[Rezension] Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der amtierende US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern … (Offizieller Klappentext)


Wenn man AutorInnen fragt, woher sie ihre Inspiration nehmen, kommt meistens „Inspiration gibt es überall“ als Antwort. Beim neuen Buch von Marc Elsberg kam eine sehr konkrete Antwort auf Instagram – denn einiges an Inspiration für seinen neuen Bestseller kam aus einer Graphic Novel. Elsberg hielt in einer Insta-Story ein Plädoyer für die bebilderten Bücher. Und mit „Plädoyer“ sind wir auch schon beim Thema: „Der Fall des Präsidenten“ ist nämlich ein Justizthriller, und damit etwas ganz Neues bei Elsberg.

Dana Marin arbeitet für den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag und lässt den ehemaligen Präsidenten der USA, Douglas Turner, in Athen verhaften. Ihm werden Kriegsverbrechen in Afghanistan vorgeworfen. Douglas Turner trägt dieselben Initialen wie Donald Trump, und er wird vom amtierenden Präsident Arthur Jones als »grenzdebiler, narzisstischer Mistkerl!« – ähnliche Verbalinjurien hat man auch Trump zugefügt. Zufall? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Für Arthur Jones ist die Verhaftung freilich eine Katastrophe, denn er steht mitten im Wahlkampf, da braucht er es wie ein Krebsgeschwür, dass sein Parteifreund mit schlechten Schlagzeilen im Rampenlicht steht. Dana Marin ist die Protagonistin. Ein Flüchtlingskind, das gemeinsam mit ihrer Mutter aus Sarajevo geflohen ist; ihren Vater musste sie damals zurücklassen, erst später kam er nach. Dana hat sich immer schon für Gerechtigkeit eingesetzt – und diese versucht sie auch jetzt zu erreichen. In Athen ist sie auf sich allein gestellt, ihre Kollegin und Chefanklägerin vom ICC, Maria Cruz, sitzt in Den Haag fest. Keine Fluglinie will sie aus Angst vor Sanktionen seitens der USA fliegen. Dabei geht es keineswegs darum, Turner in Athen zu verurteilen, es ist lediglich eine Vorverhandlung, ob der ICC überhaupt einen Prozess in Den Haag starten darf. Vorgeplänkel also. Allerdings ein wichtiges.

„Der Fall des Präsidenten“ hat so einige Besonderheiten. Nicht nur, dass es Elsbergs erster Justizthriller ist, war es auch mein erstes Buch, in dem Corona erwähnt wurde. Es spielt allerdings nur am Rande eine Rolle, von diversen Maßnahmen – Maske tragen, Abstand halten, Lockdown, etc. – ist keine Rede. Vielleicht gab es diese Maßnahmen zum Zeitpunkt, zu dem Elsberg die jeweiligen Seiten/Kapitel geschrieben hat, noch nicht. Oder Elsberg wollte der Pandemie nicht so viel Platz einräumen, weil wir ohnehin täglich damit konfrontiert werden. Noch etwas ist besonders an dem Buch: Der Titel. Elsbergs frühere Bücher hatten immer ein prägendes Wort – Blackout, Zero, Helix, Gier – und einen Untertitel. „Der Fall des Präsidenten“ hat weder das eine noch das andere. Abgesehen davon wird im Buch gegendert, allerdings nicht konsequent. Einmal heißt es „Demonstranten“, dann liest man wieder die geschlechtsneutrale Version „Demonstrierende“

Warum jetzt plötzlich ein Justizthriller, nachdem Elsbergs Bücher bisher immer in der Technik und Wissenschaft daheim waren? Schon bei „Gier“ behandelte er mit der Wirtschafts- und Finanzkrise ein Thema, das der Politik nahe war – mit „Der Fall des Präsidenten“ rückt er der Politik noch näher; genau genommen ist das Buch ein halber Polit-Thriller. Der Schritt zur internationalen Rechtsprechung ist da nur ein Katzensprung. Auch wenn die Thematik teilweise wie eine Uni-Vorlesung wirkt, weil es zeitweise um den American Service-Members’ Protection Act und den Rom-Statut und was weiß ich für Statuten geht, ist die Atmosphäre eine interessante. Und sie wirkt horizonterweiternd – aber das tun eigentlich alle Texte von Elsberg – auch wenn es nur ein Post auf Instagram ist.

Die Erzählweise finde ich manchmal etwas hektisch. Ohnehin sind die Kapitel nicht sehr lang, trotzdem wechseln die Szenen ständig. Fünf Zeilen Text zu einer Szene – Schnitt zur nächsten Szene – wieder fünf Zeilen – Schnitt – und zur nächsten Szene. Zumindest gefühlt. Das war mir manchmal etwas zu hektisch. Fast cineastisch. Etwas mehr Unaufgeregtheit hätte dem Buch gutgetan.

Daten zum Buch 

Autor: Marc Elsberg
Titel: Der Fall des Präsidenten
Seiten: 608
Kapitel: 98
Erschienen am: 1. März 2021
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3764510473
Preis Print: 23,55 Euro
Preis Digital:19,99 Euro
(Preise können abweichen)

Rezensionsexemplar

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