[Rezension] Elisabeth Norebäck: Das Schweigemädchen

Einst hatte sie eine Tochter, bis sie spurlos verschwand. Ertrunken sei sie, sagen alle – sie glaubt ihnen nicht. Heute, zwanzig Jahre später, ist Stella Psychotherapeutin, hat einen neuen Mann und einen Sohn. Die Familie ist glücklich, bis plötzlich Isabelle in Stellas Praxis auftaucht. Ist Alice, ihre verschwundene Tochter, von den Toten auferstanden? Denn es gibt ein paar körperliche Merkmale, die sie das glauben machen Stella verbeißt sich in dieser Idee – das hat sie schon einmal und wurde daraufhin in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Doch diesmal ist es anders, denkt sie. Keiner glaubt ihr. Wie damals. Die Situation bringt ihr Leben aus dem Gleichgewicht, die Familie ist nicht mehr glücklich. Und irgendwann glaubt Stella selbst, verrückt zu werden …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 4/5

Prolog: Endlich wieder mal ein Buch, das in Schweden spielt. Und dann auch noch ein Psychothriller und kein „Whodunit“-Krimi, den man meistens serviert bekommt, wenn es um Kriminalliteratur aus Schweden geht. Auch wenn der Titel vielleicht nicht ganz zum offiziellen Klappentext passt, war ich sofort Feuer und Flamme für das Buch. Auch weil das Cover grandios aussieht. Gelber Schriftzug auf düsterem Hintergrund, und dann auch noch die gelbe Brücke mitten in der Natur, die ich auf den ersten Blick für einen Mittelstreifen bzw. die Natur für eine Straße hielt. Die Autorin kannte ich davor nicht, natürlich, es ist auch das erste Buch von Elisabeth Norebäck. Und gerade bei Debütromanen wird oft empfohlen, dass man über das schreiben solle, was man kenne. Wenn das bei „Das Schweigemädchen“ auch so ist, dann will ich nicht wissen, welche Inspirationsquellen Norebäck für das Buch genutzt hat, denn teilweise ist es richtig heftig.


ein stimmungsvoller und mehr als gelungener Psychothriller


Stella ist wie geschrieben Psychotherapeutin. Sie ist neununddreißig und seit einigen Jahren mit dem beruflich erfolgreichen Henrik verheiratet. Gemeinsam haben sie einen dreizehnjährigen Sohn namens Milo, der gerne Basketball spielt. Stella ist bereits früh, nämlich mit siebzehn, zum ersten Mal Mutter geworden. Damals kam Alice auf die Welt, die ein Jahr später spurlos verschwunden ist. Zwei Jahre später wird sie, nachdem man sie nicht gefunden hat, begraben. Also zumindest ein leerer Sarg. Jetzt, einundzwanzig Jahre später, steht sie vor ihr. Nur dass sie nicht mehr Alice, sondern Isabelle heißt.

Isabelle ist zweiundzwanzig und studiert an der KTH, der Königlich Technischen Hochschule. Sie ist froh, endlich flügge zu werden, denn sie hasst ihre Mutter. Sie versucht, das Böse, das Niederträchtige, den Hass in ihr vor ihren Kommilitonen zu verbergen und möglichst normal zu wirken. Das gelingt ihr bisweilen auch ganz gut, man merkt aber, dass sie so ihre Schwierigkeiten hat. Auch das Stadtleben ist ihr noch nicht ganz geheuer und auch eine Beziehung zu einem Mann hatte sie noch nicht. Aber an der Uni wird sie immer wieder verstohlen angeblickt. Etwas komplett Neues für sie. Und sie kann nicht sagen, dass ihr das nicht gefällt.

Erster Satz „Das Schweigemädchen“

Das sind also die zwei Hauptcharaktere in „Das Schweigemädchen“. Ein dritter Erzählstrang ist noch für Kerstin reserviert, aber hierüber schweige ich mich an dieser Stelle lieber aus. Die Entwicklungen aller drei Charaktere sind jedenfalls enorm, am Ende sind es drei komplett andere Menschen. Alle Charaktere abseits der dreien sind allerdings dürftig. Über Milo weiß man kaum etwas, über Henrik ebenso; dann gibt es noch Pernilla, einer Freundin von Stella, über die man so gut wie nichts erfährt. Und das krasseste Beispiel ist Maria, die Alice wie aus dem Gesicht geschnitten ist – no idea who‘s that. Ich hab wirklich keine Ahnung; und trotzdem wird ihr eine größere Bedeutung zugeschrieben. An den Zeichnungen der Nebencharaktere, vor allem wenn sie offensichtlich wichtig sind, muss Norebäck noch arbeiten. Denn die Hauptcharaktere – allen voran Stella – sind wirklich gelungen.

Was man dem Buch zu gute halten kann und muss, ist, dass die Thematik sehr interessant ist. Wenn einem sein eigenes Kind von einem Tag auf den anderen Tag abhandenkommt, prägt es dessen Leben. Und diese Stimmung, das übervorsichtige Verhalten Stellas gegenüber Milo und vor allem der Glaube, dass nach zwanzig Jahren dieses Kind als erwachsener Mensch vor einem steht und eine Krise auslöst – das hat Elisabeth Norebäck vortrefflich geschafft. So vortrefflich, dass man als Leser irgendwann selber nicht mehr weiß, was man glauben soll. Dazu kommt, dass man sehr flott vorankommt. Das ist nicht nur dem einfachen Schreibstil, sondern auch der Geschichte an sich geschuldet. Ich hatte eine sehr nette Zeit mit dem Buch und war überrascht, wie gut ein Debüt sein kann. Wirklich gute Arbeit. Und das mit den Nebendarstellern kriegt Norebäck auch noch hin.


Epilog: „Das Schweigemädchen“ von Elisabeth Norebäck ist ein stimmungsvoller und mehr als gelungener Psychothriller, der sich um die Urängste einer jeder Mutter dreht. Bei dem die Nebenfiguren zwar sehr brustschwach, die Hauptcharaktere aber umso facettenreicher sind. Man kommt ziemlich flott durch das Buch, was nicht nur am einfachen Schreibstil liegt, sondern auch am Plot.

Daten zum Buch 

Autor: Elisabeth Norebäck
Titel: Das Schweigemädchen 
Originaltitel: In my Blood
Übersetzung:  Daniela Stilzebach
Seiten: 480
Erschienen am: 14. Januar  2019
Verlag: Heyne
ISBN-10: 3453422805
ISBN-13: 978-3453422803

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