[Rezension] Pascal Engman: Der Patriot

In Stockholm werden reihenweise Journalisten getötet. Gutmenschen seien sie, Ausländerfreunde oder ähnliches. Hannah Löwenström ist das erste von vielen Opfern, die noch folgen sollen. Drahtzieher der Morde ist Carl Cederhilm, der die Nase voll hat – nicht nur von den Politikern, die alle Türen und Tore für „Luxusflüchtlinge“ öffnet, sondern vor allem von den Journalisten, die das Sprachrohr für diese Politik seien. Also hat er einen Plan, der den Schweden ihr Land zurückgeben soll – und der ist radikal. Noch radikaler als die Journalistenmorde.
Einstweilen ist August in Chile, wo er seit zehn Jahren mit seiner Freundin Valeria lebt. Er ist eigentlich Schwede, doch er musste aus seinem Land fliehen und kann erst wieder in fünf Jahren zurück, weil erst dann die Tat, die er begangen hat, verjährt ist. Doch Valeria will jetzt nach Schweden. Unglückliche Umstände bringen August dann doch dazu, Chile schnellstmöglich zu verlassen. Doch was ihn in Schweden erwartet, damit hat er nicht gerechnet …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 4/5

Prolog: Ressentiments gegen Flüchtlinge, Einwanderer und generell gegen Ausländer ist kein schwedenspezifisches Problem, sondern ein europa-, sondern ein weltweites. Damit einher gehen Probleme, die Journalisten immer härter treffen – Mails, die nur so vor Hass triefen, Journalistinnen, denen eine Vergewaltigung eines Ausländers oder noch schlimmere Dinge gewünscht werden. Ich bin über den Schurken.Blog auf dieses Buch, das genau von solchen, aber auch vielen anderen Dingen handelt, gestoßen und war sofort daran interessiert – und wurde nicht enttäuscht.


 

ein irrsinnig kurzweiliges Buch


Es gibt anfangs einige Handlungsstränge in „Der Patriot“, zum Beispiel der von Carl Cederhilm, der der namensgebende Patriot ist. Wobei das untertrieben ist – Carl ist nicht nur Patriot, sondern ein lupenreiner Nationalist. Und zwar von der übelsten Sorte. Kein dummer junger Mann ohne Perspektive – im Gegenteil. Er wollte ein Unternehmen gründen, bekam aber bei der zuständigen Behörde keine Förderung. Das brachte ihn auf den Trichter, dass ohnehin nur Ausländer eine solche und generell auch alle anderen Förderungen bekämen. Es ist fast wie bei Hitler, der damals nicht an der Kunstschule angenommen wurde und der die Schuld dann bei den Juden suchte. Nur dass es Carl etwas subtiler anstellt.

Dann gibt es noch Ibrahim Chemsai, den gutmütigen Taxifahrer aus Syrien. Er lebt seit dreißig Jahren in Schweden und spricht brüchig Schwedisch, wofür er sich manchmal schämt. Wofür er sich nicht schämt, ist seine Tochter Mitra, die er damals auf eine gute Schule und danach studieren schickte – damit sie eine echte Schwedin wird. Heute studiert sie Rechtswissenschaft und hat nur mehr zwei Semester vor sich.

Ebenfalls noch relevant ist Madeline Winther, die junge, attraktive, aber eher weniger sympathische Journalistin beim Nyhetsbladet. Sie ist karrieregeil und scheut dabei auch nicht davor zurück, sich hochzuschlafen. Momentan hat sie eine Affäre mit dem Nachrichtenchef der Zeitung. Er will immer mehr von ihr, doch sie ekelt sich mittlerweile vor ihm.

Pascal Engman war selber Journalist und das merkt man dem Buch auch von vorne bis hinten an. Egal ob es das Wissen über redaktionsinterne Dinge beim Nyhetsbladet oder der – im Gegensatz zur Thematik des Buches – federleichte Schreibstil, der mich von Anfang an gepackt hat, ist. Dazu kommt die Thematik, die ich seit einigen Jahren intensiv verfolge und die so nah an der Realität ist, dass man meinen könnte, man läse einen irrsinnig langen Zeitungsartikel. Ich hab mir schon im Vorfeld gedacht, dass das Buch gut wird, habe aber nicht damit gerechnet, dass es so gut und vor allem so authentisch wird. Dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, diesen Plan in der Realität umzusetzen, den Carl und seine Kumpanen umsetzen, grenzt ohnehin an ein Wunder, denn den Journalistenhass gibt es ja tatsächlich und war sogar der Grund, warum sich Engman als Journalist zurückgezogen hat.

Aber nicht nur der Journalistenhass im Buch ist aus dem Leben gegriffen, sondern auch das Bild der Rechten. Flüchtlinge, die ohnehin nur Frauen vergewaltigen und ihr Sozialgeld heimschicken, sowie Politiker, die alle Ausländer ins Land lassen würden, etc. pp. Das alles sind rechte Stereotypen, denen wir in den sozialen Medien und auf den Stammtischen begegnen.

Was mir dann doch irgendwie fehlt, ist ein Erzählstrang eines rechten Politikers – auch wenn es schon genug Stränge gibt. Denn diese Politiker sind es ja, die solche Stereotypen in Sonntagsreden oder im Internet propagieren und verbreiten. Womit ich auch nur wenig anfangen konnte, war der Handlungsstrang von August Novak, den ich jetzt bewusst unterschlagen habe, weil ich sonst möglicherweise zu viel verraten hätte. Bei dem ist eigentlich von Anfang abzusehen, wie er endet. Vor allem, nachdem man seine Backstory kennt. Insgesamt war „Der Patriot“ aber ein irrsinnig kurzweiliges Buch.


Epilog: „Der Patriot“ von Pascal Engman ist ein sehr realitätsnaher Thriller, bei dem man denken könnte, es sei ein irrsinnig langer Zeitungsartikel. Engman wiederspiegelt eine Welt, die es tatsächlich gibt, mit Journalisten, die mit Hassmails konfrontiert werden und ausländerhassende Menschen, die ihr Land zurückhaben wollen. Nur so eine drastische Vorgehensweise wie die von Carl Cederhilm gab es in der Realität zum Glück (noch!) nicht. Nur mit dem Erzählstrang von August Novak, der obendrein vorhersehbar ist, konnte ich nicht viel anfangen.

Daten zum Buch 

Autor: Pascal Engman
Titel: Der Patriot
Originaltitel: Patrioterna
Übersetzung: Nike Karen Müller
Seiten: 470
Erschienen am: 28. Februar 2019
Verlag: Tropen
ISBN: 978-3608503654
Preis Print: 16 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

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