[Rezension] Alex Beer: Der dunkle Bote (August Emmerich – Band 3)

Der düstere Herbst hat Wien im Würgegriff. Und dann geht auch noch ein Mörder um. August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter werden zu einem Tatort gerufen. Das Zimmer, in dem das Opfer gelebt hat, ist blutüberströmt und dem Ermordeten fehlt die Zunge. Warum so brutal, fragen sich Emmerich und Winter. Doch es soll nicht das einzige Opfer des Mörders, der sich selbst als den Antichristen sieht, bleiben. Und dann ist da noch Xaver Koch, der totgeglaubte Mann von Loise. Er misshandelt sie und die drei Kinder, behandelt sie wie den letzten Dreck. Doch er hat Ziele. Politische Ziele. Doch bevor er sich diesen widmet, muss er Emmerich beseitigen  … 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5

Prolog: Obwohl ich an „Die rote Frau“ so einiges kritisiert habe – unter anderem die Authentizität, zu der ich später komme –, habe ich mich riesig auf „Der dunkle Bote“ gefreut. Die Reihe rund um Emmerich und seinem Assistenten Winter hat es mir angetan. Das Setting ist top, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der damals, 1920, natürlich noch nicht so hieß. Ich wollte selbstverständlich auch wissen, wie es mit Emmerich und Winter weiterging. Und ich wurde nicht enttäuscht – ganz im Gegenteil.


Emmerich macht wieder mehr Spaß 


Es ist Allerheiligen. Ein Feiertag. Wir feiern die Toten, oder gedenken ihnen zumindest. Der Wiener Zentralfriedhof ist voll, und unter ihnen August Emmerich. Doch er gedenkt nicht der Toten, er will dort jemanden treffen. Einen Mann, der weiß, wo seine Loise wohnt. Denn seit der totgeglaubte Xaver Koch wieder da ist, wohnt Loise woanders und muss mit diesem Tyrann zusammenleben, ist ihm ausgeliefert, wird von ihm misshandelt.

Xaver Koch wird im neuesten Teil der Reihe weit mehr Platz eingeräumt als in den Vorherigen. Man lernt den Mensch – so man ihn als solchen bezeichnen will – und seine Motivation kennen. Er ist ein politischer Mensch, der für die, in seinen Augen, gute Sache eintreten will – koste es, was es wolle. Seine Frau ist ihm dabei völlig egal, Loise fungiert primär als Köchin und Bierbeschafferin. Xaver ist Emmerichs Nemesis, sein Professor Moriarty.

Erster Satz „Der dunkle Bote“

Das Wort, das im dritten Teil der Emmerich-Reihe im Mittelpunkt steht, lautet: Valuta oder Valuten. Der erste Tote war Valutenschmuggler, weil die hiesige Währung den Bach runtergeht. Die Inflation ist enorm, das merkt auch Veit Kolja, Emmerichs Wegbegleiter aus Kindheitstagen. Ihn kennen wir noch aus „Der zweite Reiter“. Jedenfalls tauchen die Wörter „Valuta“ und „Valuten“ immer wieder auf, obwohl sie gar nicht so wichtig sind, die Situation von damals aber gut beschreiben – die Menschen waren nach dem Krieg schon arm und wenn dann auch noch die Teuerung einsetzt, ist der Strick manchmal nur gut und billig.

Wenn ich „Der dunkle Bote“ mit dessen direkten Vorgänger „Die rote Frau“ vergleiche, dann bekomme ich schon den Eindruck, dass Beer der aktuelle Teil leichter von der Hand ging. Das Buch macht von vorne bis hinten Spaß, ist mit wesentlich mehr historischen Fakten gespickt und die Authentizität erlangt wieder das Niveau des „zweiten Reiter“. Zur Authentizität noch präziser: Wir erleben Wiener Dialekt in Reinkultur, kein „die Faxen dicke“ oder Ähnliches, was ich in der Rezension zu „Der zweite Reiter“ kritisiert habe. Und zu den historischen Fakten noch: Manche Dinge, die uns im Buch begegnen, sind auch heute, knapp hundert Jahre später, wieder im Kommen. Beängstigend.

Veit Kolja kennen wir ja noch aus „Der zweite Reiter“. Aber das ist nicht das einzige, sondern auch Emmerichs Amulett, das er von seiner verschollenen Mutter hat, und das ihm heilig ist, hat wieder einen Auftritt. Ich denke, dass solche Dinge wichtig sind, sie tragen zur sowohl zur Charakterbildung, als auch zur Charakterbindung mit dem Leser bei. Und gerade das Amulett fand im „zweiten Reiter“ keine Erwähnung, obwohl es Emmerich so wichtig ist. Aber vielleicht hat die Erwähnung dessen auch mit dem Ende des „dunklen Boten“ zu tun.

Der Showdown und das Ende sind hoch-emotional, da kann man sich auf Gänsehautstimmung einstellen und darauf, dass man danach vielleicht nicht restlos glücklich ist. Ich bin jedenfalls – anders als nach dem vorherigen Teil – schon jetzt auf den nächsten Emmerich-Teil gespannt.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dann aber doch noch: Emmerich hat in „Die rote Frau“ in einer Kabine eines Männerwohnheimes gewohnt. Nun wohnt er mit Frau Seidl in einer Wohnung – aber wieso das nun so ist, habe ich verpasst. Oder es wurde nicht erklärt. Eine Kleinigkeit, klar, aber es hat mich anfangs doch etwas verwirrt.


Epilog: „Der dunkle Bote“ von Alex Beer erreicht wieder das Niveau des ersten Teils der Reihe. Uns erwarten wieder wesentlich mehr historische Fakten und eine für die Reihe so wichtige Authentizität – beides, aber auch die Rasanz aus dem ersten Teil, habe ich in „Die rote Frau“ vermisst. Es macht wieder Spaß, Emmerich und Winter beim Ermitteln zuzusehen und in das Wien von 1920 einzutauchen. Auch oder gerade weil das Ende sehr emotional ist.

Daten zum Buch 

Autor: Alex Beer
Titel: Der dunkle Bote
Seiten: 400
Erschienen am: 27. Mai 2019
Verlag: Limes
ISBN: 978-3-8090-2703-4
Preis Print: 20 Euro
Preis Digital: 15,99 Euro
(Preise können abweichen)

Weitere Rezensionen von Alex Beer

Der zweite Reiter
Die rote Frau

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.