[Rezension] Phoebe Locke: Rachemädchen – Eine ist verschwunden. Eine ist angeklagt. Wer ist das Opfer?

Als Sadie mit 19 schwanger wird, ahnt sie noch nicht, was sie kurz nach der Geburt von Amber tun wird. Denn sie muss ihre Tochter beschützen. Vor IHM und den Schatten. Ihre Tochter soll ein gutes Leben haben, soll nichts mit dem Großen Mann zu tun haben. Und deshalb verlässt Sadie Amber und ihren Mann Miles eine Woche nach Ambers Geburt ohne Ankündigung, um 16 Jahre später genau so unangekündigt wieder zurückzukehren. Sie hat die Schatten hinter sich gelassen. Die Schatten, an die sie seit 25 Jahren glaubt. An den Mythos, den es in der Stadt seit Jahrzehnten gibt. Jetzt ist sie endlich frei – glaubt sie …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 2/5
Atmosphäre: 1/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 4/5
Showdown: 1/5

Prolog: „Rachemädchen“ stand zwar lange auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt lesen wollte, letztlich habe ich es mir dann aber doch eher aus Verzweiflung geholt, weil ich keine Bücher mehr zu lesen hatte und es noch etwas gedauert hat, bis die nächsten Bücher herauskamen, die ich unbedingt lesen wollte – und ehrlich gesagt hatte ich „Rachemädchen“ nach all der Zeit, die es auf meiner Liste stand auch schon wieder vergessen. Vielleicht nicht ganz ohne Grund, wenn man sich die Bewertung ansieht.


 

Müsste ich die Geschichte nacherzählen – ich würde spätestens bei der Auflösung straucheln


Greta, Sadie, Amber, Miles, 1990, 2016, 2018. Das ist das Buch. Ganz grob umfasst. Greta ist – na ja, was eigentlich? Journalistin? Filmemacherin? Aushilfskraft? Jedenfalls ist sie aktuell in Los Angeles, um einen Film über Amber Banner zu drehen, der dann zu einer Serie á la „Making a Murderer“ werden soll. Die Chefin ist die 31-jährige allerdings nicht, sie versucht nur, so gut es geht, die Vorstellungen von Federica – eben die Vorstellung ihrer Chefin und vielleicht auch Mentorin – umzusetzen. Federica ist allerdings nicht in L.A., offiziell „aus persönlichen Gründen“ – oder weil sie keinen Bock hat, man weiß es und erfährt es auch nicht.

Nun soll sie sich also mit der 18-jährigen Amber Banner auseinandersetzen. Jene junge Frau, die eher wie ein exzentrischer Teenager wirkt, der ohnehin immer alles bekommt, was er will. Sie ist aufgrund ihrer Geschichte, die jeder in England, wo sie ursprünglich herkommt, und einige in den USA  durch den Prozess, in dem sie des Mordes freigesprochen wird, kennt, so was wie ein Popstar. Oder Freak, wie sie es nennt. Jeder erkennt sie und manche trauen sich auch, ein Foto von und mit ihr zu machen. In den sozialen Medien ist sie ohnehin Gesprächsthema Nummer eins. Aber warum überhaupt?

Tja, das ist die Frage aller Fragen, die mich angetrieben hat, das Buch fertig zu lesen. Frage Nummer eins war aber ohnehin, wen sie überhaupt getötet haben soll und: Wo befinden wir uns geografisch überhaupt? Das war nicht ganz so leicht zu erörtern. Aber mal zum Positiven. Dieses Buch ist packend, hat eine eigenwillige, aber doch interessante Thematik und wird getrieben von einer psychologischen Spannung. Es ist eine Geschichte, die einer Zwiebel ähnelt, Schicht für Schicht entblättert sich die Auflösung, die dann aber doch mehr verwirrend und – zumindest für mich – nicht ganz nachvollziehbar war. Da wird mit Namen jongliert, mit Charakteren und Plottwists, dass ich am Ende genau so schlau war als zu Beginn. Müsste ich die Geschichte samt Auflösung nacherzählen – ich würde spätestens bei der Auflösung straucheln.

Erster Satz „Rachemädchen“ von Phoebe Locke

Wovon lebt dieses Buch? Von den Charakteren? Eher nicht, denn die sind flach wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Am Ende ist es aber doch die psychologische Spannung und damit einhergehend die Ungewissheit des Lesers, die dieses Buch lesbar machen. Es ist etwas passiert, klar, sonst wäre Amber nicht wegen Mordes angeklagt gewesen und freigesprochen worden. Aber wen soll sie getötet haben? Das erfahren wir tatsächlich erst spät. Davon, und nur davon, lebt diese Geschichte – und das ist dann leider doch etwas dünn. Die Charaktere sind allesamt und ohne Ausnahme unsympathisch und der Atmosphäre kann man höchstens die Note „anwesend, aber recht inaktiv“ verleihen. Dasselbe Prädikat bekommt der Showdown, der mehr nacherzählt als erzählt wird. Als Leser will ich das aber live miterleben, das macht so einen Thriller doch aus.

Noch kurz zu den Charakteren, deren Titulierung „flach wie ein unbeschriebenes Blatt Papier“ etwas oberflächlich ist – wobei oberflächlich auf die Charaktere eben zutrifft. Aber warum sind sie das? Dadurch, dass die Kapitel in dem ohnehin recht dünnen Buch sehr kurz sind und wir bei jedem Kapitel nicht nur in einem anderen Jahr (siehe oben), sondern auch bei einem anderen Charakter (primär bei Greta, Sadie oder Amber)sind, und die Geschichte ständig vorangetrieben wird, war für eine tiefer gehende Beschreibung der Charaktere offenbar schlicht kein Platz. Das wäre bei Greta zwar nicht so wichtig und gelingt bei Sadie in Ansätzen – bei Amber dafür gar nicht – und das ist dann doch schade, weil Amber für mich der interessanteste Charakter von allen war.


Epilog: „Rachemädchen“ von Phoebe Locke ist packend, hat eine eigenwillige, aber doch interessante Thematik und wird getrieben von einer psychologischen Spannung. Woran das Buch allerdings scheitert, ist einerseits der Erzählstruktur und damit einhergehend die Charaktere, die dem Leser nicht wirklich nähergebracht werden. Andererseits war die Auflösung der Geschichte nicht ganz nachvollziehbar und den Showdown bekommen wir nur aus zweiter Hand erzählt. Schade.

Daten zum Buch 

Autor: Phoebe Locke
Titel: Rachemädchen – Eine ist verschwunden. Eine ist angeklagt. Wer ist das Opfer?
Originaltitel: The tall man
Übersetzung: Susanne Goga-Klinkenberg
Seiten: 352
Erschienen am: 24. April 2019
Verlag: FISCHER Scherz
ISBN: 978-3651025684
Preis Print: 14,99 Euro
Preis Digital: 12,99 Euro
(Preise können abweichen)

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