[Rezension] Benedikt Gollhardt: Westwall

Sie wollen es denen da oben zeigen, deshalb bereiten sie einen Anschlag vor. Ira sammelt von der Straße heimatlose Kinder auf und rekrutiert sie für das große Vorhaben. Währenddessen paukt Julia, denn sie will Polizistin werden. Wenn sie nicht gerade am Schießstand steht, pflegt sie ihren Vater, der nach einem Unfall mehr Zeit im Bett als sonst wo verbringt. Deshalb kommt sie auch regelmäßig zu spät zum Unterricht. Zeit für einen Freund hat sie da nicht, das fällt auch ihrer Kollegin Daria auf. Und dann lernt sie Nick kennen; der rettet sie vor dem Fahrkartenkontrolleur, denn sie hat keine Fahrkarte. Die zwei lernen sich näher kennen, und plötzlich findet Julia doch Zeit für die Liebe – bis sie ein Tattoo auf Nicks Rücken entdeckt. Ein riesiges Hakenkreuz… 

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 3/5
Atmosphäre: 2/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 2/5
Showdown: 4/5

Prolog: Über „Westwall“ bin ich – wie so oft in letzter Zeit – zufällig gestoßen. Auch vom Westwall selbst, einer 630 Kilometer lange Wand, die von den Niederlanden bis zur Schweiz ging und von den Nazis erbaut wurde, hatte ich davor noch nie gehört. Deshalb hat mich dieses Buch auch gecatcht, denn Bücher über Nazis ziehen immer – nicht nur bei mir.


Pageturner ist „Westwall“ keiner


Julia will Polizistin werden, obwohl eigentlich alles in ihrer Vergangenheit dagegenspricht. Ihr Vater war oder ist immer noch politisch sehr weit links angesiedelt, sein Oberarm ziert ein A.C.A.B.-Tattoo – All Cops Are Bastards. Seine Tochter konnte er dennoch nicht aufhalten, diesen Weg einzuschlagen. Julia ist eine Außenseiterin, hat damit aber kein Problem. Dass sie sich lange nicht rasiert hat, war kein feministischer Akt, sie hat es in der Bauwagen-Kommune, in der sie aufgewachsen ist, einfach nicht anders gelernt. Auch aus Männern macht sich die Anfang-20-jährige nichts, ihre Freundin Daria glaubt gar, dass sie lesbisch ist. Julia ist ein Charakter, der im Gedächtnis bleibt mit dieser Art zwischen Unangepasstheit und Rebellion. Dahingehend würde ich wirklich gerne mehr von Gollhardt lesen.

Erster Satz in „Westwall“$

Auch das Setting ist nicht schlecht. Eine Neonazizelle bereitet ein Attentat vor, die Mitglieder sind alles Menschen, die der Staat zurückgelassen hat. Durch-den-Rost-Gefallene. So wie Nick, der Typ mit dem riesigen Hakenkreuz am Rücken, dem ein kleiner Finger fehlt. Und dann tauchen in höchsten Positionen astreine Nazis auf. Das alles erinnert an den NSU und ist vermutlich auch die Inspirationsquelle von Gollhardt – aber unterhält sein Buch?

Eher nicht, so frei muss ich leider sein. Direkt nach dem Prolog ist auch wieder Schluss mit Spannung, danach kommen himmellange Kapitel, zwischendurch gibt es allerdings – und dafür bin ich Gollhardt dankbar – Zwischenkapitel mit Szenenwechsel. Gollhardt baut die Geschichte allerdings erschreckend langsam auf, selbst nach circa 170 Seiten wusste ich nicht, wo er mit seiner Erzählung hin will. Eine Idee vom Beginn verliert sich irgendwann völlig – wie diese ausgesehen hätte, erfährt der Leser nicht. Stattdessen schlägt die Geschichte einen anderen Weg ein, die dann doch irgendwie dahin führt, wo der Autor hinwollte – na immerhin. Pageturner ist „Westwall“ aber keiner, im Gegenteil ist das Buch sehr träge, auch wenn die Thematik an sich gut gewählt ist – aber „Der Patriot“ von Pascal Engman, der dasselbe Thema angeht, macht es um einiges besser. Gollhardt hangelt sich viel mehr von einer Andeutung zur nächsten, ohne wirklich konkret zu werden, und zerstört dadurch die Geschichte für mich ein Stück weit. Auch Atmosphäre kommt kaum auf, die wird von diversen Nebenschauplätzen unterbunden.

Dennoch kann man das Buch lesen, wenn man auf einen langsamen Aufbau steht. Die Thematik ist auch nicht schlecht, vor allem der Widerspruch zwischen Julia und ihrem Vater ist spannend – was da wohl schiefgegangen ist?


Epilog: „Westwall“ von Benedikt Gollhardt ist ein langsam aufgebauter Thriller, bei dem man den Thrill lange sucht. Die Hauptcharakterin Julia ist eine Außenseiterin in jedweder Hinsicht, aber auch der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Einer Geschichte, die zwar interessant, aber mitnichten innovativ ist – aber Nazis ziehen ja bekanntlich immer.

Daten zum Buch 

Autor: Benedikt Gollhardt
Titel: Westwall
Seiten: 496
Erschienen am: 25. März 2019
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3328104124
Preis Print: 15 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

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