[Rezension] Marc Elsberg: GIER – Wie weit würdest du gehen?

Marc-Elsberg-GIERJan freut sich, nach seiner 12-Stunden-Schicht endlich heimzukommen. Doch daraus wird nichts, denn am Heimweg stolpert er sprichwörtlich über ein verunfalltes Auto. Mitten im Wald liegt ein voll besetztes Auto, unter ihnen ein renommierter Nobelpreisträger. Als Jan sehen will, ob er helfen kann, merkt er, dass nur mehr eine Person lebt. Wie soll er sie retten? Wenn er sie abschnallt, bricht er ihr mit Sicherheit das Genick, weil das Auto mit dem Dach am Waldboden liegt. Er muss sie am Reden halten, bis die Rettungskräfte eingetroffen sind. Doch dazu kommt es gar nicht, denn die Person will ihm ihrerseits etwas mitteilen – doch mehr als Gesprächsfetzen versteht er nicht. Plötzlich nähern sich ein paar Schränke dem Auto. In der Hand Molotowcocktails, die sie aufs Auto werfen. Als die Polizei eintrifft, nimmt sie Jan mit und beschuldigt ihn des Mordes – Jan ist komplett am Arsch … 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 4/5
Showdown: 2/5

Prolog: Marc Elsberg schreibt keine konventionellen Thriller. Das hat er vielleicht unter seinem bürgerlichen Namen, Marcus Rafelsberger, getan, damals, als er noch an der Laurenz Freund-Serie schrieb, aber nicht mehr jetzt. Marcus Rafelsberger hat sich mit „Black Out“ neu erfunden, denn Marc Elsberg ist internationaler, wissenschaftlicher und abwechslungsreicher als Rafelsberger. Und mit „GIER“ hat er sich wieder in ein hochaktuelles und brisantes Thema hineingefuchst, wie er es schon bei „HELIX“ und „ZERO“ getan hat. Und ich hab mich trotz der trockenen Thematik, die man vor allem aufgrund des Covers erahnen kann, sehr auf Elsbergs neues Buch gefreut.


 

Eine thematisch sehr interessante Reise.


Jan ist 18 Jahre alt und macht eine Lehre zum Pfleger. Er ist unser Protagonist. Aber bis sich dieser als solcher herauskristallisiert, dauert es, denn vorher lernen wir noch einige andere Charaktere kennen. Zum Beispiel Herbert Thompson, den Nobelpreisträger. Der soll zu einem Gipfel in Berlin erscheinen, denn die Welt steht vor einer Wirtschaftskrise – schon wieder. Doch bevor er dort ankommt, verunfallt das Auto, in dem er sitzt, nachdem es gehackt und ferngesteuert wird. Da fragte ich mich zum ersten Mal, ob so etwas wirklich möglich ist – der Grad zwischen Realität und Fiktion ist bei Elsberg immer enorm schmal. Neben Herbert Thompson lernen wir außerdem noch Jeanne, Ted, Maja, Sam und El kennen. Bei den zwei Letzteren erfahren wir bald, dass sie zwei von insgesamt fünf Antagonisten sind. Jeanne und Ted, die anfangs in einem gesonderten Erzählstrang auftreten, konnte ich zunächst so gar nicht einschätzen. Und Maja ist zu Beginn das personifizierte Klischee einer Mordermittlerin, das sich auch im Dienst gerne ansäuft. Prost.

Erster Satz „GIER – Wie weit würdest du gehen?“

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Aber vorher machen wir noch einen Stopp in der Provinz, denn da sehen wir, wie Dana jedes Jahr eine höhere Ernte einfährt als ihr Nachbar. Im Prolog erhaschen wir nämlich einen Blick auf den Kern der Geschichte – wiewohl Dana, ihre Ernte und ihr Nachbar in der Geschichte nur graue Theorie sind. Nach dem Prolog, der verhältnismäßig einfach gehalten ist, kommen wir zu Kapitel eins, bei dem man dann doch etwas auf zack sein muss, um alles richtig einordnen zu können. Das ist nicht einfach, repräsentiert aber auch nicht den Rest des Buches. Dennoch gibt es Kapitel, in denen Elsberg nur so mit fachspezifischen Wörter um sich wirft, ohne sie zu erklären. Das soll wohl aufzeigen, wie kompliziert die Welt des Investors Ted Holden und seiner Assistentin Jeanne Dalli für Außenstehende ist – denn ich persönlich hab da auf Durchzug geschalten. Ich kann mit Wörtern wie Insider Trading, Front Running, oder synthetisch nachgebildete Fonds nicht viel anfangen, muss aber auch dazusagen, dass die Finanz- und Wirtschaftswelt ein rotes Tuch für mich sind. Auch der Showdown ist alles andere als klassisch – falls es überhaupt einen gibt, ganz sicher bin ich mir da nicht. Deshalb nur zwei von fünf Punkten. Ich brauche keine Gewaltorgie, von mir aus kann er auch ganz ruhig sein, wie bei Harlan Cobens „In deinem Namen„. Aber ich will ihn zumindest klar erkennen. Das ist hier nicht der Fall.

Vom Setting her erwartet uns, wie immer bei Marc Elsberg, eine hochpolitische Dystopie mit eingebettetem Thriller, in der die Geschichte und vor allem das Thema im Vordergrund stehen. Die Charaktere bilden darin die Nachhut und das Label „Thriller“ ist mehr oder weniger nur Mittel zum Zweck. Und auch wenn es offiziell kein Thriller ist, gehen Elsbergs Bücher doch klar in die Richtung. Es gibt Mord, Ermittlung, Cliffhanger – spricht klar dafür, dass es Thriller sind. Auch wenn auf den Covers „Roman“ steht.

Die Kapitel sind extrem kurz und immer wieder begegnen uns Zeichnungen rund um oben genannte Dana und ihren Nachbarn. Aber keine Sorge, „GIER“ ist weder Comic noch Bilderbuch, sondern eine äußerst politische Dystopie, in der Elsberg nicht nur einen Denk- sondern auch einen Lösungsansatz für das Zusammenleben bereitstellt. Eine thematisch sehr interessante Reise.


Epilog: „GIER“ von Marc Elsberg ist eine hochpolitische Dystopie mit eingebettetem Thriller, die eine thematisch sehr interessante Reise bereithält. Bei der Geschichte und Thematik klar im Vordergrund stehen und Charaktere eine untergeordnete Rolle spielen – zumindest was deren gestalterische Tiefe betrifft. Lange weiß man nicht, welche Charaktere wichtig sind, und am Ende sind dann alle, wie bei einem Zahnrad, gleichermaßen wichtig. Schwer hat man es, wenn Elsberg mit fachspezifischen Begriffen um sich wirft, ohne diese zu erklären – aber auch das hat vermutlich seine Gründe.

Daten zum Buch 

Autor: Marc Elsberg
Titel: GIER – Wie weit würdest du gehen?
Seiten: 448
Erschienen am: 25. Februar 2019
Verlag: Blanvalet
ISBN-10: 3764506326
ISBN-13: 978-3764506322

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