[Abbruch] Jo Nesbø: Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt

Jo Nesbø hat ein ambitioniertes Experiment gewagt. Er hat William Shakespeares „Macbeth“ aus dem Jahr 1606 in die Gegenwart gehievt und aus einem Drama einen Krimi gemacht. Die Geschichte ist – im Wesentlichen – dieSelbe und die Charaktere ebenso. Aus den drei Hexen, die Macbeth prophezeien, dass er König wird, werden drei Schwestern, die Macbeth prophezeien, dass er Chief Commissioner der Stadt wird. Aber geht das so einfach? Kann man einen Klassiker einfach so umschreiben und in der Neuzeit spielen lassen? Meine Antwort lautet: Nein. 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot:
Atmosphäre:
Charaktere:
Spannung:
Showdown: —

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Normalerweise schreibe ich keine längeren Texte über Bücher, die ich abgebrochen habe – hier brennt es mir aber unter den Nägeln. Dieser Text wird Spoiler enthalten, eben weil die Geschichte im Wesentlichen dieselbe wie von Shakespeare ist. Es sei noch angemerkt, dass ich Shakespeares Werk nie gelesen habe. Aber ich habe den Wikipedia-Artikel kurz angerissen, um mir ein grundsätzliches Bild zu machen.

 

BULLSHIT!

Ich habe knapp die Hälfte des Buches gelesen, aber spätestens als Banquo seinen Sohn Flearence ohne Not tötet, wurde es mir zu bunt. Denn das und noch vieles Andere funktioniert in der heutigen Zeit einfach nicht mehr. Dazu kommt, dass Nesbø auch nicht konsequent genug ist, was die Übersetzung ins Moderne betrifft. Zwar wurden die Pferde (ich nehme an, dass es im Original Pferde sind) – adäquat, wenn auch einfallslos – durch Motorräder ersetzt. Pferde und Reiter mit Schwertern machen Sinn – schwertschwingende Biker aber wirklich nicht. Dazu kommt, dass der Hauptcharakter Macbeth ständig Dolche dabei hat, mit denen er unter anderem den Chief Commissioner Duncan tötet – seine zwei Leibwächter hingegen richtet er mit einer Pistole hin.

So, nun ist Macbeth eben König ääh Chief Commissioner – aber wollte er das? Nein! Er hat die drei Schwestern ja nicht mal ernst genommen und ist weitergegangen. Jeder normale Mensch würde das tun; vor 400 Jahren vielleicht nicht, aber wir haben 2018, keine Sau glaubt mehr an Hexen bzw. Prophezeiungen. Und wenn doch, dann sollte man sie zu einem Arzt schicken.

Lady allerdings glaubt den Stuss, den die Schwestern Macbeth erzählen. Die Frau, die früher Prostituierte war und heute erfolgreich ein Casino leitet. Von der Tellerwäscherin zur Millionärin. The American Dream. Man muss schon einiges im Köpfchen haben, um es so weit zu bringen – und den Eindruck macht Lady auch. Und da glaubt man nicht an irgendwelche Voraussagen. Und selbst wenn, wäre Macbeth besser daran, Lady der Polizei wegen Anstiftung zum Mord auszuliefern und sich ein neues Zuhause zu suchen. Vom Liebesmarkt ist er mit seinen 33 ohnehin noch nicht weg – vor 400 Jahren vielleicht, aber nicht heute.

Aber nein, Macbeth, der eigentlich ein sehr vernünftiger Mensch ist, wird wieder drogensüchtig und tötet Duncan – und ich schreie ganz laut BULLSHIT! Probier heute, den Polizeipräsidenten, den Kanzler oder sonst ein hohes Tier zu töten – ist – meiner Meinung nach – nicht so einfach möglich wie in Macbeth der Neuzeit in der westlichen Welt. Nicht mal als Chef einer SWAT-Truppe. Und selbst wenn, wäre der Täter – so haben es mir Krimis gelehrt – innerhalb kürzester Zeit gefasst. Nicht so hier, denn Macbeth mordet lustig weiter oder beauftragt Banquo, es ihm gleich zu tun.

Und alles nur, um an die Macht zu kommen. Aber heute funktioniert das etwas subtiler, man schießt sich nicht mehr durch eine Wand voller Gegner. Heute knüpft man Netzwerke, spinnt Intrigen. Fragt nach bei diversen Politikern Europas (ich schiele in Richtung eines bestimmten Nachbarlandes Deutschlands).


Daten zum Buch 

Autor: Jo Nesbø
Titel: Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt
Originaltitel: Macbeth
Übersetzung André Mumot 
Seiten: 624
Erschienen am: 27. August 2018
Verlag: Penguin
ISBN-10: 9783328600176
ISBN-13: 978-3328600176

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7 Gedanken zu „[Abbruch] Jo Nesbø: Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt

  1. Pink Anemone sagt:

    So, hier bin ich *g*
    Also ich habe schon viele Werke von Shakespeare gelesen, unter anderem auch „Macbeth“. Diese Story in die Gegenwart zu setzen klingt ja erstmal interessant und ich hätte wohl sofort zugegriffen….wenn ich nicht Deine Rezension gelesen und somit gewarnt worden wäre.
    Man sollte dabei schon konsequent sein, sich auch der Gegenwart anpassen und nicht einfach Handlungen, Accessoires oder ähnliches verwenden, wie man gerade lustig ist.
    Deine Kraftausdrücke (habe ich schon jemals überhaupt welche von Dir gelesen?) waren daher durchaus berechtigt.

    Vielen Dank für die Rezi und den Bullshit.
    Liebe Grüße aus der Nachbarschaft
    Conny

    P.S. Werde noch bissl herumstöbern und überall mein Blümchen hinterlassen, wie manche Hunde ihr Gackerl XD.

    • Krimisofa sagt:

      Haha, na das freut mich aber 😀
      Ich hab gestern mal auf Amazon geschaut, wie die Rezensionen dort so ausfallen – nicht viel besser. Nur dass dort oft bemängelt wird, dass es langatmig ist. Das hat mich aber weniger gestört, da hab ich schon zäheres gelesen.
      Ich hab selbst überlegen müssen, ob ich schon mal einen Kraftausdruck benutzt hab; das schlimmste war bis dahin wohl „gefickt“ bei der NSA-Rezension, aber das war in einem anderen Kontext.

      Danke für deine ganzen Gackerl, meine Mailbox is grad kurz explodiert 😀

      • Pink Anemone sagt:

        Dann ist mein Plan aufgegangen XD
        Normalerweise wird Nesbo ja in den Himmel gelobt. Ich muss gestehen, dass ich erst zwei Bücher von ihm gelesen habe, wobei eines toll war und das andere meehh.
        OMG…du hast das böse F-Wort gesagt *entsetzt guck* Aber schau..mir ist das beim Lesen der Rezi ned mal aufgefallen *g*. Fragt sich jetzt wer hier verdorbener ist, derjenige der es schreibt, oder derjenige dem das nicht mal auffällt XD.
        Ich werde in Zukunft immer meine Gackerl hinterlassen, sonst glaubst wirklich ich schau nur vorbei um meine Sensationslust zu Verrissen bei Dir zu befriedigen 😉

      • Krimisofa sagt:

        Ich hab davor auch nur einen Nesbø gelesen und selbst der hat mir nicht zugesagt. Aber darauf war ich dann doch zu gespannt.
        Vielleicht sind wir auch einfach beide verdorben 😀

  2. kaisuschreibt sagt:

    XD
    Ich hab dein Bullshit in der Vorschau des Beitrags gesehn und direkt reingeklickt.
    Ich hatte nicht vor es zu lesen, werde es auch nicht, kenne aber mindestens eine begeisterte Leserin.

    Deine Kritik ist absolut nachvollziehbar!
    Trotzdem eine Frage: Es wirkte auch nicht ironisch oder so?
    Dass es quasi ins Lächerliche/lustige gezogen wird? So was gibt es ja, deshalb frag ich 😀

    • Krimisofa sagt:

      Da hat das teasing anscheinend funktioniert 😀 (ok, zugegeben, das war überhaupt keine Absicht ^^)
      Oh, da fragst du was, das hab ich überhaupt nicht in Betracht gezogen. Kann sein, aber ich glaube fast nicht. Mein Ironiesensor ist normalerweise sehr sensibel.

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