[Rezension] Ian Hamilton: Der schottische Bankier von Surabaya (Ava Lee – Band V)

Ava Lee hat sich gerade von ihrer Schussverletzung, die sie sich in Macao zugezogen hat, erholt, da berichtet ihr ihre Mutter von einer Freundin, die sie aus dem Casino kennt. Theresa Ng ist Vietnamesin und hat in einen Fond investiert, der ihr Geld vermehren soll. Das tat er auch eine Zeit lang, doch irgendwann versiegte die Quelle und Ng wurde um etliche Millionen kanadische Dollar betrogen – neben ihr noch etliche andere, die in den Fond investierten. Hier tritt Ava auf den Plan, denn sie soll die mehr als dreißig Millionen Dollar, die in dem Fond liegen, zurückholen. Also muss sie nach Surabaya, einer Stadt in Indonesien. Die dort ansässige Bank verwaltet den Fond und der Banker, den sie dazu befragt, eröffnet ihr unfassbares – die Geschäfte der Bank führen in höchst mafiöse Kreise …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 3/5
Showdown: 5/5

Mitte Oktober erreichte mich eine Rezensionsanfrage des Verlages Krug & Schadenberg. Der Verlag Krug & Schadenberg besteht seit 25 Jahren und publiziert ausschließlich lesbische Literatur. Das kann alles sein, Sachbuch, Ratgeber oder Krimi; da ich mit den ersten zwei Kategorien nicht viel anfangen kann, handelte es sich bei der Anfrage natürlich um einen Krimi. Das ist der fünfte Teil einer Serie, bei der man – so wurde mir gesagt – auch mittendrin einsteigen kann. Wobei ich bei mir recht schnell erkannte, dass mich die vorherigen Teile ebenfalls interessieren würden, denn Ava Lee ist eine mehr als beeindruckende Heldin.

 

 Ich habe selten solch eine Brutalität erlebt

Ava Lee ist ausgebildete Wirtschaftsprüferin und leitet mit ihrem Geschäftspartner ein Unternehmen. Der Geschäftspartner wird durchgehend nur Onkel genannt, dürfte tatsächlich aber Avas Großvater sein. Die Bezeichnung „Onkel“ ist im Asiatischen  eine respektvolle Anrede, wie mir die Übersetzerin des Buches auf Nachfrage erklärte. Die Familienverhältnisse von Ava sind aber ohnehin nicht die einfachsten. Ihre Freundin ist Kolumbianerin und die Hälfte ihrer Familie lebt in China, während sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kanada lebt. Ihr Vater hat nämlich gleich drei Familien auf drei Kontinenten – eine davon eben in Nordamerika. Ava ist zwar lesbisch, das Thema steht aber nicht im Zentrum, ja eigentlich spielt es generell nur eine untergeordnete Rolle, und das ist auch gut so – was interessiert mich, wer mit wem ins Bett geht.

Buchbeginn von „Der schottische Bankier von Surabaya“

Aber genau das spielt dann doch eine Hauptrolle in dem Buch, wenngleich komplett anders, als man anfangs erwartet. Es dauert nämlich tatsächlich eine Zeit lang, bis etwas Fahrt in die Handlung kommt; lange erkennt man auch keinen Krimi. Es ist zwar interessant, aber weit weg von spannend. Spätestens als Ava zu einer Sightseeing-Tour in Surabaya eingeladen wird, schlief die Handlung für mich komplett ein – das hat schon mehr von Reiseführer als Krimi. Und dann passiert die eine, die entscheidende Sache, und schlagartig haben wir nicht nur Spannung, sondern auch jede Menge Emotionalität – das ist definitiv der turning point im Buch. Aber auch bei Ava, denn diese agiert danach komplett anders als davor – wesentlich motivierter und brutaler. Ich habe selten solch eine (gerechtfertigte!) Brutalität erlebt. Der Showdown findet für mich deshalb bereits im zweiten Drittel des Buches statt.

Ian Hamilton baut auch immer wieder asiatische Kultur und Kulinarik ein – und obwohl Hamilton Kanadier ist, man nimmt ihm jede asia-spezifische Beschreibung unhinterfragt ab und merkt, dass er sich nicht nur mit der Kultur auseinandergesetzt hat, sondern sie liebt. Dass Ava Kanadierin ist und das Buch zu einem (sehr kleinen) Teil in Kanada stattfindet, ist eine Randnotiz.

Positiv hervorheben will ich noch das Genre. Ich hege normalerweise kein gesondertes Interesse für Wirtschaft – damit verbundene Zahlen sind ohnehin ein rotes Tuch für mich. Aber ich habe mich gut zurechtgefunden und hatte auch noch Spaß daran. Und auch wenn „Der schottische Bankier von Surabaya“ nicht gerade ein flammendes Plädoyer gegen den Kapitalismus ist, dann doch eines für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt. Was will man mehr?

Der nächste Teil der Reihe, „Die zwei Schwestern von Borneo“, kommt im Herbst 2019, möglicherweise früher.

Tl;dr: „Der schottische Bankier von Surabaya“ von Ian Hamilton ist ein Wirtschaftskrimi, der sich Zeit nimmt, um die Handlung aufzubauen und bei der man lange den Krimi sucht – bis sie dann  explodiert und einen nicht mehr loslässt. Ava Lee ist eine beeindruckende Person, die lesbisch ist, deren sexuelle Präferenz aber eine untergeordnete Rolle spielt.

Daten zum Buch 

Autor: Ian Hamilton
Titel: Der schottische Bankier von Surabaya
Originaltitel
The Scottish Banker of Surabaya
Übersetzung Andrea Krug
Seiten: 448
Erschienen am: 5. Oktober 2018
Verlag: Krug & Schadenberg
ISBN-10: 3959170130
ISBN-13:  978-3959170130

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