[Rezension] D.B. John: Stern des Nordens

Sie vermisst ihre Zwillingsschwester und weiß, dass sie am Leben ist; auch wenn alle anderen das Gegenteil behaupten.
Jenna Williams unterrichtet an der Uni in Washington und zählt zu den klügsten Köpfen im US-Bundesstaat Virginia. Das schindet Eindruck beim CIA, denn dieses will sie von der Uni abwerben. Zuerst will Jenna nicht, doch dann entscheidet sie sich doch dafür, die zehnmonatige Ausbildung auf der „Farm“ zu absolvieren. Vor allem, weil sie darauf hofft, so ihre Schwester Soo-min zu finden, die vor zwölf Jahren gemeinsam mit ihrem Freund ertrunken sein soll.
Oberstleutnant Cho Sang-ho ist Beamter in Nordkorea – er gehört, wie sein Bruder, zur Elite des isolierten Landes, in dem sich alles um den Führer, den General, den Leitstern des einundzwanzigsten Jahrhundert, Kim Jong-il, dreht. Doch Cho hat Angst, denn seine Vorfahren könnten dem Führer schlecht gesinnt gewesen sein – und wenn er das herausfindet, wären die Karrieren von ihm und seinem Bruder schlagartig beendet …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 5/5
Showdown: 3/5

Nordkorea strahlt etwas Düsteres, etwas Surreales aus. Ein Land, das in seiner eigenen Welt lebt, ein Land, in dem den Menschen erzählt wird, dass sie in Wohlstand leben und der Rest der Welt in Armut. Ein Land, das schon einige Hungersnöte durchstehen musste, ein Land, in dem Lügen auf der Tagesordnung stehen. Auf „Stern des Nordens“ habe ich mich lange gefreut, weil ich noch nie einen Thriller gelesen habe, der in Nordkorea spielt – und er hat mich schwer beeindruckt.

quote

„Stern des Nordens“ packt einen von Anfang bis Ende

Es gibt anfangs drei Erzählstränge – den von Jenna, den von Cho und den von Frau Moon. Jenna ist die Zwillingsschwester von Soo-min, die vor zwölf Jahren – 1998, das Buch spielt größtenteils 2010 – entführt wurde. Dass sie entführt und nicht ertrunken ist, dessen ist sich Jenna recht schnell sicher. D.B. John beschreibt uns eindrucksvoll die Beziehung zwischen Jenna, die eigentliche Jee-min heißt, und Soo-min. Zwei Schwestern, die über tausende Kilometer ohne Telefon und Internet kommunizieren können – so eine Beziehung gibt es nur zwischen Zwillingen. Seit dem Verschwinden ihrer Schwester ist Jenna allerdings psychisch labil und hat immer wiederkehrende Albträume, gegen die sie zwar Medikamente nimmt, die ihr ihr Psychiater aber eigentlich nicht mehr geben will.

Cho gehört zu Nordkoreas Elite. Er ist Anfang dreißig und damit nur minimal älter als Jenna, die dreißig ist. Cho ist verheiratet und hat einen Sohn, der durchgehend Puzzle genannt wird. Sein Bruder und er wurden adoptiert, was gleich zu Beginn eine Rolle spielt, denn sein Bruder soll in naher Zukunft zu einem hochrangigen Posten befördert werden – vorher müssen aber die Ahnen der beiden ausgeforscht werden. Sollten diese der unteren von insgesamt drei Nordkoreanischen Kasten angehört haben, könnte es statt der Beförderung auch die Todesstrafe bedeuten.

Frau Moons Erzählstrang konnte ich anfangs nicht wirklich einen Sinn abgewinnen, vielmehr scheint er den Alltag einer normalen Nordkoreanerin zu beschreiben; permanente Schikanen inklusive. Frau Moon arbeitet eigentlich in einer Fabrik – nachdem sie bei einem Überwachungsballon allerdings westliche Schokokekse findet, verhökert sie diese um viel Geld und eröffnet damit ein kleines Gewerbe am örtlichen Markt. Frau Moon ist ein grundsympathischer Charakter, der sich durchzusetzen weiß und sich von niemanden etwas sagen lässt.

„Stern des Nordens“ ist ein sehr faktenorientierter Thriller, der aber zu keiner Zeit auf die Geschichte vergisst und von Anfang an eine umfassende Atmosphäre schafft. Das Buch packt einen von Anfang an und zieht einen durch eine Welt, in der keiner richtig glücklich ist – obendrein ist es hochinteressant, wenn man sich für das Thema interessiert. Man merkt nicht nur am üppigen Anhang, dass sich D.B. John umfassend mit Nordkorea beschäftigt hat. Nicht zuletzt, weil er „Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam“ geschrieben hat, verleiht er „Stern des Nordens“ auch  eine irrsinnige Authentizität.

Das Buch beinhaltet alle Farben, die ein Thriller haben kann: Schwarz, Weiß und alle Grautöne dazwischen. Wem welche Farbe zukommt, muss allerdings jeder selbst entscheiden. Gegen Ende setzt John auch ein mutiges Statement betreffend des Umgangs mit Nordkorea, über den man durchaus nachdenken könnte, der aber auch Risiken beherbergt. Ich kann jedenfalls nur sagen, dass mich „Stern des Nordens“ schwer beeindruckt hat und ich hoffe, dass es nicht der letzte Thriller von D.B. John bleibt.

Negativ sei noch angemerkt, dass nicht ganz ersichtlich ist, warum das CIA an Jenna herantritt und sie anwirbt. Dass sie den höchsten IQ Virginias hat, ist mir zu wenig – zumal Jennas psychische Instabilität erschwerend hinzukommt, die irgendwann allerdings gar keine Rolle mehr zu spielen scheint.

Auch die Action am Ende passt nicht wirklich zum sonst eher ruhigen Plot. Außerdem fand ich die teilweise Verherrlichung von Crystal Meth nicht so gut.

Tl;dr: „Stern des Nordens“ ist ein sehr faktenorientierter und atmosphärischer Thriller, der großteils im düsteren Nordkorea spielt und einen von Anfang bis Ende packt. Der großteils ruhigen Thriller wartet mit einem sehr actionreichen Showdown auf, was nicht ganz zur restlichen Geschichte passt. Auch, dass teilweise härteste Drogen verherrlicht werden, fand ich nicht gut.


Daten zum Buch 

Autor: D.B. John
Titel: Stern des Nordens
Originaltitel: Star of the North
Übersetzung Sabine Längsfeld, Karen Witthuhn
Seiten: 560
Erschienen am: 25. September 2018
Verlag: Wunderlich
ISBN-10: 3805203322
ISBN-13: 978-3453439184

14 Gedanken zu „[Rezension] D.B. John: Stern des Nordens

  1. kaisuschreibt sagt:

    Auf diese Kritik hab ich gewartet und das Buch ist damit auch direkt auf der WuLi gelandet 😀
    Danke für die Kritik!

  2. nomadenseele sagt:

    Da hast du sogar Recht: I leave…

    *dass du eh kaum mehr Rezis liest, insofern eh wurscht, ob du meine Rezensionen wertvoll findest oder nicht.*

    Ja, ich lese sie kaum noch. Wegen Leuten wie dir, denen eigentlich alles egal ist, Charaktere, Handlung und blabla. Hauptsache die Rezi-Exemplare kommen an.

    • Krimisofa sagt:

      Du kennst mein Leben nicht, also urteile nicht.
      Mich hat das Buch wegen der gut recherchierten Story beeindruckt und die Figuren waren für mich alles andere als flach.
      Bye.

      • Krimisofa sagt:

        Bitte, was erwartest du denn, wenn du meine Rezensionen einerseits als „wertlos“ bezeichnest und du andererseits „Da hast du sogar Recht: I leave…“ schreibst?? Ja dann is es eben so, das ist ein freies Land, wo jeder machen kann, was er will – also bitte.
        Und der Trump-Vergleich hinkt ja mal gewaltig. Ich setze mich mit dir auseinander und entziehe dir nicht dein Rederecht.

  3. nomadenseele sagt:

    Wenn man schreibt: Take it or leave it, dann muss man damit rechnen, dass die Leute es als Aufforderung zum Gehen verstehen.
    Ich gebe dir vollkommen Recht, dass ich (!) vollkommen überzogen reagiert habe und ich möchte mich in aller Form für mein beleidigendes Verhalten entschuldigen.

    Zumal du ja in anderen Rezi wirklich auf die Handlung eingehst. Es wäre geschickter gewesen zu sagen *Bei dem Buch war mir dies jetzt wichtiger.* Was sogar stimmt, denn das Buch lebt sehr viel von seiner beklemmenden Atomsphäre.

    • Krimisofa sagt:

      Mit „Take it or leave it“ wollte ich dir nicht die Tür weisen – das geht im Internet schwer -, nein, mit Take it or leave it meinte ich „Nimm es oder lass es“. Auch Rezensionen sind Geschmacksache, und wenn einer mit meinem Schreibstil, meiner Meinung, etc. nicht zurecht kommt, dann ist das eben so. Aber wenn meine Aussage falsch rüberkam, dann tut es mir leid. So war es keineswegs gemeint.

      Entschuldigung ist angenommen 🙂

      Zum Buch sag ich jetzt nichts mehr, die Rezi steht ja schon da – aber mir war die Thematik eben wesentlich wichtiger als der Rest. Eben weil Nordkorea etwas ausstrahlt, das mir Unbehagen bereitet. Ich hab vor Jahren „Flucht aus Lager 14“ gelesen, und seitdem finde ich das Thema Nordkorea interessant.

      • nomadenseele sagt:

        * – aber mir war die Thematik eben wesentlich wichtiger als der Rest. Eben weil Nordkorea etwas ausstrahlt, das mir Unbehagen bereitet.*

        Dem kann ich in allen Belangen beipflichten. Wobei mir halt auch Handlung und Charaktere wichtig sind, welche in Vergleich zu dürftig waren – vor allem die Figuren.

  4. kaisuschreibt sagt:

    Wow, so nen Ausgangskommentar zu hinterlassen und dann so eine Kettenreaktion XD
    Nun gut, hat sich ja geklärt – hab es mitbekommen, da ich hier die Kommis abonniert hab und musste einfach mal reinschauen 😉

    • Krimisofa sagt:

      Okay, plötzlich ist mir das alles peinlich 😀
      Aber ja, hat sich ja alles wieder geklärt, wir haben uns wieder lieb 🙂

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