[Rezension] Sue Fortin: Sister, Sister – Zwei Schwestern. Eine Wahrheit.

Clare vermisst seit vierundzwanzig Jahren ihre Schwester Alice. Damals ging ihr Vater weg und nahm sie kurzerhand mit nach Amerika. Nun meldete sie sich per Brief. Sie will so bald wie möglich nach England kommen und ihre Mutter und ihre Schwester in ihre Arme schließen. Als sie da ist, sind alle happy – nur Clare nicht. Sie findet keinen Zugang zu Alice und fühlt sich ausgeschlossen. Irgendetwas stimmt nicht mit Alice, Clare bekommt aber nicht zu fassen, was es ist. Auch das Verhältnis zu ihrem Mann Luke verschlechtert sich zunehmend, weil sie ihm immer wieder sagt, dass sie Alice nicht traut. Irgendwann gerät sie komplett ins Abseits und wird von allen als verrückt abgestempelt. Aber sie bildet sich nicht ein, dass mit Alice etwas falsch läuft – oder doch …?

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 5/5
Showdown: 2/5

Prolog: Sue Fortin kenne ich noch nicht, „Sister, Sister“ ist auch ihr erster Release im deutschsprachigen Raum. Der Klappentext musste mich nicht großartig überzeugen, denn ich mag es, wenn die Psyche des Lesers auf die Probe gestellt wird. Solche Bücher wie „The Wife Between Us“, „Missing“, oder „Das Schweigemädchen“. Irgendwann habe ich eine Passion für dieses Untergenre entwickelt. Allzu herausfordernd war es für mich deshalb nicht – dennoch wusste dieses Buch zu begeistern.


 

ein vortreffliches Buch, das wunderbar zu unterhalten weiß


Clare ist erfolgreiche Anwältin und gleichberechtigte Partnerin in einer Kanzlei, die sie mit ihrem Kommilitonen Tom und dem wesentlich älteren Leonard, der sich gerne als Chef aufspielt, betreibt. Clare wohnt gemeinsam mit ihrem Mann Luke und den zwei Kindern Chloe und Hannah bei ihrer Mutter, was schon seltsam anmutet. Klar, Luke verdient als Künstler und jüngere Version von Bob Ross zwar keine Unsummen, dennoch wirkt es etwas strange, dass sie mit achtundzwanzig noch daheim bei ihrer Mutter wohnt. Aber zukünftig soll sie mit dem Eintreffen von Alice noch ganz andere Probleme bekommen.

Dass Clare überhaupt schlechte Gefühle gegen Alice hat, liegt meiner Meinung nach ohnehin an Luke, der schon vor ihrem Eintreffen Zweifel anmeldet, um später eine gänzlich andere Meinung einzunehmen – ja, klein Bob Ross ändert gerne seine Meinung. Auch dass er wegen seiner Kunst nach Miami müsse, spielt im weiteren Verlauf des Buches irgendwann keine Rolle mehr. Dort hätte er eine Menge Geld verdient – aber bitte, schmarotzen wir uns weiter durchs Leben, denn allzu erfolgreich dürfte er mit seiner Kunst nicht sein.

Fortins Schreibstil hat schon etwas. Auch wenn die Kapitel überdurchschnittlich lange sind, was ich normalerweise nicht so gerne habe, konnte ich kaum aufhören zu lesen, weil es durchgehend spannend ist. Und das, obwohl man fast bis zur Hälfte lesen muss, bis man zur Kernhandlung kommt. Aber auch der Aufbau davor ist durchwegs gut gestaltet. Wir lernen alle Charaktere kennen, insbesondere Clare und Alice; wir lernen Clares Arbeitsplatz kennen, ihre Kollegen und ihre Kinder. Langweilig wird einem beim Lesen nicht und Zeit wie Kapitel vergehen wie im Flug. Kurz: Ich hatte meinen Spaß mit „Sister, Sister“. Zumal den Leser eine subtile Spannung erwartet. Man ahnt von Beginn an, dass etwas im Busch ist – aber was?

Da ist auch wieder dieser Kniff mit der Ich-Erzählung, bei der man als Leser nie weiß, was man glauben soll. Zeitweise wird Clare mit Dingen konfrontiert, bei denen ich mich nachher gefragt habe, ob das jetzt wirklich geschehen ist oder nicht. Und zurückblättern will man ja nicht, weil man will ja wissen, wie es weitergeht. Fast wird man als Leser selbst verrückt und wird von Fortin vor ein Dilemma nach dem nächsten gestellt. Irre gut.

Was weniger gut ist, ist, dass man als geschulter Thriller-Leser die Handlung in fast allen Einzelheiten ziemlich leicht durchblicken kann. Hier fehlen die überraschenden Plot-Twists; Fortin hat sich an altbewährte Muster gehalten und Punkt für Punkt abgearbeitet. Das ist schade, denn die Haupthandlung hatte ich schon weit vor der Hälfte des Buches durchblickt. Überraschungsmoment: null. Auch der Showdown war eher lahm und mehr verwirrend als erhellend. Hier hat Fortin einen Punkt eingebaut, der davor überhaupt keine Rolle gespielt hat. Also an diesen Sachen muss Sue Fortin definitiv noch arbeiten. Abgesehen davon war es jedoch ein vortreffliches Buch, das wunderbar zu unterhalten weiß.


Epilog: „Sister, Sister“ von Sue Fortin ist ein Buch, das wunderbar zu unterhalten weiß. Die Handlung wird gut eingeführt, da macht es gar nichts, wenn wir erst knapp bei der Hälfte zum Kern der Handlung kommen, denn Langeweile sucht man im ganzen Buch vergeblich. Was allerdings schwach ist, ist, dass man als geschulter Leser von Thrillern die Handlung recht leicht durchschauen kann. Auch der Showdown ist schwach.

Daten zum Buch 

Autor: Sue Fortin
Titel: Sister, Sister – Zwei Schwestern. Eine Wahrheit.
Originaltitel: Sister, Sister – One lost. One lied.
Übersetzung: Karin Dufner
Seiten: 448
Erschienen am: 14. Januar 2019
Verlag: Penguin
ISBN-10: 3328103015
ISBN-13: 978-3328103011

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