selten gibt sie sich selbst einen Fünffinger-Rabatt und lässt das ein oder andere Kleidungsstück oder anderes Zeug mitgehen, das sie will oder braucht. Nun steht sie vor Quincys Haus. Einfach so. Und weckt in ihr Erinnerungen, die Quincy nie wieder sehen wollte … 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 2/5

„Final Girls“ wurde mir vom dtv-Verlag zugeschickt – einfach so. Brechstangen-Marketing? Keine Ahnung. Jedenfalls war es mit keinem Gewinnspiel verbunden, was die Sache doch ziemlich sympathisch machte. Den Autor kannte ich nicht, natürlich, Riley Sager ist ein Pseudonym und „Final Girls“ ist sein Debüt. Bei einer kurzen Recherche stieß ich auf einen Artikel, in dem er mit JP Delaney verglichen wurde – beide schrieben über starke Frauen. Offensichtlich ist es der neue Shit wenn Männer solche Bücher schreiben – Riley Sager wollte es gegen Ende aber etwas zu sehr.

 

Man ist direkt in der Geschichte, die Stimmung ist gut und passt zum Setting

Quincy Carpenter ist Backbloggerin – das ist wie ein Buchblog, nur leckerer. Sie bäckt seit ihrer Kindheit, heute verdient sie ihr Geld damit, obwohl sie eigentlich genug davon hat. Für ein Interview bekam sie hunderttausend Dollar und kaufte sich eine Wohnung in einem reicheren Viertel in Manhattan. Quincy ist ein Final Girl, Final Girls werden Frauen in Horrorstreifen genannt, die ein Massaker überlebt haben – und das hat sie, nur war ihr Horrorstreifen die Realität. Vor zehn Jahren war sie mit Freunden in einer Hütte, die Pine Cottage genannt wurde – immer noch wird –, wo die Jugendlichen den Geburtstag von Quincys Freundin feierten. Dort wurden alle erstochen. Doch sie hat das Massaker überlebt und überwunden. Glaubt sie. Bis Samantha auftaucht, ebenfalls ein Final Girl. Sie will die Erinnerungen, die Quincy verdrängt hat, wiederbeleben. Das macht sie mit diversen Tests wie einem Spaziergang im Central Park um ein Uhr morgens. Oder sie füllt Quincy mit Alkohol ab und zwingt sie, Seinen Namen zu sagen – doch Quincy nennt ihn nur Er, wie eine gott-artige Figur, die über allem schwebt.

Man ist eigentlich direkt in der Geschichte, die Stimmung ist gut und passt zum Setting. Schon recht früh lenkt Sager den Leser in eine bestimmte Richtung um dann wieder davon abzukehren – doch die Stelle bleibt im Kopf und wird später relevant. Danach plätschert die Handlung lange dahin, ohne jedoch langweilig zu werden – das macht Sager geschickt. Noch nie war ein Kennenlernen – eben jenes zwischen Quincy und Samantha – interessanter. Sager baut immer wieder Elemente ein, die den Leser am Buch halten. Dennoch weiß man nie, wo er mit der Geschichte hinwill, es gibt anfangs kein direktes Ziel. Man wird zwar dazu gebracht, Samantha mit ihrer geheimnisvollen und schmallippigen Art zu misstrauen, aber das kann es nicht gewesen sein?!

Gerade bei Samantha tobt sich Sager aus, sie ist vermutlich der maskulinste Charakter in diesem Buch. Sie ist hart und tough, schlichtet Streits und riskiert selbst eine Anklage. Solche Sachen eben. Quincy hingegen ist sehr feminin mit ihrem Backblog; die, die sich nicht traut, ihrem Freund Jeff – der übrigens mehr Statist als Charakter ist – zu sagen, dass er beim Sex mal härter rangehen soll, und somit nie ein Happy End hat.

Immer wieder gibt es Rückblenden zu eben jenem Massaker in Pine Cottage vor zehn Jahren, wo sie ihre beste Freundin Janelle dazu nötigt, endlich mal Sex zu haben und ihr ein Zimmer mit Craig zuteilt – oh ja, da bekommt man direkt Bock auf Sex. Das Setting im Pine Cottage erinnert schwer an den Film bzw. (mich eher, weil ich den Film nie gesehen habe) an das PC-Spiel „Friday the 13th“, das vor ein paar Jahren erschien, was die Sache sehr atmosphärisch macht.

Nun zum nicht so Guten: zu Beginn dachte ich, dass Quincy, Samantha und Lisa (ebenfalls ein Final Girl) das selbe Massaker überlebt haben, denn es ist nicht ganz ersichtlich, dass es nicht so ist (oder ich hab nicht aufgepasst, das kommt vor). Bei der Auflösung – die nebenbei bemerkt auch einem Toten Hosen Song aus den 90ern entsprungen sein könnte – macht es sich Sager aber viel zu einfach was die Charaktere betrifft. Das wirkt an den Haaren herbeigezogen und – wie oben geschrieben – etwas zu gewollt. Das hat die Stimmung dann doch etwas getrübt.

Tl;dr: In „Final Girls“ von Riley Sager herrscht eine gute Stimmung, sowohl in der Hauptstory als auch in den Rückblenden, die Sager einflechtet. Die Charaktere sind stimmig und konträr. Alles in allem macht das Buch Bock – bis auf das Ende, das ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirkt und bei dem es sich Sager hinsichtlich der Charaktere zu einfach macht.


Daten zum Buch

Autor: Riley Sager
Titel: Final Girls
Originaltitel:  Girl Unknown
Übersetzer: Christine Blum
Seiten: 416
Erschienen am: 31.5.2018
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423217308
ISBN-13: 978-3423217309

2 Gedanken zu „[Rezension] Riley Sager: Final Girls

  1. kaisuschreibt sagt:

    Gnah, ein doofes Ende kann mir ein ganzes Buch kaputt machen 🙁

    edit: Zugeschickt… jetzt weiß ich auch, warum ich das mit einem Schlag überall gesehn hab 😛

    • Krimisofa sagt:

      Kann ich total verstehen. Das Ende war leider wirklich hahnebüchen.

      Das war wirklich krass, ich hatte bis dahin überhaupt keinen Kontakt zu diesem Verlag, weil außer Adler-Olsen dort keiner publiziert, der mich interessiert; und plötzlich lag das Buch im Briefkasten. Fand ich nett 🙂

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