[Q&A] Interview mit Rhena Weiss

Sie heißt Berta Berger, oder Valentina Berger, oder Tamina Berger, oder Rhena Weiss. Sie schreibt Kinderbücher, Jugendliteratur, Krimis oder Thriller. Im „wahren“ Leben ist sie Sozialpädagogin in einer WG. Die Fragen, die ich Rhena, oder Berta, oder Valentina per Facebook geschickt habe, hat sie innerhalb eines Tages beantwortet, was ein Geschwindigkeitsrekord ist. Sie hat Fragen über sich, ihre Bücher und die Themen darin beantwortet – viel Spaß mit der Lektüre… 

Krimisofa: Hallo, Frau Weiss. Zum Einstieg jene Frage, die jedem vom Krimisofa gestellt wird: Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Rhena Weiss: Thalamus von Ursula Poznanski. Großartig, wie alle Bücher von der Autorin.

Krimisofa: Wollen Sie kurz erzählen, wer Sie sind, was Sie machen, was Sie bewegt, was auch immer? 🙂

Rhena Weiss: Sagten Sie kurz? Das wird schwierig. Neben meiner Tätigkeit als Autorin arbeite ich als diplomierte Sozialpädagogin in einer Wohngemeinschaft und betreue da Kinder und Jugendliche. Ich selbst bin seit 27 Jahren verheiratet, Mutter von zwei wunderbaren Kindern, die allerdings beide schon ihre eigenen Wege gehen, ich liebe mein Haus und meinen Garten und freue mich über alle Tiere, die dort ein Zuhause gefunden haben (außer Nacktschnecken; über die freue ich mich nicht). Ich lese gern und derzeit auch wieder viel. Ich reise gern, derzeit leider nicht so viel, wie ich gerne möchte. Mein Traum ist Island zu sehen, den werde ich mir voraussichtlich nächstes Jahr erfüllen, aber überall im Norden fühle ich mich wohl. Vielleicht wandere ich irgendwann aus und meine Thriller spielen dann irgendwo in Norwegen, Schweden oder eben Island.

Krimisofa: Sie haben einige Bücher in verschiedensten Genres und unter verschiedensten Pseudonymen, aber auch unter Ihrem bürgerlichen Namen, publiziert. Über sich selbst sagen Sie, dass Ihre Stärken im Erwachsenen-bereich Thrill & Crime liegen – was fasziniert Sie an diesem Genre?

Rhena Weiss: Das ist das Genré, das ich immer am liebsten gelesen habe und immer noch lese. Mich faszinieren die vielen Facetten des Bösen, die menschlichen Abgründe, die Gründe, warum Menschen so werden, wie sie sind. Das Schöne an Krimis und Thrillern ist ja, im Gegensatz zum wahren Leben, dass die Bösewichte in der Regel gefasst und bestraft werden und so der Gerechtigkeit genüge getan wird. Das ist mir selbst in meinen Büchern auch wichtig.

Krimisofa: Was würden Sie als das Alleinstellungsmerkmal Ihrer Bücher, mit Hauptaugenmerk auf die Baltzer-Reihe, bezeichnen?

Rhena Weiss: Ich glaube, es ist die Summe an einzelnen Aspekten, die alle für sich selbst genommen kein Alleinstellungsmerkmal wären. Es gibt Bücher über soziale Themen, es gibt Bücher mit starken Charakteren, es gibt Krimis und Thriller, die in Wien spielen, welche über Serienmörder, … aber die Kombination, die ich habe, gibt es nicht so häufig. Und – was mir wichtig ist – meine Hauptfigur ist eine ziemlich normale Frau mit ganz normalen Problemen, die weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, die aber an sich selbst arbeite, und nicht das klischeehafte Bild einer Ermittlerfigur mit Alkohol- und Eheproblemen.

Krimisofa: Wie viel Rhena Weiss steckt in Michaela Baltzer?

Rhena Weiss: In Prozent? Ich weiß nicht. Dazu müsste ich erst ein Diagramm erstellen.

Da ist Michaelas soziales Verständnis, das sich mit meinem deckt. Ihre Toleranz, die Liebe zu ihrem Garten, wobei meiner etwas größer als ihrer ist. Das Haus ist meinem ziemlich ähnlich, wenn auch ein Stück von Wien entfernt gelegen. Im Gegensatz zu Michaela kann ich aber gut kochen und tu das auch gern, ich bin aber kein Ordnungsfanatiker wie sie. Ich würde gern mehr so aussehen, wie sie, wäre gern größer, schlanker, sportlicher … was wir aber auf jeden Fall gemeinsam haben, ist unser Durchhaltevermögen und die Hartnäckigkeit.

Krimisofa: Was ist bis jetzt der schönste Moment in Ihrer bisherigen Zeit als Autorin gewesen?

Rhena Weiss: Es gibt so viele schöne und wunderbare Momente, die ich nicht gegeneinander werten will. Die erste Mail von meiner Agentur, dass sie mit Interesse meine Leseprobe lesen und ich ihnen den Rest schicken soll … der Anruf, bei dem sie mir einen Vertrag anboten.

Jeder neue Buchervertrag oder auch einfach jedes Mal, wenn sich mir eine neue Idee für einen neuen Thriller oder eine ganz neue Figur aufdrängt …

Oder der Moment, als ich im Urlaub an jemand vorbeigelaufen bin, der gerade mein Buch gelesen hat. Für all das bin ich dankbar.

Krimisofa: Sie stellen in Ihrem aktuellen Buch „Der Kreis des Bösen“ anfangs gefühlt alles auf den Kopf – Valerie zieht von Ihrer Protagonistin Michaela Baltzer aus, Bernd ist auf Reha, Doris im Pflegeurlaub –, warum dieser Umbruch?

Rhena Weiss: Wirklich, wird es als Umbruch empfunden? Alles, was in Büchern so passiert, hat im Idealfall einen Grund – bei mir zumindest ist es so. Ich wollte Michaela auf sich allein gestellt haben, allerdings aus nachvollziehbaren Gründen. Dass Bernd nach den Vorkommnissen in „Gottes rechte Hand“ auf Reha ist, war nahe liegend. Valerie musste dann aber auch aus dem Haus, sonst hätte sie ja gleich gemerkt, dass was nicht stimmt. Und Doris´ Stelle musste zumindest für eine kurze Zeit für Matthias frei werden … das sind halt so Dinge, auf die ich schon während des Plottens versuche zu achten.

Krimisofa: Das Thema Prostitution ist in „Der Kreis des Bösen“ zu Beginn sehr präsent und wirkt sehr gut recherchiert. Waren Sie bei der Recherche im Feld und haben mit Prostituierten gesprochen oder wie sah hier die Recherche aus?

Rhena Weiss: Nicht speziell für dieses Buch, aber für Recherchen davor habe ich mich mit dem Thema Prostitution auseinandergesetzt, habe Dokus gesehen, Interviews gelesen und auch selbst geführt, Bücher und Berichte gelesen, … ich finde ja, dass die Recherchen zu den Büchern immer mindestens genauso spannend sind wie das Schreiben selbst. Bei jedem neuen Buch lerne ich unheimlich viel dazu. Nicht alles, was man so lernt, findet Platz in einem Buch, aber vieles braucht man dann für ein anderes, späteres Projekt – wie eben hier.

Krimisofa: Die Enden in Ihren Büchern sind sehr einprägsam – wie wichtig sind Ihnen die Enden Ihrer Bücher und warum?

Rhena Weiss: Es freut mich, dass Sie das so sehen. Es gibt einen Spruch in Autorenkreisen. Da heißt es, mit dem Anfang bekommst du Leser/Leserinnen dazu, ein Buch zu lesen, mit dem Schluss bekommst du sie dazu, auch das nächste zu lesen. Das scheint ziemlich logisch zu sein. Also ja, die Enden sind für mich sehr wichtig. Für mich soll es nicht nur ein spannendes Finale geben, einen actionreichen Showdown, sondern es muss für mich auch alles rund sein. Bei „Gottes rechte Hand“ hat eine Leserin angemerkt, dass sie es unbefriedigend findet, weil eine der Figuren „ungeschoren“ davon kommt. Ich fand es damals nicht so wichtig, extra zu schreiben, dass auch diese Figur ihre gerechte Strafe erhalten hat, habe es aber dann noch mal am Anfang von „Der Kreis des Bösen“ aufgegriffen. Es ist also auch für manche LeserInnen bedeutsam, dass am Ende alles seinen/ihren Platz findet.

Krimisofa: Ich habe den Eindruck, dass Ihnen Frauenthemen sehr wichtig sind. „Gottes rechte Hand“ spielt teilweise in einem Frauenhaus, in „Der Kreis des Bösen“ wird das Thema Prostitution sehr sensibel und vorurteilsfrei behandelt, Michaela Baltzer ist eine starke, emanzipierte Frau. Nun tritt in Ihrem aktuellen Buch mit dem Ermittler Gernot Königberg ein betont sexistischer Charakter auf – wie hoch war die Überwindung, gegen die eigenen Prinzipien zu schreiben?

Rhena Weiss: Oh, ich möchte das gar nicht als „Frauenthema“ verstanden wissen. Vielmehr sind es ganz generelle Themen wie „Gewalt in der Familie“ oder „Menschen am Rande der Gesellschaft“ – und das sind durchaus Themen, die mir am Herzen liegen. Zufällig (oder auch nicht ganz so zufällig) betreffen diese Themen leider immer noch mehr Frauen als Männer. Es könnten genauso gut Obdachlose sein. Prozentuell gibt es da mehr Männer als Frauen …

Bei Gernot musste ich mich gar nicht überwinden, weil er einfach so ist, wie er ist und als Nebenfigur mit genau dem Charakter und genau dieser Sichtweise in die Geschichte passt und den perfekten Gegenpart zu Michaela darstellt. Genau zu der Zeit ist auch die #metoo Debatte entbrannt und ich dachte mir, ja genau, das alles, was ich schreibe, passiert im richtigen Leben Tag für Tag.

Krimisofa: Der Fall in „Der Kreis des Bösen“ ist Michaela Baltzers bisher größter und kompliziertester. Wie sind Sie auf die Idee des Wettstreits zwischen den Mördern gekommen und wie lange haben Sie an der Konstruktion des Falls gearbeitet?

Rhena Weiss: Über einen Serienmörder hatte ich ja schon häufiger geschrieben und noch öfter gelesen. Ich dachte darüber nach, was also besser als ein Serienmörder wäre und die Antwort lag auf der Hand: zwei Serienmörder. 😉 Das war der Ausgangspunkt. Dann habe ich weiter überlegt, ob es sinnvoll ist, wenn die beiden gemeinsam Hand in Hand arbeiten oder lieber in Konkurrenz gehen sollen. Klar war, dass sich die Fälle steigern müssen. Und wenn man dann noch das Persönlichkeitsprofil so eines Soziopathen ansieht, war die Überlegung, dass sich die beiden gegenseitig übertreffen wollen, doch ziemlich logisch. Wenn man erst so ein Grundgerüst hat, greift der Rest der Geschichte wie Zahnrädchen ineinander. Eines bedingt das andere, eine Handlung führt zur nächsten und der grobe Plot steht. Dann geht es allerdings an die Feinheiten – und die sind doch ziemlich knifflig und auch zeitintensiv. Ich kann gar nicht sagen, wie lange ich dafür gebraucht habe. Wochen vielleicht. Und so ein Plot ist ja nicht statisch, er verändert sich auch noch während des Schreibens immer wieder. Das macht das Ganze trotz akribischer Planung spannend. Man weiß nie ganz genau, was am Ende genau rauskommt.

Krimisofa: Wie stehen Sie persönlich zur Polizei, einer Berufsgruppe, die in Österreich nicht die beliebteste ist?

Rhena Weiss: Ich empfinde es selbst gar nicht so, dass die Polizei bei uns unbeliebt ist. Ja, in einigen Kreisen vielleicht schon, das möchte ich gar nicht ausschließen. Aber im Großen und Ganzen sind die meisten Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, froh um die Sicherheit, die uns PolizistInnen vermitteln. Ich kenne einige PolizistInnen und auch BeamtInnen beim Bundeskriminalamt oder bei der WEGA und habe einen tiefen Respekt vor ihrer Arbeit. Es ist unglaublich, was sie leisten. Dass es hin und wieder auch falsche Entscheidungen, Fehlleistungen oder sogar schwarze Schafe gibt, lässt sich in keiner Berufsgruppe vermeiden. Je größer die Verantwortung, desto größer die Schlagzeile, wenn mal was passiert. Aber ich finde es falsch, wegen Einzelfällen eine ganze Berufsgruppe zu verurteilen. Leider wiegt heute das Negative oft wesentlich mehr als das Positive. Dabei sollte man sich mal ins Bewusstsein rufen, wie wertvoll die Arbeit der Polizei für unsere Gesellschaft ist.

Krimisofa: Können Sie schon etwas zum nächsten Fall von Michaela Baltzer verraten?

Rhena Weiss: Von Verlagsseite ist keine konkrete Fortsetzung geplant, Ideen hätte ich allerdings – also, an mir soll´s nicht liegen. Ein wesentlicher Teil wäre, wie Michaela den Spagat zwischen ihrem Muttersein und dem Job schafft, die Überforderung, die wohl alle Frauen kennen, die beides – Kind und Job – gleich gut unter einen Hut bringen wollen und möglicherweise wäre Doris dann trotz ihres zarten Aussehen die erste Frau bei der WEGA und Michaela würde einen neuen Kollegen oder eine neue Kollegin bekommen …

Danke für das Interview.


Bibliographie von Berta Berger / Valentina Berger / Tamina Berger / Rhena Weiss

Bücher unter dem Pseudonym Rhena Weiss

Das Böse in euch (Michaela Baltzer 1)
Gottes rechte Hand (Michaela Baltzer 2)
Der Kreis des Bösen (Michaela Baltzer 3)

Die gesamte Bibliographie von Berta Berger findet Ihr auf berta-berger.com/

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