[Rezension] Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Auris

Matthias Hegel ist forensischer Phonetiker. Er hat das absolute Gehör und hört Dinge, die sonst keiner hört. Er hört Unsicherheit in Stimmen, Nervosität und Angst. Hegel arbeitet deshalb für die Polizei und kommt zum Beispiel bei Geiselnahmen zum Einsatz. Zumindest tat er das bis vor einem Jahr, denn heute sitzt Hegel in Haft. Er hat eine Obdachlose unnötig brutal ermordet und sich danach selbst gestellt. Aber ist er wirklich schuldig? Diese Frage geht Jula nach. Jula arbeitet beim Radio und betreibt privat einen True-Crime-Podcast, spricht dort also über reale Kriminalfälle – so auch über Hegels Fall, denn sie glaubt an seine Unschuld. Nun hat sie einen heißen Tipp bekommen. Eine neue Spur, um seine Unschuld zu beweisen. Doch dann bekommt sie einen Drohanruf, dass sie die Finger von dem Fall lassen soll. Als sie das nicht tut, wird ihr geschätzter Halbbruder Elyas entführt. Nun ist Jula in einer Bredouille …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5

Prolog: Vincent Kliesch zählt zu meinen Lieblingsautoren. Vier Jahre musste ich und viele andere bereits auf ein neues Buch von ihm warten. Bereits vor zirka zwei (oder auch weniger) Jahren verkündete er auf Facebook, dass er den Verlag wechseln werde, was mich aufhorchen ließ. Ich fragte mich, was da passiert war. Und dann die Ernüchterung – sein nächstes Buch sollte er mit Sebastian Fitzek schreiben. Ich bin kein besonderer Fitzek-Fan, auch wenn ich seine letzten Bücher (AchtNacht, Flugangst 7a, etc.) gut bewertet habe. Mit etwas zeitlichen Abstand wirken beide – meiner Meinung nach – aber etwas trashig. Dieses Gefühl hatte ich bei Kliesch nie und werde es hoffentlich nie haben.


Kliesch ist der bessere Fitzek


Jula ist 28 und Radiomoderatorin und Podcasterin. Sie podcastet über True-Crime-Fälle und hat sich dabei auf den Fall Matthias Hegel spezialisiert. Sie hat allerdings selbst ihr Päckchen zu tragen, sie wurde nämlich in einem Urlaub mit ihrem Bruder brutal niedergeschlagen und vergewaltigt. Ihr Bruder gestand die Tat damals und hat sich danach umgebracht. An den Verletzungen von damals zehrt sie heute noch, denn sie nimmt Schmerztabletten gegen permanente Rückenschmerzen. Um Hegels Fall aufzuklären bekommt sie Hilfe aus dem Darknet – doch das genügt nicht, denn sie müsste mit Hegel selbst sprechen. Allein er lässt sie nicht zu sich.

Was macht man, wenn man als Autor eine Idee für ein Hörspiel (!) hat? Richtig, man bringt das nicht ganz selbe auch als Buch heraus. Sebastian Fitzek setzte sich mit Vincent Kliesch zusammen und besprach seine Idee mit ihm. Kliesch übernahm das Schreiben, schließlich ist es ein Privileg, mit einem Autor wie Fitzek zusammenzuarbeiten. Eigentlich wollte ich dieses Buch nicht lesen. Zumindest bis ich [Was. Wann 5/19] vorbereitet habe. Bis dahin dachte ich tatsächlich, dass Fitzek an dem Ding mitgeschrieben hätte. Geschrieben – zumindest physisch – hat es aber Kliesch. Dass es vier Jahre gedauert hat, verwundert spätestens nach der Danksagung nicht mehr – Kliesch hat drei Jahre an diesem Ding geschrieben. Etwas Fitzek findet man aber doch, denn er hat dem Buch ein Vorwort verpasst. Und auch im restlichen Buch erkennt man Fitzeks Handschrift – vor allem in den ersten Kapiteln, wo Hegel Geiseln befreit. Diese Rasanz, insbesondere zu Beginn seiner Bücher, ist Fitzeks Signature-Move. Aber wenn Kliesch weiterschreibt, bleibt es so rasant, tatsächlich gibt es weder Langeweile noch Längen in „Auris“, und das kennt man ja auch aus Klieschs anderen Büchern. Kliesch ist eben der bessere Fitzek – zumindest für mich.

Vor allem, weil  – und spätestens daran erkennt man dann auch Klieschs Signature-Move – Hegel so konstruiert ist, wie Klieschs andere Helden. Sie erinnern mich alle an Sherlock Holmes, denn sie alle sind perfekt in ihrem Fach, also wirklich perfekt, fast schon so perfekt wie Maschinen. Sie machen keinen Fehler und sie alle beherrschen die Kunst der Deduktion – na ja, perfekt eben. Gleich zu Beginn erkennt Hegel an der Stimme des Entführers, dass dieser einen Schlaganfall hat. Anhand der Stimme! Zieht euch das mal rein. Das macht direkt Lust auf mehr.

Was anfangs etwas verwirrend ist, sind die zeitlichen Ebenen. Hegels Kapitel spielen zunächst nämlich ein Jahr vor der Gegenwart. Das habe ich erst erkannt, als an einem Kapitelbeginn plötzlich „Drei Jahre später“ stand. Da musste ich dann doch mal kurz rechnen, um das alles einzuordnen. Auch ist der Charakter Hegel für mich etwas zu unnahbar, ja, etwas zu perfekt und souverän, und gleichzeitig als Mensch und Figur ziemlich blass. Jula war mir dann doch etwas sympathischer. Und ihr halbstarker Halbbruder Elyas ist ohnehin eine Klasse für sich.

Der nächste Teil der Reihe kommt am 4. Mai 2020 und soll „Die Frequenz des Todes“ heißen.


Epilog: „Auris“ von Vincent Kliesch ist der Auftakt zu einer Reihe, der definitiv Lust auf mehr macht. Die Protagonistin Jula ist tough und sympathisch – aber vor allem hartnäckig. In der Geschichte erkennt man sowohl Klieschs als auch Fitzeks Handschrift. Fitzeks in den ersten Kapiteln, Klieschs im ganzen restlichen Buch.

Daten zum Buch 

Autor: Vincent Kliesch
Titel: Auris
Seiten: 352
Erschienen am: 2. Mai 2019
Verlag: Droemer TB
ISBN: 978-3426307182
Preis Print: 12,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

3 Gedanken zu „[Rezension] Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Auris

  1. Mikka Liest sagt:

    Hallo,

    hah, ich bin auch kein Fitzek-Fan und war/bin deshalb skeptisch, ob ich „Auris“ lesen will! „AchtNacht“ hat mir allerdings schon beim Lesen überhaupt nicht gefallen, und das hat sich im Rückblick nicht geändert… 😉

    Dass du das Buch als Fitzek-Skeptiker empfiehlst, stimmt mich hoffnungsfroh, dass „Auris“ mir auch gefallen könnte.

    LG,
    Mikka

  2. Nicola Günzel-Peltner sagt:

    Hallo! Ich habe gerade das Hörbuch fertig und ich finde es nicht schlecht! Was mich allerdings wundert ist ihre Zusammenfassung des Buches… Jula wurde nicht von ihrem Bruder vergewaltigt… ihrem Bruder wurde vorgeworfen eine junge rezeptionistin überfallen und vergewaltigt zu haben. Jula stürzt in der Polizeistation in Argentinien unglücklich.
    Ich finde es eigenartig, dass Sie den Inhalt hier ganz anders darstellen. Wenn man das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört hat ist das eigentlich unmöglich…. sorry!

    • Krimisofa sagt:

      Hallo Nicola, danke für deinen Kommentar. Soweit ich mich erinnere, wird Jula von der argentinischen Polizei erzählt, dass sie am Friedhof von ihrem Bruder niedergeschlagen und vergewaltigt wurde. Das habe ich in der Zusammenfassung wiedergegeben. Also ist Dein Kommentar unmöglich…. sorry!

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