[Rezension] Jürgen Neff: Blutgrätsche (Nina Schätzle – Band #1)

Nie wieder wollte Nina Schätzle ein Stadion betreten. Doch nach einem Pokal-Derby gegen den Erzrivalen wurde Cat Benzeler, eine wichtige Figur der Heidenheim-Ultras, ermordet, und Schätzle und ihr neuer Partner sind mit dem Fall betraut. Sie hat vor Langem mit diesem Kapitel ihres Lebens abgeschlossen, aber die Kripobeamtin verbindet viel mit dem 1. FCH. War sie doch selbst einmal ein Ultra, hat ihre eigene, blutige Geschichte mit dem Fußball und der Fan-Gemeinde. Und: Das Opfer ist ihre frühere beste Freundin. (Offizieller Klappentext)


Man kann die fußballfreie Zeit bis zur ersten Pan-europäischen EM mit einigem Füllen – Netflix, Zocken, Sex, in Urlaub fahren – oder – ganz kreativ – mit einem Buch! Denn ich weiß jetzt schon, dass ich während der EM – also wenn diese Rezension erscheint – nicht viel lesen werde. „Blutgrätsche“ ist der Auftakt von Jürgen Neffs „Nina-Schätzle-Reihe“, die mit dem Attribut „Fußball Krimi“ aufwartet – doch es ist wesentlich mehr als das.

Nina Schätzle ist Kripo-Beamtin. Früher stand sie in der Kurve des 1. FC Heidenheim – Zweitligist, der 2020 nur knapp in der Relegation gegen Bremen am Aufstieg gescheitert ist. Sie war Ultra, also jene Fangruppe, die sich als harter Kern bezeichnet. Die für den Verein leben und ihm alles unterordnen – und für die die Polizei der größte Feind ist. Schätzle hat also die Seiten gewechselt – denkt man. Nun ist ihre ehemalige Freundin tot, mit ihr stand sie früher auf der Ost der Voith-Arena, dem Stadion des 1. FC Heidenheim. Katharina „Cat“ Benzeler wurde nach dem Pokalspiel gegen den Erzrivalen Aalen mit drei Messerstichen niedergestreckt. Schätzle muss diesen Fall lösen und gegen ihre ehemaligen Kumpanen ermitteln. Na dann viel Spaß, Frau Befangenheit.

Das ist nämlich das erste Problem – dass Nina nicht gleich am Anfang von dem Fall abgezogen wird, habe ich bis zum Ende nicht verstanden. Aber irgendwie bringt genau dieser Umstand auch zusätzliche Spannung in den Krimi, der ohnehin voller Spannungen ist. Denn Schätzle ist alles andere als entspannt. Sie wirkt eher wie eine Getriebene, die kurz davor ist, Amok zu laufen. Dass sie einen Dachschaden hat, ist nicht nur medizinisch diagnostiziert, das weiß sie auch selbst und erzählt es der Leser:in, sondern sie zupft auch ständig am Gummiband auf ihrem Handgelenk, um Stress abzubauen. Schätzle ist also nicht nur befangen, sondern auch labil as fuck. Charakterbildung kann Neff schon mal, denn Schätzle ist ein durchaus interessanter Charakter, mir persönlich aber zu kantig, fast zu maskulin. Unsympathisch obendrein.

Der Krimi selbst ist allerdings nur oberflächlich betrachtet ein Fußball Krimi – ich würde eher Philip Kerrs „Wintertransfer“ als Fußball Krimi bezeichnen –, ich würde „Blutgrätsche“ vielmehr als Ultras Krimi bezeichnen, aber beim Wort „Ultra“ denkt der Durchschnittsbürger wahrscheinlich früher an die Steigerungsform von mega.

In dem Buch geht es nämlich so gut wie gar nicht um Fußball, sondern um Fußball-Fankultur, und da ist die eigentliche Stärke des Buches, denn Neff hat sich vorzüglich in die Thematik der Ultras eingearbeitet oder steht selbst regelmäßig in der Kurve. Das zu lesen ist fast interessanter als der Kriminalfall – aber definitiv nichts für Leute, die nur Fußball schauen wenn, WM ist. Schätzles Kollege Schröter repräsentiert zwar gewissermaßen den unbedarften Leser und stellt gerne mal die ein oder andere „blöde“ Frage, das macht das Buch aber noch lange nicht massentauglich. „Blutgrätsche“ ist dadurch (leider) sehr nischig. Dass sich Neff einen Zweitligisten hergenommen hat, ist zwar charmant, macht das Buch aber nur noch nischiger. Vielleicht war aber genau das Neffs Plan, und er wollte seiner Leidenschaft eine Buchreihe widmen.

Daten zum Buch 

Autor: Jürgen Neff
Titel: Blutgrätsche
Seiten: 373
Kapitel: 63
Erschienen am: 10. März 2021
Verlag: Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3839227978
Preis Print: 13,73 Euro
Preis Digital: 10,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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