[Rezension] Tammy Cohen: Heute wirst du sterben

Hannah ist eine erfüllte Frau – eigentlich. Sie arbeitet im Verlagswesen, hat einen Ehemann, den sie eigentlich hassen müsste und eine Schwester, mit der sie zerstritten ist. Heute sitzt sie in der Psychiatrie, ihr Mann hasst sie, mit ihrer Schwester redet sie weniger als zuvor und anstatt im Verlagswesen zu arbeiten, malt sie jetzt Malbücher für Erwachsene aus – ihr Leben ist ein einziger Trümmerhaufen. Das Leben ihrer gesamten Familie ist ein Trümmerhaufen, woran sie nicht unschuldig ist. Doch in den acht Wochen, in der sie schon in der psychiatrischen Klinik ist, sind bereits zwei Frauen gestorben. Selbstmord heißt es offiziell – sie hat den Verdacht, dass es Mord war. Doch als sie diesen Verdacht laut äußert, manövriert sie sich selbst in Gefahr …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 3/5
Atmosphäre: 3/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 3/5
Showdown: 3/5

Prolog: Tammy Cohen überraschte mich mit ihrem ersten Buch, das vor mittlerweile drei Jahren erschien. Von „Du stirbst nicht allein“, welches letztes Jahr erschien, war ich hingegen unterwältigt. Wie wird „Heute wirst du sterben“ werden? Gut oder nicht? Der Klappentext, über den ich mich später auslassen werde, verspricht einiges – andererseits habe ich mich durch John Katzenbachs „Anstalt“, welches ebenfalls in einer psychiatrischen Einrichtung spielt, auch durchgequält. Aber ich habe die Herausforderung angenommen.


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vergeudetes Potential von Tammy Cohen

Hannah ist also in der Psychiatrie. Warum, ist dem offiziellen Klappentext nicht zu entnehmen, werde ich an dieser Stelle auch nicht verraten, weil es ein massiver Spoiler wäre. Hannah berichtet uns in der ersten Person über ihren Alltag in der Klinik, die „The Meadows“ genannt wird. Eine private Einrichtung, in der nur Frauen zugelassen sind. In „The Meadows“ gibt es einige Therapieformen: Kunsttherapie, Gartentherapie, Musiktherapie, Gruppentherapie, Einzeltherapie – im Prinzip ist alles, was die Frauen machen, eine Therapieform – scherzhaft wird der Stuhlgang von Hannah auch Kacktherapie genannt und die Nahrungsaufnahme dementsprechend Esstherapie.

Ihre Mutter Corinne besucht ihre Tochter regelmäßig. Wenn sie das nicht tut, arbeitet sie an der Uni als eine Art Lektorin. Über Corinne erfährt man tatsächlich erschreckend wenig. Sie ist geschieden, ihre zweite Tochter wohnt – im Gegensatz zu ihr und Hannah, die in London leben – in den Staaten. Das war es aber auch schon, obwohl sie ähnlich viel Raum in dem Buch bekommt wie Hannah. Man merkt aber, dass sie Hannah liebt, denn irgendwann beginnt sie bezüglich der Klinik zu recherchieren und stößt auf interessante Dinge.

Buchbeginn von „Heute wirst du sterben“

Das erste, was mich stutzig gemacht hat, war, dass der Gründer der Klinik für Frauen ein Mann ist – aber vielleicht bin ich in dieser Hinsicht zu konservativ, denn im Buch hinterfragt das niemand. Wie dem auch sei, die Handlung ist interessant und regt zum weiterlesen an – also zum Glück doch anders als Katzenbachs „Anstalt“. Der Klinik-Alltag wird anschaulich beschrieben, wenngleich man von den meisten Therapieformen wenig bis gar nichts mitbekommt – aber okay, vielleicht hat Hannah keinen Sinn für Musik und keinen grünen Daumen. Mag sein. Von der Kunsttherapie bekommt man am meisten mit und der demententsprechenden Therapeutin werden auch ein paar Kapitel eingeräumt. Dennoch hat man trotz der Erzählung in der ersten Person als Leser nie das Gefühl, in deiner psychiatrischen Klinik zu sein. Da fehlt es leider an Intensität. Das ist schade und vergeudetes Potential von Cohen. Auch das Ende kommt zunächst wenig überraschend, mehr überraschend sind hingegen die letzten paar Kapitel, die fand ich dann schon sehr fein. Auch wenn die Kritik jetzt nicht allzu positiv klingt, hat mich „Heute wirst du sterben“ gut unterhalten, was unter anderem am Schreibstil der Autorin bzw. an der Arbeit des Übersetzers liegt, denn man kommt sehr flott durchs Buch.

Und nun zu meiner oben geteaserten Kritik am offiziellen Klappentext: Wer durch den Klappentext darauf hofft, dass Hannah sich auf Spurensuche begibt und wie Sherlock Holmes durch die Klinik schnüffelt, der wird möglicherweise enttäuscht. Denn der offizielle Klappentext, den man unter anderem auf der Seite von Random House lesen kann,lesen kann, ist meiner Meinung tatsächlich kompletter Schwachsinn. Es geht primär um etwas ganz anderes als dort geschrieben steht. Es geht um Betrug, Eheprobleme, Schwangerschaft, ein Baby; es geht um den Grund, weswegen Hannah überhaupt in der Psychiatrie gelandet ist und den geschilderten Klinik-Alltag. Die Selbstmorde sind maximal ein Nebenschauplatz, der irgendwann – sehr spät – ins Zentrum rückt. Der Satz „Hannah weiß, dass sie lügen“ aus dem Klappentext, entbehrt jeglicher Grundlage. Hannah vermutet und ist von dieser Vermutung überzeugt, aber wissen kann sie es nicht, sie war nicht dabei und hat keinerlei Beweise, sondern maximal Indizien, aber nicht mal da bin ich sicher. Aber man muss Klappentexte offensichtlich immer zuspitzen, völlig wurscht, wenn man dabei Tatsachen ignoriert. Deshalb halte ich mittlerweile nicht mehr viel von Klappentexten und schreibe die Beschreibungstexte auf dieser Seite seit jeher selbst; und auch wenn sie nicht allzu gut sind, widerspiegeln sie wenigstens den Inhalt.


Epilog:: „Heute wirst du sterben“ von Tammy Cohen zeigt uns anhand der Protagonistin Hannah den Alltag in einer psychiatrischen Klinik, in der innerhalb sehr kurzer Zeit zwei Selbstmord geschehen. Selbstmorde, an die Hannah nicht so recht glauben will. So eine richtig umfassende Atmosphäre will sich aber nicht einstellen. Obwohl Hannahs Kapitel in der ersten Person erzählt werden, hat man als Leser nie das Gefühl, in einer Anstalt zu sein. Auch Corinne, Hannahs Mutter, bleibt völlig blass. Der Klappentext von Blanvalet gehen zudem völlig am Inhalt vorbei.

Daten zum Buch 

Autor: Tammy Cohen 
Titel: Heute wirst du sterben
OriginaltitelThey all fall down
Übersetzung: Bernd Stratthaus
Seiten: 400
Erschienen am: 19. November 2018
Verlag: Blanvalet
ISBN-10: 3734106478
ISBN-13: 978-3734106477

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