[Rezension] Karsten Dusse: Achtsam morden

Björn Diemels Privatleben liegt in Trümmern. Seine Ehe ist im Eimer und seine Tochter sieht er nur wenn sie schläft – sie sieht ihn de facto nie. Um seine Work-Life-Balance in den Griff zu bekommen, verdonnert ihn seine Frau zu einem Achtsamkeitstraining. Da Björn seine Ehe lieb ist, willigt er ein und erkennt, zu welchen Zwecken man Achtsamkeit noch einsetzen kann. Björn ist nämlich Strafverteidiger und hat einen schwierigen Mandanten, der gerade jetzt, wo Björn sein Leben in den Griff bekommt, schwer belastet wird – er hat Mord begangen, was nicht gerade vorteilhaft ist, wenn man als Mafiaboss ohnehin ständig im Fokus der Polizei ist. Und auch das Video, das es von dem Mord gibt, trägt nicht gerade zur Entlastung bei. Björn beschließt kurzerhand, seinen Mandanten umzubringen – mit aller Kunst der Achtsamkeit … 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 3/5
Showdown: 4/5

Prolog: Achtsamkeit bedeutet nicht, im Straßenverkehr achtsam zu sein. Achtsamkeit ist eine Lebenseinstellung, ein Geschäftsmodell. Der Begriff war mir vor der Lektüre von „Achtsam morden“ schon ein Begriff, eine Freundin hat ihn in einem Gespräch mal fallengelassen – und er ist mir im Gedächtnis geblieben. Deshalb fand ich die Idee, einen Thriller zu lesen, in dem Achtsamkeit die Hauptrolle spielt, sehr interessant. Dusse selbst hat eine bewegende Karriere hinter sich – vom Anwalt zum Kabelträger zum Fernsehanwalt. „Achtsam morden“ ist sein erster Unterhaltungsroman.


Eine Strandlektüre, aus der man etwas mitnimmt.


Über Björn Diemel steht oben eigentlich schon alles, was man wissen muss. Er ist Anfang 40 und liebt seine Tochter Emily über alles. Was er nicht liebt, ist, dass sein Mandant Dragan sich ihren Namen partout nicht merken kann – aber ja, natürlich liebt Dragan Kinder, wie er von sich behauptet. Björn gestaltet sein Leben nach dem Seminar, zu dem ihm seine Frau verdonnert hat, komplett nach den Regeln der Achtsamkeit, was seine Lebensqualität erheblich bessert. Das merkt auch seine Frau Katharina, die ihm plötzlich wieder Küsschen auf die Wange gibt – so viel Zärtlichkeit gab es seit Monaten nicht. Aber Björn ist kriminell; nicht nur, weil er seinen Mandanten – völlig achtsam, und dann irgendwie doch weniger achtsam, weil brutal – aus dem Weg räumt. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige. Im Gegenteil, Björn tritt nach dem Mord souverän auf, selbst wenn es brenzlig wird – Anwalt eben. Björn ist durch Dragan davor aber schon kriminell bzw. reizt er die Gesetzeslücken sehr weit aus. Nach Dragans Ableben rutscht Björn immer weiter in den Clan des ehemaligen Mafiosos hinein. Der Weg zu Mord ist da offenbar nicht weit.

Erster Satz „Achtsam morden

Wir kommen sehr flott durch diesen Thriller, was nicht nur am Schreibstil, sondern auch daran liegt, dass er sehr humorig bis skurril ist – tiefschwarzer Humor inklusive. Die Kapitel werden immer von Passagen aus dem Achtsamkeitsratgeber, den Björn offenbar immer bei sich trägt, eingeführt. Danach lesen wir die Kapitel aus Sicht von Björn. Dass es die Sicht eines Mörders ist, mag viele abschrecken, aber der Humor macht es teilweise wett. Abgesehen davon ist dieses Szenario in all seinen Ausprägungen dann doch eher unrealistisch. Dass ein Mensch mit all seiner neu entdeckten Achtsamkeit einen Menschen nach dem anderen ausschaltet und sich im Stile von Shakespeares „Macbeth“ zum König krönt und selbst zum Mafiaboss kürt – das ist dann doch an den Haaren herbeigezogen, und genau deshalb kann man dieses Buch guten Gewissens lesen.

Auch wenn Björn bei der Achtsamkeit einiges überinterpretiert, nimmt man etwas aus dem Buch mit. Wir lernen zum Beispiel über Zeitinseln, Digitales Fasten oder Single Tasking. Alles Dinge, die – und das glaube ich dann doch – die Lebensqualität verbessern können. Aber die Achtsamkeit ist dann doch eher Bonus – dass man achtsam morden kann, ist eher eine witzige Idee, die passabel umgesetzt ist. Eine Strandlektüre, aus der man etwas mitnimmt, quasi.

Wie oben geschrieben werden die Kapitel immer mit Passagen aus einem fiktiven Ratgeber eingeführt. Dass diese dann in den Kapiteln oft zur Gänze noch mal wiedergegeben werden – und da sind gerne mal Sieben- bis Achtzeiler dabei – halte ich für sehr unglücklich. Ich hab sie zu Beginn der Kapitel gelesen und sie danach entweder nur mehr überflogen oder gleich übersprungen. Abseits davon finde ich die Charaktere sehr dürftig, da fehlt jegliche Tiefe. Aber vielleicht ist das dadurch, dass es dann doch eher ein humoriges Buch ist, beabsichtigt.


Epilog: „Achtsam morden“ von Karsten Dusse ist ein humorvoller Thriller, in dem vom Protagonisten ausschließlich auf Grundlage der Achtsamkeit gehandelt wird. Björn Diemel tötet seinen Mandanten und Mafiaboss, um sich danach im Stile von Macbeth selber an die Spitze des Mafiaclans zu setzen. Das ist eine witzige Idee, die passabel umgesetzt ist, dessen Charaktere es aber an jeglicher Farbe mangelt.

Daten zum Buch 

Autor: Karsten Dusse
Titel: Achtsam morden
Seiten: 416
Erschienen am: 10. Juni 2019
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453439689
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

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