[Rezension] Simon Lelic: Liar’s Room – ZWEI LÜGNER, EIN RAUM, KEIN ENTKOMMEN

Susanna ist Psychotherapeutin und empfängt einen neuen Klienten. Sie schätzt ihn auf ungefähr 19 und er gefällt ihr, sie findet ihn attraktiv. Er ist schüchtern und wirkt anfangs unsicher. Irgendwann fasst er schließlich Mut und erzählt ihr, dass er ein Mädchen kennengelernt hat, sie ist etwas jünger als er und er beschreibt sie als wunderschön. Doch er hat Angst – davor, ihr wehzutun. Er erzählt ihr von seiner Kindheit, davon wie ihm immer wehgetan wurde – nicht aktiv, aber sein Vater hat auch nicht eingegriffen, wenn er von anderen verprügelt wurde. Er hasst seinen Vater deshalb; seine Mutter hat er verloren, als er fünf war. Nun hat er eben dieses Mädchen kennengelernt, von der er jetzt ein Foto aus der Tasche zieht – darauf Susannas Tochter Emily. Adam, Susannas Klient, hat sie gefangen genommen – um sie freizubekommen, muss sich Susanna mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Einer Vergangenheit, die sie verdrängt hat  …

Einzelbewertung Gesamtbewertung
Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 2/5

Prolog: Simon Lelic hat schon einige Bücher geschrieben und ein paar davon sind auch ins Deutsche übersetzt worden. Ich kannte Lelic vor „Liars Room“ nicht, aber Cover und Klappentext haben mich überzeugt, zumal ich ohnehin ein Freund von psychologischer Spannung bin. Psychothriller haben oft ein anderes Schema, ein anderes Setting als die drölfte Jagd auf einen Serienkiller, der eh nur tötet, weil er es eigentlich auf die/den ErmittlerIn abgesehen hat – lame! Simon Lelics Lügenzimmer hat mich indes vollends überzeugt.


irgendwann wollte ich nicht mehr aufhören zu lesen


Der Prolog von „Liar‘s Room“ liest sich auf den ersten Blick, als würden wir einer Alkoholleiche beim Aufwachen zusehen – erst am Ende des Prologs erahnen wir, dass es sich offenbar um ein Entführungsopfer handelt. Noch später erkennen wir, dass es sich um Susannas Tochter Emily handelt – wobei, so viel später ist es eigentlich nicht, denn wir erfahren recht bald, dass Adam sie in seiner Gewalt hat. Sicherheitshalber hat er auch gleich ihr iPhone eingesteckt – nicht, dass sie auf blöde Gedanken kommt. Adam wirkte auf mich zunächst tatsächlich unsicher – mit der Zeit gewinnt er aber an Selbstvertrauen und irgendwann ist nicht mehr er der zu therapierende, sondern Susanna. So wird aus einer Therapiesitzung bald eine Geiselnahme, bei der Susanna aber völlig freiwillig bleibt – also mehr oder weniger zumindest.

Erster Satz in „Liar’s Room“

Denn die hat eine Vergangenheit, bei der man sich denkt: Chapeau – und nicht im positiven Sinne. Hui, hat die ein Päckchen zu tragen. Aber bis das ans Licht kommt, dauert es. Bis dahin verbringen wir einiges an Zeit – aus einer Therapiestunde werden zwei, drei, und noch ein paar mehr. Langweilig wird es dabei aber nie, irgendwann wollte ich nicht mehr aufhören zu lesen, weil Susannas Vergangenheit unglaublich ereignisreich ist. Eigentlich müsste Adam danach die Hand aufhalten und Geld verlangen. Es ist nicht nur spannend und authentisch, sondern auch irrsinnig interessant, was Lelic hier aufgeschrieben hat.

Zwischendurch kommt auch Emily immer wieder zu Wort. Nicht in Echtzeit, sondern kurz vor dem aktuellen Tag, denn Susanna hat ihr ein Tagebuch geschenkt, welches sie eifrig befüllt hat. Hier lesen wir, wie sie Adam kennengelernt hat, und hier erleben wir, wie wandelbar dieser ist. Denn während er Susanna gegenüber immer mehr zum Psycho mutiert, hält er für Emily seine Schokoladenseite bereit – und diese ist nur allzu bereit, vom süßen Nektar zu kosten.

Insgesamt macht „Liar‘s Room“ viel richtig und nur wenig falsch. Wir haben einen durchdachten und kaum vorhersehbaren Plot, klare und tiefe Hauptcharaktere, Atmosphäre zum Abwinken – nur der Showdown kam etwas plötzlich und plump rüber. Das Einzige, was ich wirklich seltsam fand, war ein wichtiger Fakt über Adam, der in einem Halbsatz erwähnt wurde. Sonst gibt es hierzu eine klare Leseempfehlung.


Epilog: „Liar‘s Room“ von Simon Lelic hält einiges bereit – psychologische Spannung, tiefe Charaktere und eine Story, die man im Vorhinein nicht erraten kann. Dazu hält der Plot einen hohen Grad an Authentizität bereit. Das freut nicht nur mich, sondern vermutlich jeden Freund von Psychothrillern. Lediglich der Showdown kommt etwas plötzlich und plump.

Daten zum Buch 

Autor: Simon Lelic
Titel: Liar’s Room – Zwei Lügner, ein Raum, kein Entkommen
Originaltitel: The Liar’s Room
Übersetzung: Friederike Achilles
Seiten: 336
Erschienen am: 31. Oktober 2019
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3404178889
Preis Print: 10 Euro
Preis Digital: 8,99 Euro
(Preise können abweichen)

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