[Rezension] Brad Parks: Ich vernichte dich

Melanie Barrick ist eine liebende Mutter und Ehefrau. Sie liebt ihren Sohn abgöttisch, genau wie ihren Ehemann, der gerade an seiner Dissertation in Geschichte arbeitet. Als Melanie ihren Sohn nach der Arbeit vom Kindermädchen abholen will, ist es nicht da. Es wurde vom Sozialamt abgeholt. Einfach so? Nein. In Melanies Haus wurde eine große Menge Kokain gefunden und zum drüberstreuen wird ihr noch vorgeworfen, dass sie ihr Kind verkaufen wollte. Melanie weiß, dass das Schwachsinn ist – glauben tut ihr niemand. Aber wer hat ihr das Kokain untergejubelt? Etwa ihr Bruder, der jahrelang drogenabhängig war, oder wer anderer? Aber wer? Melanie ist komplett rat- und hilflos, denn sie wird gleich wegen drei Tatbestände angeklagt …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5

Prolog: Brad Parks ist ein neuer Autor für mich. Auf sein Buch bin ich über einen großen Versandhändler gestoßen. Bis zuletzt war ich mir nicht sicher, ob ich „Ich vernichte dich“ nehmen soll, da noch zwei bis drei Bücher in der engeren Auswahl standen. Doch schließlich entschied ich mich dafür. Brad Parks könnte dem Aussehen nach auch als Hochschul-Professor durchgehen – doch er ist weit davon entfernt. Bevor er Autor wurde verdiente er seine Brötchen als Journalist. Zum Glück hat er sich irgendwann für das Schreiben von Bücher entschieden, sonst würde der Welt etwas fehlen.


 

ein Pageturner sondergleichen


Melanie Barrick ist Anfang dreißig und arbeitet bei Diamond Trucking, einer Fernfahrerfirma. Sie koordiniert als Disponentin die Fuhren und bekommt dafür achtzehn Dollar die Stunde. Es ist nicht ihr Traumjob, denn eigentlich hat sie Literatur studiert und könnte sich etwas schöneres vorstellen, als ganzen Tag zu telefonieren und koordinieren. Ihre Kindheit verbrachte sie im Heim und bei verschiedenen Pflegefamilien, weil ihre Eltern sie und ihren Bruder Teddy irgendwann abgaben. Ihre Mutter entschied sich für den saufenden und prügelnden Ehemann und gegen die Kinder. Heute ist Melanie glücklich – bis zu dem Zeitpunkt, als ihr ihr Kind weggenommen wurde. Nein, eigentlich schon davor, denn sie wurde vergewaltigt und davon schwanger. Sie wurde also gleich viermal bestraft: Vergewaltigung, Schwangerschaft durch Vergewaltigung, Kindesentzug und Anklage wegen Drogenbesitz.

Der zweite Erzählstrang handelt von Amy. Sie ist stellvertretende Staatsanwältin in Augusta County. Sie behandelt den Fall von Melanie Barrick. Nebenher fahndet sie nach dem „flüsternden Vergewaltiger“, der seit Jahrzehnten immer wieder Frauen vergewaltigt und stets dabei flüstert. Ihr Vorgesetzter ist Aaron Dansby, der mehr auf seine politische Karriere als auf die Juristerei fixiert ist und einfachste Gesetze nicht kennt. Amy kann ihn nicht ausstehen, unter anderem, weil er ziemlich mediengeil ist. In ihrer Freizeit frönt sie dem Schauen von „Dancing with the Stars“, was ich zugegebenermaßen gut verstehe. Wenn man sich ganzen Tag nur mit schweren Themen – im Fall von Amy Gesetzen – auseinandersetzt, braucht man am Abend einen seichten Kontrast. Mir ging es in meiner Studienzeit genauso.

Buchbeginn „Ich vernichte dich“

Bei „Ich vernichte dich“ ist der Name Programm. Das „Ich“ kennen wir bis kurz vor Schluss zwar nicht, das „dich“ lernen wir direkt zu Beginn kennen. Nach einem reichlich kryptischen Prolog, in dem ein Ehepaar ein Kind adoptieren will, steigen wir ohne jegliches Vorgeplänkel in die Handlung ein und erleben, wie Melanie immer verzweifelter wird. Man bekommt tatsächlich mehr und mehr den Eindruck, dass sie jemand vernichten will. Die Kapitel wechseln immer  zwischen Melanie und Amy, wobei Melanies in der ersten und Amys in der dritten Person erzählt werden. Zwischendurch bekommen wir auch immer wieder Eindrücke von dem Paar, das wir im Prolog kennengelernt haben.

Es ist ein rasanter Thriller, den uns Brad Parks hier bietet, und er wirkt, vor allem was die juristischen Aspekte betrifft, exzellent recherchiert. Ich bekam wirklich den Eindruck, dass Parks Jura studiert hätte – hat er nicht. In der Danksagung erfährt man, wie er für das Buch recherchiert hat. „Ich vernichte dich“ kann man vermutlich schon als so etwas wie einen Justizthriller bezeichnen – aber anders als John Grisham, den ich persönlich nur langatmig finde. Das Geschehnis findet häufig im Gefängnis, in Amys Büro oder – eher gegen Ende dann – im Gerichtssaal statt.

Was mir eher sauer aufstieß war Amys gebaren bei der Suche des „flüsternden Vergewaltigers“. Sie bekommt einen Namen von einem Opfer in die Hand, schießt sich nicht nur auf diesen ein, sondern vorverurteilt ihn im Gedanken auch noch. Das ist einer Staatsanwältin nicht würdig. Dazu kommt, dass ein Beweismittel – ausgerechnet das entscheidende – für mich völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Und der Ausgang des Showdowns war für mich zu vorhersehbar. Dennoch wird das nicht mein letzter Brad Parks gewesen sein.


Epilog „Ich vernichte dich“ von Brad Parks ist ein Pageturner sondergleichen, bei dem man nicht nur einen Eindruck vom Recht des US-Bundesstaates Virginia bekommt, sondern auch davon, wie einfach man einem Menschen Schaden zufügen kann. Auch wenn es Parks auf die Spitze treibt. Die Hauptcharaktere sind sympathisch und die Handlung einfach grandios. So sehr, dass man selbst als Mensch ohne Kind mit Melanie mitzufühlen weiß.

Daten zum Buch 

Autor: Brad Parks
Titel: Ich vernichte dich
Originaltitel: Closer Than You Know
Übersetzung:  Irene Eisenhut
Seiten: 480
Erschienen am: 28. November 2018
Verlag: Fischer
ISBN-10: 3596702259
ISBN-13: 978-3596702251

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