[Rezension] Greer Hendricks / Sarah Pekkanen: Die Frau ohne Namen

Jessica schminkt gerade zwei Mädels, die heute Abend noch Party machen wollen, als die zwei von einer Studie sprechen, die eine von ihnen besuchen soll. Doch sie wird dort nicht erscheinen, weil wer kann schon um 8 in der Früh zu irgendeinem Termin, wenn er die Nacht zuvor Party gemacht hat? Dass sie dafür 500 Dollar bekommt, ist der einen egal – nicht so Jessica, die das Geld gut gebrauchen kann. Also abgewartet bis beide im Badezimmer sind, ins Handy der einen gespäht und – zack – am nächsten Tag 500 Dollar eingesackt. Aber kann es so einfach sein? Zunächst schon, denn aus der scheinbar anonymen Fragestunde am PC wird eine Befragung von Angesicht zu Angesicht – und sogar dabei klingelt Jessicas Kasse. Irgendwann muss Jessica einen Test machen – fast schon eine Mutprobe –, bei dem sie einen verheirateten Mann ansprechen und mit ihm flirten soll. Hier beginnt Jessica zu hinterfragen, wie weit diese Studie geht – und ob es überhaupt noch zur Studie gehört …


Das Duo Hendricks/Pekkanen hat sich mit ihrem Debüt „The Wife Between Us“ direkt auf meine imaginäre must-read-Liste geschrieben, was bedeutet, dass ich jedes Buch von ihnen blind kaufen würde. Dieses spannende Buch mit dem WTF-Moment am Ende des ersten Teils wird mir vermutlich immer in guter Erinnerung bleiben. Letztens kam der von mir lange erwartete zweite Thriller mit einem Thema, das es in sich hat.

Jessica ist Ende 20, Kosmetikerin und konstant knapp bei Kasse. Für eine Schminkeinheit bekommt sie 50 Dollar, was an sich nicht wenig ist – wenn man in New York lebt und die Lebenshaltungskosten berücksichtigt, kann man sich aber vermutlich nicht mehr leisten, als ein Apartment, in dem sich überspitzt formuliert innerhalb eines Radius von einem Meter Küche und Klo befinden. Jessica schleicht sich in eine Studie ein, für die sie einmalig 500 Dollar bekommt. Die Studie befasst sich mit Ethik und Moral, wo wir recht schnell zur Frage „Was würdest du alles für Geld tun?“ kommen – und Geld braucht Jessica dringend. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familie. Sie ist ein gefundenes Fressen für Dr. Shields, jene Psychiaterin, die die Studie betreut.

Es lässt tief blicken, wenn man liest, wie sich Jessica in die Studie von Dr. Shields einschleicht. Solch Chuzpe würden wohl die wenigsten an den Tag legen. Aber sie benötigt das Geld, denn ihre Familie droht, um ihren alljährlichen Florida-Urlaub umzufallen, da ihr Vater gerade seinen Job verloren hat. Und Leo, Jessicas Hund, muss auch versorgt werden – wobei man schon hinterfragen kann, warum man sich in einer Stadt wie New York einen Hund anschafft, noch dazu, wenn man in einer Schuhschachtel wohnt.

Man ist ziemlich schnell in der Geschichte drin, mich hatte sie tatsächlich innerhalb weniger Seiten. Und von einer Studie landen wir innerhalb kürzester Zeit in einer Therapiestunde, denn man merkt, wie sehr Jessica einen Menschen gesucht hat, dem sie sich öffnen kann – denn nicht wenige Dinge belasten die junge Frau mit Hang zu One-Night-Stands.

Neben der Kapitel, die aus der Sicht Jessicas erzählen, erleben wir auch die Sicht von Dr. Shields, die eine Koryphäe auf ihrem Gebiet zu sein scheint – zumindest drückt das ihr Reichtum aus, den sie zweifelsohne hat. Die Studie wird irgendwann eher nicht mehr mit Forschungsgeldern bezahlt, denn sie dient höchst-privaten Zwecken. Dr. Shields‘ Erzählstrang nimmt eher eine Beobachterrolle ein. Die Psychiaterin erzählt in ihren Kapitel aus der Du-Perspektive und meint mit Du ihre Klientin Jessica – zeitweilig erzählt sie aber auch aus der ersten Person, was sich aber keineswegs mit dem Strang Jessicas beißt, der ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. Die Schreibstile der beiden unterscheiden sich grundlegend und es wirkt fast so, als hätten die Autorinnen diese den Milieus der beiden Charaktere angepasst.

Dieser Psychothriller macht Spaß, ist spannend und zu einem guten Teil auch atmosphärisch. Die beiden Hauptcharaktere sind interessant und man will mehr über sie erfahren. Was der Spannung etwas abträglich ist, ist die Tatsache, das relativ schnell klar ist, wer hier welche Rolle einnimmt, auch jeglicher größere Plot-Twist bleibt aus – von solchen wie in „The Wife Between Us“ ganz zu schweigen. Am Ende wartet nicht nur eine, nicht nur zwei, sondern gleich drei Danksagungen. Wer danach noch mehr von Hendricks und Pekkanen lesen will, kann in den Vorgänger reinlesen.

Daten zum Buch 

Autor: Greer Hendricks & Sarah Pekkanen
Titel: Die Frau ohne Namen
Originaltitel: An Anonymous Girl
Übersetzung: Alice Jakubeit
Seiten: 465
Kapitel: 69 (+ Epilog)
Erschienen am: 24. März 2020
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499001444
Preis Print: 16 Euro
Preis Digital: 9,99 Euro
(Preise können abweichen)

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.