Rezension: Gerhard Langer: Gnädig ist der Tod (Michael Winter – Band I)

Michael Winter gibt den Fall Isabella Martin ab und widmet sich einem anderen, einem brisanten. Der ehemalige Wirtschaftsminister Österreichs wird getötet, buchstäblich ausgeblutet. Windisch war ein Strahlemann, einer der jüngsten Minister in der österreichischen Geschichte, rhetorisch gewandt, gut aussehend, Typ Lieblingsschwiegersohn – aber warum musste er sterben? Winter geht dem nach, gemeinsam mit seinem Team, darunter auch Julia, die junge Beamtin, die gerade von Niederösterreich nach Wien gewechselt ist. Die zwei verfolgen eine ganz eigene Spur, Winter vertraut seiner Intuition und stößt dabei auf einen Fall, der ihn nie losgelassen hat…

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 5/5

Anfang des Jahres 2018. Ich durchblättere die Vorschau des Goldmann Verlages für das erste Halbjahr und stoße auf den Titel „Gnädig ist der Tod“ und denke „Aha, okay, notieren wir mal“. Ich lese mir den Klappentext durch und stoße auf das Wort „Wien“ und denke „OH!! Das streichen wir fett an!“. In der Tat dürfte Goldmann ein Faible für österreichische Krimi-Autoren haben – neben Gerhard Langer publizieren noch Rhena Weiss, Beate Maxian und Österreichs Aushängeschild Andreas Gruber, dessen neues Buch demnächst erscheint, dort. Gerhard Langer ist eigentlich Universitätsprofessor für Theologie in Wien – jetzt versucht er sich als Krimiautor und hält sich mit seinem Ermittler Oberstleutnant Michael Winter nicht schlecht.

EIN SOLIDES KRIMI-DEBÜT, DAS LUST AUF MEHR MACH

Oberstleutnant ist in Österreich der zweithöchster Dienstgrad bei der Verwendungsgruppe E 1 „Leitende Beamte“ in der Exekutive. Höher ist nur der Oberst, der nonchalant mit „Obst“ abgekürzt wird. Oberleutnant wird mit „Obstlt“ abgekürzt, was hingegen so klingt, als hätte man zu viel gegärtes Obst konsumiert und wäre an der Aussprache des Wortes „Oberstleutnant“ gescheitert. Was uns zu unserem Protagonisten führt, der früher mal ein schwerwiegenderes Alkoholproblem hatte, bevor er von einem Fall buchstäblich gerettet wurde, der ihn bis heute verfolgt. Michael Winter ist Oberstleutnant bei der Wiener Polizei. Im Prolog vernimmt er gerade eine zweifache Mörderin – der Fall findet jedoch nur am Rande der Handlung statt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Mord eines ehemaligen Politikers, der wortwörtlich ausgeblutet wurde; neben der Leiche wurde eine Tasse mit Blut abgestellt.

Der erste Satz des Buches klingt wie ein Statement, macht direkt Lust auf mehr – erst nach đem Prolog kommt die Ernüchterung, dass Winter den Fall abgibt und es um einen ganz anderen Fall geht. Das ist zwar schade, aber der neue Fall ist nicht minder brisant. Es wird sehr politisch, mehr als ich erwartet hätte – als ehemaligen Politikwissenschaft-Studenten holte mich das aber ab. Dazu kommt, dass Langer einen schnörkellosen Schreibstil hat und nicht mit Kraftausdrücken geizt, was ich erfrischend finde, weil es eher der Wiener Mentalität entspricht als wenn man solche Wörter ausspart. Die Sprache ist allerdings komplett hochdeutsch, da handhabt er es wie sein Autorenkollege Andreas Gruber, dessen Bücher teilweise auch in Wien spielen. Die Lokalkolorit entspricht eher der von Beate Maxian, allerdings hält im Gegensatz zu Maxian etwas zurück – als Wiener erkennt man Straßen und Orte, wenn man nicht aus Wien kommt, macht es aber auch nichts.

In der Danksagung findet sich der bekannte Satz „Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden“ – der hat meistens auch seine Berechtigung, nur Langer nehme ich ihn nicht ganz ab. Denn bei den Personen – allen voran dem Opfer – habe ich einige Parallelen zu einer realen Person aus dem öffentlichen Leben entdeckt; er ist übrigens nicht der einzige Charakter bei dem es so ist. Auch die Tageszeitungen haben nur einen geringfügig anderen Namen als ihre realen Pendants. In einem Interview habe ich diesbezüglich nachgehakt.

Beim Plot ist Langer allerdings wesentlich kreativer und er lässt seinem Protagonisten genügend Freiraum, um über den Tellerrand zu blicken, was vermutlich auch Langers Naturell als Akademiker entspricht – zwischendurch merkt man auch immer wieder theologische Einflüsse. Es ist jedoch bei weitem nicht so, dass man mit Religion erschlagen wird. Genau so wie beim Showdown niemand erschlagen wird. Dieser kommt völlig ohne Peng, Klatsch und anderem Brimborium aus und geht sehr sachlich und zivilisiert über die Bühne, was mich an „In deinem Namen“ von Harlan Coben erinnern ließ. Alles in allem ein solides Krimi-Debüt, das Lust auf mehr macht.

Langer erfindet das Rad allerdings nicht neu. Klar, manches hat man in dieser Ausprägung von den bekannteren Österreichern oder anderen Autoren noch nicht gesehen, zum Beispiel die vielen Kraftausdrücke – aber Langer wird damit keine Revolution anstoßen. Dennoch liest sich das Buch sehr gut.

Tl;dr: „Gnädig ist der Tod“ von Gerhard Langer ist ein äußerst politischer Krimi, der durch einen guten und schnörkellosen Schreibstil besticht und nicht mit Kraftausdrücken geizt. Der Hauptcharakter ist, wie der ganze Krimi, ziemlich solide und macht Lust auf mehr. Der Satz „Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden“ im Nachwort klingt aber eher wie eine Phrase, den nehme ich ihm nicht ganz ab.


Daten zum Buch

Autor: Gerhard Langer
Titel: Gnädig ist der Tod
Seiten: 448
Erschienen am: 16. Juli 2018
Verlag: Goldmann
ISBN-10: 3442487196
ISBN-13: 978-3442487196

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