[Rezension] Camilla Way: Das Böse in ihr

Eines abends kommt Luke nicht mehr heim. Vielleicht liegt er irgendwo herum und nücĥtert sich aus, denn Luke feiert gerne und exzessiv. Luke ist ein Lebemann, der es liebt, im Mittelpunkt zu stehen. Doch Clara denkt nicht, dass er irgendwo seinen Rausch ausschläft, sie macht sich Sorgen und diese werden immer größer. Lukes Handy liegt daheim, er hat vergessen, es zur Arbeit mitzunehmen. Auch sein bester Freund Mac hat keine Ahnung, wo er ist. Die Polizei nimmt sich der Sache zwar an, Clara und Mac fangen aber auch selber an zu suchen, kontaktieren Lukes Eltern und Lukes sonderbaren Bruder Tom. Auch Claras Nachbarin macht sich verdächtig. Und plötzlich meldet sich Emily bei Clara. Emily ist Lukes Schwester, die vor zwanzig Jahren ihre Familie von heute auf morgen verlassen hat. Ist ihr Luke gefolgt …?

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 5/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 5/5
Showdown: 3/5

Prolog: Camilla Way ist Britin und hat bis jetzt vier Bücher geschrieben – zwei davon sind auch auf Deutsch erschienen, das erste 2009 und jetzt, zehn Jahre später, „Das Böse in ihr“. Titel und Cover haben mich sofort überzeugt. Der Titel deutet schon auf einen Psychothriller hin, und das Cover weiß mit seiner Schlichtheit zu gefallen. Ich kannte Camilla Way davor nicht, aber nach „Das Böse in ihr“ würde ich gerne mehr von ihr lesen.


 

gekonnt und geschickt konstruiert


Clara ist Mitte zwanzig, Luke etwas älter. Die beiden wohnen gemeinsam in London und arbeiten bei Brindle Press, ein Verlagshaus, das verschiedene Zeitschriften herausbringt. Clara hat ein gutes Verhältnis zu Lukes Eltern, nur mit seinem Bruder Tom kommt sie nicht ganz klar. Der Jurist ist ihr nicht ganz geheuer. Dass Luke eine Schwester hat, die irgendwann untergetaucht ist, weiß sie zwar, Luke hat sie aber nie großartig thematisiert. Emily nimmt irgendwann immer größeren Raum in der Geschichte ein.

Und dann ist da noch dieser zweite Handlungsstrang, der dreißig Jahre zuvor spielt. Darin schlägt sich Beth mit Hannah herum. Hannah ist ihre Tochter, die ihre Mutter tagein tagaus terrorisiert. Mit fünf stößt sie ihr einen spitzen Gegenstand ins Auge und mit sieben belauscht sie ein Gespräch zwischen ihrer Mutter und einer anderen Person. Das Wissen, das sie damit erlangt, verändert ihr ganzes Leben – und fortan hat sie ein Druckmittel gegen ihre Eltern.

Erster Satz in „Das Böse in ihr“

Ich mag Psychothriller, weil man die Geschichten oft nur schwer durchblicken kann, die Zusammenhänge kommen oft aus dem Nichts. So auch bei „Das Böse in ihr“ – der gelernte Leser weiß natürlich von Anfang an, dass der eine Handlungsstrang mit dem anderen zusammenhängt, aber wie, war mir erst spät klar. Das Buch regt mit seiner flüssigen Übersetzung nicht nur zum Umblättern, sondern auch zum Mitraten an. Denn Camilla Way lässt den Leser immer wieder einen Charakter in Verdacht ziehen, etwas mit Lukes Verschwinden zu tun zu haben. Und das macht Spaß – außerordentlich Spaß. Vielleicht liegt es auch an Ingar Johnsruds „Verräter“, dass mir „Das Böse in ihr“ so gut gefallen hat, denn dieses war so zäh, dass ich es irgendwann nicht mehr weiterlesen wollte und stattdessen zu diesem Psychothriller gegriffen habe.

Dass Lukes Verschwinden irgendwann in den Hintergrund rückt, fällt zwar auf, ist aber eminent wichtig für die Auflösung des Plots. Und der Plot-Twist hat es dann tatsächlich in sich, denn der traf mich unvorbereitet. Auch dass Clara selbst anfängt, Lukes Vergangenheit aufzudröseln bringt zwar unangenehme Seiten Lukes zutage, ist aber ebenso wichtig. Denn die Polizei, die längst von Clara benachrichtigt wurde, rennt irgendwann in völlig andere Richtungen – was klar wird, wenn man die Auflösung liest. Objektiv ist dieser Fall nicht zu lösen, weil ihn Way so gekonnt und ebenso geschickt konstruiert hat. Das einzige, was man ankreiden kann, ist der etwas lasche Showdown. Und die letzten zwei Kapitel wirken wie hinzugeklebt – als wäre Way sonst nicht auf die geforderte Seitenanzahl gekommen.

Ich hoffe, dass die nächste Übersetzung von Camilla Ways Bücher nicht wieder zehn Jahre auf sich warten lässt, denn „Das Böse in ihr“ hat mich nahezu restlos überzeugt. Klare Leseempfehlung.


Epilog: „Das Böse in ihr“ ist ein irrsinnig starker Psychothriller von Camilla Way, der nicht nur zum Umblättern, sondern auch zum Mitraten animiert. Ein Psychothriller mit zwei Handlungssträngen, die auf den ersten Blick nichts gemein haben – der Plot-Twist hat es dann aber in sich.

Daten zum Buch 

Autor: Camilla Way
Titel: Das Böse in ihr
Originaltitel: The Lies We Told
Übersetzung: Pociao
Seiten: 368
Erschienen am: 2. September 2019
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492235471
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

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