[Rezension] Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Helene ist Programmstrickerin im Dritten Reich. Sie sitzt ganzen Tag am Komputer und schreibt Programme. Das ist Frauenarbeit, würde ein Mann programmieren, würde er schief angeschaut werden. Helene lebt für die Arbeit im NSA, im Nationalen Sicherheits-Amt – die Politik der Nazis ist ihr dabei völlig egal.
Genau wie Eugen Lettke. Er arbeitet als Analyst, spioniert Leute aus. Das kann er, macht er es doch seit seiner Kindheit, in der er an einem Nachmittag beim Strip-Poker bloßgestellt wurde. Doch Wissen ist Macht, das hat er früh gelernt. Also spürt er jetzt jeden auf, der bei seiner Schmach dabei war und übt seine ganz persönliche Rache …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 4/5

Ich bin kein Freund von übermäßig dicken Büchern, allem was über fünfhundert Seiten hat, trete ich skeptisch gegenüber – vor allem, wenn ich den Autor nicht kenne. Bei Andreas Eschbach kommt erschwerend dazu, dass ich das eine Buch, das ich von ihm gelesen habe – „Eine Billion Dollar“ – knallhart abgebrochen habe. Nur wusste ich das nicht mehr, als ich über „NSA“ stieß, auch von der Seitenanzahl erfuhr ich erst, nachdem ich um ein Rezensionsexemplar (Lübbe hat das Buch in einem Newsletter vorgestellt) gebeten habe. Aber das Cover hat etwas ausgestrahlt, das mich angezogen hat. Ursprünglich hatte ich zwei Wochen zum Lesen des Buches eingeplant – nach etwas mehr als einer war ich fertig.

 

ein verdammt gutes Buch mit einer verdammt guten Idee

Helene ist die Protagonistin, Eugen, den wir ebenfalls im Buch begleiten, ist eher Antagonist. Der Fokus liegt aber eher bei Helene, die seit ihrer Kindheit eine Faszination für Komputer (ja, Computer mit K) hegt, weswegen sie Programmiererin – oder Programmstrickerin, wie der Beruf im Buch auch genannt wird – wird. Sie wird eine der besten im deutschen Reich, weshalb sie nach dem Schulabschluss direkt einen Elektrobrief (vulgo: E-Mail) vom Nationalen Sicherheits-Amt bekommt, einem Geheimdienst, der so geheim ist, dass ihn nahezu keiner kennt. Irgendwann lernt sie einen Mann kennen, obwohl sie nicht mehr damit gerechnet hätte, dass so etwas jemals passiert – Helene ist nicht sonderlich schön und wirkt eher wie eine graue Maus. Der Mann ist allerdings Deserteur, was die Sache ziemlich kompliziert macht.

Eugen Lettke ist der Sohn eines Kriegshelden, was ihm einen UK-Status beschehrt. Das hat nichts mit dem Vereinigten Königreich zu tun, sondern ist die Abkürzung für „unabkömmlich“ – Lettke muss also nicht an die Front und für das deutsche Reich in den Krieg ziehen. Hinzu kommt, dass er einen Arier-Status von AAA hat, er ist also ein Vorzeige-Arier – groß, blond, blauäugig. Aber der Krieg interessiert ihn ohnehin nicht; bei der NSDAP ist er vermutlich auch nur, um einen sicheren Job zu haben – und das hat er, denn er arbeitet ebenfalls beim NSA. Und da kann er alle Frauen ausfindig machen, die bei seiner Schmach damals dabei waren und kann sie denunzieren, wenn sie sich ihm nicht hingeben – die Frauen sind also im doppelten Sinne gefickt.

Es ist schon ein verdammt interessantes Setting, das uns Eschbach hier bietet. Die Nazis aus dem Jahr 1942 mit Hitler, Himmler und Mengele, verbunden mit der Technologie des 21. Jahrhundert. Handy, Internet und Computer. Es ist zwar ein rudimentäres Internet, wo es im deutschen Raum nur ein deutsches Forum gibt und in den USA nur ein amerikanisches Forum, und das Internet heißt auch nicht Internet, sondern Weltnetz – natürlich, Nazis lassen nur deutsche Begriffe zu. Aber überwachen kann man alle, denn jeder hat eine Bürgernummer und das Bargeld wird bald nachdem die Nazis an die Macht kommen abgeschafft. Diese Aspekte – das dritte Reich und der Überwachungsstaat – haben mir das Buch schmackhaft gemacht. Dass das Buch achthundert Seiten hat, war mir innerhalb kürzester Zeit völlig egal, es hätten auch gerne mehr sein können, stellenweise habe ich mich komplett in der Geschichte verloren.

Auch dass Eschbach den zwei Hauptcharakteren fast gleich viel Raum in der Geschichte gibt – Helene bekommt dann doch etwas mehr –, ist gut so, auch wenn sich Lettke recht bald als Psycho erweist, der nur einen hochkriegt, wenn sein Erpressungsopfer vor Angst mit den Knien schlottert. Bei Helene bekommt man dazu ihre ganze Biographie geliefert; ihre Verbundenheit mit ihrem Onkel, ihre Freundschaft mit Ruth, die irgendwann weg ist, weil sie jüdische Vorfahren hat; die Beziehung zu ihren Eltern, die – im Gegensatz zu ihr und ihrem Onkel – klare Befürworter von Hitler sind und etliches mehr. Bei Lettke bekommt man vergleichsweise wenig mit – einzig sein aufkeimendes Interesse für das Ausspionieren in der Jugend bzw. die Beziehung zu seiner Mutter hat hier Relevanz.

Wenn ich das Buch an einem Genre festmachen müsste, würde ich allerdings daran scheitern. Es ist weder Krimi noch Thriller und streng genommen ist das Krimisofa der falsche Platz für dieses Buch – aber man muss auch mal über den Tellerrand blicken. Ich habe bei „NSA“ eine Dystopie, Science Fiction, eine historische Geschichte, einen Liebesroman und dann doch auch ein paar Elemente, die man in jedem Thriller findet, vorgefunden. Insgesamt ist es aber einfach ein verdammt gutes Buch mit einer verdammt guten Idee.

Nicht so gut fand ich allerdings, dass Eschbach Eugen Lettke quasi nur auf männliche Stereotypen reduziert, der offenbar keine Gefühle hat, während Helene ein facettenreicher Charakter mit so einigen Gefühlen ist. Außerdem hat es mich jedes mal geschüttelt, als vom Ersten Weltkrieg die Rede ist, der im Buch von 1914 bis 1917 ging. Eschbach würde vermutlich argumentieren, dass das seine Version der Geschichte ist – faktisch ist es aber einfach falsch. Zwischendurch hat das Buch auch gerne mal ein paar Längen, vor allem wenn es technisch wird. Die Stellen habe ich gerne überflogen.

Tl;dr: „NSA“ von Andreas Eschbach ist ein facettenreicher Roman mit vielen verschiedenen Genres und einer irre guten Geschichte mit zwei Hauptcharakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei Eugen Lettke bedient sich Eschbach aber etwas zu sehr bei männlichen Stereotypen und zwischendurch hat die Geschichte auch ihre Längen.


Daten zum Buch

Autor: Andreas Eschbach
Titel: NSA – Nationales Sicherheits-Amt
Seiten: 800
Erschienen am: 28. September 2018
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-10: 3785726252
ISBN-13: 978-3785726259

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4 Gedanken zu „[Rezension] Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt

  1. Tintenhain sagt:

    Naja, Stereotypen kann er ja. Programmiererin = graue Maus, die keinen abkriegt. 😀
    Ich hab mich schon auf deine Rezension gefreut (wird noch verlinkt). Falls du rauskriegst, warum der 1. WK nur bis 1917 ging, bitte Bescheid geben. Mich hat das irre gemacht, vor allem weil man dann irgendwie alles anzweifelt, obwohl er so viele Fakten verwendet.

    Liebe Grüße und schau öfter mal über den Tellerrand 😉

    Mona

  2. Thomas Althoff sagt:

    Nun ja, Eschbach hat auch andere Fakten „verschoben“ und damit die Geschichte verändert. So lässt er die Franks früher auffliegen und Annes Tagebuch wird vernichtet, bevor es von den Helfern der Familie für die Nachwelt gerettet werden kann. Annes Geschichte endet also auch eher als „in echt“. Eine Vermutung von mir ist, dass das Aufholen der Alliierten bei der verwendeten Technik zu einem früheren Kriegsende geführt hat, was wiederum den Aufbau zB des NSA zeitlich „einpassfähig“ macht. Eschbach verändert meines Erachtens nur „Enddaten“ von Ereignissen. Das Auslösende Element stimmt in der Regel mit der Geschichte überein. Ich habe mir deshalb keine großen Gedanken gemacht, warum der Krieg dort eher und offenbar auch mit anderen (weiteren) Konsequenzen für das Kaiserreich zuende gegangen ist.

    • Krimisofa sagt:

      Hallo Thomas!

      Bei Anne Frank kann man nachvollziehen, warum die Umstände so sind, wie sie sind, weil das alles im Kontext der Geschichte passiert.
      Beim Ersten Weltkrieg ist das hingegen gar nicht der Fall, weil eigentlich nur die Daten erwähnt werden und sonst nichts. Deine Schlussfolgerung gefällt mir allerdings gut, weil es bei Eschbach tatsächlich so passiert sein könnte.

      • Thomas Althoff sagt:

        Hallo Krimisofa,

        Eschbach lässt die Geschichte (also die des Dritten Reiches) ja „etwas anders“ verlaufen. Ich denke dass er dafür zeitlich etwas weiter (nach hinten, in die Vergangenheit) ausholen musste, um das Ganze schlüssiger zu machen. Möglicherweise gab es im echten Versailler Vertrag Klauseln, die einen Aufbau einer Behörde wie das NSA unmöglich gemacht hätten, oder Patente (die es 1918 tatsächlich schon gab, die aber bei Verwendung von Gerätschaften im Buch Unlogiken aufgeworfen hätten), die durch das erfundene frühere Kriegsende 1917 nicht unter den Versailler Vertrag gefallen wären. Ich weiss nichtmal ob Patente tatsächlich Teil des Versailler Vertrages waren. Da bin ich nicht geschichtsfest genug. 🙂 Sowas in der Art halt. Ich bin mit dem Buch allerdings auch noch nicht ganz durch. Möglicherweise finden sich ja noch weitere Hinweise auf 1917 statt 1918. Oder ich/wir hab/haben sie bereits überlesen. 😀 Ansonsten hat Eschbach vielleicht auch nur ein Jahr Zeit gewinnen wollen, in dem das NSA errichtet werden konnte. Dass das einfach nur ein Fehler ist, halte ich für ausgeschlossen.

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