[Rezension] Caroline Mitchell: Silent Victim – Manchmal schmerzt die Wahrheit mehr als eine Lüge

Emma soll umziehen, von der Insel Mersea nach Leeds. Doch das will sie nicht, keine Faser ihres Körpers will das, denn auf dem weitläufigen Grundstück, das sie mit ihrem Mann und Sohn bewohnt, hütet sie ein Geheimnis – ein kostbares Geheimnis. So kostbar, dass es ihr Leben zerstören könnte, sollte es ausgegraben werden – sie hat nämlich ihren ehemaligen Lehrer getötet und verscharrt. Ihr Mann Alex weiß davon nichts, will aber unbedingt nach Leeds, weil er dort seine Karriere vorantreiben könnte, sich die Familie ein größeres Haus leisten und Sohn Jamie an einer Privatschule anmelden könnte. Als Alex nach Leeds fährt, um sich bei seinen neuen Kollegen vorzustellen, kontaktiert ihn ein Mann, der ihn treffen wolle. Als sie sich in einer Bar treffen, steht Luke Priestwood vor ihm – Emmas ehemaliger Lehrer …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 5/5
Showdown: 4/5

Prolog: Caroline Mitchells Buch habe ich auf Netgallery entdeckt – in freier Wildbahn wäre ich vermutlich nie auf dieses Kleinod gestoßen. Die Brisanz des offiziellen Klappentext hat mich neugierig gemacht, also habe ich das Rezensionsexemplar angefordert. Ich war mir nicht sicher, ob der Anfrage stattgegeben wird, weil es – vermutlich urlaubsbedingt – eine gefühlte Ewigkeit gedauert hat, bis eine Rückmeldung kam. Ich ließ es danach noch ein paar Wochen liegen, aber dann habe ich mich darauf gestürzt und mit Haut und Haaren verschlungen.


Gut konstruiert und spannend


Emma betreibt ein Brautmodengeschäft. Sie ist glücklich verheiratet, ihr Glück vervollständigt hat die Geburt ihres Sohnes Jamie. Jetzt legt ihr Mann ihr nahe, nach Leeds zu ziehen. Ohnehin ist es eher aus der Not geboren, dass sie auf Mersea Island gezogen sind – einer Insel, auf der man bei Flut festsitzt. Doch Emma will nicht weg, sie muss ihr Geheimnis hüten, das am Grundstück begraben ist. Als Alex ihr sagt, dass er ihr Haus verkauft hat – Alex handelt mit Immobilien –, sucht Emma die vergrabene Leiche, um sie besser zu entsorgen. Doch findet sie nicht – was nun? Nun gerät sie in Panik, weiht ihren Mann ein, gerät noch mal in Panik und reaktiviert damit ihre Ess-Brechsucht – da hamma den Salat.

Silent Victim

Erster Satz „Silent Victim“

Das bis hierhin geschilderte ist tatsächlich nur ein Bruchteil der Geschichte. Insgesamt begegnen wir vier Erzählsträngen, zwei in der Gegenwart – Emma und Alex – und zwei in der Vergangenheit – Emma und Luke. Luke ist Emmas ehemaliger Kunstlehrer und ein Arschloch sondergleichen. Bereits an seinem ersten Tag als Lehrer ermahnt er sich, sich in einer seine Schülerinnen zu vergucken, um seine eben aufgestellten Grundsätze zwei Minuten  später über Board zu werfen – fuck off, yolo. Und so blicken wir immer wieder ins Jahr 2002 bzw. 2003 zurück (der Hauptstrang spielt 2017) und lesen über Luke und Emma. Tatsächlich fand ich diese Rückblicke wesentlich interessanter als die Erzählstränge in der Gegenwart, denn die aus der Gegenwart sind dann – überspitzt formuliert – doch eher auf die Spitze getriebene Theatralik – dennoch sind sie spannend. Wenig anfangen konnte ich zu Beginn mit Alex‘ Erzählstrang, weil er mir unnötig vorkam – mit Fortdauer wird dieser aber immer wichtiger.

Die Grundidee finde ich relativ innovativ, auch dass alle vier Erzählstränge aus der ersten Person erzählen – obwohl ich da zwischendurch immer wieder kurz überlegen musste, in wessen Strang ich gerade bin. Am Kapitelanfang stehen zwar immer Name und Jahr, und die Kapitel sind auch meistens ziemlich kurz, dennoch ist mir das des Öfteren passiert. Aber gerade dass alles in der Ich-Erzählung gehalten ist, ist eine gute Idee, denn ich habe mich dadurch immer gefragt, wer recht hat, wer lügt; denn die Konstruktion ist mindestens so gut wie die Grundidee. Unter anderem auch deshalb kommt man sehr schnell durchs Buch – man will einfach wissen, warum und ob und weshalb.

Natürlich ist es die Geschichte einer Mörderin (oder doch nicht? Hmmmm), aber Mitchell ist weit weg davon, das zu verherrlichen. Emma ist auch alles andere als eine Sympathieträgerin – weder die Junge noch die Ältere. Genau betrachtet ist Alex ebenfalls alles andere als sympathisch – welcher egoistische Vollidiot verkauft schon das Haus seiner Familie hinter deren Rücken, nur weil er da nicht länger wohnen will? Alex bleibt abgesehen davon als Charakter aber recht blass. Und über Luke ist schon alles gesagt.


Epilog: „Silent Victim“ von Caroline Mitchell ist ein sehr gut konstruierter und innovativer Psychothriller, in dem die Protagonistin Emma nicht umziehen will, weil unter ihrem Grundstück ihr größtes Geheimnis liegt. Als sie dieses ausbuddeln und komplett vernichten will, findet sie es nicht. Sie gerät in Panik, sieht Geister und verfällt ihrer Ess-Brechsucht. Ein verdammt gutes Leseerlebnis.

Daten zum Buch 

Autor: Caroline Mitchell
Titel: Silent Victim – Manchmal schmerzt die Wahrheit mehr als eine Lüge
Originaltitel: Silent Victim
Übersetzung: Wolfgang Thon
Seiten: 384
Erschienen am: 14. Juni 2019
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-7466-3552-1
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 7,99 Euro
(Preise können abweichen)

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