[Rezension] Lars Kepler: Der Spiegelmann (Joona Linna — Band #8)

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen hängt an einem Klettergerüst. Wer tut so etwas? Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert. Ein ungewöhnlicher Mord, eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration.
 Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe … (Offizieller Klappentext)


Ein schwedischer Thriller wieder mal – back to the roots für mich. Einer der ersten Thriller-Reihen, die ich gelesen habe, spielte in Schweden und hörte auf den Namen Wallander. Die Skandinavier mit ihren haarsträubenden und blutigen Morden – das ist ein Markenzeichen. Lars Kepler bietet aber nicht nur das, sondern macht ein mash up aus Wodunut- und Psychothriller – und das hat mich sofort gehookt. „Der Spiegelmann“ ist der achte Teil der Joona-Linna-Reihe und war der Erste für mich, weshalb ich nicht sagen kann, ob das generell der Kniff der Reihe ist.

Die Geschichte beginnt fünf Jahre vor der eigentlichen Handlung. Eleonora muss zusehen, wie ihre Freundin und offensichtlich ihr love interest in einen Lkw gezogen und entführt wird. Danach erleben wir Martin und seine Tochter* Alice, die angeln gehen. Martin kommt danach mit einem psychischen Schaden ins Krankenhaus – Alice ist wie vom Erdboden verschluckt. Insgesamt spielen sechs von insgesamt 98 Kapitel in der Vergangenheit. Danach dauert es eine Weile, bis Joona Linna – bei dem ich davor dachte, er sei eine Frau, weil Frauennamen in den westlichen Ländern oft mit A enden – endlich auf die Bühne tritt, und noch länger, bis er den Fall übernimmt. Mich würde die Geschichte des gebürtigen Finnen interessieren, aber ehrlich gesagt bezweifle ich, dass ich die anderen sieben Teile nachhole.

Danach rushen wir durchs Buch, als gäbe es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, erleben Martin, wie er mehrmals hypnotisiert wird und mit seinen Wahnvorstellungen zurechtkommt. Wir erleben, wie sich Pamela – Martins Frau – selbst diszipliniert und aufhört, Alkohol zu trinken, weil sie Mia adoptieren will. Bis die schließlich auch entführt wird. Und wir erleben die Entführer, die einsam im Nirgendwo leben und sich einen Hort von jungen Frauen hält, weil Cäsar, wie der Täter heißt, zwölf Jünger haben will. Und wir erleben Cäsars Mutter, die christliche Fundamentalistin, die gerne mal gegen die zehn Gebote verstößt und ein Mädchen tötet oder ihr zumindest die Füße absägt, wenn es versucht, zu fliehen.

„Der Spiegelmann“ ist zweifelsohne blutrünstig — oder eben typisch schwedisch. Ich muss das mittlerweile nicht mehr haben, weil es mir allein beim Gedanken daran, dass jemanden die Füße abgesägt werden, alles zusammenzieht, aber der ganze Rest – die Spannung, das Tempo und diese Kurzweiligkeit –, findet man in dieser geballten Form sehr selten.

Iich bin mir nicht sicher, ob es seine leibliche Tochter ist.

Daten zum Buch 

Autor: Lars Kepler
Titel: Der Spiegelmann
Originaltitel: Joona Linna 8
Übersetzung: Susanne Dahmann
Seiten: 624
Kapitel: 98 (+ Epilog)
Erschienen am: 27. November 2020
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3785727041
Preis Print: 21,59 Euro
Preis Digital: 14,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Alisson Dickson: Die gefährliche Mrs Miller

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …(Offizieller Klappentext)


Phoebe Miller ist das, was man einen klassischen Misanthropen nennt. Sie kann mit anderen Menschen nichts anfangen, ihren Mann Wyatt – seines Zeichens Psychotherapeut – kann sie sowieso nicht ausstehen und rausgehen tut die Tochter des berühmt-berüchtigten Daniel Noble höchst selten. Das alles kommt nicht von ungefähr, denn als Kind hatte sie vier verschiedene Mütter und ihr Vater hat sie vernachlässigt, wo es nur geht. Nur gut, dass er unlängst verstorben ist und ihr ein Millionenerbe hinterlassen hat. Die einzigen Sorgen, die sie hat, ist, dass Wyatt ihr einfach keine Ruhe lässt mit seinem Kinderwunsch – nachdem mehrere In-vitro-Befruchtungen nicht angeschlagen haben, kommt er jetzt mit der Idee, ein Kind zu adoptieren, na Dankeschön. Das ist ja noch besser, wenn jene Frau, die nach dem Frühstück bereits die erste Weinflasche köpft, auch noch ein Kind versorgen muss. Sorge Nummer zwei ist dieses verdammte Auto, das seit Wochen vor ihrem Haus steht. Einfach hingehen und fragen, was los ist? Nö, da müsste sie ja mit anderen Menschen interagieren. Und plötzlich findet sie dann doch gefallen an anderen Menschen, im speziellen an dem jüngst eingezogenen Nachbarsjungen, der bald nach Stanford geht – aber bis dahin ist er eine nette Ablenkung von diesem verdammten Auto.

Das ist bei Weitem nicht die ganze Handlung, denn nach rund 200 Seiten nimmt das Buch erst so richtig an Fahrt auf und die Frau, die im Auto vor dem Haus der Millers sitzt, übernimmt eine tragende Rolle – das muss sie, denn sie hat einen Mord begangen. Und um sich zu tarnen, veranstaltet sie eine Scharade sondergleichen. Denn Phoebe Miller ist am Ende des ersten von insgesamt zwei Teilen plötzlich tot, und Nadia, wie die Frau aus dem Auto heißt, will nicht nur den Täter finden – viel Auswahl bleibt bei insgesamt sechs Charakteren nicht –, sie nutzt die Chance kurzerhand dafür, sich eine neue Identität zuzulegen – nämlich die von Phoebe Miller.

„Die gefährliche Mrs Miller“ ist kein Buch, bei dem einem auf den ersten Seiten gleich eine Leiche entgegenfliegt, nein, es dauert eine Weile, bis hier letztlich ein Hybrid aus Psycho- und Whodunit-Thriller entsteht. Aber die ersten 200 Seiten, in denen wir eher einen Roman in Händen halten, sind eminent wichtig für den ganzen Rest. Wie (die echte) Phoebe sich mit der Mutter von Jake anfreundet, wie sie mit Jake eine Affäre beginnt, wie sie durch den Einzug der neuen Nachbarn endlich wieder zu leben beginnt. Und auch die Geschichte der Nachbarn ist wichtig. Die kriselnde Ehe, Geldprobleme – und den ganz eigenen Problemen von Jake sowieso. Das Buch zeigt auch auf, dass Reichtum nicht alles ist und dass reiche Menschen ganz irdische Probleme haben – nur dass das Bankkonto etwas praller gefüllt ist. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Intermezzo-Kapitel, im ersten Teil aus der Sicht von Nadia — im zweiten Teil aus Sicht des/der Mörder*in von Phoebe.

Als ich den Klappentext von „Die gefährliche Mrs Miller“ gelesen habe, war ich sofort hin und weg. Und als das Buch dann genau das hielt, was der Klappentext versprochen hat, war ich restlos begeistert. Es ist nicht nur interessant, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt auch irrsinnig spannend. Wenn ich nicht noch andere Interessen hätte, hätte ich vermutlich ganzen Tag gelesen. Und auch wenn das Ende nicht allzu befriedigend war, war „Die gefährliche Mrs Miller“ eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich hoffe, von Alisson Dickson kommt bald mehr.

Daten zum Buch 

Autor: Alisson Dickson
Titel: Die gefährliche Mrs Miller
Originaltitel: The Other Mrs Miller
Übersetzung: Ulrike Seeberger
Seiten: 384
Kapitel: 26 Kapitel exkl. Intermezzi + Epilog
Erschienen am: 8. Dezember 2020
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3616-0
Preis Print: 9,99 Euro
Preis Digital: 3,99 Euro
(Preise können abweichen)

[Rezension] Nina Laurin: Böser als du denkst

Oh Mann, was ist den jetzt passiert? Wie kommt mein Auto in einen Baum? Mir tut alles weh. Die Sanitäter fragen mich, ob ich mich an irgendetwas erinnern kann, aber ich habe keine Ahnung, was oder wie es passiert ist. Eine Gestalt, daran kann ich mich erinnern, da war eine Gestalt vor dem Unfall. Aber es ist alles so diffus, ich weiß nicht, wer oder was das war. Jetzt bin ich im Krankenhaus. Meine Adoptivmutter will mich aber bei ihr haben – aber ich will nicht zu Cynthia, kann mich aber nicht wehren. Mein Ex-Verlobter Milton ist auch da. Oh Mann, so viele Menschen, die ich eigentlich nicht sehen will. Lasst mich einfach in Ruhe. Und dann zappe ich in Cynthias Haus durch die Fernsehprogramme und erwische einen News-Channel. Mir stockt der Atem. Mord. Könnte mir egal sein, wenn mein Zwillingsbruder nicht der Hauptverdächtige wäre – fuck … Weiterlesen

[Rezension] Nina Laurin: Escape – Wenn die Angst dich einholt

Mein Name ist Lainey, aber mir ist es lieber, wenn man mich Laine – wie Lane, die Fahrspur – nennt. Früher hieß ich Ella, früher, in einem anderen Leben, bevor ich drei Jahre festgehalten wurde. Von einem Mann, der nie gefasst wurde. Heute habe ich ein okayes Leben, arbeite in zwei Jobs, sonst könnte ich mir die dreißig-Quadratmeter-Wohnung, in der ich lebe, nicht leisten. Ich arbeite tagsüber in einem Supermarkt, und eben habe ich eine Handvoll Flyer von meiner Chefin in die Hand gedrückt bekommen, die ich auf die Außenwand des Supermarktes hängen soll. Als ich einen Blick darauf werfe, erschrecke ich – denn ich blicke meinem zehnjährigen Ich in die Augen … Weiterlesen