[Rezension] Karen Sander: Wenn ich tot bin

Nach fast zehn Jahren steht Madelin plötzlich vor ihrem Elternhaus. Zehn Jahre, in denen ihre Mutter nicht wusste, wo sie ist. Zehn Jahre voller Ungewissheit. Susan freut sich, ihre Tochter wieder in ihre Arme schließen zu können  – doch die Freude währt nicht lange, denn nachdem Susan kurz einkaufen war, ist Madelin wieder weg. Ihr Mann liegt blutüberströmt am Boden und ihre jüngere Tochter Harper sagt kein Wort mehr. Kate soll Madelin gemeinsam mit ihrem Partner Tom, mit dem sie bei der Police Scotland arbeitet, wieder finden und heimholen. Tom betreut die Familie der abermals Vermissten schon seit deren ersten Verschwinden, doch die Suche scheint aussichtslos, denn Madelin könnte praktisch überall sein …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 2/5
Atmosphäre: 1/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 2/5
Showdown: 3/5

Prolog: Die erste Überraschung ereilte mich direkt vor Beginn der eigentlichen Geschichte, als ich in der Kurzbiografie von Karen Sander gelesen habe, dass sie Deutsche und ihr Name ein Pseudonym sei. Ich hatte mich durch den Namen der Autorin darauf eingestellt, dass sie Engländerin oder eben Schottin ist; ich hatte ihren Namen im Gedanken auch dementsprechend ausgesprochen – Kärön Sändör –, danach nicht mehr. Gegen Ende der Geschichte wurde ich dann fast wütend auf die Autorin, weil – ach, lest selbst.


 

Dieses Buch ist eine Farce


Madelin ist gerade nach zehn Jahren Gefangenschaft heimgekommen und bringt vor ihrer Mutter nicht mehr als ein „Mami“ heraus. Madelin ist mittlerweile 19 und überragt ihre Mutter, sie denkt aber immer noch sehr kindlich, was nur logisch ist. Kurze Zeit später ist sie auch schon wieder weg – warum, weshalb, das muss die Polizei herausfinden. Unter ihnen Kate, die mit ihrem Partner Tom ermittelt – lieber würde sie mit DCI McMillan ermitteln, denn auf den steht sie ganz heftig. Nur blöd, dass dieser verlobt ist. Ein dritter Erzählstrang handelt von Madelins Mutter, die zuerst glücklich, dann traurig und dann enttäuscht ist.

Es muss der reinste Horror für eine Familie sein, nicht zu wissen, wo das eigene Kind ist. Karen Sander toppt das aber, denn diese lässt das Kind gleich zweimal verschwinden. Es ist eine flotte Geschichte – das ist bei Büchern unter 300 Seiten, wie es hier der Fall ist, nicht immer gegeben. Der Schreibstil ist also gut, die Charaktere sind allerdings eher – na ja. Spannend zu lesen ist der Erzählstrang von Amy, die flüchtet. Wovor, erfährt man erst später. Sie ist wie bereits erwähnt im Kopf noch sehr kindlich, glaubt etwa an den Ghillie Dhu und anderen Fabelwesen. Gleichzeitig denkt sie aber auch sehr strategisch, kann sich gut verstecken und weiß intuitiv, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Kate hat mich im Prinzip nur genervt und Susan, die Mutter von Madelin, wirkt irgendwann redundant.

Erster Satz von „Wenn ich tot bin“

Wie bei „Silent Victim“ werden auch hier alle Handlungsstränge in der ersten Person erzählt. Ich weiß nicht, ob das Zufall oder fanciness ist, weil es gerade en vogue ist, tippe aber auf Ersteres. Diesmal fand ich mich aber besser zurecht, vermutlich weil ich „Silent Victim“ direkt davor gelesen habe und noch im flow war – bei „Silent Victim“ hab ich doch immer wieder kurz innehalten müssen, um mich zu orientieren, in welchem Strang ich gerade bin.

Kommen wir zum großen Kritikpunkt: Dieses Buch ist eine Farce, der Anfang des Buches hat rein gar nichts mit dem Ende dessen zu tun. Die Autorin hält den Leser zum Narren – das liegt zwar größtenteils am offiziellen Klappentext – der zwar von der Rowohlt-Marketingabteilung stammt, aber Sander hat ihn mit Sicherheit abgesegnet –, weshalb ich mich an dieser Stelle zusammenreißen muss, um möglichst spoilerfrei durch diesen Teil der Rezension zu kommen; aber im Prinzip geht das gar nicht. Ich könnte schreiben, dass die Geschichte gut konstruiert ist, aber das wäre reiner Euphemismus, damit würde ich euch genau so zum Narren halten wie Sander. Die Atmosphäre ist nur oberflächlich vorhanden, genau wie zwei von drei Hauptcharaktere oberflächlich sind – ja sogar Harper, die zweite Tochter von Susan, entwickelt  irgendwann eine größere Tiefe als ihre Mutter. Die Spannung ist – abgesehen von Amys Erzählstrang – ein Nebendarsteller und die Plot-Twists sind die eigentliche Frechheit – in Teilen ist die Story zudem vorhersehbar. Der Showdown ist noch das Beste am ganzen Buch.

Großteils habe ich „Wenn ich tot bin“ gern gelesen, aber hintenraus habe ich es dann doch bereut.


Epilog: „Wenn ich tot bin“ von Karen Sander ist zwar gut und flott zu lesen, aber eine Farce sondergleichen. Der Beginn des Buches hat nichts mit dem Ende zu tun, die Atmosphäre ist nur oberflächlich vorhanden und zwei von drei Hauptcharaktere weisen eine eher geringfügige Tiefe auf. Großteils ist das Buch gar nicht schlecht, aber am Ende hatte ich das Gefühl, zum Narren gehalten worden zu sein. Schade um die Zeit.

Daten zum Buch 

Autor: Karen Sander
Titel: Wenn ich tot bin
Seiten: 288
Erschienen am: 18. Juni 2019
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499291593
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 4,99 Euro
(Preise können abweichen)

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